Alles, was das Leben ausmacht

Barenboim und Beethoven

Leider musste er kurzfristig abgesagt werden: der Beethoven-Symphonien-Zyklus mit der Staatskapelle Berlin, der ein Höhepunkt zum Abschluss des Beethoven-Jahres im Musikverein sein sollte. Daniel Barenboim, Chefdirigent der Staatskapelle, gab zu diesem geplanten Zyklus den „Musikfreunden“ ein Exklusiv-Interview, das wir nun trotzdem veröffentlichen: als fundamentales Statement zu Beethoven am Ende eines denkwürdigen Jahres.

Wir stecken gerade in schwierigen Zeiten. Was sind Ihre aktuellen Gedanken zur Corona-Pandemie?
Als diese Pandemie begonnen hat, habe ich mich gefragt, was man Positives aus dieser Krise lernen könnte. Damals dachte ich, Corona mache uns Menschen wieder bewusster, dass wir alle gleich sind, weil es ein Virus ist, das alle Menschen attackiert: die Alten und die Jungen, die Reichen und die Armen, die Männer und die Frauen. Heute glaube ich nicht mehr daran, ganz im Gegenteil. Es zeichnet sich ab, dass die sozialen Ungleichheiten durch die Pandemie noch deutlicher hervortreten. Manche Menschen haben das Privileg, sich besser schützen zu können als andere. Manche werden auch einen besseren Zugang zu Medikamenten und Impfstoffen erhalten als andere. Mein anfänglicher Optimismus war also offenbar ein wenig naiv.

Sprechen wir also lieber über etwas Erfreuliches: Mit der Staatskapelle Berlin führen Sie im Goldenen Saal des Musikvereins nun sämtliche Symphonien von Beethoven auf. Wie politisch ist die Musik Beethovens in Ihren Augen? 
Beethoven hat ganz deutlich gemacht, dass er ein Kind seiner Zeit war. Er hat die politische Gegenwart sehr bewusst wahrgenommen und reflektiert. Es gibt zahlreiche Anspielungen in seinen Kompositionen, die das beweisen, zum Beispiel Zitate von Liedern der Französischen Revolution im Finale der 5. Symphonie, aber auch in anderen Werken. Gleichzeitig aber hat Beethoven ohne jeden Zweifel für die Ewigkeit geschrieben. Beethovens gesamte Schöpfung war eine Einheit. Man kann fast sagen, er war der erste Komponist, dessen Musik für universelle menschliche Werte steht. Es ist daher sehr wichtig für Studenten und für Musiker, sich mit Beethoven zu befassen, denn in Beethoven findet man alles, was das Leben ausmacht. Beethoven hat sich auch mit den großen philosophischen Fragen beschäftigt: Was ist der Platz des Menschen in der Gesellschaft? Was kann und soll er ändern? Was muss er um jeden Preis versuchen zu bewahren? Was ist die Beziehung zwischen Mensch und Gott? Diese Fragen waren sehr wichtig für Beethoven, und daher müssen auch wir sie uns stellen. Ich glaube, die Musik verlangt von den Menschen, die sich mit ihr aktiv beschäftigen, eine geistige Kultur. Man kann kein großer Musiker sein, ohne etwas zu wissen über Goethe oder Shakespeare. Man muss kein Spezialist der Beethoven-Zeit sein, um ihn zu spielen, aber man muss doch wenigstens etwas wissen. Es reicht nicht, ein musikalisches Talent zu haben und Fingerfertigkeit. Das reicht eigentlich für keinen Komponisten, aber ganz besonders nicht für Beethoven. Und das ist heute ein gewisses Problem. Denn wir sprechen zwar immer vom „Zeitgeist“, aber eigentlich leben wir in einem eher geistlosen Zeitgeist. 

An der Barenboim-Said Akademie in Berlin reagieren Sie darauf, indem Sie im Lehrplan geisteswissenschaftliche und musikalische Lehrinhalte verknüpfen. Denken Sie, dass man etwas über die Französische Revolution wissen muss, um Beethovens Fünfte Symphonie zu interpretieren?
Historische Information hat noch nie jemandem geschadet. Aber man sollte dieses Wissen nicht benutzen, um Beethovens Musik zu interpretieren. Der Ausdruck „Interpretation“ gefällt mir ohnehin nicht: Beethovens Musik braucht keine Interpretation. 

