Die Gegenwart der Erinnerung

Markus Hering erschließt den Gert-Jonke-Kosmos

Aus dem, was sich fügt, macht er jeweils das Beste. Das ist sein Lebensprinzip. Nach dem Abitur lernte Markus Hering die Tischlerei – erst später studierte er Schauspiel in Hannover und startete seine Theater- und Filmkarriere. In seiner Wiener Werkstatt übt er heute seinen Erst- als Zweitberuf aus. Er schleift, poliert und formt das Holz mit derselben Sorgfalt und Hingabe wie die Rollen und Texte, die er auf der Bühne und im Film verkörpert. Eine be­sondere Neigung gilt da dem Sprachkosmos von Gert Jonke. Mit Sabine M. Gruber sprach er darüber – und über so manches, was sich sonst noch so fügt.

Wie war es für Sie, nach so langen Lockdown-Zeiten wieder auf der Bühne zu stehen?
Ich war sehr gespannt auf die erste Vorstellung von „Mein Kampf“ nach elf Monaten – und sie hat mir wahnsinnigen Spaß gemacht! Da war ich sehr erleichtert. Es ging mir ja nicht so wie manchen Kollegen, die sagten: Mir fehlt das Publikum, ich muss wieder auf der Bühne stehen. Dieses Bedürfnis hatte ich nicht. Aber als es wieder stattfand, hab’ ich gemerkt: Es ist kein Bedürfnis, sondern – ein Riesenvergnügen. Man kann unter so einer Situation nicht dauernd leiden, man musste eben das Beste daraus machen.

Wie sind Sie überhaupt zu Gert Jonke gekommen? Sie haben ihn ja persönlich kennengelernt und mit ihm gearbeitet.
Reiner Zufall. Das Burgtheater hat mir 2002 einen Text in die Hand gedrückt, die „Chorphantasie“, 300 Seiten – ein Konglomerat von Wahnsinn. Es ist zwar kein Monolog, aber es gibt diesen tonangebenden Dirigenten, der hauptsächlich redet. So etwas hab’ ich noch nie in der Hand gehabt, dachte ich, das muss ich einfach machen. Ohne noch in den Jonke-Kosmos eingetaucht zu sein. Später hab’ ich Jonke zufällig getroffen und mich ihm vorgestellt. Ich sei der, sagte ich, der den Dirigenten spielen darf. Er war von Anfang an dabei, saß ganz still im Zuschauerraum, hat irgendwie gar nicht viel gesagt und mir nur Musikstücke zugeschoben. „Hör dir mal den Satz an, von Diabelli, bei dieser Stelle hab’ ich daran gedacht.“ Das war, fand ich, eine total charmante Mitarbeit. Wir waren nicht im landläufigen Sinn befreundet, er war schon sehr Eigenbrötler, aber wir haben uns immer gefreut, einander zu sehen. Wir hatten nie vor, ein nächstes Stück zu machen, auch das hat sich so ergeben, dass ich im Burgtheater bei drei Uraufführungen die Hauptrolle spielen durfte. Und Christiane Pohle hat zufällig alle drei Stücke inszeniert, weil sie immer Zeit hatte und die Texte mochte. Wir waren dann schon so etwas wie ein Team von Jonke-Spielern. Es war ein tolles Erlebnis, einen Autor so kennenlernen zu dürfen.

Markus Hering
© Gretchen Hering

Markus Hering 

14. Jänner 2022

Markus Hering | Lesung
Tonč Feinig & Friends

Gert Jonke
Schule der Geläufigkeit 

Musik von Tonč Feinig

Friday, 14. January 2022, 08.00 PM

Ich stelle es mir schwierig vor, diese in sich schlüssigen, aber monströsen Satzgebilde auswendig zu lernen.
Erstmal schon. Man muss sich in seine Sprache reinfriemeln. Aber irgendwann ergibt alles einen Sinn. Den Monolog von dem Dirigenten, als ich den dann wirklich wörtlich konnte, merkte ich, wie die scheinbar verquere Sprache, die oft eine ganze Seite lang keinen Punkt findet, nur Nebensätze und verschraubte Einschübe, wie das alles irgendwie Sinn machte, und da tat sich eine zusätzliche Kraft dieser Sprache auf.

