Der Super-Maestro

Valery Gergiev

In München ist er seit 2015 Chefdirigent der Philharmoniker, im Musikverein gehört er seit 1999 zu den Vielbegehrten am Pult, besonders der Wiener Philharmoniker. Wirklich zu Hause ist Valery Gergiev aber in St. Petersburg, wo er als Musikdirektor und Intendant des Mariinsky Theaters ein riesiges künstlerisches Reich leitet. Edith Jachimowicz porträtiert den Maestro und sein russisches Wirkungsfeld.

Mariinsky – das ist nicht nur ein Theater: Es ist ein Imperium. Neben dem historischen Stammhaus in St. Petersburg gehören dazu die neue Zweite Bühne Mariinsky 2, ein großer Konzertsaal, das Musik- und Theaterzentrum Kolomna, im fernen Wladiwostok an der Pazifikküste das drei Bühnen umfassende Theater Mariinsky Primorje, in Wladikavkas (Nordossetien) ein Opernhaus und ein Konzertsaal. Und über all dem waltet, gleichsam als Super-Maestro, Valery Abisalowitsch Gergiev.

Damit nicht genug, ist dieses Jahr eine weitere Mariinsky-Filiale hinzugekommen: In Kemerowo, einer wichtigen Industriestadt im westsibirischen Kohlebecken. Dort ist ein von einem renommierten Wiener Architektenbüro entworfenes futuristisches Kulturzentrum entstanden. In Gergievs ausführlichen Statements gegen Ende der letzten und zu Beginn der gegenwärtigen Saison, stets in freier Rede und ohne Spickzettel, klingt immer wieder an, wohin seine Reise in die Zukunft geht: verstärkt in den Regionen Russlands Präsenz zu zeigen, die Gastspiele im Ausland etwas zu reduzieren. „Ich möchte, dass unsere Kinder, unsere Jugend wissen, was russische Kultur ist, die Oper, Konzerte, Ballett. Dafür tun wir sehr viel. Sogar im Jahr der Pandemie – ich nehme dieses Wort gar nicht gern in den Mund – haben wir mit dem Orchester 20 Regionen besucht, dieses Jahr sind es schon 28. Kein Covid, keine harten Maßnahmen konnten den künstlerischen Prozess unseres Theaters aufhalten.“

Valery Gergiev
© Bernhard Bürklin

Valery Gergiev 

14. Jänner 2022

Freitag, 14. Jänner 2022
Wiener Philharmoniker
Valery Gergiev | Dirigent
Denis Matsuev | Klavier

Sergej Rachmaninow
Konzert für Klavier und Orchester 
Nr. 2 c-Moll, op. 18
Symphonie Nr. 2 e-Moll, op. 27

Friday, 14. January 2022, 07.30 PM


In St. Petersburg halfen die gewaltigen Kapazitäten des Theaters, den Einschränkungen teilweise zu entgehen. Dank dreier großer Auditorien konnten jeweils 1000 Besucher gleichzeitig Konzerte und Vorstellungen besuchen. Bespielt wurden außerdem sechs mittlere und kleinere Säle mit Veranstaltungen für Kinder, Jugendliche oder jene, die sich einen Kartenkauf nicht leisten können. Trotz Pandemie verlief die vergangene Saison erfolgreich. „Wir hatten“, so Gergiev, „viele neue junge Sänger, viele neue Rollen für unser Ensemble – und auch Solisten, die schon 30, 40 Jahre singen, lernen gerne neue Partien.“
In vielen russischen Provinzstädten gibt es Opernhäuser, meist alte, viele aus sowjetischer Zeit. Die lokalen Kräfte sorgen mit großem Einsatz dafür, dass die Bevölkerung mit Oper, Ballett und Konzerten versorgt ist. Die vorhandenen Kapazitäten reichen jedoch nicht aus, um beispielsweise eine große Mussorgskij-Oper auf professionellem Niveau aufzuführen. Also kommt das Mariinsky Theater, um auch diesem Publikum Großstadtformat zu bieten. „Allein im Jahr 2019 hatten wir im eigenen Land rund 2000 Auftritte, die Auslandsreisen nicht mitgerechnet. Das sind die künstlerischen und menschlichen Ressourcen unseres Theaters.“

