Seelenmusik mit Bittermints

Mitsuko Uchida und Schubert

Mitsuko Uchida ist eine Ausnahmepianistin – und dies nicht nur in ihrer Generation. Mit 14 Jahren debütierte sie im Brahms-Saal des Musikvereins, zwischen 1996 und 2001 spielte sie im Großen Saal des Musikvereins alle großen Klaviersonaten von Schubert ein. Im November kehrt sie mit einem Schubert-Zyklus hierher zurück. Michael Kube sprach mit ihr über die musikalischen, technischen, aber auch physischen Herausforderungen, Schuberts Sonaten zu spielen.


Frau Uchida, wann und wie sind Sie zu Schubert gekommen?

Mein Verhältnis zu Schubert geht ganz, ganz lange zurück, bis in meine Kindheit. Zunächst: Ich bin als normales japanisches Kind groß geworden. Meine Eltern wollten, dass ich als Mädchen, wie meine Geschwister auch, Klavierstunden bekomme. Ich habe also angefangen, Klavier zu lernen, und die Lehrerin soll zu meiner Mutter gesagt haben: „Die Kleine, die Sie mitbringen, ist interessierter als die beiden größeren zusammen.“ Das war wohl mit drei Jahren. Ich selbst kann mich natürlich an nichts erinnern – aber ich kenne keine Zeit, zu der ich nicht Klavier gespielt hätte. Schon als Kind habe ich „Am Brunnen vor dem Tore“ sehr geliebt, natürlich kannte ich damals nur das Silcher-Arrangement für Männerchor. Als ich dann Schubert selbst spielte, war er mir am nächsten. Das war ganz merkwürdig. Mit etwa neun Jahren habe ich die Impromptus (D 899) bekommen. Ich wollte unbedingt die Nr. 1 spielen, so fasziniert war ich davon. Aber meine Lehrerin hat mir das damals verweigert: Es sei nichts für ein Kind. Ich liebe dieses Stück noch immer. Zu Schubert hatte ich eher eine Verbindung als zu anderen Komponisten. Schubert und ich, wir teilten die Einsamkeit. Mozart hingegen war so schwierig! So kompliziert! Er ist so unglaublich genau, das wusste ich als Kind schon.


Ist für Sie also Schubert weniger kompliziert?

Er ist anders kompliziert. Mozarts Musik geht wahnsinnig schnell. Er denkt so schnell, dass er nicht immer zu denken braucht. Seine Noten haben alle Möglichkeiten, sich zu verwandeln – harmonisch gesehen. Deswegen verwandelt sich Mozarts Musik so schnell. Auch emotional, psychologisch – er weint und lacht zugleich. Bei Schubert ist das anders. Die Musik braucht Raum – er träumt. Es ist eine Seelenmusik. Wenn ich das einfach beschreiben darf: Beethoven hat eine Vision, die Vision des Universums; und er hat die unglaubliche Kraft, in Tragik das Licht zu sehen. Er kann aufblicken. Schubert aber blickt nicht auf. Er hat seinen Blick auf den Horizont gerichtet, und da ist die Ewigkeit, und die Ewigkeit ist der Tod. Das alles ist Schubert. Und er ist dabei so schrecklich einsam – aber die Sehnsucht bleibt.

Und dennoch empfinde ich etwa Ihre Interpretation des Kopfsatzes der großen Fantasie-Sonate G-Dur (D 894) erstaunlich gelöst.

Wissen Sie, das Tempo „molto moderato e cantabile“ heißt nicht stillstehen. Schuberts Tempi sind nicht so professionell wie bei Mozart gesetzt, man muss ihnen mehr Gespür entgegenbringen. Das ländlerische Element im zweiten Thema etwa darf nicht steif werden. Schubert hat ja die österreichische Musik gekannt – das ist da, trotz der Einsamkeit. Das kann man nicht einfach so wegschieben, nur weil’s traurig sein soll. Um zu musizieren, muss ich offen bleiben, muss ich der Musik selbst zuhören können. Man darf sich nicht der fixen Idee hingeben, bei Schubert sei alles tragisch. Das stimmt nicht. Gott sei Dank nicht. Er lächelt auch. Es ist nicht fröhlich, aber es gibt fröhliche Momente.


Schubert ist nie außerhalb der Schubertiaden öffentlich als konzertierender Pianist aufgetreten; vermutlich war er ein passabler Spieler, aber kein großer Virtuose auf dem Klavier. Merkt man davon etwas in seinen Sonaten?

Denken Sie an Ferdinand Hiller, der als junger Student mit seinem Lehrer Hummel nach Wien kam. Bei einer Gesellschaft hörte er Schubert und seinen Sänger Vogl beim Liedvortrag. Jahrzehnte später hat er sich dann erinnert, dass zwar Schuberts Spiel weit davon entfernt war, meisterlich zu sein, doch habe er die Musik nie wieder so gehört. Schubert konnte also spielen, aber er konnte nicht fabelhaft oder brillant spielen. Ich bin übrigens überzeugt, dass er am liebsten auf einem Graf’schen Klavier gespielt hat, nicht auf dem von Streicher. Denn wenn ich auf einem Graf Schubert spiele, dann stimmt die Musik. Wissen Sie, wo ich den Graf gespielt habe? Im Marmorsaal des Kunsthistorischen Museums. Da kommen knapp 100 Leute rein. Das war perfekt!

