Musik der Ringstraße

30. Oktober bis 23. Dezember 2015

Mit der Ringstraße, die vor 150 Jahren eröffnet wurde, weitete sich Wien in großem Stil. Die Musik spielte dabei eine prägende Rolle. Die Resonanzen der jungen Weltstadt reflektiert nun eine Ausstellung des Archivs: „Musik der Ringstraße“.

In diesem Jahr 2015 haben schon etliche Ausstellungen und Publikationen daran erinnert, dass vor 150 Jahren, am 1. Mai 1865, Kaiser Franz Joseph I. die Ringstraße eröffnet hat. Mit den Abbrucharbeiten der Stadtmauer und dem Zuschütten des Stadtgrabens war am 29. März 1858 begonnen worden, mit dem eigentlichen Bau der Straße am 29. Februar 1864. Im darauffolgenden Jahr war die Straße fertig, aber bei weitem noch nicht alles das, was sie zu dem epochebestimmenden imperialen und gleichzeitig bürgerlichen Prachtboulevard machen sollte. Das zu erreichen, dazu sollte die feierliche Eröffnung geradezu symbolhaft animieren. Denn eigentlich wurde etwas eröffnet, was erst entstehen musste: Die Straße war da, aber nicht der von Gebäuden flankierte Straßenzug.

Schöngeistiges Compositum

Im Gedankenkonzept sollten an der Ringstraße – in einem Mixtum compositum und mit einer gewissen Schwerpunktbildung – öffentliche Gebäude schöngeistigen Charakters, öffentlich zugängliche Gebäude privater Träger, Palais des nunmehr neuen Geldadels und Wohnhäuser des aufgestiegenen Bürgertums stehen sowie ausreichend Grünflächen und freie Plätze vorhanden sein. Der alte Adel hatte ja bereits seine Palais anderswo, Ministerien und andere Verwaltungsgebäude waren im ursprünglichen Konzept ausdrücklich nicht vorgesehen, wohl aber der militärische Schutz durch eine Kaserne.
In diesem schöngeistigen Konzept wie im demonstrativen Selbstdarstellungscharakter dieser Straße hatte die Musik verschiedenste Aufgaben und Möglichkeiten. Ihr möchten wir uns in diesem Jubiläumsjahr widmen – einem Jahr, das auch für die Gesellschaft der Musikfreunde historisch wichtig ist. Denn nicht zuletzt zählt ja das Musikvereinsgebäude selbst zum Konzept der Ringstraße – etwas vom eigentlichen Straßenzug abgerückt, aber dennoch zu seinem Ensemble gehörend.

Musik rund um den Ring

Das traditionell vom Kaiserhof getragene Opernhaus und das mit adeliger Unterstützung von einem bürgerlichen Verein getragene Musikvereinsgebäude mit den Konzertsälen und dem Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde, das sind die Eckpfeiler der Musikstätten an der Ringstraße. Einen weiteren musikalischen Bereich – Spieloper und Operette – deckte das 1874 unter dem Namen „Komische Oper“ eröffnete Ringtheater ab, bis es 1881 eine Brandkatastrophe völlig vernichtete. Im 1888 eröffneten Burgtheater hatte die Musik viel mehr Platz und Aufgaben als heute vorstellbar; deshalb unterhielt das Theater auch ein stattliches Orchester. Und im 1864 bis 1868 errichteten Palais Wertheim (Schwarzenbergplatz 17 / Kärntnerring 18) gab es seit 1872 das Residenztheater, das letzte Theater Wiens in einem Adelspalais; der Eingang war Canovagasse 1, also fast neben dem Musikverein.

Mit Pauken und Trompeten

Auch eine herausragende Pflegestätte der Kirchenmusik hatte das Ringstraßenensemble: die Votivkirche. Dort gab es einen Kirchenmusikverein, der herausragende Leistungen erbrachte und hervorragende Künstler als Chorregenten und Organisten verpflichtete. Nicht wenige Mitglieder des Hofopernorchesters und der Wiener Philharmoniker spielten dort bei den Gottesdiensten im Orchester. Die erste in Wien gebaute Maschinenpauke (eine mit einem einzigen Schraubmechanismus zu stimmende Pauke) wurde dort ausprobiert und danach in die Oper und den Musikverein unter der Bezeichnung „Votivkirchen-Pauke“ übernommen.
Über die Ringstraße ist die Militärmusik marschiert, wie etwa die Burgwache zur Ablöse oder  die Deutschmeisterkapelle zum und vom Palais des Hoch- und Deutschmeister Erzherzog Wilhelm von Österreich (Parkring 8). Hier fanden Huldigungsfestzüge statt, in denen die Musik immer eine wichtige Rolle spielte: Der berühmte – von Hans Makart im Renaissancestil gestaltete – Festzug zur Silberhochzeit von Kaiser Franz Joseph I. und seiner Gattin Elisabeth war ein einzigartiges Ereignis, ebenso der Kaiser-Huldigungs-Festzug zum fünfzigjährigen Regierungsjubiläum von Kaiser Franz Joseph I. im Jahr 1908. Für dessen Gestaltung war Joseph Urban verantwortlich, der drei Jahre später in die USA ging, wo er am Boston Opera House und später an der New Yorker Metropolitan Opera Ausstattungschef war. Nicht zu vergessen der Festzug zum Eucharistischen Kongress 1912, bei dem zum letzten Mal der ganze Kaiserhof (mit entsprechender Musik) über die Ringstraße zog. In der Ausstellung werden diese Festzüge in Videosequenzen nach in unserem Archiv vorhandenen historischen Photographien verfolgt werden können.

Koryphäen auf dem Corso

Die Musik der Ringstraße: Das ist auch die Musik der Ringstraßenepoche. Die monumentalen Bauten, Gemälde und sonstigen Werke der bildenden Kunst haben ihre Entsprechung in den monumentalen Symphonien Anton Bruckners oder Gustav Mahlers gefunden. Sie ist auch die Musik eines von der Ringstraßenepoche geprägten Lebensstils. Eine Amateuraufnahme des im Korso auf der Ringstraße spazierenden Johannes Brahms und seine in Briefen dokumentierte Vorliebe für die Schwemme im Hotel Imperial oder das Café Heinrichshof geben uns eine Vorstellung, wie Komponisten in diesem von der Ringstraße geprägten Lebensstil daheim waren; ganz abgesehen davon, dass Brahms von seiner Wohnung in der Karlsgasse in wenigen Minuten auf der Ringstraße war. Anton Bruckner hat viele Jahre in der Heßgasse an der Ringstraße gewohnt und ist über diese zum Orgelunterricht in den Musikverein gegangen oder gefahren. Wie oft sich die beiden auf der Ringstraße getroffen haben? Etwas später legte Gustav Mahler, der am Rennweg wohnte, den täglichen Weg zu seinem „Arbeitsplatz“ in der Hofoper über die Ringstraße zurück …
Die Ringstraße als Bereich des alltäglichen Lebens, auch daran ist zu denken.
Ein großes, vielgestaltiges Thema der Kultur- Musik- und Lokalgeschichte, über dessen  wichtigste Aspekte hier kurz erzählt werden konnte. Mehr zu erfahren und vor allem viel zu sehen ist ab 30. Oktober (bis 23. Dezember) im Ausstellungssaal des Musikvereins.

Otto Biba
Prof. Dr. Dr. h. c. Otto Biba ist Direktor von Archiv · Bibliothek · Sammlungen der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.