Beethovens Medizinlöffel

Musikverein Festival

25. Februar bis 1. April 2023

Den Löffel abgeben: So lautet ein sprichwörtliches Synonym für den Tod. Jahrhunderte hindurch war der eigene, hölzerne Löffel den einfachen Leuten ein unerlässlicher Lebensbegleiter, er ermöglichte das bäuerliche Mahl aus der gemeinsamen Schüssel in der Tischmitte. Wer seinen Löffel abgab, hatte seine letzte irdische Speise genossen: Kein Dacapo war mehr möglich nach diesem Fine. Haftet der alten Phrase etwas Despektierliches an? Darf man sie auf jemand wie Ludwig van Beethoven anwenden – auf jenen zum Titanen stilisierten Komponisten also, der sich nicht mehr mit der Rolle des kunstfertigen Dienstboten zufriedengeben konnte und wollte? Mit einem silbernen Löffel im Mund geboren zu sein, also aus noblem oder zumindest reichem Hause zu stammen, das traf auf Beethoven jedenfalls nicht zu: Wie lange hat er seinen musikalischen „Adel“ auch auf gesellschaftlicher Ebene zu beweisen versucht! Vergeblich: Zwischen seinem „van“ und dem ersehnten „von“ klaffte ein unüberwindlicher Abgrund. Man könnte aber anmerken, er sei mit einem silbernen Löffel im Mund gestorben – wenn schon nicht im übertragenen Sinne, so doch beinahe wörtlich. Die Sammlungen der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien enthalten ein Objekt, das es beweist: einen Silberlöffel.

Diesen Löffel Beethovens im Hause abgegeben hat Anton Prokesch von Osten (Junior) im Jahre 1906, als ein Ge- schenk. Die Vorbesitzer lassen sich nicht nur lückenlos bis zu Johann Baptist Jenger zurückverfolgen, der im Auftrag von Marie Pachler zwei Löffel zusammen mit anderen Gebrauchsgegenständen aus Beethovens Nachlass bei einer Versteigerung am 5. Mai 1827 erworben hat, knapp sechs Wochen nach dessen Tod, sondern sind auch ein kleines Who’s who der kunstsinnigen Wiener Gesellschaft, ja beinah „des halben Biedermeier“, wie Archivdirektor Johannes Prominczel weiß: Der Beamte Jenger gehörte zum Schubert-Kreis; Pachler, einst pianistisches Wunderkind, Komponistin und später Salonière, war mit Beethoven und Schubert bekannt. Sie verschenkte die beiden Löffel an Freundinnen, eine davon gab ihren an Anton Prokesch von Osten (Senior) weiter, seines Zeichens General, Diplomat und Schwiegersohn Raphael Georg Kiesewetters, des Pioniers der Musikforschung. Unmittelbar nach seinem Auktionserfolg hatte Jenger seiner Auftraggeberin Pachler schriftlich Bericht erstattet, dem zufolge Beethovens Köchin bestätigt habe, es handle sich um jene Löffel, „mit welchen er […] in der letzten Zeit Medizin erhielt“.

