06. 3月 2022

19:30 Großer Saal, Musikverein

Tschechische Philharmonie

Semyon Bychkov | Ullmann • Martinů • Janáček

この催し物は既に開催されました。


演奏家

プログラム

ツィクルス

主催者

Gesellschaft der Musikfreunde in Wien

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Remarks

An Stelle von Jan Martinik übernahm Boris Prýgl die Bass-Partie in dem Konzert.
Die bühnentechnisch notwendigen Umbauten brachten es mit sich, dass es bei diesem Konzert zwei Pausen gab.

 

Musik ist Leben. Und Leben Musik

Die Tschechische Philharmonie und Semyon Bychkov

Wer könnte berufener sein, die Musik Tschechiens erlebbar zu machen, als die Tschechische Philharmonie? Mit Semyon Bychkov, seinem Chefdirigenten, kommt das Weltklasseorchester aus Prag jetzt wieder in den Musikverein. Ein Bekenntniswerk steht da gleich am Beginn: Bedřich Smetanas „Má vlast“.

Man spürt das Lächeln. Sehen kann man es nicht, aber es strahlt irgendwie durch alle FFP-2-Schichten hindurch, die man auch in Prag vor die Gesichtszüge legt. Auch hier, im Rudolfinum, führt der Weg zum Konzert über Zutrittskontrollen, Impfnachweise, Gesundheitszertifikate. Das Publikum kommt – selbstverständlich – in Masken. Und es kommt – keineswegs selbstverständlich – in Scharen! Dreimal en suite spielt die Tschechische Philharmonie ihre regulären Abonnementkonzerte, dreimal ist das Haus voll. Corona mag räumliche Distanz erfordern. Aber in diesem Saal ist eine herzliche Nähe zu spüren. Im Publikum. Und zwischen Publikum und Podium. Dort oben sitzen Musiker, die keine Masken tragen – und lächeln. Es fällt auf. So sehr, dass man die Beobachtung auch mit dem Chefdirigenten teilen möchte. O ja, bestätigt Semyon Bychkov: „It’s a smiling orchestra.“

Das Lächeln der Tschechischen Philharmonie ist ein Lächeln des Einsseins: Übereinstimmung im Geben und Nehmen, Einssein in der Hingabe an die Musik. „Vor dem Abonnementkonzert, das Sie gerade gehört haben“, erzählt Bychkov, „haben wir Mahlers Fünfte aufgenommen. Können Sie sich den Stress vorstellen, dreimal hintereinander dieses Werk für einen Live-Mitschnitt zu spielen? Vor der dritten Aufführung habe ich noch zehn, zwölf Musiker zu mir gebeten. Sie kamen zu mir, einer nach dem anderen – und jeder Einzelne von ihnen war so voll von Adrenalin, so eifrig, so leidenschaftlich darauf aus, das wirklich Beste möglich zu machen. Überall diese Bereitschaft, dieses Glühen! It’s a very beautiful group.“

2017 – nach dem allzu frühen Tod von Chefdirigent Jiří Bělohlavék – war es der Tschechischen Philharmonie gelungen, Semyon Bychkov an die Spitze des Orchesters zu holen. International vielgefragt und als Gastdirigent weltweit begehrt, hatte Bychkov bis dato keine Neigung gezeigt, wieder eine Chefposition anzunehmen. Hier aber sagte er mit Freuden zu. Eines der raren Orchester weltweit mit einem unverwechselbaren Klangprofil, eine Institution mit der Aura großer Geschichte im Spannungsfeld von West und Ost – all das musste Bychkov besonders ansprechen. Und auch wenn er, als einer der wenigen in der Historie des Orchesters, kein Tscheche ist – biographisch gibt es bemerkenswerte Berührungspunkte. Im damaligen Leningrad geboren und als Ausnahmetalent bei Kapazitäten wie Ilya Musin ausgebildet, brach er als 24-Jähriger radikal mit dem Sowjetsystem, emigrierte in die USA und begann hier gleichsam nochmals von vorn. Was Freiheit bedeutet und wie man sein Recht auf Selbstbestimmung gegen Widerstand behauptet, das hat Bychkov im eigenen Leben zwischen Ost und West mutig selbst erprobt.

