Die Pause in der Musik

Vom Reiz des Innehaltens

Es gab eine Pause in der Musik - eine lange, unvermutete und beklemmende Pause. Seit Menschengedenken erlebte man keine so anhaltende und tiefgreifende Unterbrechung des Wiener Musiklebens, und die Zukunft ist weiterhin offen, wenn auch ringsum hoffnungsvolle Zeichen des Neubeginns gesetzt werden. Die Musik freilich lehrt, dass die Pause zum Leben gehört.

 Hatte sie auch Gutes, die Corona-bedingte Pause? Die Frage mag zynisch scheinen, vor allem angesichts der unzähligen beruflichen Existenzen, die an ein funktionierendes Musikleben gebunden sind. Für die Musiker hatte diese Pause nicht viel Positives, auch nicht für diejenigen, die organisatorisch, schreibend und planend an der Gestaltung unseres sehr komplexen Musikbetriebs beteiligt sind. Aber für das Publikum? Die Menschheit hat Erfahrung mit der Vorenthaltung gewohnter und geliebter Lebenselemente, man weiß um die Schmerzlichkeit des zeitweisen Entbehrens, aber auch um das Glück des Wieder-Erhaltens. So mag für viele Musikliebhaber die Corona-Zeit eine Askeseerfahrung gebracht haben, und nach einer langen Phase des Vermissens wird nun freudig festgestellt: „Es gibt wieder Musik!“

Pause zur Entspannung

Pausiert wurde in der Musik freilich immer schon, nicht nur in Zeiten der Krise. Im Konzert- und Opernleben wie auch im Inneren der Werke selbst spielt das Innehalten und Aussparen, die Phase der Nicht-Musik, eine wichtige und nur selten ins Bewusstsein gerückte Rolle. Jedem Konzertbesucher ist zunächst die Konzertpause geläufig, die zwei Programmteile voneinander trennt, deren erster meist der längere, oftmals auch der „schwierigere“ ist. Der Sinn liegt auf der Hand: Nach einer Phase des konzentrierten Hörens und Mitverfolgens ist Entspannung angesagt. Wie diese Entspannung gestaltet wird, ist der individuellen Neigung überlassen, und so hallen die Pausenräume wider von angeregtem, hundertfachem Gespräch – der unbefangene Beobachter mag den Eindruck haben, die allzu lang gezügelte Sprechlust breche sich Bahn und nütze den knappen Raum, der ihr zugestanden wird. Neu ist das Phänomen nicht, denn schon Hugo Wolf – nicht nur Komponist, sondern auch scharfzüngiger, unbarmherziger Musikkritiker – war indigniert über die Neigung des Publikums, nach aufwühlender Musik keineswegs in ehrfurchtsvollem Schweigen zu verharren, sondern allzu schnell in die „Normalität“ zurückzukehren: „... kaum, dass der letzte Ton verklungen, seid ihr auch schon munter und vergnügt und rumort und kritisiert und klatscht ...“ Ist es gerecht, ist es angemessen, so zu urteilen? Können und wollen wir uns ein Publikum vorstellen, das in kontemplativem Schweigen durch die Pausenräume wandelt, den Nachhall von Beethovens Fünfter oder Bruckners Neunter in sich verarbeitend? Ein Ideal sicherlich, aber eines, das wir uns dennoch nicht wünschen. Das Spannungsgefälle zwischen großer Musik und der Neigung des Publikums, sich deren Anspruch einerseits zu stellen und ihm doch im munteren Pausengeplauder auszuweichen, durchzieht die Geschichte des Konzertlebens, doch der Blick auf die – vielfach bezeugte – geringe „Konzertdisziplin“ vergangener Zeiten lässt die Wertung aktuellen Publikumsverhaltens durchaus in milderem Licht erscheinen.

