Mit großer Leidenschaft in die Zukunft

Musikvereinsintendant Dr. Stephan Pauly zur Saison 2022/23

Mehr als 70 Abonnementzyklen und ein Programm mit spannenden Porträts, Themenschwerpunkten, Festivals und starken Initiativen zur weiteren Öffnung des Musikvereins präsentiert Intendant Dr. Stephan Pauly für die kommende Saison. Mit Walter Weidringer sprach er über die wesentlichen Akzente und die wichtigsten Impulse für die Zukunft.

Herr Dr. Pauly, bevor wir in die kommende Musikvereinssaison 2022/23 blicken: Welche Einbußen hat Ihnen die Pandemie zugefügt, wie ist die gegenwärtige Lage des Hauses?
Die „Musikverein Perspektiven“ mit Georg Baselitz im November konnten wegen des Lockdowns leider nicht stattfinden, sie wären ein enorm wichtiger Auftakt der neuen, innovativen Programmschienen gewesen. Ich bin sehr froh, dass wir das zusammen mit Wien Modern in die nächste Saison verschieben konnten. Vom Blickwinkel unserer neuen Programmvorhaben war dieser Schwerpunkt vielleicht unsere schmerzlichste Einbuße – aber natürlich war jedes einzelne abgesagte Konzert ein künstlerischer Verlust. Desto mehr freue ich mich nun, nach dem Festival „Grenzgänge“ mit tschechischer Musik und den „Perspektiven“ mit Michael Haneke, ganz besonders auf das große Musikfest „A!“ im Mai und im Juni. Gerade in den Festivals kann man an der Seite des Vertrauten auch aufregend Neues entdecken. Das ist überhaupt eines meiner Ziele: neben dem großen Konzertgeschehen und den Abonnementreihen die Besucher:innen immer wieder auch für Entdeckungsreisen zu begeistern und sie einzuladen, in bestimmten Schwerpunkten musikalisches Neuland zu erschließen.

Was erwartet uns im Musikverein nun in der Saison 2022/23, wie ist Ihr Programm ausgerichtet, was werden die Schwerpunkte sein?
Zusammenfassend kann ich das so beschreiben: Wir sind und bleiben eine der führenden Musikinstitutionen der Welt und legen zugleich Wert darauf, die jüngere Künstlergeneration in den Mittelpunkt zu stellen und uns programmatisch zeitgenössischer und vielfältiger zu entwickeln. Weltspitze sind und bleiben wir, da in unseren Konzerten die international führenden Künstlerinnen und Künstler, Orchester und Ensembles im Zentrum stehen. In mehr als 70 Abonnementzyklen haben wir wieder Top-Orchester aus der ganzen Welt eingeladen, mit den besten Dirigentinnen und Dirigenten, Solistinnen und Solisten, die im Musikverein seit so vielen Jahren zu Hause sind. Ich kann hier keine einzelnen Namen hervorheben – sondern möchte dazu einladen, unsere Saisonbroschüre durchzublättern oder online anzusehen. Dort sieht man auf einen Blick: Die Orchester-, Solisten- oder Kammerkonzerte sind allesamt hochkarätig besetzt, wir können uns wie in jedem Jahr auf fantastische Konzerte freuen. Das gilt für die Konzerte der Wiener Philharmoniker bei uns im Haus, für die internationalen Gastorchester und für die Konzerte unserer Partner wie der Wiener Symphoniker, des ORF RSO Wien, des Concentus Musicus und der Wiener Akademie sowie für unsere Kammermusik- und Lied-Zyklen. Das ist mein Hauptziel: dieses große Konzertgeschehen, für das der Musikverein weltweit berühmt ist, mit großer Leidenschaft und Vitalität in die Zukunft zu führen. Zusätzlich dazu wird in den Programmschwerpunkten der Saison 2022/23 deutlich werden, dass wir auch ganz zentral auf die jüngere Künstlergeneration setzen, auf mehr zeitgenössische Musik und auf größere Vielfalt, sowohl programmatisch als auch gesellschaftlich.

