The Maestro

Gustavo Dudamel

Vor dreißig Jahren galt er als Wunderkind. Vor zwanzig Jahren feierte man ihn als größte Hoffnung der klassischen Musik. Vor zehn Jahren wurde er Chef in Los Angeles. Die Ansprüche an Gustavo Dudamel, heute 39, sind immens. Ist das Antrieb oder Last? Margot Weber hat den Maestro exklusiv für die „Musikfreunde“ gesprochen.

Das vergangene Jahr? Wie er es erlebt hat? Offenbar fast so, als hätte es keine Pandemie gegeben: „In Los Angeles haben wir eine Radioserie produziert, ‚Zu Hause mit Gustavo‘, die wir auch tatsächlich bei mir daheim aufgenommen haben. Dann haben wir die Serie ‚Konzerte in der Hollywood Bowl‘ eingespielt und unsere Online-Events ‚SOUND/STAGE‘ veranstaltet, für die wir Konzerte aus der leeren Hollywood Bowl gestreamt haben.“ Überdies war Gustavo Dudamel aber natürlich auch in Europa unterwegs, stand beispielsweise im September und Oktober in Barcelona bei Proben und Vorstellungen von Verdis „Il trovatore“ am Pult – „das war mein ‚Troubadour‘-Debüt“.

Eine fantastische Reise

„Auch wenn ich einen Großteil meiner Zeit daheim in Los Angeles verbracht habe – ich bin dankbar dafür, dass ich die Möglichkeit hatte, sicher zu reisen“, sagt der 39-Jährige. Mittlerweile plant er pro Jahr 26 Wochen in Kalifornien ein – davon 15 für sein Orchester –, ein bis zwei Opernengagements in aller Welt, je ein Projekt mit den Berliner und mit den Wiener Philharmonikern und fügt am Ende noch eine Konzertserie mit dem Mahler Chamber Orchestra sowie eine mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks hinzu. Das ist für ihn ein Pensum, mit dem er gut leben kann – und bei dem immer noch ausreichend Zeit für das Privatleben bleibt: für seine Ehefrau, die spanische Schauspielerin Maria Valverde, und den elfjährigen Sohn aus erster Ehe. Seine letzten vier Konzerte, bevor Europa Anfang November in einen zweiten Lockdown ging, gab er denn auch Ende Oktober in München: Mit dem Symphonieorchester und dem Chor des Bayerischen Rundfunks erarbeitete er einen kleinen Schumann-Zyklus. Die „Frühlingssymphonie“ in B-Dur, die Zweite in C-Dur, die Dritte in Es-Dur sowie die Vierte in d-Moll.

Aber Dudamel wäre nicht der, der er ist, wenn er den rheinischen Romantiker nicht mit überraschend anderem kombiniert hätte. Und so erklangen vor jeder Symphonie zunächst drei A-cappella-Chorlieder der Komponisten José Antonio Abreu, Antonio Estévez und Modesta Bor. Drei zeitgenössische venezolanische Miniaturen, ausgewählt vom größten venezolanischen Dirigenten aller Zeiten. Lateinamerika meets Düsseldorf: spannungsvoll gedacht, was prima funktionierte. Der Applaus am Ende war überwältigend, die örtlichen Kritiker schrieben von „Schumann-Wonne“ und schwärmten von einem Abend „übergroßer Schönheit“. Er selbst sagt dazu nur: „Es war eine fantastische Reise.“ Und ist wieder einmal als Sieger vom Platz gegangen. Wie immer. Wie schon sein ganzes Leben lang.

Geträumte Begegnungen

Wie es sich wohl anfühlen würde, dieser fehlerlose Superstar Gustavo Dudamel zu sein? Hielte man selbst diesen Druck aus? Könnte man es ertragen, nie auch nur einen einzigen Tag mit halber Kraft fahren zu können? Denn: Das geht nicht. Es gibt ja nicht nur den unerbittlichen Terminkalender, die Agenten und Manager, die Medien- und Werbepartner und die Kritiker, sondern auch die Fans. In der Hotelhalle, auf dem Flughafen, am Bühneneingang, im Restaurant. Sie sind überall. Und jeder will etwas von ihm. Nämlich, dass er für sie den quirligen, charmanten Maestro gibt, von dem die ganze Welt so schwärmt. Bitte, schnell noch ein gemeinsames Foto für die Insta-App, zumindest aber ein Autogramm.