Spielen Sie also gern auf historischen Instrumenten?

Ja, was glauben Sie!

Aber im Musikverein …

… spiele ich auf einem wunderschönen Steinway. Für einen Graf ist der Saal zu groß.


Wo liegen die Unterschiede?

Um nur ein sofort sichtbares Detail zu nennen: Der Graf hat feinste Abstufungen durch gleich drei dynamische Pedale, ein heutiges Instrument hat aber nur eines. Und dann sind da noch die Obertöne, die sich auf einem Steinway leicht überhäufen können. Zum Beispiel in der großen a-Moll-Sonate (D 845), in der fünften Variation des langsamen Satzes. Sie besteht größtenteils aus Repetitionen im Pianissimo. Das zu kontrollieren ist eine andere Art von Technik. Man assoziiert mit Technik oftmals schnell und laut, bei Schubert aber ist es gerade umgekehrt.

Vor zwanzig Jahren haben Sie im Goldenen Saal des Musikvereins die großen Schubert-Sonaten aufgenommen. Welche Erinnerung haben Sie daran?

Im Goldenen Saal des Musikvereins hat man einen Schubert-Klang wie nirgendwo anders. Ich merkte es auch Jahre später, als ich hier einmal die Fantasie-Sonate spielte: Obwohl ich auf einem Instrument spielte, das neu für mich war, hörte ich, was ich mir immer als idealen Klang meines Flügels gedacht hatte.

Ihr Schubert-Sonaten-Zyklus im Musikverein beginnt nun im November mit zwei Konzerten und wird in der kommenden Saison, wieder im November, fortgesetzt. Nach welchen Gesichtspunkten haben Sie das Programm zusammengestellt?

Ich wollte auf jeden Fall nicht einfach chronologisch vorgehen, sonst hätte ich nur die frühen Sonaten im ersten Konzert spielen müssen – und das wollte ich nicht. Außerdem müssen die drei Sonaten in a-Moll voneinander getrennt werden, genauso die zwei A-Dur-Sonaten. Das waren die Grundsätze. In einem inspirierten Moment, in nur zehn Minuten, habe ich dann (bis auf eine Ausnahme) diese Aufstellung gemacht. Ich wusste, dass ich die Serie mit der c-Moll-Sonate (D 958) anfangen und natürlich mit der B-Dur-Sonate (D 960) aufhören werde. Wenn ich mit der schönen A-Dur-Sonate (D 664) anfangen würde, wäre das Bild ein anderes. So kommt sie nach der in c-Moll, was musikalisch die Illusion von Hoffnung gibt. Am Schluss des ersten Abends steht die G-Dur-Sonate – trotz ihrer Schönheit ist diese Musik so einsam …


Ganz pragmatisch gefragt: Drei Sonaten an einem Abend bedeuten auch eine physische Herausforderung. Wie halten Sie das durch?

Das wird schrecklich, ich werde sterben. So ist das. Aber ich habe auch schon einmal die drei letzten Schubert-Sonaten an einem Abend gespielt. Das war noch härter. Sie müssen wissen: Ich bin kein natürlicher Bühnenmensch, eigentlich spiele ich viel lieber zu Hause.

Wie präparieren Sie sich auf solch lange Konzerte?

Manche Stücke muss man einfach so vorbereiten, dass sie auch von selbst gehen. Es gibt Sätze, die muss man so verinnerlicht haben, dass man sie im Schlaf spielen könnte – und trotzdem ist das niemals automatisch. Nach zwei Sonaten die Konzentration noch hoch zu halten, ist eine unmenschliche Arbeit, wenn man dabei selbst noch die Schönheit der Musik erleben, ja, sogar genießen will!

Und in der Pause?

Man ruht sich in der Pause aus und atmet sehr tief. Und ich nehme viel Vitamin C, eine halbe Aspirin und Knoblauch-Extrakt. Das nehme ich sowieso vor allen Konzerten. Da hält die Energie. Das habe ich bei Plattenaufnahmen entdeckt, es macht wirklich einen Unterschied. Und fast hätte ich es vergessen: natürlich dunkle britische Bittermints – aber nur meine Lieblingssorte!


Das Gespräch führte Michael Kube.
Dr. Michael Kube ist hauptamtliches Mitglied der Editionsleitung der Neuen Schubert-Ausgabe und Mitarbeiter des Berliner Klassik-Portals Idagio. Als Privatdozent lehrt er Musikgeschichte an der Musikhochschule Stuttgart sowie an der Universität in Würzburg.