Im Programm der Saison 2022/23 setzen Sie die schon begonnenen großen Porträtserien fort …
Lassen Sie mich diese in zwei Gruppen zusammenfassen. Selbstverständlich ist es mir ein Anliegen, die großen, im Musikverein seit vielen Jahren oder gar Jahrzehnten heimischen Künstlerinnen und Künstler ihrer Bedeutung entsprechend in den Mittelpunkt zu rücken. Daniel Barenboim, Jewgenij Kissin und Christian Thielemann gehören definitiv in diese Kategorie. Unser Ehrenmitglied Daniel Barenboim wird 80 Jahre alt, und ich bin stolz und glücklich, ihn in einem umfassenden Schwerpunkt präsentieren zu können, den wir gemeinsam entwickelt haben. Die Programme spiegeln sein künstlerisches Leben und Schaffen umfassend wider. Barenboim dirigiert Beethoven, Brahms und Schönberg mit den Wiener Philharmonikern sowie Tschaikowskij und Liszt mit der Staatskapelle Berlin, aber auch die zeitgenössische Musik spielt eine wichtige Rolle, für die er sich immer eingesetzt hat: Werke von Pierre Boulez, mit dem er befreundet war, ziehen sich durch Orchester- und Kammermusik, das Boulez Ensemble ist zu Gast, das den ganzen Kosmos der Berliner Barenboim-Said-Akademie repräsentiert. In diesem Schwerpunkt mit Daniel Barenboim wird deutlich, was ich meine, wenn ich sage, dass wir uns zeitgenössischer entwickeln wollen: Die Neue Musik soll auch in den großen Programmschwerpunkten und Porträts der Saison einen zentralen, selbstverständlichen Stellenwert haben. Das gilt übrigens auch für unser Porträt mit einer Geigerin, die im Musikverein in den vergangenen Jahren noch nicht so stark präsent war, gleichwohl aber zu den führenden Geigerinnen unserer Zeit gehört: Isabelle Faust. Auch in ihren Porträt-Konzerten hat die zeitgenössische Musik einen zentralen Stellenwert, darüber hinaus zeigt sich das Panorama ihrer Arbeit in einem programmatischen Bogen von Bach über Mozart bis zu Dvořák. Christian Thielemann gehört zu den großen Dirigenten unserer Zeit und war, eine Pointe für sich, gerade in Lockdownzeiten besonders oft im Musikverein, um mit den Wiener Philharmonikern Bruckner-Symphonien aufzunehmen. Wir haben ihm einen ganzen Zyklus gewidmet, mit der Staatskapelle Dresden und den Wiener Philharmonikern – mit Beethoven, Bruckner, Strauss und Mahler. Ähnlich eng und stark ist die Beziehung zu Jewgenij Kissin: Bei seiner Porträt-Reihe steht Rachmaninow im Zentrum, der ihm persönlich und biographisch sehr nahe ist. Das umfasst auch Lieder mit Renée Fleming. Alle diese Programme sind nicht einfach beliebig addiert, sondern genau auf die drei Künstler zugeschnitten und mit ihnen gemeinsam für den Musikverein gestaltet.

