Der O-Ton der Musik

Johannes Prinz und der Singverein

Seit genau 30 Jahren leitet Johannes Prinz den Singverein. Ein so denkwürdiges Jubiläum könnte Anlass zur Rückschau sein. Doch Prinz ist lieber mitten in der Musik, leidenschaftlich bei der Arbeit und beim nächsten Chorprojekt. Das dirigierte er selbst: „O Freude über Freude. Weihnachten mit dem Singverein“.

O. Ein Buchstabe nur, bloß ein Vokal. Mehr nicht. Und doch: Welche Ausdruckskraft steckt in ihm und welche Stimmungsmacht und -pracht! Man muss sie nur zu wecken wissen, durch Stimmensinnlichkeit, durch innigen Gesang. „Die Freuden! O wer spricht sie aus? Die Segen! O wer zählet sie?“ Hat man je nachgezählt, wie oft Joseph Haydn in seinen „Jahreszeiten“ diesen O-Ton einsetzt? Johannes Prinz weist in der Probe mit dem Singverein darauf hin und noch viel mehr: Er weckt das O, lockt es aus den Kehlen, lässt es glänzen als das vokale Funkelstück, das Haydn in seinen Chören so gern strahlen lässt. „O komm, holder Lenz, o komm!“ Die Freude des Singens keimt auf aus diesem O. So steht der Staunensvokal nun auch im Titel, wenn der Singverein weihnachtlich singt: „O Freude über Freude“. Johannes Prinz dirigiert diesmal selbst, und wie in den Jahren zuvor hat er sich für dieses A-cappella-Konzert eine besondere Programmidee ausgedacht. Im Wechsel mit dem Chor sorgt das Ensemble Pro Brass – eine Formation aus den Reihen der Wiener Symphoniker – für einen fein komponierten musikalischen Dialog. Und selbstverständlich: Mit dem O-Ton der Blechbläser setzt es weihnachtliche Glanzlichter im Goldenen Saal.

A-cappella-Musik, Chorklang pur. Im Konzertleben heute eine kostbare Rarität, war und ist der Stimmklang ohne Instrumente ein Urgrund des Singen. Schon deshalb gehört er auch wesentlich zum Singverein. Johannes Brahms, nehmen wir den anderen Johannes als historisches Beispiel, setzte in seinem Antrittskonzert als „Artistischer Director“ des Musikvereins gleich auch A-cappella-Chöre aufs Programm. In den Jahren, in denen er als künstlerischer Chef des Musikvereins auch Chordirektor des Hauses war, machte er den Singverein sogar zum Premierenchor von A-cappella-Werken aus seiner Feder. Johannes Prinz knüpft an diese Tradition an, selbstverständlich auch mit einem Brahms-Werk: einem, das wieder mit dem O den Strom des Singens öffnet. „O Heiland, reiß die Himmel auf.“ Adventmusik. Es sei ihm wichtig, sagt Johannes Prinz, das Programm auf diese vorweihnachtliche Botschaft auszurichten, auf die Erwartung und den Weckruf, der auf die Ankunft einstimmt: „Wachet auf, ruft uns die Stimme“.

Johannes Prinz
© Stephan Polzer

Johannes Prinz 

07. Dezember 2021

„O Freude über Freude“
Weihnachten mit dem Singverein

Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien
Johannes Prinz | Leitung
Ensemble Pro Brass

Werke von
Michael Praetorius
Felix Mendelssohn Bartholdy
Johannes Brahms
Francis Poulenc
Werner Pirchner
und anderen
sowie adventliche Volkslieder aus Österreich 

Tuesday, 07. December 2021, 07.30 PM

Im Chorsatz von Felix Mendelssohn Bartholdy ist der adventliche Appell zu hören, und weit spannt sich der Bogen in diesem Programm: von Praetorius bis Poulenc, vom Brahms-Freund Heinrich von Herzogenburg bis zu zeitgenössischer Musik. Auch Volksliedsätze sollen, ja müssen vorkommen. „Ich liebe Volkslieder“, bekennt Johannes Prinz, der gebürtige Kärntner, und strahlt: „Das ist für mich Hoch-, nein mehr noch: Höchstkultur.“ Das Chorstück, das dem Konzert das Motto gibt, steht dann am Schluss. „O Freude über Freude“, eine Motette des 1962 geborenen Wolfram Buchenberg. So kommt ein Konzertprogramm zustande, das ideal in die weihnachtliche Zeit passt. Altvertrautes klingt an. Und doch ist die Botschaft immer neu.

