Navidad Mexicana

Rubén Dubrovsky und das Bach Consort Wien

„Navidad Mexicana“ – eine mexikanische Weihnacht mit Musik von Gaspar Fernández und Claudio Monteverdi ist am 8. Dezember im Brahms-Saal zu erleben. „Es wird ein fröhliches Fest“, verrät Rubén Dubrovsky, und durchaus „das Gegenteil von ,Stille Nacht‘.“

Nur wenige Tage vor dem Gespräch mit den „Musikfreunden“ ging es durch die Medien: Rubén Dubrovsky wird Chefdirigent des Theaters am Gärtnerplatz ab 2023. Der Ruf des Wahlwieners an Münchens renommiertes Mehrspartenhaus überrascht nur auf den ersten Blick. Denn so sehr sein Name mit dem barocken Repertoire verbunden wird und auch wenn er seit Jahren als Barockspezialist an viele internationale Opernhäuser geholt wird, so hat sich Rubén Dubrovsky doch kontinuierlich ein breites Repertoire aufgebaut, das über Mozart und Rossini bis in die Gegenwart reicht.

Empfindet er sich selbst als Spezialist? „Als wir vor gut zwanzig Jahren das Bach Consort gegründet haben“, sagt er in der Rückschau, „hatten wir den Wunsch, uns erst einmal auf Bach zu spezialisieren – und dann insgesamt auf das Barockrepertoire. Aber durch die Suche und das Annehmen meiner eigenen Vergangenheit in der südamerikanischen Volksmusik hat sich meine Sicht auf das barocke Repertoire stark geändert. Ich bin immer auf der Suche nach diesem tänzerischen Swing, der in Argentinien und in ganz Südamerika noch vorhanden ist; diese barocken Rhythmen. Diese Suche hat sich in der Musik von Mozart, Rossini, Brahms und all den anderen fortgesetzt, weil dieser Swing, wenn wir es so nennen wollen, auch hier entscheidend ist. Deshalb: wenn, dann würde ich mich einen Swing-Spezialisten nennen.“

Der tänzerische Swing, die barocken Rhythmen – sie beschäftigen und faszinieren Rubén Dubrovsky seit langer Zeit. Als Sohn einer polnisch-italienischen Künstlerfamilie in Buenos Aires geboren, war er von Anfang an von zwei Welten umgeben: der klassischen Musik durch seine Mutter, eine Pianistin, und der argentinischen Volksmusik durch seinen Vater, der auf dem Land aufgewachsen war – „zwei für mich zunächst sauber voneinander getrennte Welten“, präzisiert Rubén Dubrovsky, „die heimlich voneinander profitiert haben“. Erst später habe er erkannt, dass die argentinische Volksmusik eigentlich noch lebendige Barockmusik ist – spanische Barockmusik, die von der Landbevölkerung aufgenommen und mit relativ wenigen Veränderungen bis heute bewahrt wird.

Bach Consort Wien
© Julia Wesely

Bach Consort Wien 

08. Dezember 2021

Bach Consort Wien
Rubén Dubrovsky | Leitung, Colascione, Schlagwerk
Catalina Bertucci | Sopran
Marie Heeschen | Sopran
Cornelia Sonnleithner | Alt
Francisco Brito | Tenor
Jan Petryka | Tenor
Lisandro Abadie | Bass

Navidad Mexicana
Werke von Gaspar Fernández und Claudio Monteverdi 

Friday, 03. June 2022, 07.30 PM

Durch Gaspar Fernández, einen der beiden Protagonisten im Programm „Navidad Mexicana“, sollte sich Rubén Dubrovskys Blick noch einmal grundlegend weiten. Er macht es spannend und seine Erkenntnis bildhaft nachvollziehbar: „Wenn wir in Leipzig zu Bachs Zeiten gefragt hätten, woher die Sarabanda kommt, hätten wir zur Antwort bekommen: Das ist ein französischer Tanz. Hätten wir in Versailles nachgefragt, wäre die Antwort gewesen: Das ist ein spanischer Tanz. Auf die gleiche Frage hätten wir in Madrid als Erstes gehört: Das ist ja verboten! Und als Zweites: Das kommt aus der Neuen Welt. Gehen wir nun in die Neue Welt, finden wir als erstes Werk, in dem der Text von Sarabanda spricht, ein Stück von Gaspar Fernández – ein Weihnachtsstück, in dem beschrieben wird, wie die afrikanischstämmigen Sklaven zur Anbetung zur Krippe gehen und immer wieder singen: Sarabanda.“

Die Geschichte geht noch weiter: „Vor zwei Jahren war ich auf Urlaub in Kuba und habe ein Museum besucht, in dem die afrikanische Kultur besonders gut dargestellt ist. Da lese ich in einem Raum: ,Sarabanda‘. – Sarabanda ist das größte Missverständnis der Kulturgeschichte, das ich überhaupt kenne. Sarabanda war überhaupt kein Musikstück. Sarabanda war eine afrikanische Gottheit.“

Rubén Dubrovsky hat das Ganze freilich auch in die andere Richtung zurück- bzw. weitergedacht: „Die Spanier brachten nach der Eroberung Amerikas bei ihrer Rückkehr in die Heimat auch Sklaven mit und diese wiederum ihre Musik. Wir wissen das, weil die Sarabanda verboten wurde. Wurde sie auf der Straße gesungen oder getanzt, gab es als Strafe Peitschenhiebe in großer Zahl für die Herren und Exil für die Damen. Trotzdem konnte sich die Sarabanda verbreiten, auch die ebenfalls verbotene Ciacona und weitere Tänze. Sie wurden in Europa mit Vergnügen aufgenommen, weil sie rhythmisch ganz anders sind: die berühmte Betonung der Sarabanda auf die Zwei, die leere Eins der Ciacona. Das Interessante ist, dass diese für unanständig befundenen, von der Inquisition verbotenen fremdländischen Tänze Eingang in die Werke der bedeutendsten Kirchenmusiker der christlichen Welt gefunden haben.“ Umso erstaunlicher, wenn man bedenke, dass im 16. Jahrhundert die Musik in der Kirche von der Gregorianik kommend dazu diente, das Wort zu transportieren. „Tanz in der Kirche wäre undenkbar gewesen“, sagt Dubrovsky. „Im Vergleich dazu wurde zur Anbetung der Götter in anderen Kulturen im Freien zu Musik getanzt, stunden- und tagelang, manchmal bis zur Trance.“

