Jedes Konzert ein Gebet

Die Organistin Iveta Apkalna

Zehn Jahre sind vergangen, seit die neue Orgel im Großen Musikvereinssaal erstmals öffentlich erklang. Am 12. Dezember ist das prachtvolle Instrument in einem Rezital der lettischen Organistin Iveta Apkalna wieder einmal als Soloinstrument zu erleben.

Iveta Apkalna liebt es, sich zu bewegen. Was sehr gut ist, denn ihr Instrument, die Orgel, erfordert große körperliche Kraft. Und ein aufgeräumtes Hirn, denn das hat zwei Hände und zwei Füße gleichzeitig zu steuern, noch dazu auf unterschiedlichen Ebenen. Kein Streicher muss das, kein Bläser, kein Dirigent. Aber genau diese einzigartige Anforderung, die das Orgelspiel mit sich bringt, führte vor dreißig Jahren dazu, dass sich der Teenager aus Rēzekne, einer 30.000-Einwohner-Stadt im Osten Lettlands, beim ersten Spiel auf diesem Rieseninstrument dachte: Wie toll! Das ist ja wie für mich gemacht!

Fünfzehn Jahre war sie da alt und hatte bereits ein intensives Jahrzehnt am Klavier hinter sich. Begonnen hatte sie mit fünf, begleitete zunächst ihre Kindergartengruppe beim Sport. „Ich habe Joplins ‚Ragtime‘ gespielt, statt im Kreis zu rennen – das fand ich viel schöner und sinnvoller.“ Aber, so erzählt sie dann weiter, das Fundament war da schon längst gelegt. Von ihrer Mutter: „Sie war Pianistin, hat als Begleiterin für Chöre gearbeitet.“ Und die Tochter an die Musik herangeführt, indem sie ihr Kind von Anfang an mit aufs Konzertpodium nahm und umblättern ließ. „Dadurch habe ich schon ganz früh ein Gespür und ein Gefühl für die Bühne bekommen.“

Aber auch durch ihre Tanzausbildung, die sie parallel zur Schule und zum Klavier absolvierte. Ihre musikalische Energie, ihre musikalische Kreativität – beides hatte für sie auch eine starke körperliche Komponente, und beides wollte raus aus ihrem Körper. „Dass die Musik mein Beruf werden würde, wusste ich schon mit neun“, sagt sie heute. Da hatte sie bereits einige Wettbewerbe gewonnen und durfte mit einem Mozart-Klavierkonzert auftreten. „Es hat mir so große Freude bereitet, zu merken, was mein Spiel mit dem Publikum macht. Das Glück in ihren Augen zu sehen – das war wunderbar. Da habe ich zum ersten Mal die Magie der Bühne erlebt.“

Iveta Apkalna
© Kristaps Anskens

Iveta Apkalna 

12. Dezember 2021

Iveta Apkalna | Orgel

Johann Sebastian Bach
Toccata, Adagio und Fuge C-Dur, BWV 564
Sechs Choräle von verschiedener Art, BWV 645–650, „Schübler Choräle“
Franz LisztNun danket alle Gott
Pēteris Vasks
Weiße Landschaft (Winter)
Franz LisztFantasie und Fuge über den Choral „Ad nos, ad salutarem undam“ 

Sunday, 27. March 2022, 07.30 PM

1991 wurde Lettland unabhängig. Was das Leben und die Lebensplanung der damals 15-jährigen angehenden Pianistin völlig auf den Kopf stellte. „Ohne die politische Wende wäre ich nie Organistin geworden.“ Denn in Sowjetzeiten war das Instrument zu eng mit Glauben und Religion verknüpft gewesen. „Die Kirchen waren verschlossen oder wurden anders genutzt. Ich hätte niemals die Erlaubnis bekommen, dort zu orgeln.“ Doch dann standen die Türen der Gotteshäuser auf einmal offen. Sie entdeckte das neue, aber eben auch auf eine merkwürdige Art und Weise sofort sehr vertraute Instrument. Und erfuhr noch dazu, dass ein Großvater und beide Urgroßväter einst als Organisten tätig gewesen waren. „Das hatte man mir zu Sowjetzeiten bewusst verschwiegen, damit ich mich in der Schule nicht verplappere und unsere Familie dadurch Nachteile bekommt.“

Schicksal? Zufall? Das Glück, zur richtigen Zeit im richtigen Alter und am richtigen Ort zu sein? 1991 fügten sich die zuvor eher ungleichartigen Bausteine ihres Lebens perfekt zusammen. Das erste Spiel an einer Orgel wird sie nie vergessen: „Nach dreißig Minuten habe ich verstanden, dass sie es war, die mir immer gefehlt hatte. Ich saß da und fühlte mich endlich komplett.“ Sie habe das Klavier sehr geliebt, fügt sie dann noch hinzu, das Ballett natürlich auch. Aber an der Orgel – „da war ich wie ein Fisch im Wasser“. Nur ein kleiner Akzent verrät, dass Deutsch nicht Iveta Apkalnas Muttersprache ist. Doch ihr Wortschatz ist so groß, dass sie beiläufig kleine Wortspiele machen, immer wieder umgangssprachliche Redewendungen einfließen lassen kann.

