Richard-Strauss-Projekt

mit Andris Nelsons

Zu den Konzerten

Verbindungen schaffen, Verbindungen spüren: Das ist nach all den Lockdowns, dem Befangensein in Social Distancing und digitalen Ersatzhandlungen, ein starkes Bedürfnis. Wie aber könnte es schöner, tiefer beantwortet werden als in der Musik? Musik will berühren und bewegen, dazu sucht und braucht sie die Nähe: die Nähe zwischen Musizierenden und Hörenden, aber genauso die Nähe unter denen, die Musik machen. Andris Nelsons lebt diesen Gedanken mit seinen Orchestern. Als Gewandhauskapellmeister in Leipzig und als Music Director des Boston Symphony Orchestra möchte er nicht einfach nur hier und da Chefdirigent sein, Job-Splitting ist seine Sache nicht. Ganz im Gegenteil! Er sucht das Verbindende, so bewusst wie intensiv. Und so entsteht, im großen Team mit beiden Orchestern, ein singuläres Projekt: Richard Strauss, in partnerschaftlicher Balance musiziert vom Gewandhausorchester und dem Boston Symphony Orchestra. 
„Dieses gemeinsame Strauss-Projekt“, sagt Nelsons, „ist mir ein echtes Herzensanliegen, und ich muss sagen, dass mir während des Lockdowns allein schon der Gedanke daran Hoffnung und auch Trost vermittelt hat. Die Musik von Richard Strauss, die mir so viel bedeutet, mit dem Boston Symphony Orchestra und dem Gewandhausorchester aufführen und damit auf Tournee gehen zu können, ist für mich die Erfüllung eines Traums!“ Im Musikverein realisiert er sich im Mai 2022 an vier Abenden: zwei mit dem Boston Symphony Orchestra, zwei mit dem Gewandausorchester. Solistische Prominenz wird im einen wie im anderen Fall dabei sein: Yuja Wang reist mit dem Gewandhausorchester an, die Sopranistin Lise Davidsen gibt mit dem Boston Symphony Orchestra ihr viel erwartetes Musikvereinsdebüt. 

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Hinter dem einzigartigen gemeinsamen Unternehmen steckt nicht nur das leidenschaftliche Engagement der beiden Spitzenorchester dies- und jenseits des Atlantiks. Es fließt auch, fein inspirierend, Geschichtliches ein. Schon von der Gründung an gab es Verbindungen zwischen dem Boston Symphony Orchestra und der Musikstadt Leipzig. Henry Lee Higginson, Geschäftsmann und Gründer des Boston Symphony Orchestra, holte den in Leipzig ausgebildeten Georg Henschel als ersten Chefdirigenten nach Boston. Und schon von hier aus führen die Fäden auch nach Wien und zur Gesellschaft der Musikfreunde. Henschel, Dirigent und Sänger, war ein Freund des Wahlwieners Johannes Brahms. Noch enger wird die Wien-Connection bei Henschels Nachfolger: Wilhelm Gericke, Chefdirigent des Boston Symphony Orchestra seit 1884, kam direkt aus dem Musikverein, wo er als Konzertdirektor tätig war und als Ehrenmitglied verabschiedet wurde. Fünf Jahre lang blieb er in Boston. Dann folgte ihm ein Shootingstar, der in Wien am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde ausgebildet worden war: Arthur Nikisch. 1895 ernannte man Nikisch in Leipzig zum Gewandhauskapellmeister. In Boston besann man sich derweil wieder auf Gericke: Nach weiteren fünf Jahren als Konzertdirektor der Gesellschaft der Musikfreunde ließ sich der gebürtige Steiermärker erneut nach Amerika locken. 1898 bis 1906 stand er ein weiteres Mal an der Spitze des Boston Symphony Orchestra. Higginson erfüllte dem erfolgreichen Chefdirigenten jeden Wunsch – auch den, für das Orchester Geigen aus Wien anzuschaffen. 

