Lieder als Spiegel des Lebens

Elīna Garanča

Am 17. November gastiert Elina Garanca mit einem Liederabend im Großen Musikvereinssaal. Mit Markus Hennerfeind sprach sie über Lied und Oper, spanisches und lettisches Naturell, ihre Erfahrungen in jüngster Zeit und ihre Hoffnung auf eine Zukunft ohne Pandemie. 

Frau Garanca, wie ist es Ihnen ergangen in der langen Zeit ohne Auftritte und klare Zukunftsaussichten?
Ein Künstler ohne Auftritte gerät in eine psychologisch-emotionale Misere, die ihn täglich belastet. Da habe ich mich bewusst herausgenommen und mich auf den anderen Teil meines Lebens konzentriert: Ich war Mutter und Hausfrau, Koch, Maler und Reparateur, habe die Zeit mit den Kindern genossen und nicht täglich nachgedacht, welches Projekt nun abgesagt wurde oder welche Partie ich nun gerade nicht gesungen habe. Aber wissen Sie, ich kann mich glücklich schätzen, dass ich auf einer ziemlichen Höhe meiner Karriere stehe. Ich bin keine Anfängerin. Hoffentlich werde ich auch nicht untergehen, wenn ich dieses und nächstes Jahr weniger arbeite. Es trifft vor allem jene, die am Anfang stehen oder deren Karriere gerade erst aufwärtsgeht. Wenn die dann womöglich wieder von Nichts anfangen müssen, das ist grauenvoll.

In Österreich haben die Kulturschaffenden und die Institutionen sehr früh hart daran gearbeitet, dass die Musikkultur ihre Stimme behält, wie zum Beispiel die Salzburger Festspiele ...
Da kann Helga Rabl-Stadler sehr stolz sein, dass sie hier nicht in Panik geraten ist und aufgegeben hat wie viele andere, die schnell alles abgesagt haben und das inzwischen bereuen. Die Salzburger Festspiele haben bewiesen: Es geht. Wir Künstler sind wahnsinnig diszipliniert. Es geht um unsere Existenz, wir meckern viel weniger wegen der Masken, wir meckern viel weniger, dass wir immer wieder diesen Tampon in die Nase geschoben bekommen oder dass uns Blut abgenommen wird, damit wir weiterarbeiten dürfen.

Wie haben Sie Ihre ersten Auftritte nach der langen Pause empfunden? Das waren im August die „Wesendonck-Lieder“ bei den Salzburger Festspielen mit den Wiener Philharmonikern und Christian Thielemann. 
Es ist, wie wenn man auf einem Laufband trainiert hat und dann in ein olympisches Stadion geht und dort wieder den olympischen Marathon läuft. Und so hat es sich auch angefühlt. Nachdem ich Maestro Thielemann und die Wiener Philharmoniker immer gerne als Partner habe und diese Zusammenarbeit einfach genieße, war es auch ein wunderschönes, emotionales Erlebnis, endlich wieder live Musik zu machen und zu hören. 

Wo sehen Sie das Liedersingen in Ihrer Vielfalt an Aufgaben? Sie geben ja jedes Jahr Liederabende ...
... und immer wieder frage ich mich, warum tu ich mir das an? (lacht) Viel einfacher wäre es, mit einer Handvoll Partien von einer Opernproduktion zur anderen zu fahren, als immer wieder ein neues Liedprogramm einzustudieren. Heutzutage soll ein vollkommener Künstler ja alles machen, Oper und Lied und Open Air und Crossover und CDs – es wird ein Mega-Multitasking von uns verlangt. Gleichzeitig denke ich aber auch an die Zukunft, und irgendwann ist auch die siebte Produktion von „Carmen“ oder von „Anna Bolena“ nicht mehr so interessant, weil man schon etliche Male den Charakter etwas anders positioniert, andere Facetten herausgearbeitet hat. Man wiederholt sich irgendwann. Das Liedrepertoire hingegen ist unerschöpflich: Es reicht ein Leben dafür nicht aus, und ich wachse dadurch auch als Künstlerin. Viele Farben, die ich im Opernrepertoire einsetze, kann ich in einer miniaturistischeren Weise auch im Lied einbringen und umgekehrt: Die Feinheit und Raffinesse, die man im Lied braucht, nützt auch den Opernrollen. Ich bin mit dem Liedrepertoire groß geworden, meine Mutter war ja Sängerin. Die Melodien von vielen Zyklen und Liedern kannte ich dadurch schon und musste nur noch den Text dazu lernen. Und es ist wie mit Opernpartien auch: Das gleiche Lied kann sich verändern mit dem, was man im Leben erlebt hat, wie man selber gewachsen ist. Man kann ein Lied nie gleich singen. Da ist die menschliche Laune und Emotion, und der Zustand und das Leben des Künstlers an dem Tag beeinflusst das alles unglaublich stark.

