Die gestiefelte Katze

Eine Uraufführung bei Allegretto

„Die gestiefelte Katze“. Das neue Jahr hält für Kinder ab sechs Jahren die Premiere einer humorvollen Musiktheater-Fassung des beliebten Märchens von Ludwig Tieck und den Brüdern Grimm bereit – mit Musik von Johannes Berauer. Sarah Jeanne Babits ist in dieser Produktion Librettistin, Regisseurin und Schauspielerin in Personalunion. Daniel Ender traf sie zum Gespräch.

Frau Babits, Ihr Stück richtet sich an Kinder ab sechs Jahren. Wie war es bei Ihnen in diesem Alter: Welche Kinderprogramme haben Sie erlebt, und welche hätten Sie sich damals gewünscht?
Ich kann mich nicht genau erinnern, ob ich in Kinderstücken gewesen bin. Ich weiß aber, dass ich einmal ein Ballett gesehen habe: Es war alles sehr dunkel, ich war zu weit weg. Ich fand es schön, aber auch zu lang, und ich bin eingeschlafen. Meine Mutter hat aber mit Schülern immer Theater gemacht, und da war ich dabei, seit ich klein war. So habe ich Theater zum ersten Mal mitbekommen und erlebt. Dann kann ich mich vor allem an die Theaterstücke erinnern, die ich mit meinen Schwestern inszeniert habe.

Kinderprogramme wurden sehr lange Zeit unter dem Stichwort der „Vermittlung“ gesehen und angeboten. Hat diesbezüglich schon eine Transformation stattgefunden, dass viel mehr versucht wird, spezifische Angebote auf Augenhöhe zu machen?
So erlebe ich das. Ich komme ja nicht von der Vermittlung, sondern bin Schauspielerin und habe dann angefangen zu schreiben und Regie zu führen. Deshalb hat mich an der Vermittlung immer mehr die Geschichte interessiert: Was erzähle ich, wie erzähle ich es, und wie vermittle ich es den Kindern? Gleichzeitig wollte ich auch nie vergessen, dass bei einem Kinderstück – egal für welches Alter – meistens fast die Hälfte der Zuschauer Erwachsene sind. Daher versuche ich immer, möglichst vielen Augen, Ohren und Altersstufen gerecht zu werden.

Funktioniert ein Kinderstück also nur dann, wenn es auch für Erwachsene interessant ist?
Ja, das würde ich so sehen. Ich gehe davon aus, was ich als Darstellerin – egal ob als Schauspielerin, Musikerin oder Tänzerin – auf der Bühne erzählen will. Was ist die Geschichte an sich, und was will ich persönlich darüber erzählen? Das habe ich auch bei der „Gestiefelten Katze“ versucht herauszufinden, weil mir diese Figur zunächst einmal überhaupt nicht sympathisch gewesen ist. Ich habe dieses Märchen zwar vorgeschlagen, aber mich dann selbst gefragt, was ich mit ihm machen soll. Dann habe ich versucht, für jede Figur eine innere Motivation zu finden. Warum ist der König so, wie er ist? Warum ist die Katze so wichtig für diesen jungen Mann, der seinen Weg ins Leben erst finden muss? Ich bin dann auf die Idee gekommen, dass die Katze sieben Leben hat. Und das ist jetzt ihr siebtes. Das möchte sie jetzt richtig machen. Vor allem möchte sie auch anderen weitergeben, dass es wichtig ist, jetzt die Dinge zu machen, die einem wichtig sind. Hans ist eine sehr authentische und direkte Figur, und er kann das, was die Katze ihm aufstülpen will, so nehmen, dass es für ihn richtig ist. Es ist also eine gute Konstellation mit den beiden.

