Homo politicus  

Igor Levit

Der Pianist Igor Levit sei nur aus der unmittelbaren Gegenwart heraus zu verstehen, sagt sein Biograph Florian Zinnecker. Genau das versucht Margot Weber mit diesem Porträt.

Als er gefragt wird, wann sie sich wiedersehen, ruft der brave Soldat Schwejk seinen Saufkumpanen zu: „Nach dem Krieg um halb sechs!“ Und nach dem Krieg um halb sechs ist dann auch wieder eine passendere Zeit für all die anekdotischen Geschichten aus Igor Levits Vergangenheit. Wie er als Baby unterm Flügel der Mutter in Nischni Nowgorod herumkroch; wie er sich als Teenager – und „jüdischer Kontingentflüchtling“ – in Hannover durch die Schule quälte und eines Tages einfach nicht mehr hinging; wie er sich als eigenwilliger Jungstudent seinen späteren Beruf erkämpfte. Und dann kann man vielleicht auch wieder von seiner großen Liebe zu Kohlsprossen und Klappfahrrädern erzählen.

Doch hier und jetzt soll es einmal – der Gegenwart entsprechend, in der wir leben – um den Homo politicus Igor Levit gehen. Und den Hass, aber auch die Verehrung, die er durch seine Entscheidung, sich zu gesellschaftspolitischen Fragen zu äußern, seit einem halben Jahrzehnt auf sich zieht.
Erste Erkenntnis: Er macht es Freund und Feind sehr leicht. Den Feinden vielleicht sogar noch ein bisschen leichter. Denn er bietet jedem, der ihm nicht wohlgesonnen ist, zahlreiche Angriffspunkte. Die deutsche Grünen-Politikern Claudia Roth, die mindestens so polarisiert wie er? Eine nahe Freundin. Luisa Neubauer von „Fridays For Future“? Ebenso. Levit geht auf Klimaschutz-Demos, er engagiert sich gegen Rassismus, Antisemitismus und die AfD – und setzt sich für Flüchtlinge und Menschenrechte ein. Doch natürlich sind seine Äußerungen ein rotes Tuch für Rassisten, Antisemiten und Rechtsextreme, ja für den gesamten rechten Rand der Gesellschaft. Darüber hinaus aber auch für alle, die der Überzeugung sind, die klassische Musik sei eine unpolitische Kunst, weshalb sich Musiker prinzipiell von politischen Themen fernzuhalten hätten.

Er selbst sieht das anders. Bereits 2017 erklärte er im Deutschlandfunk: „Klassische Musiker, die klassische Musik als Grund einführen, um sich aus gesellschaftlicher Verantwortung zurückzuziehen, und die sagen ‚Wir machen eben Musik und im Alltag ist zu wenig Zeit‘ – die provozieren bei mir die Gegenfrage: Was glaubt ihr eigentlich, wer ihr seid?“
Levits Erweckungsmoment als Homo politicus sei die Griechenland-Krise gewesen, erzählt sein Biograph Florian Zinnecker („Hauskonzert“, 2021). Es ist das Jahr 2008. Der Pianist ist erschüttert von der Kälte deutscher Politiker, aber auch vom Zynismus der „Bild“-Zeitung, dem einflussreichsten Boulevardblatt Deutschlands. Doch die sozialen Medien stehen noch ganz am Anfang: Twitter existiert zwar bereits, ist aber noch völlig unbekannt. So bleibt der Öffentlichkeit damals noch verborgen, was er denkt und wie er sich engagiert. Doch 2015, als hunderttausende Syrer nach Europa flüchten, sind Facebook und Co zu mächtigen Plattformen geworden.

Im Frühjahr 2016 reist er ins zentralmakedonische Idomeni, damals eines der größten Flüchtlingslager. Im Juni 2016 beschließt Großbritannien, aus der EU auszutreten. Im November 2016 wird Donald Trump Präsident der USA. Es ist ein verstörendes Jahr. Levit politisiert sich immer stärker und macht seine Meinungen öffentlich. „Er begann, sich auf Twitter zu äußern, er lernte rasch, wie die Plattform funktioniert und wie er dort wirksam Gehör finden konnte“, erzählt Zinnecker. „Und er wusste auch, dass mit Twitter allein noch nichts gewonnen war. Er begann sich zu engagieren, Menschen auch konkret zu helfen, mit Geld und Kontakten.“ Die zahlreichen, eng aufeinander folgenden weltweiten Krisen verändern ihn, er wird lauter, kompromissloser, wütender. Heute begleiten ihn auf Twitter 175.000 Follower, auf Instagram sind es 73.000. Von Facebook hat er sich vor einigen Jahren zurückgezogen.

Igor Levit
© Felix Broede

Igor Levit 

13. Mai 2022

Igor Levit

Werke von Beethoven, Schumann und Bach

Anschließend: Auf ein Glas mit Igor Levit

Friday, 13. May 2022, 07.30 PM

Igor Levit
© Felix Broede | Sony Classical

Igor Levit 

14. Mai 2022

Igor Levit

Werke von Stevenson

Saturday, 14. May 2022, 08.00 PM

Simon Bode
© Nikolas Kröger

Simon Bode 

15. Mai 2022

Simon Bode
Igor Levit

Lieder von Britten und Schubert

Anschließend: Nachklang
Musik von Alkan
ensemble.MUK.wien.aktuell
Musik von Feldman