Was eint daneben die zweite Gruppe, die aus Igor Levit, Lorenzo Viotti und Elim Chan besteht?
Mir ist wichtig, dass wir im Musikverein auch auf die jüngere Generation von Künstlerinnen und Künstlern setzen und ihr Schaffen ins Zentrum unserer Konzerte rücken. Es sind Künstlerinnen und Künstler, die den Aufbruch suchen: in ihrem generellen Verständnis von Musikmachen, in ihren Programmen, aber auch in Konzertformaten. Über Igor Levit braucht man nicht mehr viele Worte zu verlieren, er gehört zu den besten Pianisten und zu den gesellschaftlich engagiertesten Künstlern unserer Zeit, mit ihm planen wir schon weit in die Zukunft. Die Werkzusammenstellung erzählt sehr viel von ihm: Er wird mit dem RSO Wien Henzes „Tristan“ spielen, das zeigt seine Lust am nicht alltäglichen, zeitgenössischen Repertoire, und er hat ein Publikum, das ihm auf diesen Wegen folgt. Das gilt auch für sein Solorezital. Und der Abend mit dem Cleveland Orchestra feiert seine innige Künstlerfreundschaft mit Franz Welser-Möst. Das alles und mehr wird übrigens auch in den Begegnungszonen „Auf ein Glas mit …“ vertieft, in Künstlergesprächen nach Konzerten, die schon in dieser Saison beim Publikum fantastisch ankommen. Und dann gilt es, nach Joana Mallwitz und Mirga Gražinytė-Tyla in der laufenden Saison, eine weitere Dirigentin der jüngeren Generation vorzustellen, Elim Chan. Dirigentinnen werden auch in den nächsten Jahren ein fixer Bestandteil meines Programms bleiben, sowohl in einzelnen Konzerten wie auch in eigenen Schwerpunkten.    Lorenzo Viotti schließlich ist längst kein Unbekannter mehr und in Wien schon gar nicht, aber mit einem solchen Schwerpunkt hat man ihn noch nicht erleben können. Ich freue mich, dass er mit seinem Netherlands Philharmonic Orchestra kommt, dass er die Münchner Philharmoniker wie natürlich die Wiener Symphoniker dirigiert, aber wir erfüllen auch gern seinen Wunsch, das Gulbenkian Orquestra Lissabon mit seinem fantastischen Chor nach Wien zu bringen, dessen Chefdirigent er einige Jahre lang war. Viotti macht sich grundlegende Gedanken über die Zukunft der Klassikwelt, er steht für Dialog, offene Proben, Begegnung mit Jugendlichen, er wird auch in jedem Konzert über das Programm sprechen.

Außerdem stellen Sie den 1964 in Paris geborenen Komponisten Mark Andre in den Fokus. Was zeichnet ihn aus?
Jedes aufgeführte Stück der Gegenwart ist wichtig, aber zeitgenössische Musik soll nicht bloß zufällig über unsere Programme ausgestreut sein, sondern einen strategischen Zusammenhang haben und eine Botschaft vermitteln. Das Musikschaffen unserer Zeit muss einen zentralen Stellenwert im Musikverein haben, das ist eines meiner zentralen Ziele für die Zukunft. Mark Andre kenne ich seit 15 Jahren, und mein Gefühl ist: Seine Musik wird bleiben. Das ist natürlich subjektiv, und keiner kann wissen, wie die Menschen in 100 Jahren auf die Musik unserer Zeit zurückblicken werden. Aber er schafft es wie wenige seiner Zunft, eine eigene musikalische Sprache zu sprechen. Mark Andres Musik bewegt sich oft an der Grenze der Hörbarkeit, sie ist fragil, manchmal geräuschhaft, unfassbar genau und zugleich unnachgiebig. Andre ist ein sehr religiöser Mensch, und er versteht sein Schaffen aus dieser Perspektive heraus, aber das muss man selbstverständlich nicht teilen, um sich davon berühren zu lassen. Dieser Fokus zieht sich über die ganze Saison, von Orchesterwerken über Kammermusik zu Solowerken, vom RSO bis zum Black Page Orchestra und den Ensembles Kontrapunkte und Wiener Collage, mit Studierenden – sowie mit dem Orchestre de Paris: Mark Andre schreibt in unserem Auftrag ein neues Werk, das direkt vor Mahlers Zweiter erklingen wird; hinterher spielt Wolfgang Kogert sein „iv 15 (Himmelfahrt)“ für Orgel. Das wird ein ganz großer Abend über die letzten Fragen.

