The Farewell

Dem Emerson String Quartet zum Abschied

Bis Herbst 2023 ist sein Terminkalender mit einem „Long Goodbye“ durch die Welt seiner Liebhaber dicht gefüllt – und dann will sich dieses kostbare Ensemble tatsächlich als Quartett auflösen. Eine große Geschichte geht damit zu Ende. Im und vom Musikverein verabschiedet sich das Emerson String Quartet am 6. November.

Auflösen wird es sich als Quartett, und doch: sich nicht lösen von dem, was ihm wichtig ist. An den künstlerischen Nachwuchs soll und wird dieses ganz Besondere in ausgewählten Kontexten weitergegeben werden. Das Emerson String Quartet repräsentiert einen Stil, den man in seiner gewissen Objektivität als „amerikanische Identität“ bezeichnen kann. Zum europäischen Individualstil bot er eine Alternative, die fähig war, unsere Hörgewohnheiten zu hinterfragen. Die Musiker dieses Ensembles haben sich nicht ohne Grund dem Erbe eines explizit amerikanischen Philosophen verschrieben: Ralph Waldo Emerson (1803–1882) mit seiner Lehre vom amerikanischen Transzendentalismus, der das Göttliche im Menschen sucht und poetisch darstellt, und poetisch heißt nicht zuletzt musikalisch. Die Idee sinnlich erlebbar zu machen, das könnte das von Emerson abgeleitete Leitbild für die vier Musiker des Emerson Quartet bei seiner Gründung im Jahre 1976 gewesen sein. Wohl kaum ein Quartett hatte sich von Anbeginn je einem philosophischen Anspruch verpflichtet – die Emersons machten ihn auf ihre Weise wahr: Werk für Werk, Konzert für Konzert.

Emerson String Quartet
© Jürgen Frank

Emerson String Quartet 

6. November 2022

Emerson String Quartet

Joseph Haydn 
Streichquartett G-Dur, Hob. III:41
Johannes Brahms
Streichquartett B-Dur, op. 67
George Walker
Lyric 
Dmitrij Schostakowitsch 
Streichquartett Nr. 12 Des-Dur, op. 133

Sunday, 06. November 2022, 07.30 PM

Und vor allem: Aufnahme für Aufnahme, denn das Emerson Quartet war wie kaum ein Ensemble von frühauf medienbewusst konzipiert – und ausgerechnet die Deutsche Grammophon erkannte rechtzeitig das Potenzial und produzierte schon früh ganze Serien von Vorbild-Aufnahmen mit den Emersons, und das dann weiter durch die Jahrzehnte. So ist dieses Ensemble zum „Kultquartett“ geworden: In luxuriösen Produktionen wurde alles dokumentiert, was im Quartettrepertoire gut und uns teuer ist, die größten Quartettmeister sogar mit ihrem Gesamtwerk. Und auch ihren heimatlichen Auftrag haben die Emersons zur Mission gemacht: Ives und Barber natürlich modellhaft realisiert, zudem weniger bekannte Komponisten aus der Neuen Welt promoviert. Seit dem Vier-Jahrzehnte-Jubiläum des Quartetts liegt eine Ausgabe aller DG-Aufnahmen auf 52 CDs vor, zudem neuerdings unter dem Titel „Legendary DG-Recordings“ eine bestrickende Blütenlese … Was will man mehr. Die „legendäre“ Leistung zeigt sich nicht zuletzt darin, dass die Emersons mit jener Kollision von moderner und historisch bedingter Klangvorstellung höchst reflektiert umzugehen wussten – als das, was sie sind: the „Sophisticated Quartet“.

Bereits in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts nämlich setzten bei uns Ensembles aus der Neuen Welt, vor allem die US-Spitzenorchester, klangästhetische Signale, indem sie eine umfassendere Klangvorstellung transportierten. Auf dieser Basis wurde denn auch das Genre Streichquartett aus einer elitären Nische der „musica risvervata“ herausgeholt und gleichsam popularisiert. Der Kammermusiker wurde solcherart zum Hermeneuten der Amplifikation, zum Mittler der intimsten und fili­gransten musikalischen Visionen, die er „übersetzen“ muss. Und das gelingt gerade den Emersons immer wieder brillant – in Aufnahmen mit Hilfe der Technik; gerade das aber war ihnen nicht wirklich genug. Sie haben, ihrer Zeit voraus, die Biotop-Sphäre der Studioproduktion verlassen und Liveaufnahmen – modellhaft geradezu bei Schostakowitsch – als gültig publiziert, die in der Natürlichkeit der echten Konzertsituation stupend sind. Zur Kunst dieser Quartettisten gehört aber auch eine schöne und entspannte Natürlichkeit, dies durchaus im Geiste ihres Philosophen mit seiner Vision der Natürlichkeit als Grundbedingung – und die wiederum braucht mentale Distanz zu sich selbst … Man muss auch noch lächeln können! Köstlich, wie die Emersons mit Grenzen zu spielen verstehen und so sich auch, mit einem gewissen Augenzwinkern, die Freude gönnen, Mendelssohns Oktett zu viert im Play-back-Verfahren aufnehmen …

Im Kern bleibt – wo und wie immer – jede Interpretation Arbeit auf des Messers Schneide und wird „live“ stets zum Abenteuer, auch wenn die Werke längst in hochkarätigen Aufnahmen vorliegen. Die Musiker huldigen Wien zum Abschied mit Haydn, dem sie in ihren Aufnahmeprojekten eine große Bühne geschaffen hatten, wodurch die Werke auch klanglich näher an uns heranrückten. Und dann mit Brahms, dem in seiner Intimität Schwierigen – und da haben die Emerson-Musiker unter den drei Quartetten für Wien auch das Opus 67, das zarteste, gewählt. Auch einen genuin amerikanischen Gruß bringen sie uns musikalisch mit zum Wiener Abschied: George Walkers (1922–2018) Quartettsatz „Lyric“ – Komponist und bekannter Lehrer afroamerikanischen Ursprungs und berühmt als Pulitzer-Preisträger. Irgendwie ist er nicht nur Zeitgenosse Samuel Barbers, sondern ihm auch musikalisch nahe: Die amerikanische „Nationalhymne der Herzen“ stammt mit dem weltberühmten Adagio von 1936/38 aus Barbers Feder, und Walkers „Lyric“ von 1946, Satz aus dessen Erstem Streichquartett, gesellt sich dazu wie ein Geschwister. Die Emersons bringen diese Musik sozusagen als ein Stück Heimatliebe und demonstrieren auch damit den Geist ihres Philosophen: Individualität mit Gemeinsinn. Dieses Ensemble ist eben kein stures Quartett: Sie spielen gern auch Kammermusik aller Art in veränderter Formation, wechseln am ersten Pult, sind flexibel im Zusammenspiel mit den wichtigsten Persönlichkeiten und Stilen unseres Konzertlebens weltweit. Harmonierende Individualitäten, Menschen, fähig zur Gemeinsamkeit durch Musik: Davon spricht der innige Satz „Lyric“ von George Walker.

Als „letztes Lebewohl“ offenbart das Emerson String Quartet in Wien noch einmal seine im wahrsten Wortsinne moderne Kunst durch eine Interpretation des Zwölften Schostakowitsch-Quartetts – ihre Aufnahme aller Quartette dieses Schmerzensmanns der modernen Musikgeschichte ist bahnbrechend, nicht zuletzt weil sie, kühn genug, vollendet werkentsprechende Live-Produktionen sind, aufgenommen beim Aspen Festival. Beim Zwölften Quartett ereignet sich, dass diese Musiker ihre scheinbar unantastbare Klangästhetik überspringen können. Die Emersons vermögen hier in diesem fast verschwiegenen Zweisätzer mit enorm diskreten Bewegungsmomenten Schönheit wie deren Bedrohung fast gnadenlos mitzuteilen, sodass der finale Ausbruch ebenso Verzweiflung wie Hoffnung symbolisiert. Dieses verzweifelte Dur – viel zu schön, um wahr zu sein! Vielleicht aber spielt der Komponist „live“ seinen Interpreten demnächst in Wien ganz anders mit als je erwartbar …? Das Emerson Quartet geht – und bleibt als gelebte Idee progressiven Musikmachens in uns. Unverlierbar.

Georg-Albrecht Eckle
Georg-Albrecht Eckle lebt in München und ist Autor und Regisseur – mit einem besonderen Akzent auf dem Dialog zwischen Wort und Musik.

Monatsmagazin Musikfreunde November 2022

Offene Räume erwarten Sie, wenn Sie in den Musikverein kommen – und das ganz besonders am 6. November, wenn das „Claudio Abbado Konzert“, Herzstück des Festivals Wien Modern, auch programmatisch mit offenen Räumen beginnt: mit „Open Spaces II“, einem Werk von Georg Friedrich Haas. Die offenen Räume sind hier ganz wörtlich zu verstehen. Das Konzert beginnt im Foyer und in der ehemaligen Kutscheneinfahrt des Musikvereinsgebäudes und lädt dazu ein, sich erst einmal frei im Haus durch „transparente Klangräume“ zu bewegen, bevor dann im Großen Musikvereinssaal das nächste Werk gespielt wird: ein Stück von Mark Andre, der in dieser Saison als „Komponist im Fokus“ eine zentrale Rolle im Programm des Musikvereins spielen wird.

Magazin als PDF