Wem der große Wurf gelungen

Der Musikverein vor 150 Jahren

In rekordverdächtiger Frist errichtete die Gesellschaft der Musikfreunde ein Haus, das als Prachtbau für die Musik vom ersten Tag an begeisterte. Archivdirektor Otto Biba erzählt von den festlichen Ereignissen im Jänner 1870, von der glänzenden Premiere im Großen Saal und von einem durchwachsenen ersten Konzert im Kleinen, von beschwingten Strauß-Klängen und von lodernden Flammen.

Die Errichtung der Wiener Ringstraße war ein städtebauliches Projekt großen Ausmaßes, für das Wien bewundert wurde und bewundert wird. Wer ein Grundstück für dieses zukünftige Ensemble zugeteilt erhielt, musste den Finanzierungsplan zur Errichtung des initiierten Gebäudes vorlegen und sich verpflichten, dieses innerhalb einer vorgegebenen Frist fertigzustellen. Nur so konnte die zügige Fertigstellung des Ringstraßenensembles sichergestellt werden. Die Gesellschaft der Musikfreunde hat um ein Grundstück in der zweiten Reihe der zukünftigen Ringstraßenbauten gebeten, weil man dort – direkt am Wienfluß gelegen – vor dem Straßenlärm der Ringstraße sicher war; Kaiser Franz Joseph I. hat ihr dieses Grundstück geschenkt. 

Prachtgebäude in Windeseile

Bau, Ausschmückung und Einrichtung des Gebäudes erfolgten in einer staunenswert kurzen Frist. Der erste Spatenstich fand am 17. Juni 1867 statt, im Herbst 1869 konnten im Gebäude bereits Konservatorium und Archiv den Unterricht bzw. die Arbeit aufnehmen. Die Innenausgestaltung des Großen Saales dauerte noch etwas, aber als offizieller Termin für die komplette Fertigstellung galt der 31. Dezember 1869. Das war eine Bauzeit von insgesamt zweieinhalb Jahren, in der es aus technischen Gründen sogar eine zweimonatige Unterbrechung gegeben hat; de facto war sie freilich kürzer, weil das Haus nach gut zwei Jahren schon bezugsfertig oder, anders gesagt, nach 27 Monaten in wesentlichen Teilen benützbar war. Die Leitung des präzise vorbereiteten Baues lag in den Händen des Planverfassers Theophil Hansen, der seine ersten noch zu diskutierenden und präzisierenden Pläne 1864 vorgelegt hatte. Es war ein kluger Schachzug der Gesellschaft, ihn ohne Zwischenschaltung eines Baumeisters sozusagen als Generalunternehmer mit dem Bau zu betrauen, und ein großes Entgegenkommen Hansens, diese Aufgabe ohne Honorarverrechnung zu übernehmen.

Ein Stein und sein Geheimnis

„Der Tonkunst in Schule und Meisterschaft geweiht, soll dies Haus sein und bleiben: ein Kunstwerk an sich, eine Heimat der Musik, eine Zierde der Stadt und des Reiches. Deß walte Gott!“ So begann der Text der Urkunde, die am 5. Jänner 1870 in einem symbolischen Akt von Kaiser Franz Joseph I. in den Schlussstein gelegt wurde. Sie wurde erst von Vizepräsident Nikolaus Dumba verlesen. Der Präsident der Gesellschaft, Franz Egger, ersuchte danach den Kaiser, wie es in einem Bericht von diesem Festakt heißt, „daß er dieser Urkunde seine Namensunterschrift beisetze und die Urkunde sodann in den Schlußstein legen möge. Der Kaiser that dies und nachdem er die Urkunde in den von einer Gruppe von Werkleuten in altdeutscher Tracht umstellten Schlußstein gelegt hatte, reichte ihm Ritter von Hansen den Hammer, mit dem der Monarch dem Schlußsteine die üblichen drei Schläge gab. Auch die Erzherzoge, der Reichskanzler, die Minister und die Hofwürdenträger wurden zu den drei Hammerschlägen eingeladen. Hierauf begaben sich der Kaiser und die Erzherzoge in die Hoflogen, die Minister und Diplomaten in die Seitenlogen.“ Joseph Lewinsky, der große Charakterdarsteller des Burgtheaters, trug daraufhin ein für diesen Anlass geschriebenes Festgedicht von Joseph Weilen vor. Danach erklang Händels „Halleluja“, schon damals Festmusik par excellence. Der Festakt fand im Großen Musikvereinssaal statt. Wo der Schlussstein eingemauert wurde, wissen wir nicht; das galt meist (und so auch hier) als Geheimnis.

