Einmalige Projekte für neue Hörerfahrungen

Der Musikverein und Wien Modern

In diesem Herbst finden im Musikverein sechs Konzerte von Wien Modern statt, dem Festival für zeitgenössische Musik – vermutlich ein Rekord, auch wenn beide Institutionen seit der Gründung 1988 auf Initiative von Claudio Abbado bereits 35 Jahre lang zusammenarbeiten. Doch 2020 wurde eine neue Form der Kooperation gefunden, bei der Musikfreunde-Intendant Stephan Pauly und Bernhard Günther, der Künstlerische Leiter von Wien Modern, in engem Austausch gemeinsame Projekte entwickeln. Ein Gespräch mit den beiden Kuratoren.

Wie haben Sie Wien Modern vor Beginn Ihrer Zeit in Wien mit dem Blick von außen wahrgenommen?
Pauly: Wien Modern habe ich immer genau verfolgt, schon seit meiner Salzburger Zeit [bei der Internationalen Stiftung Mozarteum, Anm.], weil ich mit Berno Odo Polzer [bis 2009 Künstlerischer Leiter von Wien Modern, Anm.] eng zusammengearbeitet habe. Deshalb war mir das Festival immer sehr vertraut, und ich habe es als Plattform wahrgenommen, welche die ganze Bandbreite des aktuellen musikalischen Schaffens in starken, ungewöhnlichen Konzertformaten dargestellt hat. Für mich war es immer ein Maßstab und Referenzpunkt für die Präsentation zeitgenössischer Musik. Seit Bernhard Günther die Verantwortung trägt, ist das Spektrum noch breiter und offener geworden, was ich wunderbar finde.

Wie war und ist Ihre Wahrnehmung der Gesellschaft der Musikfreunde – auch im Hinblick darauf, was für Zeitgenossen wichtig ist?
Günther: Dass ich mich in Wien so wohlfühle, hat ganz entscheidend damit zu tun, dass es hier gleich mehrere fantastische Orte gibt, wo die Musik in die Stadt hineingetragen und – um es mit John Cage zu sagen – gefeiert wird. Aus der Frage, wer da die Pole-Position haben mag – der Musikverein, das Konzerthaus, die Staatsoper oder andere Institutionen –, halte ich mich gern heraus. Persönlich empfinde ich den Musikverein auch wegen seiner Geschichte als großartigen Ort: Er wurde ja von der Bürgerschaft im 19. Jahrhundert gegründet, um den Festcharakter des gemeinsamen Hörens zu betonen. Das war damals ein unglaublich großer Wurf – allein dieser Ausdruck der Leidenschaft für Musik ist eine Pioniertat. Aktuell freue ich mich, dass Stephan Pauly hier eine Erweiterung des künstlerischen Spektrums gelingt – mit Innovation, Diversität und Experimentierlust. Das liegt natürlich ganz auf der Wellenlänge von Wien Modern.

Was sind aus Ihrer Sicht die gemeinsamen Werte Ihrer beiden Institutionen im Hinblick auf programmatische Gestaltung?
Pauly: Das ist eine Kernfrage. Als Haus ist für uns das wichtigste Ziel, höchste Qualität zu bieten – die besten Künstlerinnen, Künstler und Orchester der Welt zu uns zu bringen. Das tun wir mit Leidenschaft. Aber ich finde es genauso wichtig, dass wir einen inhaltlichen, künstlerisch-programmatischen Beitrag für das Wiener Kulturleben leisten. Und das tun wir, indem wir Programme entwickeln, die unverwechselbar sind. Dafür braucht es gute, frische Ideen. Und hier war der Kontakt mit Bernhard Günther von Anfang an davon geprägt, dass wir über Inhalte gesprochen haben und ein gemeinsames Interesse an bestimmten Konstellationen gefunden haben. Diese Kooperation ist auch deshalb so wichtig, weil so verschiedene Publikumsgruppen zusammenkommen und eine andere Atmosphäre ins Haus gebracht wird. Über unseren inhaltlichen Dialog haben wir zu einmaligen Projekten gefunden – wie zum Beispiel zum Georg-Baselitz-Schwerpunkt.

Günther: Ich finde es bemerkenswert, diesen Freiraum zu betonen, den es braucht, um gemeinsam über Kunst nachzudenken. Diese Freiräume muss man immer verteidigen, sonst reden in der Kultur alle irgendwann nur noch über den steigenden ökonomischen Druck. Es gibt im Kulturmanagement heute einen Zug zur Dominanz der Zahlen. Da gelingt es immer seltener, dass die Kunst spürbar im Mittelpunkt bleibt. Ich bin sehr dankbar, wenn ich in Wien erlebe, dass da ein anderer Geist vorhanden ist. Wir arbeiten zusammen nicht in erster Linie als Kulturmanager, sondern aus Liebe zur Musik und aus der Überzeugung heraus, dass Menschen Musik brauchen, auch neue Musik. In den Gesprächen mit Stephan Pauly – zum Beispiel konkret über den Komponisten Mark Andre – habe ich immer wieder festgestellt, mit welcher Detailkenntnis er an Programme herangeht. Diese Akribie des Kuratierens in der Leitung einer großen Kulturinstitution ist etwas sehr Seltenes und Kostbares.