Haben Sie schon aus der „Schule der Geläufigkeit“ gelesen?
Aus dem Original nicht, aber Jonke hat ja immer Ausschnitte aus seinen Texten wiederverwendet. Auf meiner CD „Jonke zu hören“ ist die Erzählung „Die Wiederholung des Festes“ drauf, ein ganz früher Text, der als Plot für „Die Gegenwart der Erinnerung“ dient. Jonke war wie so einer, der in einem großen Zettelkasten lebt und immer wieder verbessert, genauer schleift, poliert, das finde ich sehr spannend, als Schreibvorgang.

Haben Sie eine Affinität zu Jonkes „Kosmos“?
Ich kann sehr viel lachen bei seinen Texten, ich finde sie unglaublich komisch. Er denkt sich absurde Start­situationen aus, die er total konsequent weiter- und zu Ende spinnt. Zum Beispiel der „Fischgroßhändler vom Donaukanal“, wo nach unendlich vielen Verschachtelungen herauskommt, dass der Fischgroßhändler gar kein Fischgroßhändler ist, sondern Politiker und der eigentliche Kanzler. Das müsste man eigentlich täglich lesen, so aktuell ist das.

Wann und wie hat es Sie nach Wien verschlagen?
Das war 1991 – ans Schauspielhaus. Hans Gratzer hat in Frankfurt „Nathan der Weise“ inszeniert, da hab’ ich mitgespielt, und er hat mir sehr nett ein Angebot gemacht.

War das eine leichte Entscheidung?
Wenn man im Ausland arbeiten will, wo soll man hin? Zürich oder Wien. Mein Englisch ist schlecht, also muss ich deutschsprachig bleiben; da war Wien großartig, und Hans Gratzer war ein super Intendant.

Und dann kam das Burgtheater.
Ja, Gratzer hatte eine sehr persönliche Art, sein Ensemble zusammenzustellen. Nach ein oder zwei Jahren war er nicht mehr verknallt in seine Schauspieler, das war einfach so. Es war für mich okay, irgendwann will man gern auch wieder mit anderen Leuten arbeiten. Ich war dann Gast am Volkstheater, bei Emmy Werner – da rief das Burgtheater an. Das war perfekt. Als 2011 der Hartmann kam, bin ich mal weg. Gott sei Dank hat mich der Martin Kušej gefragt, ob ich zu ihm nach München komme. Doch dann wurde meine Frau meine Ex-Frau, und ich musste wieder nach Wien, wegen meiner Tochter, die hier fix gebunden ist. So bin ich wieder am Burgtheater gelandet, Kušej kam mir quasi nach.

Sie machen auch viel Film und Fernsehen. Wie ist das für Sie – schwieriger oder leichter?
Es ist einfach ganz anders. Du musst dieses ganze Technische mitbedenken. Was nimmt die Kamera auf, wie sieht das Bild aus. Ich hab’ „Whisky mit Wodka“ mit Andreas Dresen gedreht, der hat beschrieben, wie das Bild nachher aussieht, er hat mir die Komposition des Bildes mitgeteilt. Da konntest du als Schauspieler an diesem Bild mitarbeiten, eine tolle Erfahrung. Da wusste ich genau, ich komme auf der Leinwand von da ins Bild oder ich dreh’ mich so. Ansonsten, wenn du Fernsehen machst, siehst du als Schauspieler ja gar nichts. Aber es macht Spaß, weil es eine ganz andere Herangehensweise ist. Toll beim Film und Fernsehen ist der gegenseitige Respekt, der ist viel größer als am Theater.