Die Liaison zwischen Bychkov und der Tschechischen Philharmonie begann denn auch mit einem Projekt, das seine künstlerische Kraft nicht zuletzt aus dem Spannungsfeld von Ost und West bezieht: „The Tchaikovsky Project“, die Aufführung und Aufnahme sämtlicher Symphonien und Konzerte von Peter Iljitsch Tschaikowskij, startete 2016 höchst erfolgreich mit einer ersten CD-Veröffentlichung, führte zu gefeierten internationalen Gastspielen und 2019   auch zu einer begeistert aufgenommenen Residenz im Wiener Musikverein. Hierher hatte 2018 schon, gleich nach dem Amtsantritt von Semyon Bychkov, ein erstes Gastspiel des neu formierten Dream-Teams geführt. Die Erinnerung daran wird auch im Rudolfinum hochgehalten. Auf dem Weg ins Dirigentenzimmer findet man, hell angestrahlt, ein Goldplakat aus dem Musikverein: Tschechische Philharmonie, Wiener Singverein, Semyon Bychkov, Mahler zwei … Seine Siebte Symphonie hatte Gustav Mahler einst mit der Tschechischen Philharmonie uraufgeführt. Das Gründungskonzert des Orchesters dirigierte Antonín Dvořák – 1896 war das, hier, im Rudolfinum.

Und draußen fließt die Moldau. Wer hätte nicht ihr Strömen und Wogen im Ohr, musikalisch verwandelt von Bedřich Smetana? „Vltava“, „Die Moldau“, entstand als eine von sechs symphonischen Dichtungen, die Smetana schließlich zu einem Zyklus verband. „Vlast“ nannte er ihn zuerst, bevor er noch ein Pronomen als Herzensbekenntnis voransetzte: „Má vlast“, „Mein Vaterland“. Was bedeutet dieser Zyklus für Tschechien und sein Orchester, die Tschechische Philharmonie? „It’s holy, it’s just holy“, sagt Semyon Bychkov. „Es gibt einige Dinge, die für jede Nation heilig sind, und eines, bei dem es absolut keinen Unterschied gibt, ist, was wir Heimat nennen – egal in welcher Sprache und welcher Färbung: vlast, motherland, Vaterland, patria, la patrie, rodina … Es geht um Zugehörigkeit, Identifikation, Verbundensein mit dem, was die Ahnen gelebt haben. Und wenn es dann jemandem wie Smetana glückt, diesem Gefühl der Zugehörigkeit durch Klänge Ausdruck zu geben, dann bestätigt das auch etwas ganz Fundamentales: dass Musik Leben ist – und das Leben Musik.“

Gelingen könne das aber nur, wenn sich solch ein künstlerisches Bekenntnis freihalte von platter Ideologie und programmatischen Verherrlichungsvorgaben. „Ich kenne niemanden auf diesem Planeten“, sagt Bychkov, „dessen Geschichte nur aus schönen Seiten besteht. In der Geschichte der Nationen ist es nicht anders. Immer steht das Gute auch neben dem Schlechten – und so entstehen Liebe, Stolz und Schmerz, Schmerz über die dunklen Seiten. Für mich ist das die Bedeutung von ,Má vlast‘.“ Diese Tiefendimension, macht Bychkov klar, ist der Partitur bis ins Detail eingeschrieben. „Dieses Werk klingt vielleicht ,leicht‘, aber in Wahrheit ist es alles andere als das. Die Ebene der Melodien mag das eine sein – aber auch hier ist das Wiederkehrende nie nur das Gleiche –, und dann erst recht, was unter den Melodien liegt: Das ist unglaublich vielschichtig und komplex.“ Bevor er zur Tschechischen Philharmonie kam, erzählt Bychkov, habe er „Má vlast“ nie dirigiert – umso intensiver bereitete er sich vor, studierte die Ausgaben, konsultierte das Faksimile des Autographs, erprobte das Werk mit anderen Orchestern. „Und je mehr ich mich damit beschäftigt habe, um so mehr zog es mich in seinen Bann. Es ist geradezu eine Obsession geworden.“

