Weil A nicht gleich A ist

Die Stimmtonkonferenz der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien von 1885

Unter der Inventarnummer 217 der Musikinstrumentensammlung der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien findet sich ein kurioses Objekt: ein hölzerner Kasten, in dem 100 Stimmgabeln aufbewahrt werden. Sie sind Zeugnis jener Stimmtonkonferenz, die von der Gesellschaft der Musikfreunde initiiert und 1885 veranstaltet wurde. Archivdirektor Johannes Prominczel erzählt von dem bedeutenden historischen Ereignis, das jetzt im „Musikverein Festival A!“ neu ins Licht geholt und in Schwingung versetzt wird.

Als Konzertbesucher oder Konzertbesucherin nimmt man den Stimm-, Normal- oder auch Kammerton für gewöhnlich als gegeben hin, ohne sich Gedanken über die genaue Frequenz zu machen. Die erste Violine holt das a’ bei Klavier oder Oboe, gleichsam viral breitet sich im Orchester die richtige Tonhöhe aus und verdrängt alle Misstöne und Dissonanzen. Wie es dem einzelnen Instrumentalisten oder der Instrumentalistin möglich ist, in der lautstarken Kakophonie des kollektiven Stimmens das eigene Instrument und den richtigen Referenzton zu hören, bleibt ein Mysterium. Jedenfalls klappt es stets in kürzester Zeit, und nichts steht mehr dem Genuss im Wege.
Bei Originalklangensembles oder beim Musikvereinszyklus „Nun klingen sie wieder“, in dem weitgehend historische Instrumente erklingen, ist die Höhe des Stimmtons bereits bei der Konzertplanung ein wichtiges Thema. Insbesondere bei der Kombination mehrerer Tasteninstrumente oder von Holzblasinstrumenten muss zuallererst eruiert werden, ob die Instrumente miteinander „harmonieren“, denn die Möglichkeiten, ein Holzblasinstrument zu stimmen, sind begrenzt, und historische Flügel stimmt man in der Regel gerne tiefer, um durch niedrige Saitenspannung das Instrument nicht zu sehr zu beanspruchen.

Der Problematik des Stimmtons war sich schon der deutsche Komponist und Musikgelehrte Michael Praetorius bewusst. Im zweiten, 1619 erschienen Band seiner musiktheoretischen Trilogie „Syntagma Musicum“ (ein Exemplar findet sich in der Bibliothek der Gesellschaft der Musikfreunde) nennt er einen „KammerThon“ und unterscheidet ihn vom „Kirchenthon“, der etwas tiefer lag. Über die Jahrhunderte lässt sich das Steigen des Stimmtons verfolgen, ein Trend, der bis heute anhält. Etwa stieg der Normalton in St. Petersburg innerhalb weniger Jahrzehnte im 18. Jahrhundert um einen knappen Ganzton. 1827 klagte der damalige Vizepräsident der Gesellschaft der Musikfreunde, Raphael Georg Kiesewetter, in der „Allgemeinen Musikalischen Zeitung“, dass es in Wien allein drei verschiedene „Theaterstimmungen“ gebe, wovon die niedrigste – jene des Hoftheaters – einen Halbton höher liege als die in Leipzig übliche Stimmung. Eine in Leipzig gekaufte Flöte habe sich daher in Wien als völlig unbrauchbar erwiesen. Kiesewetter, der sich um die Aufführung von „alter“ Musik verdient machte, erwähnt auch das Problem der Aufführung etwa eines Oratoriums von Georg Friedrich Händel, für das man das gesamte Orchester herunterstimmen müsse. Er schlägt auch vor, einen „festen Stimmton auszumitteln“ und „sich über einen solchen für die ganze Republik der Kunst gültigen Normalton zu vereinigen“.   1858 setzte die Grande Nation den Normalton für a’ auf 435 Hz fest, allerdings nur für Frankreich. Damals sprach man freilich noch von „435 Doppelschwingungen pro Sekunde“, denn Hertz sollte erst ab den 1930er Jahren die Maßeinheit für die Frequenz werden. Vier Jahre nach der französischen Standardisierung erachtete man die Thematik in Wien für so wichtig, dass ein kaiserliches Dekret für die Hoftheater und die Hofmusikkapelle die gleiche Höhe fixierte. Und obwohl man mit beträchtlichem finanziellem Aufwand (über 10.000 Gulden) neue Blasinstrumente ankaufte, lag man wenige Jahre später schon wieder deutlich höher.

Diese Entwicklungen verfolgte Leopold Alexander Zellner, aus Zagreb stammender Musikgelehrter und Journalist, eifrig. Er gründete eine Musikzeitung, die „Blätter für Musik, Theater, Kunst“, lehrte am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde Musiktheorie und später Akustik, vor allem war er aber viele Jahre lang Generalsekretär der Musikfreunde (vergleichbar mit dem Intendanten heute). Auf seine Initiative setzte man „eine ruhmvolle Aktion, die internationale Bedeutung erlangen sollte und in der Geschichte der Gesellschaft wie in der Wiener Kunstgeschichte als denkwürdig und mit Ehren verzeichnet werden muß“, so Robert Hirschfeld in der 1912 erschienenen „Geschichte der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien“. 1883 präsentierte Zellner in einer Direktionssitzung seine Idee, eine einheitliche „unter gesetzlichem Schutz stehende Normalstimmung“ einzuführen. Nachdem das k. k. Unterrichtsministerium seine Unterstützung in Aussicht gestellt hatte, arbeitete Zellner in Hinblick auf die zu veranstaltende Konferenz ein Exposé aus, in dem er die Geschichte der unterschiedlichen Stimmtöne darlegte und zahlreiche Argumente für einen einheitlichen Stimmton anführte. Etwa nannte er die erleichterte Erzeugung von besseren und billigeren Blasinstrumenten, Vorteile für Sänger, die sich nicht mit überhohen Stimmtonhöhen plagen müssten, und eine reinere Stimmung von Orchestern. Ein einheitlicher Stimmton führe also zu höherer musikalischer Qualität. Als besonderes Problem erwähnte er die Militärkapellen, deren Stimmtonhöhe mit der jeweiligen lokal üblichen nicht übereinstimmte. Woher konnte Zellner genau über die Stimmtonhöhe der Kapellen der 102 in der Monarchie verteilten Infanterieregimenter Bescheid wissen?