Wirklich?
Ja, weil du weißt, am Ende des Tages sind 100.000 Euro verpulvert, und du kannst nicht einfach sagen, ich bin heute nicht so gut drauf. Jeder Techniker, jeder Beleuchter oder Tonmann, alle werden respektiert, weil jeder an diesem Tag seine Arbeit leistet. Das ist im Theater nicht so, manchmal verschleift das, im Betrieb. Fast nie sind alle da, obwohl bei einem Ensemblestück alle auf der Bühne sein müssten.

Zurück zu Jonke. Seine Texte sind für mich sehr musikalisch, rhythmisch, eindringlich und perfekt komponiert. Er wollte ja ursprünglich Pianist werden.
Stimmt. Er hat eine merkwürdige Art zu sprechen gehabt, und so hat er auch geschrieben. Er ist sich selber sein bester Vorleser gewesen.

Passt Gert Jonkes „Schule der Geläufigkeit“ nicht unglaublich gut in unsere Zeit?
Ja total! Da geht es um den Plan, ein Fest nach einem Jahr eins zu eins in allen Details zu wiederholen – und um die Unmöglichkeit, genau das zu tun. Vor allem aber geht es um Wahrnehmung, Gedächtnis, Erinnerung – gerade jetzt kann man besonders gut beobachten, wie das funktioniert.

Wiederholung bedeutet ja „Wieder-Holen“ aus dem Gedächtnis. Indem ich es von dort wieder hole, verändere ich es aber schon.
Ja, es ist schon erstaunlich, wie Wahrnehmungen auseinanderklaffen, bei Sachen, die noch gar nicht so lange zurückliegen.

Da kommt Verschiedenes zusammen. Es fängt damit an, dass Menschen ein und dasselbe ganz verschieden erleben.
… und anders erinnern – und anders bewerten.

… und das Bewerten des Erinnerten ändert sich im Laufe der Zeit, in der jeweiligen Gegenwart.
… und die veränderte Bewertung wiederum verändert die Erinnerung. Du bügelst die Erinnerung so hin, wie du sie bewerten möchtest.

Man kann also nichts wiederholen.
Nein, kann man nicht:

Nehmen wir an, mein Gerät hat nichts aufgenommen, und ich ruf’ Sie morgen an und sage: Treffen wir uns heute einfach wieder hier, am selben Ort, zur selben Zeit und wiederholen unser gestriges Gespräch.
Das wäre zwar unmöglich, aber ein guter Aufhänger – nahezu perfekt!

Das Gespräch führte Sabine M. Gruber.
Sabine M. Gruber ist Musikpublizistin, Schriftstellerin und Übersetzerin. Sie veröffentlichte neben Romanen und Erzählungen u. a. „Unmöglichkeiten sind die schönsten Möglichkeiten. Die Sprachbilderwelt des Nikolaus Harnoncourt“ und „111 Orte der Musik in Wien, die man erlebt haben muss“.

Monatsmagazin Musikfreunde Jänner 2022

Vertiefung und Weitung, Intensivierung und Öffnung: Die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien bewegt sich, und sie tut es voll Überzeugung und Enthusiasmus in beide Richtungen. Die Porträts und  Komponistenschwerpunkte, die wir für die Saison 2021/22 geplant haben, vertiefen das Konzertgeschehen auf vielfältige Weise. Sir András Schiff ist in dieser Saison der Künstler mit dem umfassendsten Porträt: Nicht weniger als acht verschiedene Programme hat er mit uns gemeinsam konzipiert.
Nach seinem ersten, begeistert aufgenommenen Porträtkonzert mit der Cappella Andrea Barca gibt er nun einen Abend mit seinem Freund Robert Holl. „Wahlverwandtschaft, Seelenverwandtschaft“, sagt András Schiff in dieser Ausgabe der „Musikfreunde“, verbinde ihn mit Robert Holl – und „vor allem die Liebe zu Schubert“.

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