Leuchtendes Licht 

Isabelle Faust mit dem Dvořák-Violinkonzert

„Dieses Licht, das er so schön zum Leuchten bringt, das hat mich immer fasziniert“, sagt Isabelle Faust, Porträtkünstlerin des Musikvereis 2022/23, über das Violinkonzert von Antonín Dvořák. Im Musikverein spielt sie das faszinierende und immer noch viel zu selten gespielte Konzert nun mit den Wiener Symphonikern unter Philippe Herreweghe, gefolgt von einem Abend mit den „Kafka-Fragmenten“ von György Kurtág. Thomas Leibnitz erzählt vorab von Dvořáks Meisterwerk, das 1883 in Prag uraufgeführt wurde: im selben Jahr, in dem dort Franz Kafka geboren wurde.

„Du hast keine Ahnung, wie es unsereinem zumute ist, wenn er immer so einen Riesen hinter sich marschieren hört.“ Ein Ausspruch Johannes Brahms’ gegenüber dem Dirigenten Hermann Levi, und Brahms braucht nicht zu erklären, wen er mit dem „Riesen“ meint: Es ist Beethoven, der „Übervater“ des 19. Jahrhunderts, das uneinholbare Vorbild. In diesem Jahrhundert marschieren viele Riesen, und auch Brahms selbst ist einer, zumindest in den Augen vieler Zeitgenossen, die den meisterlichen Beherrscher der traditionellen Formen schätzen und verehren. Unter diesen Zeitgenossen findet sich ein junger Komponist aus der böhmischen Provinz, Antonín Dvořák, der den Blick nach Wien richtet und auf Ermutigung und Unterstützung durch den berühmten älteren Kollegen hofft. Wird Brahms, bekannt für abweisende und ruppige Äußerungen anderen Musikern gegenüber, von seinen kompositorischen Versuchen überhaupt Notiz nehmen?

Isabelle Faust
© Felix Broede

Isabelle Faust 

9. und 10. November 2022

Wiener Symphoniker
Philippe Herreweghe | Dirigent
Isabelle Faust | Violine

Robert Schumann
Ouvertüre zu Szenen aus Goethes „Faust“
Antonín Dvořák
Violinkonzert a-Moll, op. 53
Robert Schumann
Symphonie Nr. 2 C-Dur, op. 61

Anschließend am 9.11.2022: Auf ein Glas mit Philippe Herreweghe und Isabelle Faust 

Mittwoch, 09. November 2022, 19.30 Uhr

Thursday, 10. November 2022, 07.30 PM

Ja doch, o Wunder, er tut es, und noch dazu aus eigenem Antrieb. Der Brahms-Freund Eduard Hanslick, zugleich der gefürchtetste Kritiker seiner Zeit, vermeldet 1877 an Dvořák die frohe Botschaft: „Johannes Brahms … interessiert sich sehr für Ihr schönes Talent.“ Damit beginnt eine Freundschaft, die fraglos ein leichtes Ungleichgewicht aufweist: hier Brahms, der etablierte und prominente Komponist, der dem jugendlichen Musiker väterliche Zuneigung spendet, dort Dvořák, dem verehrten Freund treu ergeben und sich stets seinem künstlerischen Urteil unterwerfend. Mit der Hinwendung zu Brahms hat sich Dvořák, wohl ohne dies ausdrücklich anzustreben, im musikalischen Parteienstreit der Zeit positioniert, im Konflikt zwischen dem „konservativen“ Lager um Brahms und dem „fortschrittlichen“ um Wagner und Liszt. Und seine Neigung zum „Musikantischen“, zu einprägsamer Melodik und zu den traditionellen Formen, begünstigt die Zuordnung durchaus. Muss Musik immer so „schwer“, so gedanken- und philosophiebefrachtet daherkommen wie in Wagners Musikdramen? Nein, meinen viele Zeitgenossen, und die Brahms-Freundin Elisabeth von Her­zogenberg bringt es – aus ihrer Sicht – auf den Punkt: „Das ist eigentlich einer der bösesten Einflüsse Wagners, daß er die liebe, frische, naive Sinnlichkeit aus der Welt geschafft hat und eine schwüle, lüsterne, schwermütige, fatale an deren Seite gesetzt, die immer nach Todessehnsucht riecht und bei der der Zuschauer immer eine Art schlechten Gewissens hat, als beginge er eine Indiskretion, daß er dabei ist.“