Beethovens Löffel: Sinnenlust und bittere Medizin, Zustände von Rausch und Fieber, Ende und Anfang, ganz all- gemein von Leben und Tod spiegeln sich in seinem ovalen Silberrund – ebenso wie Krankheit und Vergänglichkeit, Stärkung und Heilung, Transformation und Verwandlung durch Medizin, Tränke und Substanzen. Wie haben Komponisten diese Themen musikalisch reflektiert? Wie haben sie das musikalische Schaffen beeinflusst? Das betrifft Beethovens eigenes Schaffen ebenso wie faszinierend reichhaltige Beispiele quer durch die Musikgeschichte. Gleichsam eingekocht durch das Musikverein Festival, mit dem Löffel als symbolhafter Reliquie im Zentrum, ergibt das einen guten Monat lang, aus dem Winter hin- aus bis hin zu den Tagen rund um den Frühlingsbeginn des Jahres 2023 (auch das symbolkräftig!), eine wahre Kraftbrühe, aus der eine Schar erlesener Interpretinnen und Interpreten zu schöpfen wissen und Bekanntes wie Unbekanntes, Altes und Neues kredenzen. Hier einige Beispiele aus dem Programm des Festivals sowie deren Interpretinnen und Interpreten: „Das Klassische nenne ich das Gesunde und das Roman- tische das Kranke“, sprach Goethe 1829. Obwohl wir nicht die Kulturepochen aus unserem heutigen Sprachgebrauch auf den Satz projizieren dürfen, drückt er doch eine Differenz aus, die uns klar auch aus der Musik entgegenschallt. Dass einerseits Beethovens 2. Symphonie nichts von der Verzweiflung des zur gleichen Zeit entstandenen „Heiligenstädter Testaments“ verrät und die Fünfte Symphonie, per aspera ad astra, aus der tragischen Grundtonart c-Moll ins strahlende C-Dur des Finales mündet (Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, Elim Chan), während andererseits das späte Streichquartett op. 132 (Schumann Quartett) als langsamen Satz den berühmten, ganz persönlichen „Heiligen Dankgesang eines Genesenden an die Gottheit, in der lidischen Tonart“ enthält: Das kündet auch von einer Zeitenwende. Die Epoche der Romantik holt das Private ans Licht, sublimiert manchen Schmerz zu Kunst – etwa im Finale von Bedřich Smetanas Quartett „Aus meinem Leben“ (Schumann Quartett), wo der Komponist das traumatische Erlebnis von Tinnitus und beginnender Taubheit schockhaft hörbar macht. Person und Schaffen Robert Schumanns nicht zu vergessen, den Schlaflosigkeit, Depressionen und gleichfalls enervierende Ohrgeräusche und Gehörstäuschungen in eine fatale Krise trieben. Die Geschichte seines Violinkonzerts, eines wertvollen, lange missverstandenen Beitrags zur romantischen Konzertliteratur, wirkt stellenweise wie ein Groschenroman und gehört zu den bizarrsten Episoden der Musikhistorie. Noch vor der Uraufführung stürzte sich Schumann in den Rhein, was dazu führte, dass der Freund und Geiger Joseph Joachim und Clara Schumann zunehmend glaubten, an der Partitur Zeichen des geistigen Verfalls entdecken zu können. Das Werk blieb unter Verschluss – bis 1933 zwei Nichten Joachims erklärten, in Séancen von ihrem verstorbenen Onkel und dem toten Schumann selbst um Veröffentlichung des Violinkonzerts gebeten worden zu sein (Swedish Radio Orchestra, Daniel Harding, Christian Tetzlaff).