Gergiev ist dabei ständig auf der Suche nach jungen Talenten. Diese bekommen Gelegenheit, sich im hauseigenen Opernstudio, geleitet von Gergievs Schwester Larissa, zu entwickeln, im Ensemble Erfahrung zu sammeln. „Wir haben Dutzende Stimmen von Weltrang. Ich bin stolz darauf, mit diesen Kollegen zusammenzuarbeiten.“ Besonders weist Gergiev darauf hin, dass sein Theater das Wagner-Repertoire kontinuierlich erweitern konnte. Mit dem zuletzt erarbeiteten „Tannhäuser“ und den gegen Jahresende hinzukommenden „Meistersingern“ stehen dann zehn Wagner-Opern im Repertoire. „Unsere Sänger haben sich in diesem Repertoire schon bewährt und singen diese Partien weltweit.“ Aber auch für Rares findet sich bei ihm Platz: zuletzt eine Produktion der „Lakmé“ von Léo Delibes, wegen der von den Sängern geschätzten „Hits“ auch ein Zugstück fürs Publikum. Und dann liebt der Maestro Ballett: die bahnbrechenden Werke der Diaghilev-Saisonen, die berühmten und weniger bekannten Schöpfungen der Sowjetära, aber auch stets Zeitgenössisches. Gergiev steht bei Ballettabenden gerne selber am Pult.
Das Herzstück in den Plänen des Maestro stellen fraglos die eigenen russischen Komponisten dar. Für diese Großen seien mehr „Denkmäler“ notwendig. „Im Westen steht in Salzburg Mozart im Zentrum, in Bayreuth Wagner, in Bonn Beethoven. Wir haben da bezüglich unserer Komponisten ein Defizit. Es müssen Denkmäler für sie geschaffen werden, nicht nur in Form von Monumenten aus Stein, sondern durch ständige Zuwendung.“ Er plant eine Reihe von speziellen Festivals für Glinka, Mussorgskij, Rimskij-Korsakow, Tschaikowskij, Rachmaninow, Prokofjew und Schostakowitsch jeweils in deren heimatlichen Regionen, aber auch in den beiden Hauptstädten. Begonnen hat dieses Projekt im letzten Frühjahr mit Igor Strawinsky um dessen 50. Todestag am 6. April. Mit Opern, Orchesterwerken, Solistenkonzerten und vielen Ballettaufführungen. Einen Vorspann dazu hätte auch Wien erleben können, die drei Musikvereinskonzerte fielen leider dem Lockdown zum Opfer. „Wir brauchen für diese Projekte keine Agenturen, keine Werbung, wir haben genügend eigene Ressourcen. Wir erbitten dafür auch keine Auszeichnungen, Orden oder Prämien. Das ist nicht unser Ding, wir sind allein den Komponisten verpflichtet. Wir können jährlich zehn bis fünfzehn Festivals ausrichten, unsere Kapazitäten sind gewaltig.“ Zwei große Festivals haben bereits Tradition: in St. Petersburg die „Weißen Nächte“, in Moskau das Osterfestival.


