Ikonen

Martha Argerich und Zubin Mehta

„Gegen große Vorzüge eines andern gibt es kein Rettungsmittel als die Liebe.“ So lässt der Goethe der „Wahlverwandschaften“ Ottilie in ihr Tagebuch schreiben. Und Wahlverwandtschaften prägen auch dieses Doppelporträt: Martha Argerich und Zubin Mehta.

Es gibt Künstler, die vor dem großen Publikum eine dergestalt unbestreitbare Position und Aura gewonnen haben durch die Jahrzehnte, dass man sie ebenso enthusiastisch wie kritisch bewundern kann, weil die Liebe dadurch in keiner Weise angefochten ist. Genau das trifft auf Martha Argerich und Zubin Mehta zu, die – beide heute in ihren Achtzigern – unbeirrbar aktiv unser Musikleben mit eherner Qualität krönen.

Zubin Mehta
© Monika Rittershaus

Zubin Mehta 

16. September 2022

Wiener Philharmoniker
Zubin Mehta | Dirigent 
Martha Argerich | Klavier 

Robert Schumann
Konzert für Klavier und Orchester a-Moll, op. 54
Anton Bruckner
Symphonie Nr. 4 Es-Dur, „Romantische“

Friday, 16. September 2022, 07.30 PM

Zubin Mehta ist der Meister der Balance: einer Balance von Engagement und Diskretion. Die Aufwandlosigkeit für das Auge des Publikums spiegelt sein völliges Verwobensein mit dem Orchester. Mehta kann in der Musik verschwinden, ohne abwesend zu sein. Seine Aura bleibt. Er ist Inder – und wir empfinden ihn doch ganz und gar als Europäer. Dabei ist und bleibt er stets mit ganzem Herzen der Mann aus Bombay, der sein Talent in Wien europäisch gebildet hat. Er ist aber auch auf anderen Kontinenten ideal präsent, weil seine Persönlichkeit eben „schwebt“ – symbolhaft über allem mit dem Israel Philharmonic. Ansässig ist er seit einem halben Jahrhundert in Amerika. Seine Chance, Europa objektivierend wahrzunehmen, hat er jung bestens genutzt. So denkt man mit Beglückung an sein Salzburger Debüt 1965 – er gab es, noch nicht einmal dreißigjährig, mit Mozarts „Entführung“ in Giorgio Strehlers unvergleichlicher Inszenierung (mit Wunderlich, Rothenberger, Corena, Grist, Unger, Heltau) – da ging ein Stern auf, ebenso leuchtend wie schwebend, und so ist’s bei aller Ab- und Verklärung geblieben. Sein Mozart war auf seine Art „kosmisch“ … herrlich für das „deutsche“ Singspiel „alla turca“, das er mit Strehler aus dem Klischee erlöste.
Auf dieses schwebende Naturell Mehta trifft – und das durch Jahrzehnte immer wieder – die letztens achtzigjährige Martha Argerich, die „Löwin am Klavier“ (so zumindest der deutsche Titel ihrer französischen Biographie). Wahr ist: Ihr geradezu unfassliches Temperament mit allem Mut zum Wagnis ist ungebrochen. Faszinierend, wie sie so nie Gefahr laufen konnte, zum Denkmal ihrer selbst zu werden. Betrachtet man dieses Frauen- und Künstlerleben, so ist es auch hier die Spannung zwischen den Mentalitäten, die sich in ihr treffen. Sie stammt aus einer jüdisch-russischen Familie, die nach Argentinien ausgewandert ist, wo sie in Buenos Aires geboren wurde – der Boden für eine Dialektik der Begegnungen. Das explosive Moment des Unvorhersehbaren zeichnet das Leben dieser Künstlerin und Frau, das Unangepasste findet sich wieder in ihrer Art, Musik zu leben.

Martha Argerich sucht sich mit ihrer sensationellen Frühbegabung – seit ihrem siebten Lebensjahr weiß die Öffentlichkeit davon – Lehrer in der ganzen Welt: Gulda, Michelangeli, Askenase. Leitbild Horowitz. Virtuosität, stupende, paart sich mit Sinnlichkeit, die bestürzend natürlich das Publikum trifft. Dass Liebe nicht kollisionsfrei ist, gerade das macht ihr Spiel so menschennah. Sie sucht die Gefahr und findet Wege, sie zu meistern, und spricht sich aus in Musik. Die frühen Dokumente auf ihren sprichwörtlichen Hochglanz-DG-Aufnahmen, nachdem sie die wichtigsten Preise (etwa Chopin, Busoni) mitnahm, erweisen es. Ihre Debüt-Aufnahmen zielen gleich auf die großen Konzerte: Chopin, Liszt, Ravel mit Abbado; zuvor schon Tschaikowskij, Rachmaninow, Prokofjew und immer wieder das Schumann-Konzert – das Schicksalsstück, das sich ihr anverwandelt hat, nicht sie ihm. Alles das hat man stets bewundert, vor allem auch jenen neuen Prokofjew, den sie uns schenkte: das Perkussiv-Motorische vermochte sie plötzlich mit Charme zu umfangen und eine Schönheit daraus zu „schlagen“. Und dann kam die Bach-Aufnahme: Toccaten, Partiten, Suiten … Bach klavieristisch-modern in der Hoch-Zeit des Original-Purismus vollkommen sinnlich und plötzlich uns unerhört nahe.

