Träumen, atmen, tun

Friedrich Cerha

Am 17. Februar vollendet Friedrich Cerha sein 95. Lebensjahr. Nachrichten aus einem stillen Gebiet, wo schier unerschöpflich neue Ideen gedeihen und mit unveränderter Disziplin in ihre adäquate Form gefasst werden.

Die Stille in der weitläufigen Villa in Hietzing ist größer denn je. Besuche, die das Ehepaar Cerha stets gern empfangen hat, haben sich wegen der Corona-Pandemie naturgemäß aufgehört, nur die beiden Töchter sind davon ausgenommen. „Unser einziger regelmäßiger Kontakt zur Außenwelt ist unsere Haushälterin Mira, die jetzt täglich kommt, wobei man einander gar nicht begegnen muss. Meine Tendenz zur Vorsicht ist im Herbst stark gestiegen. Aber, Gott sei Dank, es geht uns wirklich gut“, versichert Traude Cerha bei unserem Telefongespräch Ende November. „Wir konnten im Juni in unser Haus in Maria Langegg fahren und dort bis Ende Oktober bleiben, damit war der Sommer gerettet.“ Den neuerlichen Lockdown hat man gelassen hingenommen. „Uns stört das nicht. Wir sprechen auch nicht viel über das Thema Corona. Mein Mann und ich sind so intensiv mit unseren eigenen Gedanken und Interessen beschäftigt, dass uns nichts abgeht.“

Keine Zeit zum Hadern

Für Friedrich Cerha hat die Stille freilich noch eine andere Dimension angenommen. Sein Gehör hat sich extrem verschlechtert. Dem schöpferischen Kontinuum, in dem er seine Tage zubringt, ist das vermutlich sogar zuträglich; so bleibt seine innere Musik von Störungen ganz unbehelligt. Deprimierend wirkt hingegen, dass ihn seine Augen allmählich ganz im Stich lassen. Skizzen muss er sofort ins Reine schreiben, weil er sie später nicht mehr lesen kann. Glück im Unglück: Was er im Kopf hat, beschäftigt ihn so sehr, dass er sich nicht die Zeit nimmt, mit dieser Einschränkung zu hadern. Die Verzweiflung muss warten. Er hat zu tun ... „Wie ich atme, so träume ich Musik.“ Dieser Satz, geäußert vor vielen Jahren in einer Fernsehdokumentation, charakterisiert seinen kreativen Prozess des Komponierens wahrscheinlich am besten. Die Fähigkeit, eine erste, noch ganz undeutliche Idee, wie sie als Rest eines Traumes ins Bewusstsein gelangen mag, zu bewahren, sie reifen zu lassen, bis sie mit handwerklichen Mitteln fassbar wird, sie gleichsam großzuziehen, ohne Ungeduld oder Schaffensdruck oder verfrühte Kultivierungsmaßnahmen – darauf gründet sich eines der großen Geheimnisse von Friedrich Cerha.

Gelassenheit, gepaart mit Disziplin

Zehn Jahre sind von der Konzeption seines monumentalen „Spiegel“-Zyklus 1960/61 bis zur Fertigstellung der ersten gültigen Partitur vergangen. Dieser lange Atem ist nicht denkbar ohne ein gewissermaßen buddhistisches Ausmaß von Gelassenheit, gepaart mit Disziplin; sie muss auf einer gehörigen Portion Vertrauen in das eigene Gedächtnis beruhen und nicht zuletzt auf der Gabe, sich gegen die Außenwelt abzugrenzen, Erwartungen zu ignorieren und zu enttäuschen, auch wirtschaftliche Notwendigkeiten auszuklammern, um konsequent der eigenen Inspiration zu folgen. Dass ihm dies möglich war, verdankt Cerha zu einem wesentlichen Teil seiner Frau, die als Mittelschullehrerin über 37 Jahre für ein geregeltes Grundeinkommen sorgte und ihn auch sonst von der störenden Außenwelt abschirmte. Auftragswerke hat Cerha nicht geschrieben, vielmehr hat er sich erst nachträglich um Aufführungsmöglichkeiten bemüht und dabei oft Glück gehabt; ganz besonders mit seiner Oper „Baal“, die von der Wiener Staatsoper und den Salzburger Festspielen gleichzeitig angenommen und mit Theo Adam in der Titelrolle zu einem seiner nachhaltigsten Erfolge wurde, ihn auch einem breiten Publikum bekannt machte.