Smetana und die Moldau. Einige hundert Meter bevor der Strom am Rudolfinum vorbeirauscht, fließt er am Smetana-Museum entlang. Das Stockwerk eines prachtvollen Hauses, direkt am Moldau-Ufer, wurde hier zu seinen Ehren eingerichtet: eine Hommage der liebevollsten Art, vollgeräumt mit Memorabilien, die noch nichts von moderner Museumsdidaktik wissen. Gelebt hat er hier nie. Smetanas letzter Aufenthaltsort in Prag war denkbar weit entfernt von so behaglicher Noblesse. Der „Schöpfer des tschechischen Stils“, wie er sich nennen durfte, starb im Mai 1884 in einer Irrenanstalt. Zehn Jahre lang hatte er es ausgehalten, vollkommen taub zu sein. Die Angst, unter diesen Umständen wahnsinnig zu werden, plagte ihn lange – bis auch sie noch grausame Realität wurde.

Kann man sich vorstellen, dass Smetana „Die Moldau“ und „Vyšehrad“ als Ertaubter vollendete und so noch die weiteren Teile von „Má vlast“ komponierte? Dass er sich, ohne Gehörsinn und gequält von inneren Geräuschen, große Opernwerke abrang, Streichquartette, Chöre, Lieder …? „Er muss viel über Beethoven nachgedacht haben“, überlegt Bychkov. „Und hier wie da, bei Beethoven wie bei Smetana sehen wir auf nahezu unglaubliche Weise, was der menschliche Geist vermag.“  Er vermag es gegen Einschränkungen, die massiv und brutal sein können: Krankheit, persönliche Schicksalsschläge, politische Restriktionen, Unterdrückung, Gewalt, Bedrohung mit dem Tod … Ist es nicht ein Charakteristikum der tschechischen Musik überhaupt, dass sie sich aus solchen Spannungen erhebt und sich entfaltet gegen das Hinderliche? „O ja, ich denke schon“, sagt Bychkov. „Schauen Sie auf Künstler wie Kabeláč – und bewegen Sie sich etwas weiter Richtung Osten, dann sehen Sie die Parallele zu Schostakowitsch. Beide schufen im Drohszenario von Diktaturen. Und wir sehen: Je stärker die Restriktionen sind, um so größer ist die Not und die Notwendigkeit, Menschen zu finden, die sich ausdrücken können. Das bedeutet: Konfrontation, Widerstand, Mut. Und es geschieht, dass die dazu Befähigten weit über die Grenze des möglich Geglaubten hinausgehen können, weil sie sich ausdrücken müssen. So bewirken Systeme, die auf totale Unterdrückung aus sind, immer auch das Gegenteil. Denken Sie an die politischen Gefangenen der Gulags: Von denen gab es viele, die sagten, sie hätten hier die absolute Freiheit entdeckt. Die absolute Freiheit des Geistes: eine Freiheit, die einem niemand nehmen kann.“

Viktor Ullmann, im Programm der Tschechischen Philharmonie vertreten wie Miloslav Kabeláč, bezeugt es. In seinem Text „Goethe und Ghetto“ blickt Ullmann 1944 auf sein Schaffen im KZ Theresienstadt. „Zu betonen ist (…), daß ich in meiner musikalischen Arbeit durch Theresienstadt gefördert und nicht etwa gehemmt worden bin (…)“ Warum? Weil Theresienstadt, so Ullmann, für ihn „Schule der Form“ gewesen sei. „Hier, wo man auch im täglichen Leben den Stoff durch die Form zu überwinden hat, wo alles Musische in vollem Gegensatz zur Umwelt steht: Hier ist die wahre Meisterschule, wenn man mit Schiller das Geheimnis des Kunstwerks darin sieht: den Stoff durch die Form zu vertilgen – was ja vermutlich die Mission des Menschen überhaupt ist, nicht nur des ästhetischen, sondern auch des ethischen Menschen.“ Im Juli 1944 komponierte Viktor Ullmann in Theresienstadt das Melodram „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“. Am 16. Oktober 1944 wurde er nach Auschwitz deportiert. Zwei Tage später brachte man ihn um. Viktor Ullmann überlebte in einem Werk, dessen geistige Freiheit nicht zu brechen war.

