Öffnet die Schubladen!

10 Jahre Trio Frühstück mit Anja Plaschg

Das Trio Frühstück eröffnet den Zyklus „Frauenstimmen“ 2020/21 mit einem enorm spannenden Programm. Neben Musik von Olga Neuwirth, eigens für das Ensemble geschrieben, und Clara Schumanns Klaviertrio op. 16 gibt es an diesem Abend auch Neues von und mit Anja Plaschg: Uraufführung und Performance in einem. Mit Clara Frühstück, Pianistin, Ensemblegründerin und selbst auch Komponistin, sprach Sabine M. Gruber.

Wie sind Sie zu Ihrem Instrument gekommen? Gab’s da eine Initialzündung – oder stand bei Ihnen zu Hause einfach ein Klavier herum.

Das Klavier war einfach da. Mein fünf Jahre älterer Bruder spielte Klavier, und ich wollte dieses Ding auch bespielen und hab ihn verdrängt. Ich ging mit ihm zum Unterricht – da war ich erst drei.

Drei! Dabei gibt’s ja so etwas wie ein halbes Instrument gar nicht, wie bei der Geige.
Stimmt! Aber ich hatte das Glück, eine ganz tolle Klavierpädagogin zu finden. Sie erkannte, wie groß mein Interesse war, und hat sich damals wahnsinnig um mich gekümmert. Sie hat mir Figuren ins Notenbild geklebt und mir so das Notenlesen beigebracht, lange bevor ich lesen konnte, es war unglaublich. Klavierunterricht war für mich als Kind das Schönste überhaupt. Sogar eigene Stücke hat meine Lehrerin für mich komponiert! Ich hatte keinen anderen Wunsch, als Klavier zu lernen – und Mozart zu heiraten, in den war ich nämlich unsterblich verliebt. Mit fünf konnte ich alle seine Klavierkonzerte mitsingen. 

Sie haben also Ihren Zugang zum Klavier über einen Komponisten gefunden?
Vielleicht könnte man das so sagen. Ich wurde vorzeitig in die Musikschule aufgenommen und wollte sofort Mozart spielen. Das war natürlich ein bisschen zu früh. Mit neun hat mich meine Lehrerin aufs Konservatorium nach Eisenstadt geschickt, ich bin ja gebürtige Burgenländerin. Da hab ich auch Querflöte gelernt, als zweites Instrument. Dann bin ich nach Wien gegangen und habe Konzertfach Klavier studiert.

Gibt es noch andere Leidenschaften in Ihrem Leben?
Theater! Und alles, was damit zu tun hat: Modedesign, Bühnenbild, Dramaturgie. Das studiere ich jetzt auch. Theater war immer schon ein Thema für mich, offenbar von Kindesbeinen an. Ich habe kürzlich Super-8-Filme bei meinen Eltern gefunden, wo ich kostümiert um das Klavier herumlaufe und tanze und mit dem Instrument spiele, es mit Bändern verschnüre, einpacke oder mit Konfetti bewerfe.

Eine Art frühe Performance also?
Ja! Und ich denke mir, mein Gott, wie cool war das denn, was ich da als kleines Kind intuitiv gemacht habe. Auch die Konzerte, die ich heute plane und mache, gehen meist über die klassische Tradition hinaus. Auf die Bühne gehen, sich verbeugen, spielen, sich verbeugen, abtreten – das war mir schon mit 16 zu wenig. Und ich wollte immer schon Bögen spannen zwischen verschiedenen Epochen, Johann Sebastian Bach und John Cage miteinander verbinden, zum Beispiel. 
Ein Stück verändert ja seine Bedeutung und seine Wirkung mit dem Kontext, in den es gestellt wird.
Genau, John Cage klingt dann klassischer, und Bach klingt moderner. Es war mir auch immer ein Anliegen, das Publikum herauszufordern, das Traditionelle und Gewohnte aufzubrechen. Obwohl ich immer noch ein Fan von Schubert, Bach und Mozart bin und ihnen Respekt zolle, denn aus ihrer Musik ist unsere heutige entstanden. Vielleicht hätte Beethoven, wenn er in unserer Zeit gelebt hätte, sich auch mit Elektronik beschäftigt, wer weiß? Würde sich Beethoven im Grab umdrehen, wenn er hören würde, was ich bei einer meiner Solo-Performances mit einer seiner Sonaten mache? Vielleicht – vielleicht aber auch nicht. Ich versuche, mich in ihn hineinzuversetzen, in ihn hineinzuhören. Wie ist es, wenn man taub ist? Wie fühlt sich diese Stille an? Das sind die Fragen, die ich mir stelle und mit meiner Performance zu beantworten suche, und zwar so, dass das Publikum das auch spürt. Ich versuche immer wieder, die klassische Musik in ein neues Licht rücken.

