Chronik I

Wie die Musik helfen kann - Ein Benefizkonzert im Musikverein

Es war ein bewegendes Konzert – und eines, das viel bewegte: das Benefizkonzert für die vom Krieg in der Ukraine betroffenen Menschen, das am 22. März im Großen Musikvereinssaal stattfand.

Ein gemeinsames Zeichen der Solidarität für die Menschen in der Ukraine: Dazu war dieses Konzert gedacht. Unter dem Eindruck der schockierenden Nachricht vom Kriegsausbruch in Europa war es spontan organisiert worden, getragen von der alle bewegenden Absicht, nicht nur fassungslos zusehen zu müssen, sondern auch wirklich zu helfen.

So kam es zu einer ganz besonderen gemeinschaftlichen Aktion im Wiener Musikleben. Mitglieder von fünf Wiener Orchestern fanden sich mit dem Wiener Musikverein, dem Wiener Singverein und mit internationalen Solistinnen und Solisten zusammen, um ein Benefizkonzert für die Ukraine-Hilfe von „Nachbar in Not“ zu geben. ORF III zeichnete das Ereignis auf. Den Ehrenschutz hatte Bundespräsident Alexander Van der Bellen übernommen.   Musikvereinsintendant Stephan Pauly konnte dieses Konzert mit einem großen Dank eröffnen: Dank an die Musikerinnen und Musiker des Concentus Musicus Wien, des Orchesters Wiener Akademie, des ORF Radio-Symphonieorchesters Wien, des Tonkünstler-Orchesters Niederösterreich und der Wiener Symphoniker, Dank an alle Mitwirkenden, auch die hinter den Kulissen, die ihre Dienste ohne Entgelt für den guten Zweck zur Verfügung stellten, Dank vor allem auch an das Publikum im vollbesetzten Großen Musikvereinssaal. Mit dem Erlös aus Kartenverkauf und Spenden, die im Vorfeld des Konzerts eingegangen waren, konnten nicht weniger als 115.000 Euro an „Nachbar in Not“ überwiesen werden.   Bevor die Musik allein die Gedanken tragen und die Herzen bewegen konnte, sprach ein Musiker aus dem Orchester zum Publikum. Yaromyr Babskyy, Erster Geiger des Tonkünstler-Orchesters Niederösterreich, dankte im Namen seiner Landsleute in der Ukraine für die Solidarität und Hilfe und erinnerte daran, dass sein Heimatland nicht nur sich selbst, sondern die europäischen Werte verteidige. Der erste musikalische Beitrag schlug dazu die Brücke: Die ukrainische Mezzosopranistin Lena Belkina sang, vom Orchester begleitet, die ukrainische Nationalhymne.   Die Botschaft der Musik sprach dann in beziehungsreichen Werken: Gidon Kremer spielte einen Satz aus dem Violinkonzert von Mieczysław Weinberg und ein Violinsolo-Werk von Igor Loboda, das den Opfern des Ukraine-Konflikts 2014 gewidmet ist. Kirill Gerstein stellte seiner Interpretation von Chopins f-Moll-Fantasie op. 49 zwei Stücke voran, die Claude Debussy auch als politische Beiträge gegen den Ersten Weltkrieg verstanden hatte. Lena Belkina sang Lieder des ukrainischen Komponisten Valentin Silvestrov, der Singverein war mit Mendelssohns Choralkantate „Verleih uns Frieden gnädiglich“ zu hören und begleitete Christiane Karg (Sopran) und Lena Belkina bei einem Duett aus Mendelssohns Zweiter Symphonie, „Lobgesang“, bevor er für den Chorglanz im Schlusssatz von Beethovens Neunter sorgte. Michael Schade und Luca Pisaroni komplettierten das Vokalquartett in diesem Finale. Die „Ode an die Freude“, dirigiert vom erst 26-jährigen Österreicher Patrick Hahn, war an diesem Abend ein leuchtendes Fanal der Hoffnung.

Monatsmagazin Musikfreunde Mai / Juni 2022

Die internationale Konferenz, zu der die Gesellschaft der Musikfreunde 1885 nach Wien einlud, könnte als Fachtagung verbucht werden: als Veranstaltung unter Spezialisten. In Wahrheit aber ging sie weit darüber hinaus. Die Wiener Stimmtonkonferenz von 1885 war ein bedeutsamer gesellschaftlicher, ja politischer Akt. Mit der Einigung auf eine gemeinsame, international verbindliche Stimmtonhöhe wurde die Voraussetzung dafür geschaffen, miteinander musizieren zu können, ganz gleich, woher der eine, woher die andere in einem Ensemble stammt.