Enno Poppe
© Harald Hoffmann

Enno Poppe 

6. November 2022

Ensemble Resonanz
Enno Poppe | Dirigent
GrauSchumacher Klavierduo
Dirk Rothbrust | Schlagzeug
Johannes Fischer | Schlagzeug
Claudio Abbado Konzert

Mark Andre
iv 13. Miniaturen für Streichquartett Nr. 10
sowie Werke von Haas, Poppe, Djordjevic und Mundry

Sunday, 06. November 2022, 11.00 AM

Yalda Zamani
© Neda Navaee

Yalda Zamani 

7. November 2022

Black Page Orchestra
Christina Bauer | Klangregie

Mark Andre
„üg“ für Ensemble und Elektronik
sowie Werke von Maraš, Cendo, Morales Murguia, Romitelli und Gísladóttir

In Kooperation mit Wien Modern

Monday, 07. November 2022, 08.00 PM

Georg Baselitz
© Peter Knaup

Georg Baselitz 

14. November 2022

Quatuor Diotima
MUK.ensemble.aktuell

Georg Baselitz im Gespräch mit Bernhard Günther und Stephan Pauly über die Programme der kommenden Tage

Sivan Eldar
„Solicitations“ für Streichquartett (2018)
Beat Furrer
Streichquartett Nr. 2 (1988)
Olga Neuwirth
„Georg Baselitz“ für Streichquartett und Zuspielung mit einem Text von Georg Baselitz (2021, UA – Auftrags- werk der Gesellschaft der Musik- freunde in Wien und Wien Modern) Georg Baselitz im Gespräch mit Stephan Pauly und Bernhard Günther über das neue Werk von Olga Neuwirth mit anschließender Wiederholung des Werkes
Georg Friedrich Haas
Streichquartett Nr. 11 (Österreichische Erstaufführung)
Das Werk wird in völliger Dunkelheit gespielt

Monday, 14. November 2022, 07.30 PM

Cordula Buergi_
© Heike Liss

Cordula Buergi_ 

15. November 2022

Ensemble Kontrapunkte
Cantando Admont
Cordula Bürgi | Dirigentin
Friederike Kühl | Sopran
Jaap Blonk | Stimme

Morton Feldman
„For Franz Kline“ für Sopran und fünf Instrumente (1962)
Elisabeth Harnik
„Bein im Sprung“ für Bass-Solo, vier Frauenstimmen und vier Instrumente nach einem Text von Georg Baselitz (2021, UA – Auftragswerk der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien und Wien Modern)
Beat Furrer
Akusmata. Fünf kurze Stücke für Vokalensemble und Instrumente nach Fragmenten von Pythagoras (2020, UA)

Anschließend: Auf ein Glas mit Georg Baselitz | Bar Modern - Georg Baselitz im Gespräch mit Elisabeth Harnik

Tuesday, 15. November 2022, 07.30 PM

Juliane Banse
© Stefan Nimmesgern

Juliane Banse 

16. November 2022

Quatuor Diotima
Juliane Banse | Sopran

Beat Furrer
Streichquartett Nr. 1 (1984)
Rebecca Saunders
„Unbreathed“ für Streichquartett (2017)
Arnold Schönberg
Streichquartett Nr. 2 fis-Moll, op. 10 (1907–1908)

Anschließend: Auf ein Glas mit Georg Baselitz | Bar Modern - Streichquartette hören, Schönberg sehen. Über die Musik des Abends und über Schönberg als Maler.
Georg Baselitz und Therese Muxeneder im Gespräch

Wednesday, 16. November 2022, 07.30 PM

Marino Formenti
© Anneliese Varadielv

Marino Formenti 

17. November 2022

Albertina | Pfeilerhalle
10.00 bis 24.00 Uhr

Im Saal mit den Werken von Georg Baselitz erklingt 14 Stunden hindurch live gespielte Musik von Morton Feldmann, Zutritt jederzeit möglich

Feldmann 840’
Matteo Cesari | Flöte, Altflöte
Björn Wilker | Schlagzeug
Marino Formenti | Konzept, Klavier, Celesta

Morton Feldman
„For Philip Guston“ für Flöte, Schlagzeug und Klavier (1984)