Kann man das Gleiche nicht auch von Johannes Prinz und dem Singverein sagen? Natürlich gibt es viel Vertrautes, schon im Blick aufs Repertoire, für das der weltberühmte Konzertchor des Musikvereins ständig angefragt wird – Beethovens Neunte, das Brahms- und das Verdi-Requiem, Mahlers Zweite, Bruckners „Te Deum“, all die großen   Chor-Orchester-Werke des klassisch-romantischen Repertoires, sie sind dem Singverein tiefvertraut. Und doch werden sie immer wieder neu entdeckt, neu durchdrungen, neu erlebt. Johannes Prinz schafft das: mit größter Kompetenz und Hingabe, mit Leidenschaft und unbändiger Energie. Routine? Prinz kennt sie nicht, auch nicht im 31. Jahr an der Spitze des Singvereins. Was ihm zuwächst an Erfahrung, nützt er als Basis für weitere Erkundungen. Wann könnte man je „fertig“ sein mit einem Meisterwerk? Immer gibt es Neues zu entdecken, stets kann man sich aufs Neue begeistern für die kleinsten Details, aus denen das große Ganze wächst. Allein dieses „O“ bei Haydn! Wie das schimmert und schillert und die Stimmen stimuliert: als Auftakt ins Glück.

„O wer zählet sie?“ Hat jemand gezählt, wie oft Johannes Prinz den Singverein in Proben geleitet hat? Es müssen Tausende und Abertausende sein, denn seine größte Freude ist’s, selbst mit dem Chor zu arbeiten. Vertreten lässt er sich eigentlich nie – da müsste schon der Zug von Graz, wo er als Professor für Chorleitung an der Kunstuniversität unterrichtet, im Schneegestöber stecken bleiben oder der Semmering unüberwindlich werden. Sonst ist er da. Mit Leib und Seele. Hundertprozentig und vom ersten Ton an, den Prinz selbst anstimmt fürs chorische Einsingen. Als Chordirektor ist er auch Stimmbildner geblieben – eines der Geheimnisse seines Erfolgs.


Nein, in Zahlen lässt sich diese Leidenschaft fürs Singen nicht erfassen. Nur eine hier als kleiner Anhaltspunkt: In der Saison 2016/17 gab der Singverein nicht weniger als 36 Konzerte mit zwanzig verschiedenen Programmen, dazu fanden 137 Chorproben statt. So war es vor Corona. Soll man überhaupt davon sprechen? Von diesem scheußlichen Ding mit dem viel zu schönen Namen, voll trügerisch angemaßter schöner Os? Ja, durchaus. Denn auch in der Zeit, die so qualvoll stumm bleiben musste, hat der Singverein verantwortungsvoll und konsequent jede sich bietende Möglichkeit genützt, um zu singen. Prinz und das Leitungsgremium des Singvereins leisteten dafür Unglaubliches. Vielfach konnte es dann nur bei den Proben bleiben, weil die Konzerte kurzerhand abgesagt wurden. Aber: Die Kunst war da und wurde gelebt. Darauf kommt’s an. Prinz’sche Proben sind keine zwecknüchternen Trockenübungen, sondern beseeltes Aufgehen in der Musik.

Hat sich durch Corona etwas geändert im Chor? Dass der Singverein aus der Übung gekommen wäre, davon kann keine Rede sein. Und, bemerkt Johannes Prinz, es gibt sogar einen positiven musikalischen Effekt. „Es wird jetzt noch engagierter, noch initiativer gesungen.“ Dazu tragen auch die Abstände bei, die bei den Proben eingehalten werden. Als präventive Sicherheitsmaßnahme gedacht, führen sie gleichzeitig zu noch mehr Sicherheit, zu noch mehr Souveränität im Sängerischen. Keine Frage: Der Singverein ist, im 31. Jahr mit Johannes Prinz, in Topform. Den international vielbeachteten Beweis trat er im Sommer bei den Salzburger Festspielen an, als er beim Eröffnungskonzert kurzfristig mit Brittens „War Requiem“ einsprang. Sängerinnen und Sänger sagten Urlaube ab, um dabei zu sein, in konzentrierter Arbeit wurde das komplexe Werk binnen Wochenfrist festspielreif probiert und dann in einem denkwürdigen Konzert gesungen. Mirga Gražinytė-Tyla stand am Pult. Es war eine berührende erste Begegnung mit dieser Dirigentin, die bei Johannes Prinz in Graz studiert hat. So schließen sich Kreise. Auf dass es gleich wieder ins Offene geht: mit dem freudigen, strahlenden O der Musik.

Joachim Reiber
Dr. Joachim Reiber ist Chefredakteur der Zeitschrift „Musikfreunde“ und Programmheftredakteur der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.

Monatsmagazin Musikfreunde Dezember 2021

Übung macht den Meister, heißt es. Aber wie übt ein Meister? Rudolf Buchbinder übt, wie er sagt, „äußerst konzentriert“. In seinem Zimmer, erzählt er im „Musikfreunde“- Interview, habe er sich jetzt Jalousien machen lassen, „weil ich von der schönen Aussicht abgelenkt bin. Und mich lenken auch diese vielen Noten ab, weil ich immer verführt bin, nach drei Takten in die verschiedenen Ausgaben zu schauen.“ Das ist natürlich mit einem Augenzwinkern gesagt. Denn diese Ausgaben lenken nicht ab. Sie lenken hin: zu den Fragen, die wieder und wieder gestellt werden wollen. Auch Rudolf Buchbinder stellt sie stets aufs Neue. Die Erstausgaben und Editionen, die er sammelt und bibliophil pflegt („Ich habe einen guten Buchbinder!“), sind ein Quell des Wissens und der Inspiration, der unerschöpflich ist.

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