„Ich habe in Riga und London studiert – aber auch in Stuttgart“, erzählt sie. Zwanzig Jahre ist das mittlerweile her, und längst hat sie in Deutschland tiefe Wurzeln geschlagen: Mit ihrem Ehemann, einem Tonmeister, und den beiden Kindern, elf und dreizehn Jahre alt, lebt sie mitten in Berlin. Seit 2017 ist Iveta Apkalna Titularorganistin der Hamburger Elbphilharmonie. Die „Elphi“ und ihre Orgel – sie liebt beide sehr und übt ihren Job dort mit sichtlicher Begeisterung aus. Was ihre konkrete Aufgabe ist? „Ich darf mehrmals pro Saison selbst am Spieltisch Platz nehmen und die Orgel in unterschiedlichen Programmen dem Publikum vorstellen. Schon zu Beginn und noch vor der Eröffnung der Elbphilharmonie habe ich die Einspielphase der Orgel betreut und sie Presse und Medien vorgestellt. Heute leite ich manchmal die Orgelführungen und arbeite eng mit der Künstlerischen Planung für die Auftritte der Gastorganisten zusammen. Ich bin diejenige, die der Orgel ein Gesicht geben soll.“ Hinzu kommen die weiteren rund sechzig Konzerte pro Jahr in aller Welt, für die sie drei Tage pro Auftritt einplanen muss. Denn sie reist ja ohne eigenes Instrument an, muss stets zunächst die Orgel kennenlernen und technisch vorbereiten.

Ihr Wiener Programm umfasst neben Kompositionen von Liszt und Pēteris Vasks auch sechs Choräle von Johann Sebastian Bach. Was nicht weiter verwunderlich ist, denn der Werkkanon für ihr Instrument ist nun einmal deutlich religiös geprägt. Kommt ihr das entgegen? Oder, anders gefragt: Kann man überhaupt Organistin sein, ohne religiös zu sein? Sie selber sei es, antwortet sie. „In den Wendejahren habe ich in Lettland viele Gottesdienste gespielt, war sehr oft in der Kirche und durfte 1993 sogar den päpstlichen Gottesdienst von Johannes Paul II. während seines Besuchs in Lettland begleiten.“ Und heute? „Ich bin noch immer religiös, aber dafür muss ich nicht unbedingt in der Kirche sein. Für mich ist heute jedes Konzert ein Gottesdienst. Und das, was ich spiele, ist mein Gebet.“

Wie persönlich, wie privat ist ihr Wiener Programm? Denn unter allen existierenden Bach-Chorälen, unter all den Liszt-Werken für Orgel hat sie ja diese Handvoll vermutlich bewusst ausgewählt. „Ja, das stimmt“, antwortet sie. „Eigentlich vermeide ich es, meine Programme in ‚Kirchenmusik-‘ oder ‚Konzertsaal-Programm‘ zu kategorisieren. Ich wollte vielmehr spielen, was mich jetzt bewegt. Das Programm soll zeigen: Das ist Iveta Apkalna in Zeiten der Pandemie. Mit dieser Musik möchte ich mich über die seltsamen Monate seit März 2020 porträtieren: So habe ich gedacht und gefühlt.“

Was also will sie mit Liszts „Ad nos, ad salutarem undam“ erzählen? Was steckt für sie in diesem Werk? „Viel Wut, aber auch Stille und Schönheit. Und viele Fragen. Liszt betet auch, aber anders als Bach. Er kämpft.“ Pēteris Vasks’ „Weiße Landschaft“? „Zu Beginn der Pandemie durfte ich plötzlich nicht mehr nach Lettland. Mit diesem Stück will ich zeigen, was mir besonders gefehlt hat: das Land und seine Landschaft.“ Ist es für sie denn auch ein Gebet? „Auf seine Art und Weise, ja. Vasks’ Gebet ist die Natur.“ Und Bach? „Seine Musik ist für mich das größte Gebet, das ich beten kann. Ohne Bach hätte ich die Pandemie nur schwer überstanden.“ Drei Komponisten, drei Gefühlszustände.   Drei unterschiedliche Gebete, die sich zu einem harmonischen Ganzen zusammenfügen. Ein persönliches Triptychon. Iveta Apkalna lässt im Großen Musikvereinssaal einen tiefen Blick in ihre Seele zu.

Margot Weber
Margot Weber lebt als Journalistin in München.

Monatsmagazin Musikfreunde Dezember 2021

Übung macht den Meister, heißt es. Aber wie übt ein Meister? Rudolf Buchbinder übt, wie er sagt, „äußerst konzentriert“. In seinem Zimmer, erzählt er im „Musikfreunde“- Interview, habe er sich jetzt Jalousien machen lassen, „weil ich von der schönen Aussicht abgelenkt bin. Und mich lenken auch diese vielen Noten ab, weil ich immer verführt bin, nach drei Takten in die verschiedenen Ausgaben zu schauen.“ Das ist natürlich mit einem Augenzwinkern gesagt. Denn diese Ausgaben lenken nicht ab. Sie lenken hin: zu den Fragen, die wieder und wieder gestellt werden wollen. Auch Rudolf Buchbinder stellt sie stets aufs Neue. Die Erstausgaben und Editionen, die er sammelt und bibliophil pflegt („Ich habe einen guten Buchbinder!“), sind ein Quell des Wissens und der Inspiration, der unerschöpflich ist.

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