Und während man aus Opernpartien irgendwann herauswächst, wachsen die Lieder mit einem mit?
Genau, und es gibt gerade beim Lied bestimmte Texte, mit denen man sich in je anderer Lebenssituation besser identifizieren kann. Ein junger Künstler, der voll Ehrgeiz auf Entdeckung geht, singt vielleicht andere Lieder oder hat Verständnis für andere Lieder als zum Beispiel einer, der den Tod in der eigenen Familie erlebt oder ein Kind bekommen oder einfach eine gewisse Lebensreife erreicht hat. Zum Beispiel bei einem Liederzyklus wie „Frauenliebe und Leben“, den singe ich zwar im November beim Liederabend nicht, aber nur als Anschauung: Das Lied „An meinem Herzen, an meiner Brust“, das nimmt man ganz anders wahr, wenn man wirklich das eigene Kind in den Arm genommen hat. 

Wie studieren Sie eigentlich Lieder ein? 
Mir geht es meistens zuerst um den Text. Der Text muss mich ansprechen, damit fange ich an. Und wenn mich der Text anspricht, dann kommt auch die Melodie. Es ist mir manchmal natürlich auch passiert, dass für mich der Text mit der Musik nicht so ganz zusammengeht oder die Farben über¬raschend anders sind, aber es hat sich gezeigt, dass ein paar Jahre später das dann doch klappen kann. 

Sie singen auch wieder Rachmaninow-Lieder. Werden Sie die irgendwann auch für CD einsingen?
Es ist tatsächlich eine Aufnahme mit Rachmaninow-Liedern geplant. Es gibt natürlich unglaublich viele tolle russische Sänger, die das singen oder schon gesungen haben. Ich bin halt Lettin, aber ich glaube, unsere musikalische Ausbildung und unser Leben ist stark mit russischer Musik verbunden, und wir haben ja auch lettische Komponisten, die unglaublich schöne Lieder geschrieben haben ... Das wird sicher eines meiner nächsten Projekte, auch das lettische Lied in die Welt zu tragen.

Wo liegen Ihre Vorlieben bei den Liedkomponisten?
Ich denke, dass meine Stimme für Brahms, Schumann, Mahler, Richard Strauss, Wagner und Rachmaninow viel besser passt als etwa für Debussy oder Schubert. Ein Freund und ich streiten immer, welche Lieder nun schöner seien, die von Schumann oder von Schubert, und wir sind uns hier nicht einig (lacht). Jeder Mensch wird von der Musik anders angesprochen, das macht sie auch so unerschöpflich. Vielleicht reizt es mich irgendwann und ich versuche, doch in die Schubert-Welt einzutauchen, aber meine erste Vorliebe gilt den oben genannten Komponisten.

„Also nein, ich wollte nie Sopran sein.” Elīna Garanča

Sie haben schon bei Ihren ersten Musikvereinsauftritten Musik spanischer Komponisten gesungen, heute leben Sie einen Teil des Jahres in Spanien. Hatten Sie früher schon eine besondere Beziehung zur spanischen Musik?
Ja, meine Mutter war ein Riesenfan von spanischer Musik, da habe ich zu Hause sicher schon am meisten gehört. Sie hat unendlich viel von Obradors, Guridi, de Falla, Turina und anderen gesungen. Es ist vielleicht auch eine Mentalitätsfrage: Spanier scheinen ja sehr laut zu sein und viel extrovertierter als die Letten. Das liegt aber nur daran, dass wir Letten etwas länger brauchen, bis wir einen Menschen ins Herz schließen, und dann sind wir genauso laut und lustig und spaßig wie die Spanier. Der lettische Mensch ist wahrscheinlich eher zurückgezogen, hat einen gewissen Stolz und ein gerades Rückgrat. Diese aufrechte Haltung sehe ich etwa auch beim Flamenco. Da gibt es einen graden Rücken, schnelle Füße und einen unglaublich konzentrierten Blick, und das spüre ich in der spanischen Musik generell: diesen geraden, aufrechten Rücken, den ich, glaube ich, auch selber gerne trage. Und irgendwie liegen mir auch die Sprache, die Tonführung und der Rhythmus, der einen immer unglaublich mitreißt.

Haben Sie schon einmal mit dem Gedanken gespielt, eine Sopranpartie, die Sie interessieren könnte, auszuprobieren, wie das Mezzo-Kolleginnen immer wieder gemacht haben? Sie haben ja eine gute Höhe ...
Ein Mezzosopran braucht eine gute Höhe! Aber ich glaube, es geht vielmehr um die Farbe per se und auch um das Temperament. Ich bin von meinem Temperament her, meinem Charakter her kein Sopran. Also nein, ich wollte nie Sopran sein, um Gottes willen, vielleicht noch dazu ein lyrischer Koloratursopran, das wäre wirklich das Schlimmste! Gott sei Dank gibt es für mich alles von Barock und Hosenrollen und jungen romantischen Frauen bis zu den Witches, Bitches und den alten Hexen ... und die Karriere gebe ich dann ab mit der Alten Gräfin in der „Pique Dame“ (lacht). Das wäre dann wirklich der vollkommene Abschluss einer Regenbogenkarriere mit vollem Bogen von links nach rechts.

Wie sind Ihre Pläne für die Zukunft, falls man das derzeit überhaupt sagen kann? 
Ich versuche, von Tag zu Tag zu leben und zu schauen, was möglich wird. Ich hoffe, dass die Konzerte im Herbst 2020, die geplant sind, zumindest teilweise auch tatsächlich stattfinden können. 2021 soll mein lang ersehntes Debüt als Amneris in Paris kommen, im April 2021 die Kundry in Wien, und dann habe ich noch vor, mein Debüt als Principessa di Bouillon in „Adriana Lecouvreur“ zu geben; es gibt inzwischen das erste Angebot für mein 50. Jahr, als Azucena, und wir haben tatsächlich schon über die Quickly gesprochen. Und dann komme ich immer wieder zu den Partien zurück, die ich schon früher gesungen habe, die Eboli, Dalila ... Ja, so lange man uns erlaubt, auf der Bühne zu sein, und so lange die Leute sich trauen und auch tatsächlich in den Zuschauerraum dürfen ... Wissen Sie, die spanische Grippe hat zweieinhalb, drei Jahre gedauert. Warum sollte das jetzt viel weniger sein? Wahrscheinlich wird es vor der Spielzeit 2021/22 keine richtige Entwarnung geben. Und wenn wir wirklich wieder zu unserem Leben zurückkehren wollen, dann sehe ich persönlich das nicht viel früher als Sommer 2022. Aber ich wünsche mir natürlich, dass der liebe Gott mich hört und uns allen viel schneller die Freiheit wieder zurückgibt und die Ärzte und Wissenschaftler tatsächlich eine Lösung finden.

Das Gespräch führte Markus Hennerfeind.
Mag. Markus Hennerfeind lebt als Verlagsmitarbeiter, Musikwissenschaftler, Lektor und Redakteur für verschiedene Festivals und Veranstalter in Wien.