Wenn Sie bei einem Projekt wie diesem vom Konzept bis zum Text, zum Schauspiel und zur Regie viele Fäden in der Hand haben, welche Vorteile und vielleicht auch Nachteile hat das für Sie?
Die erste Rolle ist die der Autorin. Ideen habe ich Gott sei Dank schnell, aber das Schwierige ist es dann manchmal, wenn man lange vor dem weißen Blatt sitzt und überlegt, wo man tatsächlich ansetzen kann. Das Schwierigste bei dem Projekt ist sicher, zu spielen und gleichzeitig Regie zu führen. Zuerst konzentriere ich mich auf meine Kollegen, dass sie sich in ihren Rollen wohlfühlen. Ich probe entweder für mich allein oder komme erst relativ spät in einen Fluss im Spielen. Ich weiß aber immer, dass ich den Blick von außen irgendwann vergessen darf – doch das kommt immer erst sehr spät. Es ist schon schön, wenn man als Schauspieler geführt wird und sich nicht so ganz alleine fühlt. Trotz der Herausforderung ist es aber immer sehr schön, wenn man von der Idee bis zur Realisierung den Fuß drinnen hat. Das muss aber nicht immer so sein – ich gebe gerne Verantwortung ab.

Hat es einen feministischen Grund, dass es sich um eine Katze und nicht um einen Kater handelt?
Nein. Es gibt interessanterweise eine italienische Urfassung, in der es schon eine Katze ist. Aber ich muss mich schon vom Menschen in eine Katze verwandeln. Dann auch noch das Geschlecht zu wechseln, das wäre mir ein Dreh zu viel.

Hatten Sie beim Schreiben der Geschichte Vorstellungen, wie die Musik klingen soll?
Wenn ich einen Text für eine Musik geschrieben habe, dann schon – dann war häufig ein Rhythmus oder eine Melodie im Kopf. Aber ich wusste, dass es ganz anders werden würde, weil Johannes Berauer als Jazz-Komponist eine Sprache hat, die überrascht. Das finde ich auch sehr gut.


Was soll Musik für ein junges Publikum generell für Tugenden haben?

Ich habe mich beim Schreiben bemüht, der Musik Raum zu geben, damit sie einen Teil der Geschichte übernehmen kann. Es ist keine Hintergrundmusik, sondern ich erzähle die Geschichte, und die Musik trägt auch dazu bei. Manchmal sind das Bebilderungen – etwa wenn der König träumt oder bei der Rebhuhnjagd. Aber vieles habe ich bewusst offen gelassen und nicht mit dem Text erklärt. Es ist schön, wenn die Musik Interpretationsmöglichkeiten schafft. Ich versuche immer, diesen Raum offen zu lassen und auch der Fantasie Platz zu lassen.

Wie leicht wird es für die Kinder sein, beim Stück mitzukommen?
Die Geschichte ist dabei sicher hilfreich. Ich glaube, dass die Kinder sehr unvoreingenommen in so ein Stück kommen. Natürlich werden sie hören, dass die Melodien nicht so einfach sind. Aber ich glaube nicht, dass sie das stört, wenn sie verstehen, was da erzählt wird. Man muss da die Waage halten und im Laufe des Stücks den Erzählstrang aufrechterhalten. Ich finde es aber auch gut, wenn die Kinder am Ende Fragen haben oder die Dinge für sich interpretieren können. Ich denke nicht didaktisch, sondern mag das Absurde und das Surreale. Das ist etwas, das der Welt der Kinder, so wie ich es sehe, auch sehr nahe ist.

Am Beginn unseres Gesprächs haben Sie geschildert, wie Sie als Kind Theater erfunden haben. Inwiefern sind Sie sich treu geblieben?
Es hat immer mit Musik begonnen und mit Bewegung. Ich fand es immer sehr schön, über den Körper zu erzählen, und das habe ich auch als Schauspielerin immer gerne gemocht. Das liegt mir, glaube ich.

Das Gespräch führte Daniel Ender.
Der Musikwissenschaftler und -journalist Dr. Daniel Ender schreibt regelmäßig für den „Standard“ sowie die „Neue Zürcher Zeitung“ und ist Generalsekretär der Alban Berg Stiftung.

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