Zellner hatte Stimmgabeln mit der Bitte an die Regimenter schicken lassen, sie auf die Tonhöhe der Kapelle zu stimmen und zurückzusenden. Inkludiert war eine Anleitung, wie die Stimmgabel zu stimmen sei, nämlich durch Feilen, ferner ein kurzer Fragebogen über die jeweilige Größe und mögliche Besonderheiten der Regimentskapellen. Die Resonanz auf Zellners Aufruf war beeindruckend, die Frequenzen sind von allen Kapellen dokumentiert, und fast alle Stimmgabeln sind im Kasten heute noch vorhanden. Mit durchschnittlich 465 Hz liegen die Stimmtöne der Regimentskapellen deutlich über jenen der Theater, zwischen der tiefsten und höchsten Kapelle liegt fast ein Ganzton.
Darüber hinaus notierte Zellner historische Stimmtonhöhen und recherchierte weitere aktuelle aus ganz Europa, drei sind sogar aus den USA belegt. Aus Boston lieferte etwa Wilhelm Gericke die Stimmtonhöhe. Gericke hatte 1880 bis 1884 die Gesellschaftskonzerte der Musikfreunde in Wien geleitet, war dann allerdings als Musikdirektor zum Boston Symphony Orchestra gewechselt.

Die Vorbereitungen für die Stimmtonkonferenz liefen auf Hochtouren. Hier fällt auf, dass die österreichische Sektion bereits Wochen vor der Konferenz getagt hatte. Zudem berief man – ebenfalls zur Vorbereitung – eine „Experten-Commission“ von Musikern, Musikgelehrten und Instrumentenfabrikanten ein, darunter etwa der „Hof-Clavierfabricant“ Ludwig Bösendorfer und Johannes Brahms. Im Gegensatz zu Frankreich strebte man keine nationale Lösung an, sondern wollte das Problem ein für alle Mal gleichsam für die ganze (westliche) Welt lösen. Die „Neue Freie Presse“ (27. Jänner 1885) prophezeite daher bereits analog zur Weltzeit das „Welt-A“. Daher nahmen am Kongress von 16. bis 19. November 1885 nicht nur Hofkapellmeister Hellmesberger, Hofoperndirektor Jahn, Kritikerpapst Hanslick und der Militärkapellmeister Karl Komzak teil, sondern auch Vertreter aus Ungarn, Italien (Arrigo Boito!), Preußen, Sachsen, Württemberg, Schweden und Russland. Die Konferenz ist durch zahlreiche Zeitungsartikel, vor allem aber durch ein 1885 erschienenes 42-seitiges Büchlein mit den Beschlüssen und Protokollen der Konferenz dokumentiert. Bereits am ersten Tag stellte Leopold Alexander Zellner am Ende seiner eröffnenden Rede den Antrag, das a’ auf 870 einfache Schwingungen (entspricht 435 Doppelschwingungen oder 435 Hz) festzusetzen. Dieser Antrag wurde formell am zweiten Konferenztag angenommen. In der Folge machte man sich Gedanken, wie dieser Stimmton einzuführen sei (obligatorisch und sobald als möglich) und wie man das Abändern dieses Normal-Stimmtons verhindern wolle. Ein gutes halbes Jahr später nahm man die Neustimmung der Orgel im Großen Musikvereinssaal in Angriff und wies die Schüler des Konservatoriums an, sich Instrumente nach der Normalstimmung anzuschaffen.

In der Praxis wurde allerdings auch dieser Normal-Stimmton bald wieder überschritten, weshalb man sich 1937 bzw. 1953 in London bei einer Konferenz der International Standardizing Organisation (ISO) auf die noch heute gültigen 440 Hz einigte. Gestimmt wird mittlerweile in der Regel nicht mehr mit der Stimmgabel. Sogar die Konzertmeister der Wiener Philharmoniker sollen ihre Violinen vorzugsweise mit einer App stimmen. Übrigens nicht auf 440, sondern auf 443 Hz …

Johannes Prominczel
Mag. Dr. Johannes Prominczel ist Direktor von Archiv, Bibliothek und Sammlungen der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.

Monatsmagazin Musikfreunde Mai / Juni 2022

Die internationale Konferenz, zu der die Gesellschaft der Musikfreunde 1885 nach Wien einlud, könnte als Fachtagung verbucht werden: als Veranstaltung unter Spezialisten. In Wahrheit aber ging sie weit darüber hinaus. Die Wiener Stimmtonkonferenz von 1885 war ein bedeutsamer gesellschaftlicher, ja politischer Akt. Mit der Einigung auf eine gemeinsame, international verbindliche Stimmtonhöhe wurde die Voraussetzung dafür geschaffen, miteinander musizieren zu können, ganz gleich, woher der eine, woher die andere in einem Ensemble stammt.