Das Musikvereinsgebäude

Das Musikvereinsgebäude, das 1870 nach dreijähriger Bauzeit eröffnete wurde, begeisterte sofort: Von einer „wundervollen Harmonie der Architektur“ sprach Eduard Hanslick, damals Wiens führender Musikkritiker. Und bis heute empfinden Musikbegeisterte dieses Haus als das wohl schönste Konzertgebäude der Welt.Ermöglicht wurde der Bau durch einen weitreichenden Entschluss des Kaisers Franz Joseph. Er ordnete 1857 die Beseitigung der Stadtmauern in Wien an, um mit der Ringstraße einen mondänen Boulevard zu schaffen. Die Gesellschaft der Musikfreunde, deren altes Gebäude in der Wiener Innenstadt längst zu klein geworden war, erhielt 1863 als Geschenk des Kaisers einen Baugrund vis-à-vis der Karlskirche. Ambitioniert nützte sie die Chance, ein Prachtgebäude der Wiener Ringstraßenarchitektur zu errichten. Prominente Architekten, unter ihnen Theophil Hansen, August Siccard von Siccardsburg und Eduard van der Nüll, wurden eingeladen, Entwürfe auszuarbeiten. Siccardsburg und van der Nüll, die Schöpfer der Hofoper, winkten ab. Theophil Hansen blieb übrig – und erwies sich als erste Wahl.Die Konkurrenz zur Hofoper beflügelte seine Fantasie und bestärkte ihn auf seinem Weg zu einem neuen Stil, hin zum „strengen Historismus“. Anders als die Architekten des frühen, romantischen Historismus – unter ihnen Sicardsburg und van der Nüll – setzte er sich mit der Baukunst der Hochrenaissance auseinander. Konsequent ging er noch einen Schritt weiter und ließ sich zurück zur klassischen Antike führen. Hier war Hansen buchstäblich zu Hause. Bevor der gebürtige Däne 1846 nach Wien gekommen war, hatte er acht Jahre lang in Athen studiert und als Architekt gewirkt. Dieser Aufenthalt prägte: Vom klassischen Griechenland inspiriert, wurde Hansen zum Verfechter einer „griechischen Renaissance“.Im Musikvereinsgebäude ist dieser Stil prägend geworden. Die Karyatiden im Großen Musikvereinssaal, die ionischen Säulen und das Tempeldach im Brahms-Saal, Apollo und die Musen als Blickfang am Plafond des Großen Musikvereinssaales und Orpheus auf dem Giebelfeld der Frontfassade – das alles sind griechische Reminiszenzen wie die Farbgebung des Hauses, ein vollendetes Beispiel antikisierender Polychromie. Für die Aufführung „classischer Werke“ hatte Hansen ein wahrhaft klassisches Ambiente geschaffen.Einen größeren Umbau erlebte das Musikvereinsgebäude 1911 unter der Leitung des Hansen-Schülers Ludwig Richter. 2001 fiel die Entscheidung für das größte Bauprojekt der Gesellschaft seit der Errichtung des Musikvereinsgebäudes. In einem unterirdischen Erweiterungsbau wurden die Vier Neuen Säle geschaffen, die 2004 eröffnet werden konnten. Der österreichische Architekt Wilhelm Holzbauer und sein Partner Dieter Irresberger entwickelten dafür ein ästhetisches Konzept, das Stilelemente des historischen Gebäudes neu interpretiert und mit klar profilierten Materialien verbindet: Glas, Metall, Stein und Holz.