Mit diesem Geigensound erlebte auch Richard Strauss das Orchester, und er war hingerissen: „Das Boston-Orchester“, berichtete er 1904 nach Hause, „ist wundervoll, Klang, Technik von einer Vollendung, wie ich’s kaum je getroffen. Dazu war das Orchester voller Begeisterung, denn es muß jahraus jahrein unter einem entsetzlichen Schuster spielen und atmete gestern geradezu auf.“ Das war eine Spitze gegen Gericke, niemand anderer war mit diesem „entsetzlichen Schuster“ gemeint. Dieser Gericke, berichtete Strauss von seiner großen Amerika-Tour, habe ihn ursprünglich gar nicht einladen wollen. Schließlich nahm das Orchesterkollektiv die Sache selbst in die Hand und holte den prominenten Gast aufs Podium. Strauss dirigierte in Boston Beethovens Achte, Wagners „Tristan“-Vorspiel und eigene Tondichtungen – „mit riesigem Erfolg“. Im Glücksgefühl begann dann auch sein brieflicher Bericht mit dem starken Satz: „Habe gestern mit einem der herrlichsten Orchester der Welt hier ein wundervolles Konzert dirigiert.“

Das hochberühmte Gewandhausorchester zeigte sich da etwas spröder. Freilich warb Strauss schon als kühner Jungspund um seine Gunst, damals noch ohne erhört zu werden. Die Reserviertheit war ihm Ansporn, es den Leipzigern erst recht zu zeigen. Mit dem Lisztorchester der Stadt suchte Strauss 1892 den Beweis, „daß auch die schwierigsten Stücke ohne die Gewandhäusler gehen … Solche Kampfsachen wie das morgige Konzert sind mein Fall.“ Allzu lang musste er aber auch hier nicht in Angriffshaltung verharren. Als 1907 erstmals in der Geschichte des Gewandhausorchesters offiziell ein Gastdirigent ans Pult gebeten wurde, fiel die Wahl auf Richard Strauss. Der „lang anhaltende, rauschende Beifall“ galt da schon einem weltberühmten Komponisten. Die Amerika-Tournee, drei Jahre zuvor, hatte seinen Ruhm glanzvoll bestätigt. 

Das Strauss-Projekt hat so eine starke historische Resonanz. Und doch ist es, ganz dezidiert, ein Projekt für die Gegenwart. „In diesen herausfordernden Zeiten“, so Andris Nelsons, „scheint mir vollkommen klar, dass die Verwirklichung einzigartiger Projekte für uns alle außerordentlich wichtig ist, um uns nach den Erfahrungen dieser Pandemie sichtbar zu verbinden, unsere Kräfte zu vereinen und im Geist der Solidarität bewegende und bedeutsame Ereignisse zu teilen. Ich hoffe von Herzen, dass wir allen, die es erleben können, damit ein großes Maß an Freude, an Erhebendem und Nährendem bringen können.“ Denn eines steht für Nelsons ohnehin fest: „Musik ist Nahrung für die Seele.“ Strauss hat aus diesem Geist Musik gemacht.

Joachim Reiber

Konzerte im Fokus

15. Mai 2022

Boston Symphony Orchestra
Andris Nelsons | Dirigent
Lise Davidsen | Sopran

Richard Strauss
Vier letzte Lieder, AV 150
Symphonia domestica, op. 53 

Anschließend: Auf ein Glas mit Andris Nelsons

Dieses Konzert ist Teil des Zyklus
Das Goldene Musikvereinsabonnement II

Sunday, 15. May 2022, 11.00 AM

16. Mai 2022

Boston Symphony Orchestra
Andris Nelsons | Dirigent

Richard Strauss
Till Eulenspiegels lustige Streiche 
Symphonische Fantasie aus der Oper „Die Frau ohne Schatten“, AV 146
Eine Alpensymphonie, op. 64

Dieses Konzert ist Teil des Zyklus
Das Goldene Musikvereinsabonnement I

Monday, 16. May 2022, 07.30 PM

25. Mai 2022

Gewandhausorchester Leipzig
Andris Nelsons | Dirigent
Yuja Wang | Klavier

Richard Strauss
Don Juan, op. 20
Burleske für Klavier und Orchester d-Moll, AV 85
Also sprach Zarathustra, op. 30

Dieses Konzert ist Teil des Zyklus
Meisterinterpreten III

Wednesday, 25. May 2022, 07.30 PM

26. Mai 2022

Gewandhausorchester Leipzig
Andris Nelsons | Dirigent

Richard Strauss
Macbeth, op. 23
Suite aus der Oper 
„Der Rosenkavalier“, AV 145
Ein Heldenleben, op. 40

Dieses Konzert ist Teil des Zyklus
Meisterinterpreten II

Thursday, 26. May 2022, 07.30 PM

Programm- schwerpunkte

der Saison 2021/22
Im Programm der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien finden sich in der kommenden Saison zahleichte Schwerpunkte. 

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