Tönende Spiegel der Zeit

Das Black Page Orchestra

Das Black Page Orchestra hat sich – nach eigener Definition – ganz gezielt den „radikalen und kompromisslosen“ Positionen aktueller Musik verschrieben. Unter dem Titel „Extrema“ startet es im Oktober seinen zweiten Zyklus im Musikverein.

Die Treppen führen in ein lichtes Kellergewölbe – darin ein Flügel, Zettel, Noten, technisches Equipment, ein Schreibtisch, darauf ein Computer, lose platzierte Sessel und dazwischen verstreut mehrere Kisten und Kartons. Erst vor ein paar Wochen hat das auf Gegenwartsmusik spezialisierte Black Page Orchestra die neuen Räumlichkeiten, die zukünftig für Proben und als Büro genützt werden, bezogen. Es herrscht kreatives Chaos, in dem es keine starren Festlegungen zu geben scheint, vielmehr ist alles in Bewegung, sozusagen im Wandel begriffen, bereit dafür, Neues entstehen zu lassen: Musik, die sich jenseits konventioneller Ästhetiken positioniert, die festgeschriebene Ordnungen kritisch in Frage stellt und eine von Geschwindigkeitsrausch, Reizüberflutung und Überspannung geprägte Gegenwartskultur reflektiert – als tönende Spiegel unserer Zeit, als akustisch-ästhetische Zerreißproben, verstörend und unerhört. 
Benannt nach Frank Zappas Komposition „The Black Page“, einem Stück, dessen Partitur aufgrund seiner hohen Notendichte eine beinahe schwarze Seite ergibt, legt das Ensemble seinen Schwerpunkt auf hochkomplexe, oftmals überladene und brachial energetische Werke, die insbesondere Elektronik, Video und die innovative Nutzung aktueller Technologien künstlerisch miteinbeziehen. Im Fokus stehen Kompositionen der jüngeren Generation, die durch ihren performativen Charakter weit über eine herkömmliche Konzertsituation hinausweisen.

Black Page Orchestra
© Igor Ripak

Black Page Orchestra 

21. Oktober 2021

Donnerstag, 21. Oktober 2021

Black Page Orchestra
featuring Dror Feiler
Dror Feiler | Saxophones
Christina Bauer | Klangregie
Juan Martin Miceli | Dirigent 

„Extrema“

Sarah Nemtsov
skotom.orchesterstück
Matthias Kranebitter
nihilistic study no. 7
Dror Feiler
Neues Werk (UA)
Peter Ablinger
Jetzt / Black Out
Frank Zappa

Thursday, 21. October 2021, 08.00 PM

Mastermind des Ensembles ist Matthias Kranebitter als künstlerischer Leiter. Bei ihm laufen alle Fäden zusammen. Er kuratiert die Programme, organisiert die Konzerte, kümmert sich um die Finanzen – vor allem aber ist er auch Komponist, der sich in den letzten Jahren mit seinem künstlerischen Schaffen einen Namen gemacht hat. Seine Arbeiten, die tief in die Wirklichkeit und Alltagsrealität vordringen, unter anderem auch sogenanntes „Trash-Material“ einbeziehen und von den Intensitäten unserer digitalen Umgebung inspiriert sind, wurden mehrfach prämiert. Zuletzt erhielt der 1980 in Wien geborene Komponist, Medienkünstler und Pianist den renommierten Erste-Bank-Kompositionspreis.

Die Idee, mit dem Black Page Orchestra ein eigenes Ensemble zu gründen, kam Matthias Kranebitter nach seinem Studium, da er bestimmte aktuelle kompositorische Positionen in der österreichischen Musiklandschaft nicht vertreten sah. „Ich hatte damals das Gefühl, dass es ein großes Gebiet an Stücken gibt, die ich ästhetisch und konzeptionell wirklich relevant finde, die aber in den Wiener Konzertsälen nicht aufgeführt wurden“, sagt Kranebitter und fügt hinzu: „Ich denke, es ist die Aufgabe jeder Komponistengeneration, eigene Klangkörper zu schaffen. Man kann von Ensembles, die im 20. Jahrhundert gegründet wurden, nicht verlangen, dass sie ständig das Neueste machen. Aber die Zeit schreitet weiter voran. Seit den 1950er Jahren, der Zeit, ab der gemeinhin von neuer oder zeitgenössischer Musik gesprochen wird, liegen mittlerweile über 70 Jahre zurück. Spätestens mit der Digitalisierung und den neuen medialen Möglichkeiten lässt sich auch die Vorstellung, was neue Musik heutzutage ausmacht, nicht mehr zusammenfassen oder eindeutig definieren.“

Seit der Gründung im Jahr 2014 hat sich das Black Page Orchestra zu einem auch international gefragten Klangkörper der Gegenwartsmusik etabliert und tritt in den unterschiedlichsten Locations und Musikszenen auf, sei es in der Arena Wien, im Porgy and Bess, beim ImPulsTanz Festival, bei Wien Modern und den Wiener Festwochen, beim Ultraschall Festival in Berlin oder in einem U-Boot-Tunnel einer stillgelegten Militäranlage auf der kroatischen Insel Vis. Die Kontexte könnten nicht unterschiedlicher sein und reichen von Bildender Kunst und Tanz über Performance und multimediale Klanginstallationen bis hin zur Elektronik- und Clubszene.

