25. 5月 2022

19:30 Großer Saal, Musikverein

Gewandhausorchester Leipzig

Andris Nelsons | Richard Strauss

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Gesellschaft der Musikfreunde in Wien

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Remarks

Yuja Wang hat ihre Teilnahme an dem Konzert abgesagt. Dankenswerterweise erklärte sich Rudolf Buchbinder bereit, den Klavierpart in Richard Strauss’ „Burleske“ zu übernehmen.

 

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Doppeltes Glück

Ein Richard-Strauss-Projekt mit Andris Nelsons

In vier Konzerten mit vereinten Kräften für Richard Strauss: Andris Nelsons kommt auf einer spektakulären Doppel-Tournee mit dem Boston Symphony Orchestra und dem Gewandhausorchester Leipzig in den Goldenen Saal.

„Ich bin stolz und glücklich, am Pult dieser beiden Orchester zu stehen“, sagt Andris Nelsons schlicht. Das Gewandhausorchester Leipzig mit seiner bald 280 Jahre umfassenden Historie und das 1881 gegründete Boston Symphony Orchestra zählen zu den renommiertesten Klangkörpern der Welt, und bei beiden ist der 1978 in Riga geborene Dirigent der Chef. – Pardon, genauer gesagt und auch weniger salopp ausgedrückt: An der atlantischen Massachusetts-Bucht bekleidet Nelsons die Stelle des Music Director, als Nachfolger etwa von Pierre Monteux, Charles Munch, Erich Leinsdorf und Seiji Ozawa. Und er ist der 21. Gewandhauskapellmeister dort, wo in Sachsen Weiße Elster, Pleiße und Parthe zusammenfließen, mit so prominenten Vorgängern wie Felix Mendelssohn Bartholdy, Wilhelm Furtwängler, Bruno Walter, Herbert Blomstedt und Riccardo Chailly. Schon einmal in der Geschichte gab es von Dirigentenpult zu Dirigentenpult eine Verbindung über den großen Teich hinweg: Arthur Nikisch stand gleichfalls an der Spitze dieser beiden Orchester, wenn auch nicht simultan.

Aber Schluss mit all dem Namedropping – wobei ja Namen vielleicht fallen dürfen, keinesfalls aber das herausragende musikalische Niveau, auch nicht im Schatten einer Pandemie. „Besonders wichtig war, wenigstens einmal pro Woche für Proben zusammenzukommen“, erzählt Nelsons von Boston: „Physische Gesundheit jedes Einzelnen ist eine Sache, aber als Klangkörper ist es unmöglich, zwei Jahre nicht miteinander zu spielen, ohne ernsten Schaden zu nehmen. Deshalb war ich erleichtert, dass das Tanglewood Festival letzten Sommer beinahe in voller Kapazität stattfinden konnte. Diese Saison hat schon wieder auch mit groß besetzten Stücken beginnen dürfen. Das BSO hat jedenfalls seine technische Form behalten und vor allem auch die nötige Leidenschaft zu spielen – und dasselbe gilt auch für das Gewandhausorchester.“ Die Freude über das dort wie da geimpft und maskiert zurückkehrende Publikum ist groß. „Die Pandemie gab uns Gelegenheit, dahinterzukommen, was uns wirklich wichtig ist im Leben: Ohne Musik geht es nicht.“