Schwüle, lüsterne Sinnlichkeit – das ist nun tatsächlich Dvořáks Sache nicht, und so sieht das auch die Mitwelt. Die Musik des jungen Böhmen zeige, so der Musikkritiker Louis Ehlert 1878, „keine Spur von Ergrübeltem und Gemachtem“ und müsse als etwas „sehr Erfreuliches“ betrachtet werden, denn „die Männer, welche uns in der Musik gegenwärtig am meisten interessieren, sind so furchtbar ernst“. Der gefürchtete Eduard Hanslick billigt Dvořák den „exotischen Duft czechischer Flora“ zu und ist sich in der Bewertung mit Brahms einig: „Freuen wir uns, in unserer productionsarmen, reflectierten Zeit noch einem naiv empfindenden, fröhlich schaffenden Talent wie Dvořák zu begegnen.“ Das Bild des fröhlich und unreflektiert Schaffenden hält sich hartnäckig in der Meinung des Publikums und verzerrt sich zum nationalistischen Verdikt, wenn Hans Joachim Moser 1944 über Dvořák urteilt: „Seiner Musik fehlt fast immer das Wesentlichste der deutschen Tonkunst: ihr metaphysischer Hintersinn, ihre Beseeltheit und Besinnlichkeit …“ Dabei befasste sich Dvořák sehr wohl mit dem Strukturell-Architektonischen in der Musik und empfand klar die herausfordernde Notwendigkeit, aus Einfällen etwas zu „machen“. Ausdrücklich merkt er an: „Einen schönen Gedanken zu haben, ist nichts Besonderes. Der Gedanke kommt von selbst und ist er schön und groß, so ist dies nicht des Menschen Verdienst. Aber den Gedanken gut auszuführen und etwas Großes aus ihm zu schaffen, das ist das Schwerste, das ist – Kunst!“

Und wie „funktioniert“ dies etwa in seinem Violinkonzert? Feines Empfinden für formale Dimensionen, eine große Sensibilität im Austarieren der Gewichte der Sätze wird hier spürbar. Dvořák verschmilzt den ersten und den zweiten Satz zu einer Einheit – insgesamt ist der Charakter dieses Doppelsatzes von Lyrik und Beschaulichkeit erfüllt, wobei Gegenakzente sowohl durch die virtuose Führung der Solovioline als auch durch kontrastierende, „heftige“ Abschnitte im Adagio gesetzt werden. Dem lyrischen Gebilde dieses Doppelsatzes steht – im Sinne einer plakativen Alternative – mit dem dritten Satz ein rhythmisch und tänzerisch betonter Abschluss gegenüber. Hier verbindet Dvořák die Rondo- mit der Liedform, das Raffinement liegt im Detail. Etwa in der humorvoll-übermütigen Art, in der das Hauptthema in den ersten acht Takten durch Synkopen rhythmisch „gegen den Strich gebürstet“ wird: Vorgeschrieben ist Dreiachteltakt, die rhythmische Führung der Violine spiegelt jedoch ein geradtaktiges Metrum vor. Eine Verneigung vor Brahms, der derartige rhythmische Finessen liebt? Jedenfalls hat Dvořák den Wunsch des Verlegers Simrock erfüllt, der von ihm ein Violinkonzert wünschte, „originell, kantilenenreich und für gute Geiger“.