Dann sprechen wir über seine Musik ...
... obwohl man über Musik streng genommen gar nicht sprechen kann. Denn immer, wenn man meint, über Musik zu sprechen, spricht man eigentlich nur über die Beziehung, die man selber zu dieser besonderen Welt aus Klang hat. Die Musik bedeutet nicht nur etwas jeweils anderes für jeden einzelnen Menschen, sondern auch für denselben Menschen in unterschiedlichen Momenten, je nachdem, in welcher Stimmung er sich gerade befindet. Nehmen Sie zwei der größten Dirigenten des 20. Jahrhunderts: Toscanini und Furtwängler. Beide waren sie überzeugt davon, dass sie den „wahren“ Beethoven dirigiert haben. Und sie hätten kaum unterschiedlicher sein können. Der eine behauptete, er befasse sich nur mit der Partitur und er dirigiere ausschließlich, was in den Noten steht. Und der andere, Furtwängler, hielt genau das für primitiv. Denn er fand, dass man sich auf diese Weise nicht mit den Geheimnissen der Musik beschäftige. Wer hatte Recht?

Es ist ja ein beliebter Satz, dass man nur spiele, „was in den Noten steht“. Aber was steht schon in den Noten? Die harmonischen, melodischen, dynamischen Beziehungen müssen doch immer neu analysiert werden. Geht das überhaupt: nur zu spielen, was geschrieben steht?
Sagen wir es so: Man darf sich denken, was man will, aber man darf nicht gegen das, was geschrieben steht, dirigieren. Man kann eine Idee haben zum Tempo oder zum Ausdruck oder auch zur Bedeutung einer Komposition. Aber der Beweis dafür kann nur aus der Musik selbst kommen, nicht aus etwas, das man gelesen hat oder aus der Biographie des Komponisten ableitet. 

Biographie und Werk verlaufen durchaus nicht immer parallel.
Ein gutes Beispiel dafür ist die 2. Symphonie von Beethoven, ein sehr heiteres Werk. Aber Beethoven komponierte sie in der Zeit, als er sein Heiligenstädter Testament geschrieben hat, also ein Dokument tiefster Verzweiflung. 

Dann sollte man also tatsächlich strikt nur das dirigieren, was in den Noten steht? 
Ganz so einfach ist es auch nicht, denn auch die Entstehung des Klangs im Moment der Aufführung hat einen ungeheuren Einfluss auf die Art und Weise, wie man spielt oder dirigiert. Furtwängler hat einmal diesen wunderbaren Satz gesagt: Es gibt Musik, die vom ersten Ton an da ist, und andere, die erst entsteht. 

Sie haben einmal gesagt, Beethoven sei für Sie einer der mutigsten Komponisten gewesen. Warum?
Beethoven ist immer bis an die Grenzen gegangen und sogar darüber hinaus, als Mensch vermutlich, aber auch und vor allem musikalisch. Er hat zum Beispiel das „piano subito“ erfunden, also ein Crescendo, das immer weiter bis ins Äußerste geführt wird, und das dann mit einem plötzlichen Piano unvermittelt abbricht. Um so etwas zu komponieren, auch um es zu spielen, braucht man unglaublichen Mut. Normalerweise weichen die Musiker kurz vor dem Höhepunkt des Crescendos aus, werden leiser und gestalten einen weichen Übergang. Aber das ist gegen die Natur dieser Musik. Man muss den Mut haben, das Crescendo bis zum Ende zu führen und dann abrupt enden zu lassen. 

Kommen wir auf den politischen Menschen Beethoven zurück. Manche Werke von ihm wurden und werden bis heute für politische Botschaften benutzt, am häufigsten natürlich die Neunte Symphonie.
„Alle Menschen werden Brüder“... alle Menschen mit ein paar Ausnahmen, nicht wahr? Die unterschiedlichsten politischen Systeme haben dieses Werk für sich in Anspruch genommen, allein in Deutschland: Bismarck, die Nationalsozialisten, die junge Bunderepublik, die DDR. Diese Musik wollte man immer benutzen.

Es gibt Dirigenten, die überzeugt davon sind, dass man diese Rezeptionsgeschichte gleichsam mit dirigieren müsse, indem man besonders harte Brüche schafft oder sogar eine Musik von Schönberg mitten in eine Beethoven-Komposition hineinmontiert. Was halten Sie davon?
Gar nichts. Musik steht für sich. Man kann und darf sie nicht für etwas außerhalb ihrer selbst benutzen, im Übrigen: auch nicht für gute Zwecke. Es ist zum Beispiel ein Missverständnis, dass ich mit dem West-Eastern Divan Orchestra die Musik benutzen würde, um Frieden zu schaffen. So etwas kann gar nicht funktionieren. Die Idee dieses Orchesters ist es vielmehr, dass der gemeinsame Bezug auf eine Sache, das gemeinsame Musizieren zwischen den Menschen eine Annäherung schaffen kann. Wenn ein Syrer und ein Israeli Stuhl an Stuhl an einem Notenpult sitzen und ihre Geigen stimmen, dann orientieren sie sich beide an dem Kammerton a. Daraus, und erst recht aus dem gemeinsamen Musizieren ergibt sich eine Gemeinsamkeit. Aber es wäre ein Irrtum, zu glauben, dass man mit Musik Frieden schaffen kann. 

"Beethoven ist immer bis an die Grenzen gegangen und sogar darüber hinaus, als Mensch vermutlich, aber auch und vor allem musikalisch." Daniel Barenboim

Was überrascht Sie heute noch an den Symphonien Beethovens?
Was nach all den vielen Jahren der Beschäftigung immer wieder erstaunlich für mich bleibt, ist, dass beinahe jede Symphonie von Beethoven eine völlig neue Welt schafft, etwas völlig Neues. Es gibt kaum zwei Werke, die man vergleichen kann. Und alle waren sie notwendig für die Entwicklung des gesamten Zyklus. Das ist zum Beispiel bei Bruckner ganz anders. Beethoven hätte die Pastoralsymphonie nicht komponieren können, ohne zugleich die Fünfte zu schreiben. Und auch innerhalb seiner Werke gibt es natürlich diesen ungeheuren Kontrastreichtum, diese Überfülle unterschiedlichster Elemente, die die musikalische Entwicklung vorantreiben. In der Aufführung allerdings müssen all diese unterschiedlichen Momente zu einer Einheit werden.

Mit der Staatskapelle Berlin haben Sie den Zyklus der Beethoven-Symphonien schon vor über zwanzig Jahren komplett aufgenommen. Wie hat sich das Orchester seither entwickelt?
Die Staatskapelle ist für mich ein Wunder, denn diese Musiker haben ein inneres Bedürfnis, musikalisch alle das Gleiche zu denken. Natürlich hat jeder der Musiker seine eigenen Gedanken zur Phrasierung, zur Dynamik und so weiter. Aber sobald sie zusammenspielen, gibt es eine außergewöhnliche Homogenität, die aus dem Bedürfnis stammt, gleich zu denken. Dieser Wunsch, gemeinsam etwas zu erschaffen, hat sich natürlich in den fast dreißig Jahren unserer Zusammenarbeit noch verstärkt. Das ist wunderbar, und das habe ich noch bei keinem anderen Orchester so erlebt.

Das Gespräch führte Julia Spinola. 
Julia Spinola leitete als Feuilletonredakteurin viele Jahre das Musikressort der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Sie lebt heute als selbständige Musikkritikerin und Buchautorin in Berlin.

Ersatzkonzerte

Daniel Barenboim
© Sheila Rock

Daniel Barenboim 

Daniel Barenboim, Klavier

Ersatzkonzert für das 3. Konzert im Zyklus „Das Goldene Musikvereinsabonnement II“ vom 21. November 2020.

Ludwig van Beethoven
Sonate für Klavier f-Moll, op. 2/1
Sonate für Klavier C-Dur, op. 2/3
Sonate für Klavier A-Dur, op. 2/2
Sonate für Klavier Es-Dur, op. 7

Monday, 08. February 2021, 07.30 PM

Daniel Barenboim
© Peter Adamik

Daniel Barenboim 

Daniel Barenboim, Klavier

Ersatzkonzert für das 4. Konzert im Zyklus „Meisterinterpreten III“ vom 22. November 2020.

Ludwig van Beethoven
Sonate für Klavier c-Moll, op. 10/1
Sonate für Klavier D-Dur, op. 10/3
Sonate für Klavier F-Dur, op. 10/2
Sonate für Klavier c-Moll, op. 13, „Pathétique“

Tuesday, 09. February 2021, 07.30 PM

Daniel Barenboim
© Sheila Rock

Daniel Barenboim 

Daniel Barenboim, Klavier

Ersatzkonzert für das 2. Konzert im Zyklus „Das Goldene Musikvereinsabonnement I“ vom 18. November 2020.

Ludwig van Beethoven
Sonate für Klavier E-Dur, op. 14/1
Sonate für Klavier B-Dur, op. 22
Sonate für Klavier G-Dur, op. 14/2
Sonate für Klavier As-Dur, op. 26

Sunday, 14. February 2021, 06.00 PM

Daniel Barenboim
© Peter Adamik

Daniel Barenboim 

Daniel Barenboim, Klavier

Ersatzkonzert für das 3. Konzert im Zyklus „Meisterinterpreten II“ vom 19. November 2020.

Ludwig van Beethoven
Sonate für Klavier g-Moll, op. 49/1
Sonate für Klavier Es-Dur, op. 27/1, „Sonata quasi una Fantasia“
Sonate für Klavier cis-Moll, op. 27/2, „Mondschein-Sonate“
Sonate für Klavier G-Dur, op. 49/2
Sonate für Klavier D-Dur, op. 28, „Pastorale”

Tuesday, 16. February 2021, 08.00 PM