Die Rhythmen dieser fremdländischen Tänze verstand Gaspar Fernández meisterhaft in seine polyphone Musik zu verpacken. Über das Leben des Komponisten ist wenig bekannt, auch über seine Herkunft herrscht keine Einigkeit. Klar ist allerdings, dass er in Mexiko tätig war und für seine Musik Texte in unterschiedlichen Sprachen wählte: Portugiesisch, Spanisch, gelegentlich durchsetzt mit Wörtern, die aus Afrika stammen. Rubén Dubrovsky ist überzeugt davon, dass Fernández ein aus Portugal stammender Jude war: „Wäre er Spanier gewesen, hätte es für ihn keinen Grund gegeben, Musik auf Portugiesisch zu schreiben“, sagt er. „Wir haben außerdem ein Werk im Programm mit eindeutig sephardischen Melodien und Inhalten. Die dritte Kultur, die in seinen Werken auszumachen ist, ist das Spanische: seine Polyphonie ist von der Art aus den Zeiten der polyphonen Hochblüte in Spanien. Und die afrikanische Kultur hören wir in seinen Werken nicht allein im Rhythmus, sondern auch in der Art der Sprache, mit dem Akzent der afrikanischen Sklaven und mit vielen afrikanischen Wörtern vermischt. Und zuletzt“, spielt Rubén Dubrovsky auf ein weiteres Stück aus dem Programm an, „gab es offenbar regen Austausch zwischen der Urbevölkerung Mexikos und den Spaniern. Wir werden ein Schlaflied in der Nahuatl-Sprache mitbringen. In den noblen Familien Mexikos war es gang und gäbe, ein Kindermädchen indianischen Ursprungs zu haben. Diese haben mit den Kindern in Nahuatl gesprochen und ihnen auch Schlaflieder in ihrer Sprache vorgesungen. Deshalb haben wir auch ein Schlaflied fürs Jesukind in Nahuatl mit im Programm.“

Wie passt nun Claudio Monteverdi, der Kirchenmusiker von San Marco in Venedig, in dieses mexikanische Weihnachtsprogramm? „Parallel zur Reise von Gaspar Fernández durch die ihm vertrauten Kulturen beleuchten wir die Reise von Monteverdi – seine Reise vom alten Stil, den er noch in der „Marienvesper“ pflegt, mit der er sich praktisch für das Amt in Venedig beworben hat, hin zur großen Sammlung der „Selva morale“ dreißig Jahre später, in der der alte Monteverdi all diese Tanzrhythmen einsetzt. Das ist ein klares Statement: Wenn wir denken, dass Monteverdi große Mühe hatte, seinen eigenen Sohn aus den Krallen der Inquisition zu befreien, die ihn gefangen hatte, weil er verbotene Medizinbücher gelesen hatte, dann ist das schon beachtlich. Monteverdi war zu seiner Zeit der wichtigste Kirchenmusiker Italiens und wahrscheinlich Europas. Trotzdem wagte er es, diese fremdländischen Tänze nach San Marco zu bringen. Das erzeugt in mir großen Respekt.“

Die Musik Gaspar Fernández’ wurde zum Symbol für die christianisierten Afrikaner, und Monteverdi verpackte die fremdländischen Tänze mit solchem Geschick, dass deren verbotener Ursprung der Inquisition verborgen blieb. Dass sie aus Afrika stammten, konnte Monteverdi kaum wissen, sagt Rubén Dubrovsky. Gewiss aber ist: Mit „Navidad Mexicana“ erwartet das Publikum im Brahms-Saal ein besonderes Weihnachtsprogramm, ausgelassener, als wir es in unseren Breiten gewohnt sind; eine Weihnacht nach mexikanischer Art eben. „Ein fröhliches Fest“ kündigt Rubén Dubrovsky an, durchaus „das Gegenteil von ,Stille Nacht‘“.

Ulrike Lampert
Mag. Ulrike Lampert ist Redakteurin der Zeitschrift „Musikfreunde“ und der Programmhefte der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.

Monatsmagazin Musikfreunde Dezember 2021

Übung macht den Meister, heißt es. Aber wie übt ein Meister? Rudolf Buchbinder übt, wie er sagt, „äußerst konzentriert“. In seinem Zimmer, erzählt er im „Musikfreunde“- Interview, habe er sich jetzt Jalousien machen lassen, „weil ich von der schönen Aussicht abgelenkt bin. Und mich lenken auch diese vielen Noten ab, weil ich immer verführt bin, nach drei Takten in die verschiedenen Ausgaben zu schauen.“ Das ist natürlich mit einem Augenzwinkern gesagt. Denn diese Ausgaben lenken nicht ab. Sie lenken hin: zu den Fragen, die wieder und wieder gestellt werden wollen. Auch Rudolf Buchbinder stellt sie stets aufs Neue. Die Erstausgaben und Editionen, die er sammelt und bibliophil pflegt („Ich habe einen guten Buchbinder!“), sind ein Quell des Wissens und der Inspiration, der unerschöpflich ist.

Magazin als PDF