Dreimal Strauß

Das Eröffnungskonzert, das am darauf folgenden Tag wiederholt wurde, war die erste musikalische Präsentation des Großen Saales. Für den 15. Jänner war ein „Ball der Gesellschaft der Musikfreunde zur festlichen Eröffnung des neuen Vereinsgebäudes“ angesetzt. (Aus der damals oft verwendeten Formulierung vom Vereinsgebäude entwickelte sich im Übrigen die heute umgangssprachlich übliche Bezeichnung des Hauses als Musikvereinsgebäude.) Bei diesem Ball spielte im Großen Saal die Strauß-Kapelle. Alle drei Brüder Strauß, Johann, Josef und Eduard, hatten für diesen Anlass eine neue Tanzkomposition vorbereitet, einen Walzer, eine Polka française und eine Polka mazur. An diesem Abend konnten die Ballbesucher das Haus überdies erstmals beleuchtet erleben – mit Gaslicht – und waren davon tief beeindruckt, wie mehrfach betont wurde. 

Premiere mit Clara Schumann

Der Kleine Musikvereinssaal, der erst 1937 zum Brahms-Saal wurde, stand dem Konservatorium auch für Unterrichtszwecke zur Verfügung. Seine Innenausgestaltung war also vor jener im Großen Saal vollendet, aber als Konzertsaal eröffnet wurde er erst nach diesem, am 19. Jänner 1870. Dieses Konzert wurde von Clara Schumann und einigen namhaften Wiener Musikern bestritten, u. a. mit dem Horntrio op. 40 von Johannes Brahms. „Ich spielte Johannes’ Horntrio“, notierte Clara Schumann in ihr Tagebuch, „es ging sehr schön, gefiel aber gar nicht, was uns für ihn schrecklich leid that. Sie verstanden das wahrhaft geistvolle, durch und durch interessante Werk nicht.“ Der Misserfolg eines Werkes von Brahms im ersten Konzert des heute so genannten Brahms-Saales: Das nimmt man nicht ohne Schmunzeln zur Kenntnis. Mit den nachfolgenden Werken von Schubert, Mendelssohn, Liedern von Brahms sowie Werken von Ernst Rudorff, Chopin und Robert Schumann hatte es das Publikum leichter, sodass das erste Konzert in diesem Saal doch noch ein umjubeltes wurde. Angekündigt war das Konzert übrigens nicht als Eröffnungskonzert des Kleinen Saales, sondern als Abschiedskonzert von Clara Schumann, die seit Dezember eine Serie von Konzerten im Kleinen Redoutensaal gegeben hatte und dem letzten von diesen noch eines im neuen Kleinen Saal der Gesellschaft der Musikfreunde folgen ließ. „Auf Verlangen“, wie es hieß; dieses sei vom Direktionsmitglied Johannes Brahms ausgesprochen worden, besagt eine traditionelle Überlieferung im Haus.

Feuriger Beginn 

In der Nacht nach diesem Konzert brach etwa um 1 Uhr in den Garderoben im Vestibül ein Brand aus. Entdeckt wurde es von dem im Haus wohnenden Hausdiener, der aus dem Haus lief und „Feuer! Feuer!“ rief. Ein Sicherheitswachmann sah in ihm den von seiner Tat ablenkenden Brandstifter und arretierte ihn, während ein vorbeifahrender Kutscher sofort zum Zentral-Löschamt fuhr und dort das Feuer anzeigte, noch bevor es der Türmer von St. Stephan sehen konnte, wofür er die „Entdeckersgebühr“ von 3 Gulden erhielt. Von der Zentrale und von den Löschfilialen Wieden und Landstraße rückten Brandzüge aus. Vorerst gab es Schwierigkeiten, in das Vestibül zu gelangen, weil zwar Schlüssel vorhanden waren, aber der im Umgang mit diesen Vertraute arretiert war. Um 3 Uhr war der Brand gelöscht, der als Glimmbrand begonnen hatte und fast nur in den Garderoben wütete. Die Hitze und die Rauchentwicklung, die sich über die rechte Treppe bis in den Großen Saal zogen, haben viel größeren Schaden angerichtet als das Feuer selbst. Also waren vorerst Restaurierungsarbeiten angesagt, deren Kosten die Versicherung „Donau“ trug. Der Kleine Saal, die Archiv- und Konservatoriumsräume blieben unversehrt. Die Brandursache konnte nicht geklärt werden. Das Gerücht, die für das Konzert Clara Schumanns erstmals in Betrieb genommene Heizung des Kleinen Saales, könnte die Ursache gewesen sein, war zu widerlegen. So rasch, wie der Hausdiener in den Arrest gekommen war, wurde er aus diesem wieder entlassen. Das für den darauf folgenden Sonntag vorgesehene Konzert im Großen Saal wurde verschoben, der für den 25. Jänner angekündigte Concordia-Ball anderswohin verlegt.

Otto Biba
Prof. Dr. Dr. h. c. Otto Biba ist Direktor von Archiv · Bibliothek · Sammlungen der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.   

A house for music

At the end of October 2019, the Society of Friends of Music presents a new book, "Der Musikverein in Wien. Ein Haus für die Musik" (Author: Joachim Reiber, Photography: Wolf-Dieter Grabner). The book, which will be published by Styria Verlag, will be available at the Musikverein shop and in bookstores for a price of 30 Euros. Members of the Society of Friends of Music, who buy the "Jubiläumszyklus", receive it for free as a bonus to the subscription.