Diesen experimentellen Kontexten bietet auch der Musikverein ein Podium: Seit der vergangenen Spielzeit widmet er dem Black Page Orchestra einen eigenen Zyklus. In der aktuellen Saison wurde das Ensemble eingeladen, drei Konzerte, zwei davon im Metallenen und eines im Gläsernen Saal, zu gestalten. Auf dem Programm stehen insgesamt sechs Uraufführungen, die alle von der Ernst von Siemens Musikstiftung finanziert werden. Die einzelnen Konzerte widmen sich thematischen Schwerpunkten, die die unterschiedlichen künstlerischen Zugänge und Unter dem Titel „Extrema“ setzt sich das Black Page Orchestra im ersten Konzert der Saison (21. Oktober 2021) mit Werken aus musikalischen Randzonen auseinander, die durch ihre kompromisslose ästhetische Haltung bestechen. So provoziert der schwedisch-israelische Komponist, Noise-Musiker und Extremperformer Dror Feiler als Solist an Saxophon und Elektronik die gängigen Hörgewohnheiten und ermöglicht damit neue Erfahrungen jenseits überkommener Klischees. Neben Frank Zappas notorisch komplexem „The Black Page“, das in einem Arrangement des Ensembles zur Aufführung kommt, sorgen unter anderem Matthias Kranebitters „nihilstic study no. 7“ und Peter Ablingers „Jetzt / Black Out“ für musikalische Grenzgänge.

Multimediale Konzepte stehen im Mittelpunkt von „Deviance“, dem zweiten Programm im Zyklus (17. März 2022). Als Gast ist der Gitarrist, Elektroniker und Sounddesigner Peter Kutin geladen, in dessen Uraufführung „Immutable Mobile“ sich der Ensembleklang mit den Effekten einer kinetischen Lichtskulptur, elektroakustischen Signalen sowie einem generativen Video verschränkt. Bei Hugo Morales’ „5 violinized utensils“ werden Alltagsgegenstände wie Blumenvasen oder Gummischläuche als Streichinstrumente gespielt. Juliane Hodkinson und Johan Svensson erweitern den Instrumentalklang mit Metallplatten oder Piezzobuzzer. Piotr Bednarczyks „nervous“ irritiert die Zuhörer mit Stroboskop-Lichteffekten, und die serbische Komponistin Maja Bosnić widmet sich in ihrem neuen multimedialen Stück, in dem unter anderem Hörschutz, Video und Electronics zum Einsatz kommen, dem Fühlen des Klangs mit dem gesamten Körper.

„Reference Point / Point Zero“, das dritte Programm im Zyklus (18. Mai 2022), sucht nach Bezugspunkten unseres musikästhetischen Status Quo. Neben Meisterwerken des 20. Jahrhunderts von Iannis Xenakis und Brian Ferneyhogh werden Uraufführungen von Eva Reiter, Christof Ressi und Matthias Kranebitter geboten, die sich, ausgehend und inspiriert vom Thema des Musikverein Festivals „A!“ konzeptuell und musikalisch mit dem Kammerton a und den unterschiedlichen Stimmungssystemen auseinandersetzen.

Die umrissenen Programmpunkte des Black Page Orchestra versprechen in der Saison außergewöhnliche Live-Erlebnisse, die im besten Sinne Grenzerfahrungen ermöglichen und die Sinne des Publikums herausfordern können, wie Matthias Kranebitter sagt: „Musik mit künstlerischem Anspruch soll ja kein Betäubungsmittel sein, sondern das Bewusstsein erweitern. Wenn wir einfach zu sehr in unseren vorgeformten Mustern denken und leben, in einem Alltag, der es sich in seinen Grenzen gemütlich gemacht hat, läuft man Gefahr abzustumpfen. Ich finde es generell spannend, wenn ich ins Konzert gehe, Musik zu hören, die mir etwas Neues eröffnet, wenn ich das Gefühl habe, dass sich über die Kunst neue Räume auftun. Hier liegt eine wesentliche Aufgabe der Kunst: Das Gewohnte aufzubrechen und die Sinne und Wahrnehmung durch eine möglicherweise existenzielle Erfahrung zu schärfen.“

Karin Frey
Karin Frey ist als Mitarbeiterin der Gesellschaft der Musikfreunde im Programmbereich der Vier Neuen Säle tätig.

Monatsmagazin Musikfreunde September / Oktober 2021

Frühlingserwachen mitten im Herbst. Etwas von dieser Stimmung wird sich zweifellos einstellen, wenn der Musikverein im Oktober „Die Jahreszeiten“ spielt. Haydns große Hommage an den Lauf der Zeiten beginnt bekanntlich mit einem überschwänglichen Gefühl der Erleichterung. Vorbei ist’s mit Starre, Lähmung, strenger Enge. Der Frühling, freudig herbeigesungen, lässt sich nicht mehr aufhalten.

Ja, und so ist es dann hoffentlich überhaupt im Herbst, wenn der Musikverein in seine neue Saison geht: Frühlingserwachen im September. Aufatmen und Aufblühen, ein Neu- und Wiederbeginn mit dem Gefühl großer Erleichterung. Hoffen wir darauf! Unser Programm ist jedenfalls ganz auf diese Stimmung ausgerichtet. Voll Optimismus starten wir mit einem vollen, vielfältigen Konzertkalender – und mit einer Saisoneröffnung, die ein ganzes Wochenende zum Fest der Musik macht.

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