Sunday, 15. May 2022, 03.30 PM

Liest man sich durch die abstoßenden Social-Media-Posts seiner Feinde – und durch die Todesdrohungen –, bleibt am Ende nur Fassungslosigkeit. Darüber, dass ihm für sein Engagement für ein tolerantes Miteinander so viel Intoleranz entgegenschlägt. Was fordert er denn Ungeheures? Respekt vor dem Leben anderer zu haben. Schwächeren zu helfen. Mitgefühl zu haben. Anständig zu handeln. Sollte all das nicht eigentlich selbstverständlich sein?
„In der Öffentlichkeit ist Igor bald der Pianist, der vor dem Konzert Ansprachen hält“, sagt Zinnecker. „Doch für ihn ist dies – anders als für viele Zuhörer – keine Brechung des Rahmens, sondern eine völlig organische Erweiterung.“ Er stehe ja ohnehin auf der Bühne und teile sich mit – warum dann nicht noch ein paar Worte sagen? „Der Gedanke: Im Konzertsaal hört man einander zu, das ist vielleicht die Keimzelle von Mitmenschlichkeit.“ Das Reden hilft ihm gegen die Ohnmacht. Und beim Behalten der Deutungshoheit über die eigene Person. Ein bisschen jedenfalls.
Dann kommt Corona.

Levits spontane Antwort auf den ersten Lockdown: Hauskonzerte aus seiner Berliner Wohnung. Am ersten Abend, dem 12. März 2020, steht Beethovens „Waldsteinsonate“ auf seinem Programm. In die Wohnzimmer seiner Zuhörer gelangt sie als Livestream via Twitter, 80.000 Menschen sind an ihren Bildschirmen dabei. Die Musik hilft nicht nur ihnen, sondern auch dem Pianisten: „Allein zu Hause arbeiten kann ich nicht. Ich wusste, wenn ich keine Perspektive habe, für andere zu spielen, höre ich auf zu üben“, erzählt er in seinem Buch. Die Hauskonzerte seien für ihn von existenzieller Bedeutung gewesen: „Sie haben mich gerettet.“
Am 2. April 2020 spielt er aus dem Wohnzimmer des deutschen Bundespräsidenten im Schloss Bellevue. Die Einladung des höchsten deutschen Repräsentanten ist eine Geste der Anerkennung. Levit spielt erneut die „Waldsteinsonate“. Weil sie das lebensbejahendste, erbauendste, beglückendste, inspirierendste sei, was es in der Klaviermusik gebe. „Ein Stück, das Inspiration schenkt, das Glück schenkt, das umarmt“, sagt er in einer kleinen Ansprache vor Beginn.
Am 2. Mai 2020 gibt er sein 50. Hauskonzert: Bachs „Goldberg-Variationen“. Zwei Tage später hört er auf. Doch er hat bereits eine neue Idee für einen weiteren Livestream: die „Vexations“ („Quälerei“) von Erik Satie, ein Thema und zwei Variationen, die 840-mal wiederholt werden. Dauer: 15 Stunden. Er beginnt an einem Nachmittag um drei, am anderen Morgen um sechs ist er durch. Die Notenblätter wurden anschließend zum Stückpreis von 100 Euro im Internet verkauft, die 84.000 Euro gingen je zur Hälfte an FREO (Freie Ensembles und Orchester in Deutschland e.V.) und an den Nothilfefonds der Deutschen Orchesterstiftung.

Am 1. Oktober 2020 bekommt er das Bundesverdienstkreuz verliehen. Ausgezeichnet wird er für sein Engagement gegen Antisemitismus – und für seine Hauskonzerte. In seiner Laudatio sagt der Bundespräsident: „Bei ihm sind künstlerisches Wirken, gesellschaftspolitisches Engagement und Solidarität mit anderen untrennbar verbunden.“
Im September 2021 erhält er den Preis für den Dialog der Kulturen des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa). Das Preisgeld von 10.000 Euro spendet er an die Beratungsstelle Hate Aid, die Opfer digitaler Gewalt unterstützt – unter anderem durch kostenlose Beratungsangebote und Prozesskosten-Finanzierung. Hate Aid sei eine der Organisationen, „die uns Gefährdeten hilft, uns zu wehren, damit diejenigen, die ständig mit Scheiße und Hass um sich werfen und Menschen mit dem Tod bedrohen, die Konsequenzen für ihr Handeln übernehmen müssen“, sagt er dazu.

Dann kommt Putins Angriffskrieg auf die Ukraine. „Ein Musiker zu sein, befreit jemanden nicht davon, ein Staatsbürger zu sein. Oder davon, Verantwortung zu übernehmen“, postet er wenige Stunden nach dem russischen Einmarsch. „Vage zu bleiben, wenn ein Mann – insbesondere ein Mann, der Präsident des eigenen Heimatlandes ist – einen Krieg beginnt und damit großes Leid über viele Menschen bringt, ist inakzeptabel.“ Und fügt hinzu, niemand möge jemals die Musik und das Musikerdasein als Entschuldigung dafür nehmen, sich nicht zu humanitären Fragen äußern zu wollen. „Do not insult art“, endete er. Übersetzt: Beleidigt nicht die Kunst.
Sein Engagement als Homo politicus geht weiter. Ob er jemals damit aufhört? Unwahrscheinlich.

Margot Weber
Margot Weber lebt als Journalistin in München.

Monatsmagazin Musikfreunde Mai / Juni 2022

Die internationale Konferenz, zu der die Gesellschaft der Musikfreunde 1885 nach Wien einlud, könnte als Fachtagung verbucht werden: als Veranstaltung unter Spezialisten. In Wahrheit aber ging sie weit darüber hinaus. Die Wiener Stimmtonkonferenz von 1885 war ein bedeutsamer gesellschaftlicher, ja politischer Akt. Mit der Einigung auf eine gemeinsame, international verbindliche Stimmtonhöhe wurde die Voraussetzung dafür geschaffen, miteinander musizieren zu können, ganz gleich, woher der eine, woher die andere in einem Ensemble stammt.