Dabei hörten bereits frühere Zeiten genau hin beim Leiden. Wie alarmierend exakt und im wahrsten Sinne ein- schneidend klingt bis heute „Le Tableau de l’opération de la taille“ des Marin Marais (Barockensemble La Ninfea), ein programmatisches Werk, in dem der Meister der Gambe eine (vermutlich seine eigene) Blasensteinoperation in Echtzeit in plastische Klänge übersetzt! An Anästhesie moderner Fasson war 1725 noch nicht einmal ansatzweise zu denken, der Eingriff mindestens so schmerzhaft und potenziell tödlich wie die vorausgegangenen Leiden. Da tröstet der Gedanke an das willkürlich eingenommene Opium, mit dem Hector Berlioz ein gutes Jahrhundert später seine Amour fou zur Schauspielerin Harriet Smithson als „Symphonie fantastique“ verarbeitet: Mit der Geliebten als leitmotivisch dargestellter „idée fixe“ im musikalischen Zentrum erlebt er in der Irrealität des Stücks einen todessehnsüchtigen Drogenrausch, in dem er gar für den Eifersuchtsmord an ihr hingerichtet wird – worauf er ihr in grotesker Verzerrung auf einem Hexensabbat wieder begegnet (Orchestre de Paris, Klaus Mäkelä).
Schon Mozart war überzeugt, der Tod sei der „wahre Endzweck unseres Lebens“ – und als solcher zieht seine Spur auch durch die Musik, direkt wie indirekt. Die Totenuhr tickt im Stirnsatz von Anton Bruckners Achter in der Fassung von 1890 (Wiener Philharmoniker, Christian Thielemann). Der Mozart-Verehrer Peter Iljitsch Tschaikowskij setzte mit seiner 6. Symphonie, der „Pathétique“ (Staatskapelle Berlin, Daniel Barenboim), einen bewusst anmutenden Schlusspunkt hinter sein Leben mit einer bipolaren Störung: Neun Tage nach der Premiere 1893 war er tot. „Dem Andenken eines Engels“ hingegen hat Alban Berg 1935 sein Violinkonzert gewidmet, also der 18-jährig an Kinderlähmung verstorbenen Manon Gropius, Alma Mahlers Tochter. Seine Aura erhält das Konzert durch die Tatsache, dass Bergs bewegendes Totengedenken zu seinem eigenen Requiem wurde: Der Tod des Komponisten vier Monate nach Vollendung machte es zu seinem letzten vollendeten Werk (Wiener Symphoniker, Lorenzo Viotti, Augustin Hadelich). 1973 schrieb Hans Werner Henze ein Klavierstück, das sich nach und nach zu einem großformatigen Werk für Klavier und Orchester auswuchs: Zusammen mit wörtlichen und verfremdeten Zitaten sowie elektronischen Zuspielungen entstand ein kaleidoskopischer, monumentaler Reigen musikalischer Assoziationen zum „Tristan“-Mythos, in den sich zuletzt Henzes persönlicher Schmerz mischt: durch die Trauer um seine Vertrauten W. H. Auden und Ingeborg Bachmann, die beide während der Komposition gestorben sind (ORF RSO Wien, Marin Alsop, Igor Levit). Eine Generation später näherte sich Gérard Grisey gleichsam mutig lauschend den Pforten zum Jenseits und schuf die „Quatre chants pour franchir le seuil“, beklemmende und zugleich rührend schöne Gesänge für Sopran und Ensemble – um kurz vor der Uraufführung 1998 im Alter von 52 Jahren zu sterben (Ensemble Kontrapunkte). Da bleibt nur die Hoffnung auf jene Auferstehung, die Gustav Mahler in seiner Symphonie Nr. 2 nach der „Todtenfeier“ des Kopfsatzes schließlich im Finale mit den vereinten Kräften von Chor, Soli und Orchester feiert (Orchestre de Paris, Wiener Singverein, Klaus Mäkelä). Der Auferstehungssymphonie wird die Uraufführung eines neuen Werkes für Orchester voran- gestellt. Mark Andre, dem der Musikverein 2022/23 ein umfassendes Porträt widmet, komponiert es im Auftrag der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.
Viele weitere Werke kommen hinzu, von Leiden und Tod Jesu in Johann Sebastian Bachs „Johannespassion“ (Concentus Musicus Wien, Stefan Gottfried) über Joseph Haydns letztes, aus Altersschwäche unvollständig gebliebenes Streichquartett (Chaos String Quartet) und den unerlässlichen „Liebestod“ aus Richard Wagners „Tristan und Isolde“ (Konzert der MUK) bis hin zum berühmten „Sturz in den Orkus“ in György Ligetis „Atmosphères“ (Swedish Radio Symphony Orchestra, Daniel Harding); von Franz Schubert, Richard Strauss, Jean Sibelius, Arthur Honegger, Olivier Messiaen oder Kaija Saariaho. Schamanismus, Heilkräuter und Zaubertränke werden angewendet, und sogenannte alternative Behandlungsmethoden wie der Tanz der Tarantella gegen den giftigen Spinnenbiss führen zu wundersamen Genesungen. 
Viele weitere Beispiele könnten genannt werden – das Gesamtprogramm des Festivals wird in einer eigenen Broschüre veröffentlicht werden, mit dabei sind u. a. auch: Jewgenij Kissin, Martha Argerich, Rudolf Buchbinder, Gautier Capuçon, Herbert Blomstedt, das Orchester Wiener Akademie, das Bach Consort Wien, das Black Page Orchestra, das Altenberg Trio, das Artis-Quartett und ein Kammermusik-Ensemble der Wiener Philharmoniker.