Leipzig und Boston sind freilich nicht nur durch die Person des Chefs zusammengerückt: Ein Austauschprogramm ermöglicht es Musikerinnen und Musikern seit einigen Jahren, die jeweils andere Orchesterkultur kennenzulernen. „Die Steigerung davon ist nun in unserem Strauss-Projekt zu erleben“, erzählt Nelsons. Richard Strauss ist einer seiner erklärten Lieblingskomponisten, für eine Aufnahme des Großteils der Strauss’schen Orchesterwerke unter seiner Leitung haben die beiden Klangkörper geschwisterlich zusammengewirkt – in einem Fall, dem „Festlichen Präludium“, komponiert zur Eröffnung des Wiener Konzerthauses 1913, sogar ausdrücklich mit vereinten Kräften, als die Leipziger in Boston waren: „Eine sehr emotionale Erfahrung, nicht nur für mich“, gibt Nelsons zu. „Dass es nun sogar eine gemeinsame Tournee geben wird, ist mir ein Herzensanliegen, auf das ich mich gemeinsam mit allen Mitgliedern wahnsinnig freue.“ Ein Monat also mit Konzerten in fünf europäischen Metropolen – in Wien natürlich im Musikverein: „Ich glaube, das wird auch fürs Publikum enorm spannend, denn gerade bei Strauss kann man die beiden großartigen Orchester in ihren Besonderheiten bestens studieren.“ Das betrifft vor allem den Klang. In Deutschland wird da gerne von dunkler Fülle gesprochen – doch Nelsons wendet ein: „Die Bostoner können manchmal dunkler klingen, als man denkt – aber zugleich auch sehr transparent. Das kommt aus ihrer deutlichen französischen Tradition.
Der Beginn zum Beispiel der ,Symphonie fantastique‘ klingt bei ihnen wie von einem französischen Orchester. Zugleich haben sie ein besonderes Gespür für das slawische Repertoire. Das Dunkle der Leipziger hat dagegen diese nebelartige Qualität, das kann manchmal wirken, als käme der Klang aus dichtem Regen. Die völlig anders geartete Transparenz des Gewandhausorchesters ist an Bach und Mendelssohn geschult. Nehmen wir das Scherzo aus dem ‚Sommernachtstraum‘: Wenn das zu präzise gespielt wird, gerät es maschinell, wenn es zu schwer daherkommt, verliert es das Elfenartige, Huschende. Die Leipziger können das! Auch bei Bruckner, den ich mit vielen großen Orchestern gemacht habe: Wenn Bruckner ‚ppp‘ und ‚lang gezogen‘ schreibt, dann kommt das für mich aus der alten Kirchenmusik. In Leipzig hört man da sofort Bach, ja sogar die Renaissance. Eine solche Qualität findet man wahrlich nicht überall.“ Seine Rolle als Dirigent sieht Nelsons dabei „jedenfalls nicht darin, etwas bewusst umzukrempeln, sondern Traditionen fortzusetzen. Und gleichzeitig alle zu animieren, lieber einen Fehler zu riskieren und dafür eine spannende Phrase zu gestalten, als einfach auf Nummer sicher zu gehen. Strauss einzuspielen war unter diesem Gesichtspunkt besonders aufregend – und ich brenne darauf, das in Konzerten auch mit dem Publikum zu teilen.“
Hinzu kommt freilich auch, dass die Leipziger nicht nur im Gewandhaus, sondern auch in der dortigen Oper spielen, die Bostoner hingegen ein reines Konzertorchester sind. Aber: „Bei Strauss gilt das Gleiche wie bei Mozart: Wenn wir die Opern der beiden nicht kennen, dann fehlt ein großer Teil der musikalischen Persönlichkeit, dann verstehen und kennen wir auch seine Orchesterwerke nicht völlig. Denn Theater und Dramatik spielen bei beiden eine enorme Rolle.“ Aus diesem Grund hat Nelsons in Boston bereits „Salome“ und „Elektra“ konzertant aufgeführt; „Die Frau ohne Schatten“ und vielleicht sogar mehr sollen noch kommen.
Jedenfalls fühlt sich Andris Nelsons von Strauss’ Musik immer wieder berührt. „Er gilt als Eklektiker, der auch angeben wollte: mit Klangfarben, kontrapunktischer und spieltechnischer Virtuosität und so weiter. Natürlich war er ein großer Meister der Instrumentierung. Aber dann ereignen sich diese unbeschreiblichen Augenblicke, wo sich plötzlich der Himmel aufklart und man, egal welcher Religion man nun angehört oder nicht, das Göttliche zu spüren glaubt. Das gibt es eigentlich in jedem Stück. Und selbst wenn man das weiß, ist die Erfahrung in dieser speziellen Dichte dann sehr bewegend. Manchmal versteckt sich Strauss hinter einer Maske, seine ehrliche, reine Seite zeigt er nicht gleich jedem – aber sie ist da. In der wundervollen Schönheit und melancholischen Klarheit des Finales von ‚Don Quixote‘ zum Beispiel, die mich zu Tränen rührt. Strauss hat sich nicht nur als ‚Held‘ des ‚Heldenlebens‘ inszeniert, sondern ist auch in die Rüstung des Ritters von der traurigen Gestalt geschlüpft, er wird eins mit ihm. Das Großartigste ereignet sich nicht automatisch an den lautesten Stellen, ganz und gar nicht. Für mich steckt im letzten ‚Ja, ja‘ der Marschallin der ganze ‚Rosenkavalier‘.“

Dass Richard Strauss, der Bürgerliche, meist strikte Komponierzeiten einhielt wie eine Art Beamter, kümmert Nelsons keineswegs. „Nicht einmal ein Genie kann pausenlos ans Komponieren denken. Ein klarer Terminkalender hilft bei der Konzentration auf das, was gerade wichtig ist. Ich kann mir gut vorstellen, dass gerade die definierten Arbeitsstunden ihm dabei geholfen haben, mehr zu Papier zu bringen, als andere, chaotischere Geister an einem ganzen Tag geschafft hätten. Man braucht Zeit und muss auch seine Batterien wieder einmal aufladen. Familienleben, Natur, Skatrunden, manchmal Dirigieren: Dabei hat er sich regeneriert.“ Ein wichtiger Punkt für jeden Menschen: Andris Nelsons hat im ersten Corona-Jahr für sich den Sport wiederentdeckt. „In meiner Jugend, von zwölf bis 18 ungefähr, habe ich Taekwondo und Karate ausgeübt – und dann zwanzig Jahre lang nichts dergleichen getan. Während der Pandemie habe ich aber wieder damit begonnen, zuerst für mich zu Hause, dann in Clubs – sowohl in Leipzig als auch in Boston. Ich genieße es, vor allem die körperliche Müdigkeit, die man erzielt: Die macht mich in der Folge auch emotional wieder munterer. Außerdem erfordert es eine gewisse körperliche Disziplin. Auch wir Künstler, ob wir nun ein Instrument spielen, dirigieren oder komponieren, müssen auf unseren Körper achten. Hin und wieder greife ich auch noch zur Trompete, nur zum Spaß, mache Übungen für Atmung und Ansatz. Bei guter physischer Gesundheit kann man künstlerische Gedanken klarer, direkter, aufregender vermitteln, davon bin ich überzeugt.“

Walter Weidringer
Mag. Walter Weidringer lebt als Musikwissenschaftler, freier Musikpublizist, Kritiker (Die Presse) und Sendungsgestalter (Ö1) in Wien.

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