Dass Gergiev seine vielen Auslandsverpflichtungen künftig etwas einschränken möchte, werden jene Partner, mit denen er regelmäßig zusammenarbeitet, nicht so sehr zu spüren bekommen. Die Münchner Philharmoniker, deren Chefdirigent er ist, haben soeben mit ihm ihren neuen Konzertsaal eröffnet, die Isarphilharmonie, nominell ein Ausweichquartier für den Gasteig, der generalsaniert werden muss. Das architektonisch interessante Gebäude, ganz nach Gergievs Geschmack, wird sicherlich ein Standort bleiben. Zu den Wiener Philharmonikern und dem Goldenen Saal des Wiener Musikvereins ist über die Jahre eine dauerhafte Liebesbeziehung entstanden, die kaum einer Erläuterung bedarf. 23 Jahre tritt Gergiev schon bei den Salzburger Festspielen auf, auch gelegentlich in Linz beim Brucknerfest. Eine dauerhafte Beziehung hat sich auch mit Grafenegg entwickelt, dank Rudolf Buchbinder, „diesem großen Pianisten, der enormes Ansehen genießt. Wir haben ihn schon zum zweiten Mal mit seinem Zyklus der Beethoven-Sonaten zu uns nach St. Petersburg eingeladen.“

Gergiev ist zwar „nur“ für seine eigenen Häuser zuständig, doch verfolgt er mit großer Aufmerksamkeit, was sich sonst noch im Kulturleben der nördlichen Metropole abspielt. Mit etwas Sorge beobachtet er den gegenwärtig nicht optimalen Zustand des St. Petersburger Konservatoriums, seiner eigenen Alma Mater. Es geht hier nicht nur um den baulichen Zustand, sondern die seiner Meinung nach bizarren Vorschläge für die Renovierung und die Qualität des Lehrkörpers, die er durch allzu große Abwanderung gefährdet sieht. „Konservatorien spielen eine so wichtige Rolle für die Gesellschaft.“

Eines von Gergievs nächsten Schwerpunktprojekten zeichnet sich schon bei seinem philharmonischen Konzert im Jänner im Musikverein ab, bei dem nur Werke von  Rachmaninow auf dem Programm stehen, ein Vorbote für das in naher Zukunft geplante „Denkmäler“-Festival. Für das Wiener Konzert bringt er den charismatischen Pianisten Denis Matsuev mit, einen ausgewiesenen Kenner des Komponisten.

Ein persönliches Highlight sind für den Maestro jede Saison die Mariinsky-Gastspiele in Wladikavkas, seinem „kleinen Vaterland“, wie man in Russland sagt. Auch diese Saison war dies eines seiner ersten Reiseziele. Gergiev ist stolzer Ossete und erinnert gerne an seine antiken Vorfahren, die Skythen. In St. Petersburg warten danach schon seine Mitarbeiter dringend auf die Rückkehr des Chefs. In seinem Büro gleich neben dem Künstlereingang paraphiert er Dokumente, hört sich die Berichte seines Stabs an und wandert dabei mit den Augen zum Fernsehbildschirm auf seinem Schreibtisch: Dort läuft nämlich ein Fußballmatch …

Edith Jachimowicz
Dr. Edith Jachimowicz, die jahrelang auch in Moskau tätig war, lebt als Musikpublizistin und -dramaturgin in Wien und Salzburg.

Monatsmagazin Musikfreunde Jänner 2022

Vertiefung und Weitung, Intensivierung und Öffnung: Die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien bewegt sich, und sie tut es voll Überzeugung und Enthusiasmus in beide Richtungen. Die Porträts und  Komponistenschwerpunkte, die wir für die Saison 2021/22 geplant haben, vertiefen das Konzertgeschehen auf vielfältige Weise. Sir András Schiff ist in dieser Saison der Künstler mit dem umfassendsten Porträt: Nicht weniger als acht verschiedene Programme hat er mit uns gemeinsam konzipiert.
Nach seinem ersten, begeistert aufgenommenen Porträtkonzert mit der Cappella Andrea Barca gibt er nun einen Abend mit seinem Freund Robert Holl. „Wahlverwandtschaft, Seelenverwandtschaft“, sagt András Schiff in dieser Ausgabe der „Musikfreunde“, verbinde ihn mit Robert Holl – und „vor allem die Liebe zu Schubert“.

Magazin als PDF