Beim „Musikverein Festival“ bleiben Sie offenbar im weitesten Sinne beim Besteck …
Ja, was uns in diesem Jahr die Stimmgabel ist, ist uns nächstes Jahr Beethovens Medizinlöffel! Es ist ja bekannt: Unsere riesige Musiksammlung mit fast drei Millionen Objekten ist unser Alleinstellungsmerkmal in der Welt, und wir wollen uns in jeder Saison von einem Objekt aus der Sammlung zu einem besonderen Musikverein Festival inspirieren lassen. Diesmal haben wir ein persönliches, sehr berührendes Objekt ausgesucht: einen Löffel, mit dem Beethoven in seinen letzten Lebensjahren Medizin zu sich genommen hat. Wir haben uns von diesem Objekt zu Themen und Fragen anregen lassen, die man mit diesem Medizinlöffel von Beethoven verbinden kann. So stehen in den Konzertprogrammen des Festivals Werke auf dem Programm, in denen Komponisten sich mit Themenfeldern wie Krankheit, Heilung, Sterben und Tod beschäftigt haben, mit dem Leben danach, aber auch mit Medizin, Zaubertränken, verwandelnden Substanzen, mit Rauschmitteln. Das heißt zugleich, dass wir das Festival, den Nachfolger des traditionellen biennalen Musikfests, nun in jeder Saison veranstalten – und das auch bewusst nicht parallel zu den Wiener Festwochen 2023, sondern davor, von Ende Februar bis Anfang April.

Dabei gibt es bereits in diesem Jahr eine Zusammenarbeit mit den Festwochen.
Genau. Kooperationen sind dann toll, wenn sie inhaltlich wirklich ineinandergreifen, wenn zwei Institutionen zusammen künstlerisch mehr schaffen als bloß die Summe ihrer Teile. So war und ist es in unseren Kooperationen mit dem Filmmuseum, der Albertina, der Brunnenpassage – und nun auch mit den Festwochen. Der Intendant der Festwochen, Christophe Slagmuylder, hat mir den Künstler Tarek Atoui für eine Kooperation vorgeschlagen. Ich kannte ihn nicht persönlich, aber seine Artefakte aus Museumsausstellungen. Er ist ein Klang- und Objektkünstler, Performer, Instrumentenbauer und vieles mehr, und er interessiert sich besonders für jene Teile historischer Instrumente, die für die eigentliche Klangerzeugung zuständig sind. Aus Elementen wie Mundstücken, Ventilen, Hammer- oder Streichmechanismen baut er neue Instrumente, die er den Menschen zugänglich macht, Amateuren, Profis, Laien. Tarek Atoui war mehrmals bei uns im Archiv, er hat die historische Instrumentensammlung besichtigt und daraus Ideen für ein neues Instrument entwickelt, das vom Publikum gespielt werden wird. Auch an diesem Projekt sieht man: Unsere weltweit einmalige Sammlung ist für uns eine zentrale Inspirationsquelle auch für die Konzerte, wir wollen die Sammlung auf diese Weise sichtbar machen: Im Musikverein Festival, in Kooperationen wie mit den Wiener Festwochen, natürlich in unserer Konzertreihe „Aus der Schatzkammer“, in der wir unsere historischen Instrumente erklingen lassen, in der Präsenz von Objekten aus der Sammlung in unseren Künstlergesprächen, in Kinder- und Jugendkonzerten und in Digitalisierungsprojekten für die Zukunft. „Souffle Continu“ von Tarek Atoui ist ein Projekt der Wiener Festwochen 2022, das Eröffnungskonzert findet in Kooperation mit uns am 20. Mai dieses Jahres (!) bei uns im Gläsernen Saal statt. Die Botschaft lautet: Musik ist für alle da, kulturelle Teilhabe ist für jeden wichtig, sämtliche Mitglieder der Gesellschaft sind willkommen.