Wenn nun die „klassische“ Sternstunde in Wien zustandekommt mit ausdrücklich „romantischem“ Programm wie Schumann und Bruckner, könnte man meinen, hier würden sogenannte „War Horses“ geritten, das also, was auf jeden Fall jedem gefällt. Die Sorge wäre berechtigt, wenn nicht diese Biographien hinter den Interpreten stünden, die Argerich wie Mehta aufzuweisen haben, ein Leben, das im Grunde keine Wiederholung zulässt, weil Leben und Musik in diesen Persönlichkeiten identisch sind. Damit repräsentieren sie zumindest ein halbes Jahrhundert Geschichte, bedeuten kulturelles Gedächtnis, das uns zu bewahren nottut. Und so ist wunderbar, dass Martha Argerich unter Mehtas Stab demnächst in Wien eine mehr als sieben Jahrzehnte nie altgewordene Liebe feiert: Exakt 1952 trat sie erstmals auf mit Schumanns Klavierkonzert. Und von da an war Schumann ihr „Stern“, Stern der gefeierten Chopin-Preisträgerin, grandiosen Prokofjew-Erlöserin, der erregenden Ravel-Zauberin. Einmal hat sie gesagt, ihr sei Schumann näher als Chopin. „Mehr Geheimnis.“ Ihr Wort. Sie ist nicht jene Interpretin, die das Wesen Clara Schumanns repräsentiert, der dieses Konzert auf den Leib geschrieben ist … Martha Argerich ist die Frau von hier und heute, und mit ihr wird dieses Werk auch ein Stück von uns. Sie hat es unter unzähligen Dirigenten gespielt, sogar unter Celibidache – denkwürdig bei diesem Anwalt musikalischer Wahrheit.

Celibidache. Besondere Bewandtnis, die den Menschen und Künstler Mehta wie Weniges zeichnet: eine bewegende Geschichte der Münchner Philharmoniker unter „Celi“ beim Gastspiel im Musikverein, die der Bratschist Gunter Pretzel erzählt: „Wien, Goldener Saal Musikverein, Mitte der 90er Jahre, Celi kurzfristig krank ausgefallen, Zubin Mehta springt ein, Bruckner. Seine große Fähigkeit, das Bestehende zu übernehmen, seine Spannkraft und Frische dazuzugeben. Wie ich es erlebt habe: Im langsamen Satz eine weite Steigerung. Mehta ist auf dem Gipfelpunkt angekommen. Aber: es wächst weiter, über das Maß dessen hinaus, was ihm bisher als Größtes erschienen war … seine Arme bleiben halb erhoben, er schaut uns nur an, fassungslos vor dieser ihn überwältigenden Größe – bis er wieder die Führung übernehmen kann. Beim Schlussapplaus bleibt er im Künstlerzimmer, der Orchestervorstand schaut nach ihm, er sitzt dort mit Tränen in den Augen. Dann kommt er heraus, bittet das Publikum um Stille und sagt: ,Es war nicht nur ich. Jemand anderes, Größeres, hat hinter mir gestanden.‘ Jedem, der damals von uns dabei war, kommen noch heute die Tränen in die Augen, denn auch um uns war es da geschehen.“

Wenn nun Zubin Mehta mit den Wiener Philharmonikern, denen er innig verbunden ist, im Goldenen Saal Bruckners Vierte Symphonie erklingen lässt, wird sich wiederum sein Ohr für das Mysterium offenbaren. Dieses Ohr ist beiden „Ikonen“ eigen, Martha Argerich wie Zubin Mehta: zwei Künstlerpersönlichkeiten, die sich dem Geheimnis nähern und nicht nur Musik „machen“, sondern jenes, mit Goethe, „Unzulängliche“ neu heranrufen. Das also, worauf wir nicht „zulangen“ können – damit es in Musik „Ereignis“ werden kann.

Georg-Albrecht Eckle
Georg-Albrecht Eckle lebt in München und ist Autor und Regisseur – mit einem besonderen Akzent auf dem Dialog zwischen Wort und Musik.

Monatsmagazin Musikfreunde September / Oktober 2022

Es ist alles eine Frage der Balance, erst recht in der Kunst. Und je höher oder auch tiefer es geht im Streben ums Bestmögliche, umso größer wird die Herausforderung. Christian Thielemann, dem wir in der Saison 2022/23 einen eigenen Zyklus widmen, erzählt davon im Exklusivinterview für diese Ausgabe: „Das Leise – oder besser das Differenzierte: Mit dem Streben danach verbringt man am Pult sein halbes Leben.“ Das erste Konzert unseres Thielemann-Zyklus ist zugleich der Saisonauftakt: glanzvoller Start eines enorm reichen, vielfältigen Konzertjahrs, geprägt von künstlerischer Exzellenz. Beethoven, Bruckner, Strauss und Mahler sind die Komponisten im Thielemann-Zyklus – besonders gespannt darf man dabei auf Thielemanns Mahler-Interpretation sein. Denn gerade hier, erläutert Thielemann, hat er sich lange Zeit gelassen, um seinen Weg zur Balance zu finden: darauf zu achten, nicht zu viel „machen“ zu wollen und der Musik den Raum zu geben, der ihr ohnehin schon eingeschrieben ist.