„Grenzgänge“. So nennt der Musikverein seinen Programmschwerpunkt mit tschechischer Musik. Welche Gedanken, welche Assoziationen hat Semyon Bychkov, wenn man ihn mit dem Wort konfrontiert, „Grenze“? „Als Musiker“, sagt der Dirigent gleich einmal, „sind wir nicht da, Grenzen zu errichten. Sondern dazu, Grenzen zu zerstören.“ Als politisch denkender Mensch aber, macht er klar, wisse er sehr wohl um die Komplexität des Themas: den schwierigen Ausgleich zwischen dem Bedürfnis der einen, Grenzen zu überschreiten, und dem der anderen, Grenzen zu ihrem Schutz zu wahren. „Ich weiß, was es heißt, Flüchtling zu sein. Als ich 1975 in die USA kam, war ich staatenlos, und mein Status lautete: ,Refugee. Conditional entry‘. Ich weiß aber auch, wie legitim das Interesse einer Gesellschaft sein kann, ihren ,way of being‘ zu bewahren. Es ist, tatsächlich, ein sehr komplexes Thema. Und so ist klar: Wenn ich sage, wir müssen als Musiker die Grenzen zerstören, so meine ich die Grenzen in den Köpfen – the borders in the minds. Das sind die schlimmsten Grenzen.“

Erleben wir da nicht gerade neue Grenzziehungen? Ausgrenzungen in der Kultur wegen vermeintlich inkorrekter Inhalte, Stichwort „Cancel culture“. Was sagt Semyon Bychkov dazu? „Wenn jemand beschließt, den ,Nussknacker‘ wegen eines Rassismusvorwurfs nicht mehr zu spielen – und damit, nebenbei bemerkt, anderen seine Haltung aufzwingt, weil er in einem staatlich subventionierten Theater agiert –, dann macht er einen kolossalen Fehler. Denn in dieser Logik weiter voranzuschreiten würde heißen, dass uns nicht mehr erlaubt sein wird, das ,Pferd eines Hitler‘ zu sehen“ – eine Metapher, mit der gesagt sein soll, dass das kulturelle Gedächtnis gegen jeden Versuch der Ausblendung geschützt werden muss. „Glücklicherweise sind wir noch nicht so weit“, sagt Bychkov. „Aber Russland ist schon dort. In Russland hat man im Dezember 2021 entschieden, ,Memorial‘ zu schließen, die von Sacharow gegründete Menschenrechtsorganisation zum Gedenken an die Millionen Opfer der politischen Gewaltherrschaft in den Gulags. Das ist ein schreckliches Signal: dieser Versuch, die Erinnerung tilgen zu wollen! Denn eines ist klar: Wenn wir die Geschichte vergessen, wenn wir ihre dunklen Seiten nicht mehr sehen wollen, dann wiederholt sie sich.“

„Má vlast“, das Vaterlandsbekenntnis von Bedřich Smetana, lässt sie zu: die dunklen Seiten neben dem sonnenhellen Glanz, die Stromschnellen des Schmerzes unter der glitzernd-strahlenden Fläche der Moldau. Leben ist Musik – Musik ist Leben. Und das Geheimnis liegt in der Balance. „In der Musik“, sagt Semyon Bychkov, „ist alles eine Frage der Balance: ob Sie als Pianist mit zehn Fingern spielen oder ein ganzes Orchester dirigieren. Und nichts anderes müssen wir in der Gesellschaft tun: die Balance finden, die Balance herstellen.“

Joachim Reiber
Dr. Joachim Reiber ist Redakteur der Zeitschrift „Musikfreunde“ und Programmheftredakteur der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.

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