Womit wir beim Stichwort Diversität angelangt sind …
Wir haben schon für diese Spielzeit zusammen mit der Brunnenpassage Projekte entwickelt, die die Türen des Musikvereins weit öffnen, und möglichst niederschwellige Angebote geschaffen, die für jeden und jede zugänglich sind. Das klingt einfacher, als es ist. Bei unserem Großprojekt „Wiener Stimmen“ werden im Juni sechs Sängerinnen mit Orchester im Goldenen Saal singen, das wird sicherlich große Aufmerksamkeit für das Thema der Diversität, der verstärkten kulturellen Teilhabe erzeugen. In der nächsten Saison setzen wir das Projekt fort, indem jede dieser sechs Sängerinnen einen eigenen Abend im Gläsernen Saal gestaltet. Wir wollen also keine einmaligen, schnell wieder verpuffenden Feuerwerke, sondern Nachhaltigkeit. Die Partnerschaft mit der Brunnenpassage wird mit verschiedenen Projekten weiter ausgebaut. Außerdem werden wir in der Saison 2022/23 im Bereich unserer Bemühungen um mehr gesellschaftliche Offenheit erstmals sozusagen in den sozialen Bereich gehen und eigens entwickelte Konzertangebote für Menschen mit Vergesslichkeit schaffen, für Menschen, die von Demenz betroffen sind. Schon ab April stoßen wir zum Projekt „Freizeitbuddys“ der Caritas dazu: Von Demenz betroffene Menschen konnten dabei schon bisher mit ehrenamtlichen, von der Caritas geschulten Begleiterinnen und Begleitern etwas unternehmen, von Spaziergängen bis zu Museumsbesuchen. Wir ermöglichen nun erstmals auch Konzertbesuche – im regulären Programm, über ein Kontingent mit einer Kaufkarte plus Freikarte für den jeweiligen Freizeitbuddy. Außerdem legen wir in der neuen Saison eine eigene Konzertreihe auf für ein inklusives Format, das einerseits allen offensteht, aber zugleich speziell entwickelt ist für die besonderen Bedürfnisse, die Menschen mit Vergesslichkeit zeigen. Eine Gruppe von erfahrenen Expertinnen und Experten steht uns dabei zur Seite. Das heißt, bisher haben sich unsere Erweiterungsbestrebungen vor allem auf der Ebene der kulturellen Teilhabe abgespielt, nun erfolgt auch ein erster Schritt auf einer sozialen Ebene.

Bleiben noch zwei Schwerpunkte, die inhaltlich eng verknüpft sind – und die im Angesicht des Krieges Russlands gegen die Ukraine auch heikle Themen mit ansprechen: Da geht es um die klassische Pariser Moderne und einen Russland-Schwerpunkt.
„Paris tanzt!“ und die Verbindung der Ballets Russes mit Strawinsky, Debussy, Ravel und anderen am Beginn des 20. Jahrhunderts ist natürlich kein neues Thema, aber das Neue an diesem Programmschwerpunkt für den Musikverein ist: Wir laden dazu François-Xavier Roth und sein fantastisches Orchester Les Siècles erstmals in den Musikverein ein, was ganz besonders aufregende, die Ohren öffnende Hörerlebnisse verspricht. Dieser herausragende Klangkörper spielt nämlich Repertoire aus unterschiedlichen Epochen jeweils auf dem Instrumentarium dieser Zeit. Unser Programmschwerpunkt „Musik im Umbruch“ hat plötzlich durch den Krieg in der Ukraine dramatische Aktualität erhalten. In diesem Festival zeichnen wir anhand russischer Musik nach, wie im Falle von Strawinsky, Prokofjew, Rachmaninow, Schostakowitsch und anderen sich das Komponieren verändert hat unter dem Einfluss und dem Zwang von Zeitgeschehen und politischen Umwälzungen. Dabei werden wir im Programm auch dadurch vielfältiger, dass wir hier auch Stücke von russischen Komponisten spielen, die nur sehr, sehr selten in Konzertprogrammen auftauchen. Dieses Festival hatten wir noch mit dem Mariinsky Orchester und Valery Gergiev entwickelt, die wir aber unter den gegebenen Umständen ausladen mussten. Ich bin glücklich, dass bei „Musik im Umbruch“ das hr-Sinfonieorchester und Alain Altinoglu einspringen und sie dabei sogar die Programme komplett übernehmen werden. Gerade diesen Schwerpunkt beizubehalten war mir ein besonderes Anliegen – weil er aufgrund eines historischen Befundes Grundsätzliches und tragisch Aktuelles abhandelt.