Doch solche Begegnungen – die natürlich gleichwohl gleichbleibend freundlich absolviert werden müssen – sind bestenfalls lediglich ein kleiner Teil seines Berufs. Denn in erster Linie ist er den Orchestern verpflichtet. In seinem Fall: den größten und besten der Welt. Sie fordern von ihm weder Show noch Posing, sondern wünschen ihn sich als gebildeten, mitreißenden Interpreten. Der ihnen ambitionierte Gedanken, Erklärungen oder Impulse liefert, die sie dann in Musik umsetzen können. Seine Vorbilder: „Karajan. Bernstein. Abbado. Giulini. Celibidache. Ich träume oft davon, wie es wohl gewesen wäre, wenn ich ihnen einmal begegnet wäre.“

Elektrisierende Führung

Auf Proben kann man beobachten, wie Dudamel – sofern es kein Pult als Barriere gibt – vorrückt bis auf die Kante seines Podests: Da schweben beide Füße beständig halb in der Luft, so sehr will er beim Dirigieren in das Orchester hineinkriechen, sich ihm einverleiben. Mehr körperliche Nähe geht nicht. Der Dirigent möchte offensichtlich kein exponierter Pultstar sein, sondern Teil des Orchesters, des Klangs, des Werks. Er will keine Distanz, sondern Verschmelzung. Klar ist: Dirigieren ist nicht nur Menschenführung, sondern auch Kommunikation. Verbal und nonverbal. Erst recht in heutigen Zeiten. Und auch einem Orchester, sagt Dudamel, helfen natürlich bei der Interpretation zunächst seine Worte. Aber dann brauche es auch Gesten, in die dann sein Intellekt und sein Wissen, seine Intuition und Gefühle einfließen. Und eine ausdrucksvolle Körpersprache – die allerdings für den leidenschaftlichen Tänzer („Jazz, Latin, Pop, Rock – ich liebe alles, was Rhythmus hat“) kein wirkliches Problem darstellt.

„Wenn er dirigiert, so kraftvoll und so elektrisierend, spielen wir, als gäbe es kein Morgen“, erzählt die Geigerin Bing Wang, seit 26 Jahren Stellvertretende Konzertmeisterin im – wie die Amerikaner kurz und knapp sagen –  „LA Phil“. „Wir geben dann 150 Prozent. Nämlich auch die 50 Prozent, von denen wir nie dachten, dass wir sie hätten.“ Und sie und ihre Kollegen tun das für Dudamel seit nunmehr elf Jahren – damals wurde er als Music Director in der Hollywood-Stadt zum Nachfolger Esa-Pekka Salonens bestellt. Der seinerseits Nachfolger von André Previn, Carlo Maria Giulini und Zubin Mehta gewesen war. Dudamel war damals 28. Eine große Bürde? Ein hoher Druck? „No. Definitivamente no.“ Eher eine Herausforderung. Und, damit verbunden, natürlich der Ehrgeiz, es besonders gut zu machen.

Schmetterlinge im Bauch

2007 hatte Dudamel erstmals die Wiener Philhamoniker dirigiert, bei einem Gastspiel in Luzern. Auf dem Programm stand damals Mahlers Erste Symphonie. Wie er sich damals gefühlt hat? „Nervös“, antwortet er. „Sie können sich gar nicht vorstellen, wie sehr. Stand ich doch vor genau dem Orchester, das einst Mahler selbst dirigiert hatte. Auf der ersten Probe musste ich mich bei den Musikern für meine zitternden Hände entschuldigen.“ Es sei viel besser geworden seitdem – aber: „Bis heute habe ich diese Schmetterlinge im Bauch, wenn ich vor ihnen stehe. Wenn ich mit ihnen arbeite, spüre ich Demut.“ Doch die ist mit Sicherheit kein schlechter Ratgeber, bewahrt sie ihn doch davor, die Bodenhaftung zu verlieren. Oder – seinerseits – weniger als 150 Prozent zu geben.

Fragt man genauer nach, warum die Philharmoniker, die er am 23. Februar 2021 auch wieder in einem Konzert der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien dirigieren sollte, für ihn so besonders sind, gerät er erst einmal ins Schwärmen über Österreich insgesamt: „Die Verwurzelung der klassischen Musik in diesem Land – und in dieser Stadt – ist einzigartig. Das musikalische Erbe definiert das Leben dort bis heute.“ Und das Orchester? „Es steht in einer einzigartigen Tradition. Was man auch hören kann. Sein Klang ist unverwechselbar. Wer sich auskennt, hört es sofort. Und deshalb ist es für mich – aber ich bin mir sicher, dass das auch für jeden anderen Dirigenten gilt – ein großes Privileg, mit ihnen arbeiten zu dürfen. Das Orchester trägt seine unglaubliche Tradition bis heute im Herzen und in der Seele – sie macht seinen Wesenskern aus.“ Kaum verwunderlich also, dass er, wie er dann erzählt, sein Dirigat des Neujahrskonzerts 2017 als eines der schönsten Erlebnisse seiner Karriere bezeichnet.

