Editorial

Liebe Musikfreundinnen und Musikfreunde,

die internationale Konferenz, zu der die Gesellschaft der Musikfreunde 1885 nach Wien einlud, könnte als Fachtagung verbucht werden: als Veranstaltung unter Spezialisten. In Wahrheit aber ging sie weit darüber hinaus. Die Wiener Stimmtonkonferenz von 1885 war ein bedeutsamer gesellschaftlicher, ja politischer Akt. Mit der Einigung auf eine gemeinsame, international verbindliche Stimmtonhöhe wurde die Voraussetzung dafür geschaffen, miteinander musizieren zu können, ganz gleich, woher der eine, woher die andere in einem Ensemble stammt. Und offenkundig ist: Für die Verständigung, dieses hohe Menschheitsziel, gibt es kein schöneres, stimmigeres Modell als das gemeinsame Musizieren. Daniel Barenboim hat diesen Gedanken im West-Eastern Divan Orchestra konsequent umgesetzt und in seinen Büchern klar ausgesprochen: Wer in einem Ensemble spielt, muss und darf sich selbst ausdrücken – er muss aber auch anderen zuhören. In dieser Kunst, gleichzeitig zu spielen und zuzuhören, liegt der politische Vorbildcharakter des Musizierens.

Die Stimmtonkonferenz von 1885 hatte das im Blick. Die Stimmtöne, die sie sammelte, um sie durch Ausgleich dialogfähig zu machen, waren vielfältig und kamen von weither. Auch aus Russland, der damaligen Hauptstadt St. Petersburg, wurde ein Beitrag geliefert. Traurig, dass wir heute erleben müssen, wie von dorther ein totalitär verhärtetes Regime anderen seine Tonart aufzwingen will. Ein „Erfolg“ kann und wird diesem brutalen Vorgehen nicht beschieden sein. Nur die Verständigung, nur der Ausgleich von Sich-ausdrücken-Dürfen und Zuhören-Können, kann wahrhaft Frieden schaffen. In diesem Wissen fanden sich unlängst auch Musikerinnen und Musiker aus mehreren Wiener Orchestern im Musikverein zusammen, um mit internationalen Solistinnen und Solisten und dem Singverein gemeinsam ein Benefizkonzert für die vom Krieg in der Ukraine betroffenen Menschen zu geben. Der Bericht, den Sie in dieser Ausgabe dazu lesen können, ergänzt die Beiträge über unser „Musikverein Festival A!“ um eine bewegend aktuelle Note.

Die gemeinsam gefundene Grundstimmung schafft die Voraussetzung zum Dialog, zum bereichernden Erlebnis von Vielfalt. Diese Leitidee finden Sie auch im Abonnementprogramm, das ich Ihnen für die kommende Saison präsentieren darf. Ergänzend zu unserer Saisonbroschüre, die wir mit großer Freude für Sie gestaltet haben, möchte ich Ihnen in dieser Ausgabe gesprächsweise einige Gedanken und Programmhighlights der Musikvereinssaison 2022/23 vorstellen. Vielfalt ist dabei wichtig, die weitere Öffnung von Perspektiven im Dialog auch mit anderen Künsten, die Neugier auf das, was uns junge Künstlerinnen und Künstler zu sagen haben, die verstärkte Aufgeschlossenheit fürs Zeitgenössische. Aber allem voran gilt: Der Musikverein ist und bleibt Weltspitze, weil hier die bedeutendsten Künstlerinnen und Künstler der klassischen Musikszene, die wichtigsten Orchester und Ensembles zu Hause sind. Einer von ihnen – dem wir zu seinem 80. Geburtstag eine umfassende Konzertserie widmen – ist Daniel Barenboim. Die Botschaft der Musik als Modell politischer Verständigung: Auch dafür steht der Musikverein in Wien.

Dr. Stephan Pauly

Intendant der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien

Monatsmagazin Musikfreunde Mai / Juni 2022

Die internationale Konferenz, zu der die Gesellschaft der Musikfreunde 1885 nach Wien einlud, könnte als Fachtagung verbucht werden: als Veranstaltung unter Spezialisten. In Wahrheit aber ging sie weit darüber hinaus. Die Wiener Stimmtonkonferenz von 1885 war ein bedeutsamer gesellschaftlicher, ja politischer Akt. Mit der Einigung auf eine gemeinsame, international verbindliche Stimmtonhöhe wurde die Voraussetzung dafür geschaffen, miteinander musizieren zu können, ganz gleich, woher der eine, woher die andere in einem Ensemble stammt.