Vitales Bedürfnis nach Ausdruck

Ein Grundprinzip von Cerhas Schaffen beruht auf der Überzeugung, dass das jeweils vorgefundene Material die Regeln für seine Verarbeitung bereits in sich trägt. Diese Erkenntnis verdankt er dem Austausch mit seinem Bildhauerfreund Karl Prantl und seiner eigenen praktischen Beschäftigung mit der Bildhauerei, die er unter Prantls Anleitung erlernt hat. Der Arbeitsprozess unterliegt dabei nicht dem Willen, sondern folgt einem vitalen Bedürfnis nach Ausdruck.  Dieses vitale Bedürfnis scheint trotz körperlicher Beeinträchtigungen ungebrochen, auch wenn sich das Pensum altersbedingt deutlich reduziert hat. Nach einem späten Frühstück, bei dem sich das Ehepaar mindestens eine Stunde Zeit für Gespräche nimmt, ruht er sich meist nochmals aus, ehe er sich an den Schreibtisch begibt; den Mittagsschlaf, den sich der zwei Tage jüngere Freund György Kurtág seit langem gönnt, hat Cerha nicht nötig. Er macht zwischendurch lieber einen Abstecher in den Garten, sucht sein Glashaus auf, wo er über Jahrzehnte Pflanzen aus aller Welt zusammengetragen, gepflegt und studiert hat; ein sachkundiger Botaniker. Der Aufenthalt in der Natur hat ihm zeitlebens viel bedeutet; das entspringe vielleicht seinem Bedürfnis, in einem „größeren Ganzen“ aufzugehen, hat er im Gespräch einmal formuliert – für den deklarierten Atheisten beinahe ein Glaubensbekenntnis. In der fantastischen Wildnis von Maria  Langegg konnte er dem geheimen Leben von Pflanzen und Tieren besonders nahe kommen, sein Studium der Vogelrufe hat sich in seiner Musik hörbar niedergeschlagen.

Universelles Œuvre

Dort hat Friedrich Cerha letzten Sommer auch wieder zu malen begonnen. Man darf ja nicht vergessen, dass er ein universelles Œuvre geschaffen hat, das sich nicht auf die Komposition mit Tönen beschränkt. Mit gleicher Originalität hat er sich Mittel bedient, sodass über die Jahrzehnte an die tausend Bilder und Objekte entstanden sind, meist bildnerischer komplementär zu bestimmten Kompositionen, gleichsam als Blitzableiter für überbordendes Ausdrucksbedürfnis. Die Materialbilder aus jener Periode, in der er den dritten Akt von Bergs „Lulu“ komplettierte, hinterlassen in ihrer Wucht und Direktheit einen unvergesslichen Eindruck. Nicht zuletzt ist Cerha, der einst ein Doktorat der Germanistik erworben hat, seinem Bedürfnis nach künstlerischem Ausdruck auch im Umgang mit dem Wort gerecht geworden; das dokumentieren die leidenschaftlichen Gedichte seiner frühen Jahre ebenso wie die messerscharf ausformulierten Texte, in denen er eigene Werke zu kommentieren pflegte, und nicht zuletzt all seine brillanten Reden, die in punkto Angriffslust und Ironie an den Jugendfreund Thomas Bernhard gemahnen.

Neues zum 95.

Die lebhaften geistigen Interessen hat sich das Ehepaar in unveränderter Frische bewahrt. Traude Cerha ist nur zwei Jahre jünger als ihr Mann. „Ich habe großes Glück“, sagt sie. „Ich bin, was die körperliche Konstitution betrifft, ihm gegenüber sehr privilegiert. Aber wir haben gute Ärzte und eine gute Physiotherapie, wir versuchen die Übungen möglichst konsequent zu machen, das hat auch ihm viel geholfen. Es ist ja nicht nur seine Inspiration unerschöpflich. Auch die Fähigkeit, daraus dann wirklich etwas zu machen, sein Bedürfnis, sich nicht geschlagen zu geben, ist ungebrochen.“
Rund um seinen 95. Geburtstag hatten mehrere Veranstalter Konzerte zu seinen Ehren geplant. Und das auch, wie nicht anders zu erwarten, mit Neuem aus seiner Feder. Zur Uraufführungen stehen an: ein neues Orgelstück ebenso wie eine „Vocalise für Sopran und drei Klarinetten“ und acht Stücke („8 foglie“) für Soloposaune. Der Musikverein, der Friedrich Cerha am 17. Februar mit einem Konzert geehrte hätte, schickt seinem Ehrenmitglied jetzt auf diesem Weg die herzlichsten Glückwünsche.

Monika Mertl
Prof. Monika Mertl, Kulturpublizistin in Wien, ist Autorin der Biographien von Nikolaus Harnoncourt (Vom Denken des Herzens) und Michael Heltau (Auf Stichwort)