Pause zum Spannungsaufbau

„Pause“ definiert sich durch das, was sie unterbricht und zugleich begrenzt. Und ist sie als Konzertpause ein Element der Entspannung, so generiert sie im Inneren der Werke Momente der höchsten Spannung und Konzentration. „Und Gott sprach – Es werde Licht! – Und – es – ward – Licht!“ Fast stockend, im Pianissimo, von Pausen durchsetzt, kündigt der Chor in Haydns „Schöpfung“ das große Ereignis an, und umso elementarer, umso überwältigender wirkt das „Licht“-Fortissimo im Glanz des vollen Orchesters. Von Haydns Zeit bis heute ist dies als ein wahrhaft großer musikalischer Moment empfunden worden, aber er wäre es nicht ohne seine Einleitung. Wagners Musik gilt, einer landläufigen Einschätzung gemäß, als „laut“, und zweifellos liebt der Komponist tatsächlich die massive Klangentfaltung. Aber Kenner des Wagner’schen Werkes wissen: Diese Höhepunkte sind sorgsam und überlegt disponiert, sie stehen im Kontext eines Spannungsgefüges, das viel Leises kennt, und auch das Schweigen – die Pause. Wenn Haydn durch Pausen die Spannung zum „Ausbruch“ seines C-Dur-Fortissimos aufbaut, so lässt Wagner am Beginn seines „Parsifal“-Vorspiels das „Abendmahl-Thema“ gleichsam im Nichts verhallen, in melodielos schwebenden Holzbläserakkorden, die in die Stille münden. Es sei, als habe Wagner hier zur Musik deren eigenes Echo mitkomponiert, notiert der sensible Wagner-Hörer Theodor W. Adorno. Und ein Meister der dramaturgisch eingesetzten Pause ist auch Wagners Zeitgenosse Anton Bruckner, dessen Zweite Symphonie sich bei den Orchestermusikern den (leicht spöttischen) Beinamen „Pausensymphonie“ erwarb. Bevor er etwas Bedeutendes sagen könne, müsse er vorher Luft schöpfen, meinte Bruckner, auf seine Liebe zu Generalpausen angesprochen.

Zählen-Müssen und Aussparen-Können

In der Musik gibt es freilich nicht nur Generalpausen. Ein Blick in Partituren aller Art zeigt: Nur ein Teil der Musiker spielt, die anderen pausieren. Das ist für sie keineswegs entspannend, denn Pausen wollen gezählt und genau eingehalten sein. Nichts ist störender als ein Einsatz nach einer falsch gezählten Pause, und auch unter Liebhabermusikern kann das unachtsame Pausenzählen zu Verstimmungen führen. Man kennt nach einiger Zeit die „Pausengepflogenheiten“ der Komponisten, denn manche machen es den Spielern leicht und erfüllen beim Wiedereinsatz die Erwartungshaltung, während andere durch raffinierte Pausen¬gestaltung und unerwartete Einsätze die volle Konzentration der Spieler einfordern. Mozart gehört zu ihnen. 
Pause – die Kunst des Aussparens, der Überraschung, des Spannungsaufbaus, des Verhallen-Lassens. Sie hat ihre Verwandten in anderen Künsten. Die Aquarellmalerei kennt nicht die Farbe Weiß; wo ein Glanzpunkt gesetzt werden soll, lässt der Maler das Papier einfach leer. Die Farbe macht Pause und schafft so einen Höhepunkt. 

Die Stille, die keine ist

Wenn sie so vielseitig und interessant ist, die Pause, wie wäre es dann mit „nur Pause“, mit Musik, die nichts ist als Pause? „Das ist absurd“, mögen manche meinen, aber dies wäre vorschnell geurteilt, denn solche Stücke gibt es. 1952 erregte John Cage mit seinem Stück „4’33‘‘ einiges Aufsehen, auch Unmut. Der Pianist nahm vor dem Klavier Platz, und das Publikum hörte 4 Minuten und 33 Sekunden lang – nichts. Es war mit Stille konfrontiert, und mit sich selbst. Dass dies mit einem „Werk“ herkömmlichen Charakters kaum mehr etwas zu tun hat, kann kaum bestritten werden, und auch die Unmutsäußerungen des zeitgenössischen Publikums sind nicht völlig unbegreiflich. Es ging um Selbsterfahrung, hier mit einer „Pause“, die durch kein Vorher und Nachher abgegrenzt wurde und daraus ihren verstörenden Charakter bezog. Mag sein, dass durch dieses provokante Stück bei manchem Hörer der Sinn geschärft wurde für das Beglückende der „normalen“ Pause: dass sie bloß ein Intermezzo ist, dass es nach ihr „weitergeht“.

Thomas Leibnitz
Dr. Thomas Leibnitz ist Direktor der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien.