Eine Beziehung fürs Leben 

Gustav Mahler und der Musikverein 

Im Mai und Juni erklingen im Musikverein alle Symphonien Gustav Mahlers in Konzerten der großen Wiener Orchester und internationaler Gastorchester. Wie facettenreich Mahlers Verbindung mit dem Musikverein war, beschreibt Archivdirektor Otto Biba.

So oft die Wiener Gustav Mahler in den Jahren 1897 bis 1907 in der Hofoper, deren Direktor er damals war, als Dirigent erleben konnten – außerhalb des Opernrepertoires war er als Dirigent nicht stark in der Wiener Musikszene präsent. Von 1898 bis 1907 stand er 49-mal am Pult, wobei hier zwei Festakte, wie wir heute sagen würden, in der Hofoper schon mitgezählt sind. Zwei weitere Dirigate hatte er beim Trauergottesdienst für Wilhelm Jahn in der Augustinerkirche und bei der Eröffnung der Secession. Die anderen 45 Auftritte waren Konzerte im engeren Sinne des Wortes – und alle im Musikverein. 

In Oper und Konzert

Zum Vergleich: Von 1908 bis 1911 absolvierte er, wie der getreue Mahler-Statistiker Knud Martner dokumentiert hat, als Leiter der Philharmonic Society New York mehr als hundert Konzertauftritte in und außerhalb von New York, davon 75 in New York selbst. Daraus lässt sich freilich nicht schließen, dass Mahler in Wien weniger geschätzt gewesen wäre. Das Konzertleben hatte hier eine völlig andere Struktur. Als Hofoperndirektor war er in Wien auch anders beschäftigt denn als Gastdirigent am Metropolitan Opera House und Dirigent der Philharmonic Society in New York. Während er in seinen Wiener Jahren neben seinen Verpflichtungen in Wien auch Einladungen zu Gastdirigaten in ganz Europa nachkam, trat er in den drei Saisonen in New York nur mit dem Orchester der Philharmonic Society auf, mit dem er auch auf Tournee ging. In seinen Wiener Jahren dirigierte er von den Wiener Philharmonikern über das Münchener Kaim-Orchester und das Orchester der Accademia di Santa Cecilia in Rom, um nur einige Beispiele zu nennen, bis zum Städtischen Theaterorchester Lemberg und zum Orchester des Linzer Musikvereins (verstärkt durch Mitglieder des Wiener Hofopernorchesters) zahlreiche Orchester. Es gilt also, die Ziffern der Statistik in rechte Relationen zu bringen.

Im Abonnement und auf Tournee

In Wien stand Gustav Mahler am 6. November 1898 zum ersten Mal am Pult des Großen Musikvereinssaals. Die Wiener Philharmoniker hatten ihn zum Dirigenten ihrer Abonnementkonzerte in der Saison 1898/99 – damals leitete ein und derselbe Dirigent alle Abonnementkonzerte einer Saison – gewählt und ihn darin auch in den beiden folgenden Saisonen bestätigt. 28 Abonnement- und Nicolai-Konzerte dirigierte Mahler in dieser Funktion. Mit den Wiener Philharmonikern ging er auch auf die erste Auslandstournee des Orchesters: 1900 nach Paris. Dass diese dreijährige Zusammenarbeit mit den Wiener Philharmonikern nicht fortgesetzt wurde, ist dem Orchester später oft zum Vorwurf gemacht oder dramatisch falsch interpretiert worden. Unter Künstlern treten auch Emotionen zutage, doch insgesamt war das Verhältnis zwischen dem Orchester und Gustav Mahler auch in den folgenden Jahren ein gutes, von gegenseitiger Hochachtung geprägtes. So wurde Mahler von den Wiener Philharmonikern eingeladen, 1904 in einem ihrer Abonnementkonzerte – deren Dirigent er damals ja nicht mehr war – die Wiener Erstaufführung seiner Vierten Symphonie zu dirigieren. Damit alles seine Richtigkeit hatte, leitete der eigentliche Dirigent der Abonnementkonzerte dieser Saison, Josef Hellmesberger, am Konzertbeginn Beethovens „König Stephan“-Ouvertüre. 

Geheiligter Wiener Boden

Es gab ferner neun Auftritte Gustav Mahlers außerhalb von Gesellschaftskonzerten im Musikverein, die ebenfalls wichtige Ereignisse für Mahler wie für die Wiener Musikszene waren: 1902 dirigierte er in einem Konzert der Wiener Singakademie eine Woche nach der Wiener Erstaufführung der Vierten Symphonie diese nochmals, abermals mit den Wiener Philharmonikern, und 1907 in einem Konzert des Konzertvereins-Orchesters die Wiener Erstaufführung der Sechsten Symphonie. Die Uraufführung der Achten Symphonie in München fand gewissermaßen mit Unterstützung der Gesellschaft der Musikfreunde statt: Mahler hatte sich dafür die Mitwirkung des Singvereins erbeten. Trotz aller Scheu vor dem geheiligten Wiener Boden gab es doch auch Mahler-Uraufführungen im Musikverein, wenn auch nicht von großen Orchesterwerken: Orchesterlieder 1900 in einem Abonnementkonzert der Wiener Philharmoniker im Großen Musikvereinssaal und 1905 im Kleinen Musikvereinssaal (dem heutigen Brahms-Saal) mit Mitgliedern der Philharmoniker, beide Male unter Mahlers eigener Leitung. Im Übrigen ist vielsagend, welche neun Lieder Mahler im Kleinen Saal eher von einem Instrumentalensemble denn von einem Orchester begleitet uraufführen ließ und dass er lieber ein paar Tage später eine Wiederholung vorsah, als damit ein Konzert im Großen Saal zu bestreiten. 1901 dirigierte er im Großen Saal in einem Konzert der Wiener Singakademie mit den Wiener Philharmonikern die Uraufführung von „Das klagende Lied“. 

Zuhörer Mahler

Ein eigenes Thema sind die von Mahler im Musikverein geleiteten Aufführungen von Werken seiner jüngeren Zeitgenossen, wie Richard Strauss oder Lorenzo Perosi, oder von damals geschätzten, heute aber weitgehend vergessenen älteren Komponisten, wie Hermann Goetz oder Louis Spohr. Mahlers Aufführungen ihrer Werke im Musikverein könnten heute noch als Empfehlung dienen. Wie oft Gustav Mahler im Musikverein aufgetreten ist, lässt sich belegen, wie oft er hier ein Konzert miterlebt hat, nicht. Zusammen mit Studienkollegen der Kompositionsklasse von Professor Franz Krenn richtete er schon 1875 als Fünfzehnjähriger ein Gesuch an den Vorstand der Wiener Philharmoniker, Generalproben der Philharmonischen Konzerte unentgeltlich beiwohnen zu dürfen, so wie es bei Generalproben der Gesellschaftskonzerte möglich war. Es braucht nicht viel Fantasie, um sich vorstellen zu können, welche und wie viele Gründe der nach Wanderjahren nach Wien zurückgekehrte Dirigent, Komponist und nunmehrige Hofoperndirektor hatte, Konzerte im Musikverein zu besuchen. 

„Ihr alter Schüler“

Gustav Mahler und der Musikverein, das sind nicht nur seine Auftritte hier, sondern auch die zahllosen Auftritte, die er hier ermöglicht hat. Jedes Mitglied des Hofopernensembles brauchte für einen Auftritt außerhalb der Opernhauses eine Bewilligung der Direktion. Zahlreiche von Mahler unterzeichnete Diktatbriefe zeigen seinen konsensorientierten Umgang mit diesem manchmal formalen und manchmal sehr praxisorientierten Vorschriften. Der Institution war er schließlich seit seinen Studienzeiten am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde verbunden. Seine wichtigsten Bezugspersonen im Haus waren sein ehemaliger Klavierprofessor Julius Epstein, der Gesangsprofessor Josef Gänsbacher und der Archivdirektor Eusebius Mandyczewski. „Herrn Prof. Gänsbacher und Mandyczewski bitte ich herzlichst von mir zu grüßen, und mich Ihrer Frau bestens zu empfehlen. Ihr alter Schüler Gustav Mahler“, lesen wir in einem 1897 aus Hamburg an Epstein geschriebenen Brief, in dem es um die bevorstehende Übersiedlung als Hofoperndirektor nach Wien geht. Mahler begann sein Studium am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde in der Klavierklasse von Julius Epstein. Deshalb kann man in der Geschichte des Musikvereins darauf verweisen, dass Mahler hier auch als Pianist aufgetreten ist: in den Jahren 1876 bis 1878 insgesamt viermal, mit eigenen Werken, mit dem ersten Satz aus einer von Schuberts Klaviersonaten in a-Moll und dem ersten Satz aus Franz Xaver Scharwenkas Klavierkonzert op. 32. 

Otto Biba
Prof. Dr. Dr. h. c. Otto Biba ist Direktor von Archiv · Bibliothek · Sammlungen der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.  

Julian Rachlin und Sarah McElravy
© Julia Wesely

Julian Rachlin und Sarah McElravy 

Julian Rachlin, Violine

Itamar Golan, Klavier
und andere

Gustav Mahler
Klavierquartett a-Moll
(Fragment)

Wednesday, 06. May 2020, 07.30 PM

Marin Alsop
© Grant Leighton

Marin Alsop 

ORF RSO Wien

Marin Alsop, Dirigentin

Gustav Mahler
Symphonie Nr. 1 D-Dur


Friday, 08. May 2020, 07.30 PM

Daniel Barenboim
© Richard Schuster / DG

Daniel Barenboim 

Wiener Philharmoniker

Daniel Barenboim, Dirigent
Okka von der Damerau, Mezzosopran

Gustav Mahler
Kindertotenlieder 
Symphonie Nr. 5

Saturday, 09. May 2020, 03.30 PM

Kirill Petrenko
© Wilfried Hösl

Kirill Petrenko 

Berliner Philharmoniker

Kirill Petrenko, Dirigent 
Christiane Karg, Sopran
Elisabeth Kulman, Mezzosopran

Gustav Mahler
Rückert-Lieder
Symphonie Nr. 4 G-Dur

Saturday, 09. May 2020, 07.30 PM

Daniel Barenboim
© Richard Schuster / DG

Daniel Barenboim 

Wiener Philharmoniker

Daniel Barenboim, Dirigent

Gustav Mahler
Symphonie Nr. 9 D-Dur

Thursday, 11. June 2020, 11.00 AM

Philippe Jordan
© Julia Wesely

Philippe Jordan 

Wiener Symphoniker

Wiener Singverein
Wiener Singakademie
Wiener Sängerknaben

Philippe Jordan, Dirigent

Camilla Nylund, Sopran
Emily Magee, Sopran
Martina Janková, Sopran
Sarah Connolly, Alt
Michaela Schuster, Alt
Burkhard Fritz, Tenor
Iain Paterson, Bariton
John Relyea, Bass

Gustav Mahler
Symphonie Nr. 8 Es-Dur, „Symphonie der Tausend”


Friday, 12. June 2020, 07.30 PM

Philippe Jordan
© Julia Wesley

Philippe Jordan 

Wiener Symphoniker

Wiener Singverein
Wiener Singakademie
Wiener Sängerknaben

Philippe Jordan, Dirigent

Camilla Nylund, Sopran
Emily Magee, Sopran
Martina Janková, Sopran
Sarah Connolly, Alt
Michaela Schuster, Alt
Burkhard Fritz, Tenor
Iain Paterson, Bariton
John Relyea, Bass

Gustav Mahler
Symphonie Nr. 8 Es-Dur, „Symphonie der Tausend”

Saturday, 13. June 2020, 07.30 PM

Brahms-Saal
© Wolf-Dieter Grabner

Brahms-Saal 

Alban Berg Ensemble Wien

Mario Brunello, Violoncello

Gustav Mahler
Klavierquartett a-Moll 
(Fragment)

Thursday, 18. June 2020, 07.30 PM