All die Konzerte im Musikverein Festival erzählen dabei auch von der transformierenden Kraft der Musik und damit von der stärkenden, heilenden Kraft der Kunst überhaupt. Genau darauf zielt auch die dänische Choreographin und Tänzerin Mette Ingvartsen in ihrem Stück „All around“, das das Tanzquartier Wien in Kooperation mit dem Musikverein im Festival „Beethovens Medizinlöffel“ präsentieren wird. „Ich denke darüber nach, wie ein Kunstwerk ein Elixier oder ein Zaubertrank für das Publikum sein kann, das wie ein Heilmittel für den aktuellen Zustand unserer Körper wirken kann, gegen unsere körperliche Immobilität, gegen Traurigkeit und Schmerz, gegen Irritationen und Frustration.“ In ihrer Performance „All around“ gerät Mette Ingvartsen in einen „ekstatischen und halluzinatorischen Zustand“, und die Zuschauerinnen und Zuschauer berichten, dass sie nach dem Erlebnis der Performance wie „verwandelt, energiegeladen und mit verändertem Bewusstseinszustand“ sind. „Das Stück fühlt sich an wie ein Heilmittel gegen die negativen Effekte, die unsere Zeit beherrschen“, so Mette Ingvartsen, „es funktioniert als eine Injektion von Energie.“

Dass auch das Musikvereinsprogramm für Kinder, Jugendliche und Familie aus dem Thema schöpft, versteht sich, und das auf denkbar vielfältige Weise: Die Produktion „Clara sieht Gespenster“ (Agathes Wunderkoffer) beschäftigt sich behutsam mit Robert Schumanns Krankheit und der damit verbundenen Entstehung seiner „Geistervariationen“. Bei „Topolina hat Aua“ (Topolina) hingegen müssen kleine Mäusewehwehchen mithilfe des Publikums versorgt werden. Die Kindervorlesung „Gruseliges aus dem Archiv“ (Die Musikforscher*innen) birgt allerlei Kuriositäten aus den hauseigenen Sammlungen, wie zum Beispiel Haar- locken verstorbener Komponisten oder den Totenschädel Joseph Haydns. Für Beethoven selbst allerdings war die beste Medizin der Welt: die Musik. Und so macht sich das große Orchesterkonzert „Klassik-Hits im Goldenen Saal“ (Capriccio) unter dem Titel „Ein Löffel voll Musik. Medizin für die Seele“ auf die Suche nach deren heilender Kraft. Am Ende wird das Thema um einen fantastischen Aspekt ausgeweitet, wenn bei „Nele und der Zauberlöffel“ (Allegretto), einer breit angelegten Koproduktion mit der Philharmonie Luxembourg, ein Zaubertrank verabreicht wird, um jemand ganz anderes zu werden …

Thomas Manns Roman „Der Zauberberg“, in dessen Themenkreis gerade Beethovens Medizinlöffel exemplarisch umrühren und aus ihm schöpfen könnte, schließt mit der rhetorischen Frage: „Wird auch aus diesem Weltfest des Todes, auch aus der schlimmen Fieberbrunst, die rings den regnerischen Abendhimmel entzündet, einmal die Liebe steigen?“ Wer Musik liebt, kennt die Antwort längst: Krankheit, Delirium und Tod stürzen uns, in Töne gegossen, nicht etwa in Verzweiflung, sondern bieten Stärkung, Trost, Heilung, Zuversicht auf dem menschlichen Weg.

Walter Weidringer

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