So eine Wucht!

Marko Simsa und „Beethoven für Kinder“

„Allegretto“ startet mit einer echten Premiere in die Saison. Marko Simsa präsentiert sein neues Programm „Beethoven für Kinder“. 

Ha, herrlich! So ein Gespräch mit Marko Simsa ist wie ein Marko-Simsa-Konzert: erfrischend, aufmunternd, animierend. Es macht einfach Freude, schafft gute Laune, öffnet Herz und Sinne. Und ganz gleich, ob da Hunderte Kinder und Erwachsene zu seinen Füßen im Konzertsaal sitzen oder nur ein Gesprächspartner allein an einem trägen Freitagmorgen im Großen Musikvereinssaal: Simsa ist Simsa, ein wunderbarer Energiespender, ein Springinkerl der Lebenskunst. 

Wer B sagt, muss auch C sagen 

Es war kein anderer Raum frei für das Interview als der Goldene Saal. 32 Karyatiden wachen über das Zweiergespräch – und vor allem: Mit dem Corona-konformen Abstand gibt’s hier nicht das mindeste Problem. Marko Simsa erzählt, über Logengrenzen hinweg, von seinem neuesten Projekt, das im November bei „Allegretto“ Premiere feiert: „Beethoven für Kinder. Symphonie und Tastenzauber“. Eine echte Uraufführung! Eigentlich, berichtet Marko, hätte er schon im Frühjahr mehr als zwanzig Konzerte mit diesem Programm bestreiten sollen, in Deutschland, bei der Württembergischen Philharmonie, bei der er regelmäßig zu Gast ist. Doch dann kam Corona ... Ja, so ist das: Wer B sagt, muss auch C sagen. Das geht heute nicht anders. Wer also zum Ausklang des Beethoven-Jahres über Beethoven spricht, kommt um Corona, den eigentlichen Jahresregenten, nicht herum. Für Marko Simsa brachen im ersten Halbjahr 2020 nicht weniger als 75 Termine weg. Manches wurde abgesagt, vieles verschoben. Nüchtern betrachtet „ist natürlich manche Verschiebung wie eine Absage, weil wir in der nächsten Saison eh wieder dort gespielt hätten“. Freilich: Marko Simsa bleibt nicht beim Nüchternen, und selbst beim tristen C-Thema fällt er nicht ins Lamento. Dazu ist er ein viel zu positiv denkender Mensch. 

Ansporn für die Kreativität

Entscheidend ist jetzt, dass wieder gespielt werden kann. Ausrufezeichen! „Wir freuen uns“, sagt Marko, „über jeden einzelnen Auftritt, der möglich ist!“ Natürlich müssen etliche Auflagen eingehalten werden. Aber, wie sagt doch schon Goethe? „In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister ...“ Wo, wenn nicht in der Kunst, wäre das Potenzial, kreativ mit den neuen Vorgaben umzugehen? Marko Simsa sieht es genauso. „Eine große Kollegin – es war, wenn ich mich recht erinnere, eine Burgschauspielerin – hat neulich ganz richtig gemeint: Wenn in einem Theaterstück ein Kuss verlangt wird und wir müssen dazu zwei Meter Abstand einhalten, dann werden wir das eben so machen, dass der Kuss auf andere Weise in der Fantasie der Zusehenden entsteht. Und das stimmt. Das ist doch eigentlich der Zauber des Theaters!“ 

Rassel, Tamburin und Schellenkranz

Klar, Kinderkonzerte sind ein anderes Genre. Es werden dort keine Küsse geküsst. Aber es gibt andere Formen von Nähe und Berührung, die jetzt neu entstehen müssen oder – besser gesagt – entstehen können. So werden auch die „Allegretto“-Konzerte des Musikvereins, die jetzt mit Marko Simsa in die neue Saison gehen, etwas anders ablaufen als gewohnt, aber darum nicht weniger bewegt und lustig. Die Kinder sitzen bei ihren Eltern im Saal, auf zugewiesenen Plätzen, aber ein bisschen Rasselbande dürfen sie auch hier sein. Für seine Musikanimation hat sich Marko ausgedacht, dass jetzt alle im Saal dabei sein können und mit Rassel, Tamburin oder Schellenkranz Krach schlagen: im Beethoven-Rhythmus, versteht sich. Daher dürfen auch genau diese drei Instrumente von daheim ins Konzert mitgebracht werden – bitte keine Trommeln, Tröten oder Kontrabässe, sondern eben RTS: Rassel, Tamburin und Schellenkranz. Auch ein Tänzchen wird Marko wohl wagen, hübsch choreographiert am Platz. Die Großen und Kleinen drehen sich dann, Corona-konform, zu Kontretänzen von Beethoven. 