Einen guten, einen hervorragenden Geiger hat Dvořák bei diesem Konzert im Auge: Joseph Joachim, der schon Brahms bei dessen Violinkonzert eingehend beraten hat. Auch hier ist Joachim mit zahlreichen Tipps zur Führung der Soloviolinstimme zur Stelle, und Dvořák nimmt die Ratschläge des erfahrenen Virtuosen dankbar auf. Einmal im Umarbeiten begriffen, weitet sich die Arbeit auf das gesamte, bereits fertige Werk aus; er habe, schreibt der Komponist an Simrock, „das ganze Concert umgearbeitet, nicht einen einzigen Takt habe ich behalten“. Nein, vom „unreflectiert“ dahinschreibenden „Erzmusikanten“ Dvořák kann beim Violinkonzert keine Rede sein. Dennoch: Dass sich der Melodienreichtum und der Wohlklang des Konzerts auch denjenigen erschließen, die sich auf die Feinheiten von Form und Stimmführung nicht einlassen, gehört zum Erfolgsrezept.

Anna Prohaska
© Marco Borggreve

Anna Prohaska 

12. November 2022

Anna Prohaska | Sopran
Isabelle Faust | Violine

György Kurtág
Kafka-Fragmente, op. 24

Anschließend: Auf ein Glas mit Anna Prohaska und Isabelle Faust

In Kooperation mit Wien Modern 

Thursday, 02. February 2023, 08.00 PM

Rezepte, die hundert Jahre später nicht mehr angesagt sind. 1883, als Dvořáks Violinkonzert erstmals in Prag erklingt, wird in eben dieser Stadt ein Dichter geboren, der wie kein anderer für seelische Abgründe und Ausweglosigkeiten steht: Franz Kafka. Und wenn Kafkas Gedanken und Sprachbilder in Musik gesetzt werden, kann dies dann klingen wie ein Konzertsatz Antonín Dvořáks? Nein, dann zeigt die Violine, welch andere Dimensionen ihr zur Verfügung stehen. Dann lässt György Kurtág, der 1985–1987 einen Vokalzyklus auf Kafka-Fragmente komponiert, die von Einsamkeit kündenden Texte von einem Solosopran singen, begleitet von einer Solovioline, ohne den Klangteppich des Orchesters. Dann geht es nicht um „kantilenenreichen“ Wohlklang, sondern um asketisches Ringen, um Ausdruck jenseits tradierter Schönheitsvorstellungen. Das ist dann Musik anderer Art: eine Kunst, in der das Akzeptieren des Brüchigen, Schwierigen und Unwegsamen zur persönlichen Entscheidung, zur empathischen Hinwendung wird. Für „gute Geiger“ respektive für herausragende Geigerinnen wie Isabelle Faust ist das eine so lohnend wie das andere. Als Porträtkünstlerin des Musikvereins begibt sie sich voll Leidenschaft in diese so unterschiedlichen Klangwelten: Dvořáks Violinkonzert und – in einem Kooperationskonzert von Musikverein und Wien Modern – Kurtágs „Kafka-Fragmente“.

Thomas Leibnitz
Der Musikwissenschaftler Dr. Thomas Leibnitz war von 2002 bis 2020 Direktor der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek. Im Herbst 2022 erscheint sein Buch „Verrisse – Respektloses zu großer Musik von Beethoven bis Schönberg“.

Monatsmagazin Musikfreunde November 2022

Offene Räume erwarten Sie, wenn Sie in den Musikverein kommen – und das ganz besonders am 6. November, wenn das „Claudio Abbado Konzert“, Herzstück des Festivals Wien Modern, auch programmatisch mit offenen Räumen beginnt: mit „Open Spaces II“, einem Werk von Georg Friedrich Haas. Die offenen Räume sind hier ganz wörtlich zu verstehen. Das Konzert beginnt im Foyer und in der ehemaligen Kutscheneinfahrt des Musikvereinsgebäudes und lädt dazu ein, sich erst einmal frei im Haus durch „transparente Klangräume“ zu bewegen, bevor dann im Großen Musikvereinssaal das nächste Werk gespielt wird: ein Stück von Mark Andre, der in dieser Saison als „Komponist im Fokus“ eine zentrale Rolle im Programm des Musikvereins spielen wird.

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