Der Krieg in der Ukraine hat ja auch in der Klassik-Welt grundsätzliche Diskussionen ausgelöst, ob und wie russische Künstlerinnen und Künstler weiter auftreten dürfen. Wie sehen Sie diese Frage?
Es geht selbstverständlich nicht um einen Generalverdacht gegenüber russischen Künstlern, es geht nicht um Nationalität. Was keinesfalls eintreten darf, ist eine pauschale Abwehr russischer Künstler, der russischen Kultur und Musikgeschichte. Es geht darum, dass Künstler, die sich mit diesem Krieg oder seinen Betreibern und deren Zielen identifizieren, nicht im Musikverein auftreten dürfen. Da gibt es keine Grundlage für eine künstlerische Zusammenarbeit. Natürlich hat jeder in einem Rechtsstaat wie Österreich das Recht auf eine eigene politische Meinung und darauf, sie öffentlich zu äußern oder nicht. Aber das hier ist etwas anderes, wir haben es mit einem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg in Europa zu tun, da ist eine rote Linie überschritten. Ich bin in Kontakt mit Klassik-Kollegen in ganz Europa und sehe, dass wir im Musikverein die Sicht der führenden Konzerthäuser Europas auf diese Fragen teilen.

Zurück zum Programm der Saison 2022/23: Wir hoffen alle, dass die Pandemie baldmöglichst so in den Griff zu bekommen ist, dass ein unbeeinträchtigtes Konzertleben wieder dauerhaft möglich wird. In der Pandemie ist viel über Streaming und digitale Präsenz von Konzerten gesprochen worden – wie gehen Sie damit im Musikverein um?
Wir haben die Zeit der Pandemie genutzt, um grundsätzlich eine neue Strategie zu entwickeln, wie wir unsere Konzerte im Musikverein medial präsenter machen können. Das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker aus unserem Goldenen Saal ist natürlich das berühmteste Klassik-Fernseh-Konzert der Welt, und natürlich gab es auch in den letzten Jahren Streamings und TV-Aufzeichnungen von weiteren Konzerten im Musikverein – beispielsweise der Wiener Philharmoniker, der Wiener Symphoniker oder von Wien Modern. Mit unserer neuen Strategie gehen wir aber einen deutlichen Schritt weiter, denn in Zukunft werden auch eine ganze Reihe von unseren Gesellschaftskonzerten für TV-Sendung oder Online-Streaming produziert. Das wird ermöglicht durch eine neue Partnerschaft mit der Firma Unitel, einem der größten audiovisuellen Produzenten von Konzerten, Opern und Balletten Europas. Die Unitel ist unser neuer exklusiver Produktionspartner für die kommenden Jahre und wird Konzerte aus unseren Sälen für TV und Streaming produzieren. Die Unitel arbeitet mit vielen führenden Institutionen aus dem Musikbereich zusammen, so beispielsweise mit den Wiener Philharmonikern und den Berliner Philharmonikern, den Bayreuther und den Salzburger Festspielen oder mit der Bayerischen Staatsoper, und natürlich mit öffentlichen und privaten Sendern auf der ganzen Welt. Wir freuen uns sehr über diese neue exklusive Partnerschaft der Unitel mit uns und darauf, dass viele Konzerte der kommenden Saison 2022/23 aus dem Musikverein so auch international medial erlebbar werden.

Das Gespräch führte Walter Weidringer.

Monatsmagazin Musikfreunde Mai / Juni 2022

Die internationale Konferenz, zu der die Gesellschaft der Musikfreunde 1885 nach Wien einlud, könnte als Fachtagung verbucht werden: als Veranstaltung unter Spezialisten. In Wahrheit aber ging sie weit darüber hinaus. Die Wiener Stimmtonkonferenz von 1885 war ein bedeutsamer gesellschaftlicher, ja politischer Akt. Mit der Einigung auf eine gemeinsame, international verbindliche Stimmtonhöhe wurde die Voraussetzung dafür geschaffen, miteinander musizieren zu können, ganz gleich, woher der eine, woher die andere in einem Ensemble stammt.