Thursday, 17. November 2022, 10.00 AM

Den Maler Georg Baselitz, der gemeinsam mit Ihnen Konzerte kuratiert hat, kann man als einen unkonventionellen Hörer mit einem sehr unmittelbaren Zugang bezeichnen. Bei der neuen Musik gibt es ja das Vorurteil, man müsse zuerst sehr viel wissen, bevor man sie verstehen kann. Das hat den Weg zum Hören ein wenig verbaut und belastet. Wie stehen Sie zu dieser Problematik?
Pauly: Ich denke, man muss beide Aspekte sehen. Natürlich macht mehr Wissen auch mehr Lust beim Hören. Wer mehr weiß, hört auch mehr. Aber es ist zugleich eine große Falle, diese Haltung zu haben. Denn das Gegenteil ist genauso wahr: Absichtslos zu hören, ohne die Haltung, unbedingt verstehen zu wollen, ist in vielen Fällen der viel stärkere Zugang zum direkteren Erleben. Bei der neuen Musik gilt das aus meiner Sicht noch viel mehr: Verstehen-Wollen, Einordnen-Wollen stellt sich oft gegenüber einer Hörerfahrung quer, die im Sinne von Helmut Lachenmann „existenziell“ ist, die einen wirklich berührt und erreicht. Es ist als Hörer gar nicht leicht, zu dieser unverstellten Haltung zurückzufinden, denn man muss sich dafür von vielen Kategorien und Klischees befreien, um wieder einen „naiven“ Zugang zu entwickeln. Baselitz ist in diesem Zusammenhang ein wunderbares Beispiel, weil er sich überhaupt nicht als Experte versteht, sondern als leidenschaftlicher, neugieriger, direkter Hörer. Er weiß sehr genau, was ihn interessiert, er ist ein Mann des klaren Urteils, aber er spricht von seinen individuellen Eindrücken. So eine Offenheit und Neugier kann man sich nur wünschen!

Günther: Ich habe mir abgewöhnt, Kopf und Bauch in irgendeiner Weise gegeneinander auszuspielen, aber die neue Musik hat sich hier natürlich einen gewaltigen Startnachteil erworben, und zwar bereits vor 70 Jahren, wenn nicht sogar vor 120 Jahren. Ein gewisser Stolz, ein hohes Sendungsbewusstsein, die manchmal allzu leicht als Arroganz missverständlichen Avantgarde-Haltungen der Jahrhundertwende um 1900 und der Nachkriegszeit haben das Image der neuen Musik lange geprägt und ihr lange geschadet, weil bei weiten Teilen des großen Publikums der Eindruck entstanden ist, gar nicht angesprochen zu sein. Das hat sich zum Glück stark geändert: Generationen von Komponistinnen und Komponisten zeitgenössischer Musik beweisen heute, dass man einfach einmal in eine Produktion hineinschnuppern und begeistert davon sein kann, welche Vielfalt da mittlerweile erfunden wurde. Ein Glücksfall ist für mich diesbezüglich Georg Friedrich Haas, der inzwischen ganz unverhohlen dazu steht, dass seine Musik die Hörerinnen und Hörer emotional berühren möchte. Ich freue mich sehr auf sein Stück „Open Spaces II (In memory of James Tenney)“ im Rahmen des Claudio Abbado Konzerts, das heuer mit dem Hamburger Ensemble Resonanz unten im Foyer und in der Kutschendurchfahrt des Musikvereins beginnt – allein schon deswegen, weil das Publikum bei dieser Komposition eingeladen ist, sich sein ganz persönliches Hörerlebnis zu erwandern. Hier geht es um eine ganzheitliche, körperliche und geistige Erfahrung von Musik. Unabhängig davon, wie viel Vorwissen jemand mitbringt, lassen sich in dieser Musik inspirierende und berührende Momente erleben.

Das Gespräch führte Daniel Ender.
Der Musikwissenschaftler und -journalist Dr. Daniel Ender schreibt regelmäßig für den „Standard“ und die „Neue Zürcher Zeitung“. Seit 2015 arbeitet er für die Alban Berg Stiftung, seit 2018 als deren Generalsekretär.

Monatsmagazin Musikfreunde November 2022

Offene Räume erwarten Sie, wenn Sie in den Musikverein kommen – und das ganz besonders am 6. November, wenn das „Claudio Abbado Konzert“, Herzstück des Festivals Wien Modern, auch programmatisch mit offenen Räumen beginnt: mit „Open Spaces II“, einem Werk von Georg Friedrich Haas. Die offenen Räume sind hier ganz wörtlich zu verstehen. Das Konzert beginnt im Foyer und in der ehemaligen Kutscheneinfahrt des Musikvereinsgebäudes und lädt dazu ein, sich erst einmal frei im Haus durch „transparente Klangräume“ zu bewegen, bevor dann im Großen Musikvereinssaal das nächste Werk gespielt wird: ein Stück von Mark Andre, der in dieser Saison als „Komponist im Fokus“ eine zentrale Rolle im Programm des Musikvereins spielen wird.

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