Wie ist das in Ihrem Trio – was ist das Besondere an jeder der drei Musikerinnen?
Wir sind sehr unterschiedliche Persönlichkeiten. Sophie Abraham macht ihre Soloprojekte und geht viel in Richtung Jazz, ich komme mehr vom Theater und sehe mich auch als Performerin, Maria Sawerthal wiederum ist eine klassische Geigerin und bei der Camerata Salzburg engagiert. Eine superspannende Kombination. Jede von uns bringt einen persönlichen Input aus den Genres, in denen sie außerhalb des Trios aktiv ist. So passiert vieles, was uns von einem klassischen Klaviertrio abhebt.


Ein Schwerpunkt für Sie ist die Musik der Moderne, zeitgenössische Musik. Drückt sie für Sie, so wie Musik das immer getan hat, etwas vom Lebensgefühl dieser Zeit aus, zum Beispiel eine gewisse Dauerspannung, ein Unter-Strom-Stehen?
Das hängt davon ab, wie bereit wir sind, wie sich unsere Hörgewohnheiten auf diese Musik einstellen. Und es kommt ganz auf den Komponisten an oder die Komponistin. Ein Klavierstück von John Cage etwa kann absolute Meditation sein, und eine Beethoven-Sonate kann uns in Hochspannung versetzen.

Zum Beispiel „Quasare/Pulsare II“ von Olga Neuwirth. Das sind, nach der astrophysikalischen Definition, Schwarze Löcher, in die Materie hineinstürzt, und kosmische Leuchtfeuer, Neutronensterne, die sich schnell und pulsierend drehen.
Ja, das ist sehr aufregende Musik. Olga Neuwirth ist eine Frau, die ihr Publikum herausfordert, und ich schätze das sehr, dieses Radikale und Provokative.

Und dann, als Gegenstück, das Klaviertrio von Clara Schumann.
Ja, ihr fühle ich mich irgendwie verbunden, verwandt. Vielleicht auch wegen ihres Vornamens. Sie war eine bemerkenswerte und für mich sehr spannende Frau. Wir spielen ihr einziges Klaviertrio – wunderschöne Musik! Und ihr Mann Robert hat dazu gesagt: „Na ja, bist halt doch ein Frauenzimmer.“ Trotz einiger Widerstände hat sie für sich gekämpft und ihre künstlerische Tätigkeit durchgezogen. Obwohl sie Kinder hatte und Ehefrau war. Clara Schumann ist für mich ein sehr schönes Beispiel ihrer Zeit, wie sie ihren ganz eigenen Weg gegangen ist.


Ist das in unserer Zeit für Frauen leichter geworden?
Diese grundlegenden Unterschiede zwischen Mann und Frau, die gibt es nun einmal. Aber die Sophie Abraham zum Beispiel, unsere Cellistin, die sagt, sie spürt diese Differenzen, dieses Kämpferische gar nicht so, zwischen Mann und Frau, sie fühlt sich auch nicht diskriminiert. Gewisse Dinge haben Gott sei Dank heute eine Selbstverständlichkeit entwickelt, und ich finde, genau daran sollten wir vor allem weiterarbeiten: mehr Selbstverständlichkeit und Normalität.