Ein perfektes Ganzes

Der Mann aus Barquisimeto, der viertgrößten Stadt Venezuelas, stammt aus geordneten, aber kleinbürgerlichen Verhältnissen. Der Vater war Salsa-Posaunist, die Mutter arbeitete als Gesangslehrerin. Die Familie lebte mit Onkeln und Großeltern zusammen, sieben Personen auf 50 Quadratmetern. Gustavos Hängematte hing über dem Bett von Oma und Opa. Doch ein Zufall bestimmte sein Schicksal: Die Tatsache, dass in seinem Heimatland ein staatliches Förderprogramm namens „El Sistema“ existierte – ein Bildungsprojekt, in dem so viele Kinder wie möglich kostenlosen Musikunterricht bekommen. Die landesweit etwa 450 Musikschulen sind auch in armen Gegenden präsent, knapp eine Million Schülerinnen und Schüler gibt es derzeit.

Mit vier erhielt er dort seine ersten Geigenstunden, mit acht schenkte ihm die Oma einen Taktstock, mit elf wechselte er zu einem richtig guten Geigenlehrer im 350 Kilometer entfernten Caracas, mit zwölf dirigierte er zum ersten Mal das Jugendorchester seiner Heimatstadt – und mit 18 wurde er Chefdirigent des staatlichen venezolanischen Jugendorchesters. Mit 23 gewann er den Gustav-Mahler-Dirigentenwettbewerb der Bamberger Symphoniker, mit 25 nahm er seine erste CD für die Deutsche Grammophon auf. Wie so etwas möglich ist? Wenn sich alle Voraussetzungen bestmöglich ergänzen. Wenn Talent, Begabung, Intelligenz, Fleiß, Ehrgeiz und Charisma ein perfektes Ganzes ergeben.

Unermessliche Bedeutung

Doch seit ein paar Jahren ist „El Sistema“ nicht nur zu einem schwierigen, sondern auch zu einem politischen Thema geworden. Lange wurde es vom Gesundheitsministerium finanziert, seit der Präsidentschaft von Hugo Chávez untersteht es direkt dem Präsidenten. Unter dessen Nachfolger Nicolás Maduro erlebt das Land nun seit ein paar Jahren seine schwerste Krise. Hyperinflation, Kriminalität, Hunger, Armut. Im Demokratieindex der britischen Zeitschrift „The Economist“ belegt es aktuell nur noch Platz 140 von 167 Ländern, gilt inzwischen als autoritäres Regime – und „El Sistema“ seit einigen Jahren als dessen unfreiwilliger Propaganda-Arm.

Für Dudamel, dem „El Sistema“ mehr bedeutet als alles andere, ein praktisch unlösbares Problem. Wie politisch muss, kann, soll er sein? Wie kann man sich positionieren, wenn die Regierung Menschenrechte und Demokratie missachtet? Wenn sie einen öffentlichen Auftritt ihres berühmtesten Bürgers mit Sicherheit zu PR-Zwecken für den Präsidenten missbrauchen würde? Dudamel hat einen Weg gefunden: Er engagiert sich weiterhin, aber nicht vor Ort. Die modernen Medien machen es möglich. So gibt er beispielsweise jungen venezolanischen Nachwuchsdirigenten und ihren Orchestern Dirigierstunden per Skype.

Herzensverbindung

„Ich liebe mein Land“, sagt er. „Und ich werde eines Tages zurückkehren – aber im Augenblick ist das unmöglich. Deshalb tue ich, was immer ich kann, um mit den Menschen von ‚El Sistema‘, die mir so sehr am Herzen liegen, in Verbindung zu bleiben.“ Außerhalb Venezuelas steht er deshalb auch weiterhin für regelmäßige persönliche „Encuentros“ zur Verfügung: Begegnungen, die Kinder aus aller Welt – darunter viele aus seiner Heimat – mit ihm zusammenbringen, um gemeinsam zu musizieren. „Tatsächlich haben wir so ein ‚Encuentro‘ auch veranstaltet, als die Wiener Philharmoniker und ich auf unserer ‚Americas‘-Tour in Mexico City waren.“

Und so öffnet sich am Ende unseres Gesprächs doch noch der Vorhang für einen kurzen Blick auf einen ganz anderen Gustavo Dudamel. Den viel Existenzielleres und Ernsthafteres umtreibt als die ihm zugeschriebene Rolle des Sunnyboys des Klassikbetriebs zunächst vermuten lässt.

Margot Weber
Margot Weber lebt als Journalistin in München.