La Serenissima in Musica

19. April bis 22. Juni 2013

Musik in Venedig, Venedig und die Musik: Fast könnten sie als Synonyme gelten, so nahe sind sie einander. Und nah, ganz nah, war dieses Venedig auch immer der Musikstadt Wien und ihrer Gesellschaft der Musikfreunde. Eine Ausstellung führt nun vom Musikverein direkt zum Markusplatz. Archivdirektor Otto Biba stellt sie vor.

„Suche ich ein anderes Wort für Musik, finde ich immer nur das Wort Venedig“, lesen wir bei Friedrich Nietzsche. Man muss freilich nicht Nietzsche zitieren, um zu erklären, warum man sich dem Thema „Musik in Venedig“ widmet. Aber dieser Satz Nietzsches zeigt auf besonders schöne Weise, dass bei diesem Thema, zu dem es so viele Fakten gibt, auch Emotionen, persönliche Erfahrungen, Erinnerungen und Erlebnisse mitschwingen. Auch diese will unsere Ausstellung wecken und ansprechen.

Die Musik als Ganzes

Man braucht auch keine Begründung, warum man eine Ausstellung zu diesem Thema gestaltet. Mit einem Beweggrund sei aber nicht hinter dem Berg gehalten: Wir haben zuletzt vornehmlich Ausstellungen zu unserer eigenen Geschichte, zu Komponistenjubiläen oder zu vornehmlich Wiener bzw. österreichischen Themen gezeigt. Es sind fünf Jahre vergangen, seit wir 2008 mit „450 Jahre japanisch-europäische Musikbeziehungen“ ein ganz und gar unwienerisches oder unösterreichisches Thema behandelt haben. Auch das Thema „Musik in Venedig“ kann in Erinnerung rufen, dass die „Gesellschaft der Musikfreunde in Wien“ nie eine Wiener oder wienerische Gesellschaft der Musikfreunde war, sondern immer die Musik als Ganzes gesehen und überregional, ja international gedacht hat. Die Idee unserer Gründer, hier alles zu sammeln, was Musik dokumentiert, zeigt ja schon, dass es nie eine Konzentration auf bestimmte Bereiche oder Regionen gegeben hat. So war es naheliegend, nun wieder einmal ein Thema zu wählen, das die zweihundertjährige wahrlich grenzenlose Sammeltätigkeit erkennen lässt und unsere Zuständigkeit für wichtige Phänomene der Musik an sich unter Beweis stellen kann.

Machtkunst und die Macht der Kunst

Venedig war ein Handelszentrum und ein politischer Machtfaktor; Venedigs Söldnerheere waren gefürchtet. Aber Erfolge in Politik und Handel haben die finanziellen Grundlagen für die Beschäftigung von Künstlern geliefert. Die seltsame Mischung von republikanisch-demokratischen und feudalen und fürstlichen Regierungs- wie Gesellschaftsstrukturen hat einzigartig vielseitige Trägerschaften für die Musikkultur geschaffen. Adel und Bürgertum, Kirche und Staat waren hier schon sehr früh als Produzenten wie Konsumenten der Musik aktiv.
Das waren ideale Voraussetzungen für ein blühendes Musikleben, das in gleicher Weise Musiker, Komponisten und Instrumentenbauer angezogen hat. Aber durch noch etwas wurde Venedig sehr früh zu einer Stadt der Musik: Noch im 15. Jahrhundert war Venedig zu einem Zentrum des Buchdrucks geworden, der hier auch weiterentwickelt und verfeinert wurde. Im 16. und 17. Jahrhundert war keine Stadt in Europa für den Druck von Noten und Musikbüchern so wichtig wie Venedig. Komponisten aus ganz Europa konnten sich glücklich preisen, wenn ihre Werke von einem venezianischen Verleger publiziert wurden. So kam es dazu, dass der Londoner Musikgelehrte Charles Burney 1770 nach einem Besuch Venedigs konstatieren konnte: „Die Musik wird hier mehr als irgendwo kultiviert.“ Auf die danach selbst gestellte Frage „Und warum?“ gibt er eine ganze Reihe detailreicher Antworten.

Torquato Tasso unter Fischern

Kirchenmusik und adeliger wie bürgerlicher Musikkonsum lagen in den für Mädchen bestimmten Waisenhäusern („Ospedale“), die immer mit einer Kirche und oft mit einem Kloster verbundenen waren, eng nebeneinander. Die Mädchen erhielten eine hervorragende Ausbildung im Gesang und in der Instrumentalmusik und wurden in der dortigen Kirchenmusik und in Konzerten beschäftigt, die vom Ospedale selbst veranstaltet wurden. Diese Kirchenmusiken und Konzerte waren bei Venezianern wie auswärtigen Gästen berühmt – jedes Ospedale hielt darauf, und die Häuser standen geradezu in künstlerischem Wettstreit miteinander. Der namhafteste an einem solchen Waisenhaus wirkende Komponist war Antonio Vivaldi.
In Venedig standen sich wie nirgends anderswo Volks- und sogenannte Kunstmusik nahe. Und dass Fischerweiber beim Flicken der Netze Texte von Torquato Tasso auf offensichtlich volksmusikalische Melodien sangen, hat Venedig-Besucher von Rousseau bis Goethe überrascht.

Musensöhne und Maskenträger

Die Opernhäuser waren nie Hof-, sondern immer Publikumstheater. An dem, was dort gegeben wurde, orientierten sich viele europäische Bühnen. Öffentliche Konzerte („Akademien“) gab es in reicher Zahl und schon früher als in anderen europäischen Städten, vor allem in den Ospedale und in den sogenannten Ridotti, einer Art von Gesellschaftslokalen. Die Musikproduktionen in Privathäusern waren den Musikalischen Salons der Wiener Tradition vergleichbar, hatten aber eine schon viel ältere Tradition. Ein Glanzstück der Ausstellung ist ein großes Ölbild einer solchen Musikproduktion vor Gästen in einem venezianischen Adelshaus. Ein weiteres herausragendes Gemälde aus unseren Sammlungen zeigt einen Ball im Teatro San Benedetto, also einen venezianischen Opernball. Aber zum Tanzvergnügen in Venedig lässt sich noch viel mehr zeigen, auch zum berühmten, heute oft missverstandenen Carnevale, der „high noon“ der öffentlichen Musikpflege in Venedig war. Masken trug man übrigens auch außerhalb des Carnevale; wann, warum und warum oft auch bei Musikproduktionen, das ist ebenfalls in der Ausstellung zu erfahren.
Diese schließt mit dem von Napoleon erzwungenen Ende der Republik Venedig. Danach flatterten mehr als zwei Generationen lang die österreichischen Flaggen am  Markusplatz. In dieser Zeit erlebte Venedig eine neue musikalische Hochblüte. Aber die gäbe schon wieder Stoff für eine eigene Ausstellung …

Otto Biba
Prof. Dr. Dr. h. c. Otto Biba ist Direktor von Archiv · Bibliothek · Sammlungen der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.