Staunen mit Beethoven

Die Tanzkompositionen, die Marko mit seinem musikalischen Compagnon Erke Duit ausgesucht hat, sind besondere Gusto-Stückerln in diesem weitgefächerten Beethoven-Programm. „Ich glaube, da gibt’s auch für die Erwachsenen einiges zu entdecken“, sagt Simsa, der sich die Gabe zum Staunen bewahrt hat – und gerade bei Beethoven aus dem Staunen nicht herauskommt. „Die Vielfalt, die in Beethovens Musik steckt, ist einfach unglaublich. Und gerade das will ich ja auch den Kindern immer vermitteln: wie toll es ist, dass die Musik so unterschiedliche Stile kennt. Für jede Gefühlslage gibt es eine passende Musik – und umgekehrt: Mit Musik kann man sich in die unterschiedlichsten Gefühlslagen bringen. Und da hat der Beethoven schon enorm viel vereint und neu erschlossen.“ Marko Simsa nennt als Beispiel die zweiten Sätze der Siebten und der Achten Symphonie, zeitgleich entstanden und doch so unterschiedlich im Charakter: hier das ganz Elegische, Traumverhangene, dort das quecksilbrig Kecke, Freche ... Nach diesem Prinzip ist sein Beethoven-Programm gebaut. Auf der Suche nach dem „liebsten Lieblingsstück“ durchwandert Marko kurzweilig Beethovens musikalische Welten. Dass dabei auch, ta-ta-ta-taaaa, die „Fünfte“ anklingt, die Elise am Klavier auftaucht und die „Ode an die Freude“ aufrauscht, versteht sich. Aber Marko macht eben keine Hitparade daraus, sondern eine spannende Erkundungsreise, bei der ihm interessante Leute von ihren jeweiligen Lieblingsstücken erzählen. 

Gulda im Jugendzimmer

„Was ist denn dein eigenes liebstes Lieblingsstück von Beethoven“, will man da natürlich gleich von Marko wissen? „Puh, das ist schwierig ...“ Er antwortet erst einmal so ausweichend, wie das die meisten tun würden. „Ich könnte ja sagen: Beethoven sei ein Lieblingskomponist von mir, dann hätten wir das Ganze, und ich müsste mich nicht entscheiden.“ Nein, so einfach können wir’s ihm nicht machen. „Also, nun sag schon!“ „Momentan“, lässt sich Simsa entlocken, „ist es der zweite Satz der ,Pathétique‘“. 
Die Liebe zu dieser Klaviersonate – und überhaupt zu dieser Beethoven-Sonaten-Welt – wurde geweckt, als er 16 oder 17 Jahre alt war. Für seinen ersten Plattenspieler durfte er sich ein paar LPs aus der Sammlung seines Vaters abzweigen, und bald war auch ein Album mit Beethoven-Klaviersonaten dabei, gespielt von Friedrich Gulda. „Die ,Pathétique‘ hat es mir damals schon angetan, besonders dieser zweite Satz, wie der so dahinschwebt – und du dich deinen Gedanken so hingeben kannst. Das fand ich sehr spannend – nein, das ist das falsche Wort: berührend. Es hat mir einfach gutgetan, sagen wir so.“ 

„Die Vielfalt, die in Beethovens Musik steckt, ist einfach unglaublich." Marko Simsa

Ein langer Weg zu Herrn B.

Eine echte Premiere! In all den Jahren, ja Jahrzehnten, in denen Marko Simsa als „König der Kinderkonzerte“ Programme entworfen und auf die Bühne gebracht hat, war kein Beethoven dabei. Wohl entstand, vor mehr als zehn Jahren schon, eine Beethoven-CD für Kinder, 2018 wurde diese CD dann in ein Beethoven-Kinderbuch eingebunden, das Marko Simsa mit der Illustratorin Silke Brix herausgebracht hat. Doch es brauchte erst den Anstoß des Beethoven-Jahres, dass Marko seinen Beethoven auch auf die Bühne bringt. War es heilige Scheu, die ihn so lange warten ließ? Bei der Suche nach der Antwort kommen erst einmal praktische Gründe zur Sprache: „Mozart für Kinder“, das Programm, mit dem Simsa vor Jahrzehnten als Pionier hervortrat, ließ sich auch mit ganz kleiner Instrumentalbesetzung spielen, nur Cello und Gitarre – das konnte genügen. Bei Beethoven sind solche Reduktionen kaum möglich, da braucht es schon auch den Sound eines ganzen Orchesters. 
Und dann ist da natürlich auch noch dieses triste Komponistenleben, eine Vita voll düsterer Seiten: Leiden, Taubheit, Misanthropie. Taugt, wienerisch salopp gesagt, ein „Grantscherben“ zur Projektionsfigur in einem Kinderkonzert? Für Marko Simsa jedenfalls war klar, dass er seine Beethoven-Geschichte nicht primär übers Biographische erzählen will, sondern eben über die Musik: als Suche nach dem „liebsten Lieblingsstück“. Von dort aus, von den Stationen dieser Reise, öffnen sich dann natürlich wieder Blicke auf Beethovens Leben, und da können und sollen auch die nachtdunklen Seiten gezeigt werden. 

Umwerfende Musik

Die Frage, warum „Beethoven für Kinder“ so lange auf sich warten ließ, ist damit noch nicht ganz beantwortet. Heilige Scheu? Einschüchternde Ehrfurcht? Ganz so würde es Simsa nicht sagen, aber etwas davon war schon mit im Spiel bei dieser behutsamen Annäherung an Beethoven. „Es war schon auch“, sagt er, „Respekt vor dieser Wucht!“ Marko Simsa, der sensible Musikliebhaber, nimmt auch dieses Gefühl mit hinein in sein Konzept. Musikvermittlung stiftet größtmögliche Nähe. Aber es bleibt – bei Beethoven kann es gar nicht anders sein – Respekt vor dieser Wucht. Hier walten Kräfte, die einen ganz schön aus der Bahn bringen können. So umwerfend kann Musik sein!

Joachim Reiber
Dr. Joachim Reiber ist Chefredakteur der Zeitschrift „Musikfreunde“ und Programmheftredakteur der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.