In Ihrem Programm spielen und singen vier Frauen Musik von Frauen.
Ja, aber nicht nur für Frauen! Der Zyklus im Gläsernen Saal heißt „Frauenstimmen“ – da dachten wir, wir spielen zur Abwechslung einmal ausschließlich Kompositionen von Frauen. Nicht als emanzipatorische Botschaft, sondern eher so: Musik von Frauen zu spielen ist normal und ganz selbstverständlich. Ich frage mich nicht, ob ein Mann oder eine Frau ein Stück komponiert hat, sondern: Ist das spannende Musik? Es gibt von Männern wie von Frauen gute und weniger gute Kompositionen.

Sie haben immer wieder Frauen beauftragt, für das Trio zu schreiben – Ihr Programm zum Jubiläum spiegelt das wider ...
Olga Neuwirth hat „Quasare/Pulsare II“ 2017 für uns geschrieben, eine unglaublich aufregende Komposition. Ich bewundere und verehre Olga, weil sie sich etwas zu sagen traut, das war vor allem in ihrer Generation unglaublich wichtig und bahnbrechend. 


Und was fasziniert Sie an Anja Plaschg, die – als Uraufführung in diesem Jubiläumsprogramm – nicht nur Lieder für Ihr Trio geschrieben hat, sondern auch mit Ihnen auf der Bühne performen wird?
Die Anja verkörpert eine ganz andere, junge Generation. Man kann sie nicht einordnen, sie ist musikalisch nach allen Richtungen und für alle Genres offen, spontan, unvorhersehbar; genau deshalb haben wir sie dazugeholt. Sie hat Lieder adaptiert, die ihr am Herzen liegen, und dazu Neues komponiert – speziell für unsere Besetzung, für diesen Ort. Für uns ist sie an diesem Abend nicht „Soap & Skin“, der Star, hier ist sie einfach Anja Plaschg, die Komponistin. Das ist das Besondere. Dazu wird in unsere Performance Lyrik einfließen, Anja wird zur Musik von Clara Schumann und Olga Neuwirth lyrische Texte von Frauen sprechen. 

Das Trio Frühstück öffnet also gemeinsam mit Anja Plaschg an diesem Abend wieder einmal Schubladen.
Ja, genau darum geht es uns. Immer. Frei und offen zu denken und auch das Publikum zu dieser Offenheit zu inspirieren.

Das Gespräch führte Sabine M. Gruber.
Sabine M. Gruber ist Musikpublizistin, Schriftstellerin und Übersetzerin. Sie veröffentlichte u. a. „Unmöglichkeiten sind die schönsten Möglichkeiten. Die Sprachbilderwelt des Nikolaus Harnoncourt“ und „111 Orte der Musik in Wien, die man erlebt haben muss“.

Trio Frühstück

Vor ziemlich genau zehn Jahren gründete die Pianistin Clara Frühstück mit der Cellistin Sophie Abraham und der Geigerin Maria Sawerthal ein Klaviertrio. Einen Trio-Namen gab’s zunächst nicht, für die drei befreundeten Musikerinnen zählte nur der Spaß am gemeinsamen Spielen und das Lernen mit den ganz Großen des Genres, zum Beispiel Claus-Christian Schuster vom Altenberg Trio. Doch dann – der Brahms-Wettbewerb. Auf der Anmeldung musste ein Name stehen. Schließlich wurde „Pasqualati-Trio” in das Formular eingetragen, frei nach Beethovens Lieblingswohnung in der Wiener Mölker Bastei. Doch Clara kamen Zweifel: Das ist schon ein Zungenbrecher. Maria sagte spontan: Warum nicht Frühstück! Sophie fand das toll, Clara blieb skeptisch, ein Anruf in letzter Minute bei der Wettbewerbsleitung besiegelte es: Trio Frühstück. Nicht der einfachste Name, vor allem im nicht deutschsprachigen Ausland, und dennoch perfekt. Prägnant und unverwechselbar. So wie der Name sich jeder Einordnung entzieht, so lässt sich auch das Trio in keine Schublade stecken, und schon gar nicht: Clara.