Hab Mut! Sing zart!  

Johannes Prinz 

Im „Jubiläumszyklus“, den die Gesellschaft der Musikfreunde zum 150-Jahr-Jubiläum ihres Hauses veranstaltet, darf er nicht fehlen: der Singverein, das vokale Aushängeschild des Musikvereins. „Feuerreiter“ heißt das Programm, mit dem sich der Chor des Hauses und sein befeuernder Chordirektor Johannes Prinz im Goldenen Saal präsentieren. 

Seit fast dreißig Jahren prägt Chordirektor Johannes Prinz das Profil des Singvereins der Gesellschaft der Musikfreunde. Obwohl etwa siebzig Prozent seiner Arbeitszeit für Managementaufgaben draufgehen, kann er sich keinen schöneren Beruf vorstellen. Denn Singen ist für ihn ein Menschenrecht, für das es sich zu kämpfen lohnt. Und damit Stimmen sich entfalten können, bedarf es eines menschlichen Umfelds, denn die Atmosphäre hinter den Kulissen findet ihren unmittelbaren Niederschlag im künstlerischen Ergebnis.   

Unbezahlt und unbezahlbar

Was zeichnet einen guten Chorleiter aus? Neben der fachlichen Kompetenz, was den Umgang mit Stimmen, stilistische Kenntnisse sowie Probentechnik betrifft, nennt Johannes Prinz das „Entertainment“ – sein Codewort für den achtsamen Umgang mit den beteiligten Menschen. „Kein anderes Instrument funktioniert so unmittelbar wie die Stimme. Hier drücken sich Körper, Geist und Seele aus“, sagt er. „Das muss man bewusst beackern, da ist man als Psychologe gefragt, etwa in der Art, wie man Proben gestaltet: Wann muss man aufhören, auf etwas herumzubeißen, wie fest muss man die Zügel anlegen, wann kann man wieder lustig sein.“ Das Fingerspitzengefühl für solche Situationen sei bei einem Amateurchor wie dem Singverein noch wichtiger als bei einem Profichor. Denn der Begriff Amateurchor bedeutet ja nicht, dass die Mitwirkenden nicht auch über ausgebildete Stimmen oder ein einschlägiges Studium verfügen. Er meint schlicht, dass sie für ihren Lebensunterhalt in anderen Berufen tätig sind, während sie das Singen in ihrer Freizeit betreiben, ohne Bezahlung. Darauf ist Johannes Prinz stolz: „Das ist mein Credo! Und das ist natürlich unser Trumpf: Wir können Riesenprojekte wie das Berlioz-Requiem oder 120 Leute für ein Verdi-Requiem komplett aus unserem Pool besetzen. Das wäre mit einem Profichor unbezahlbar. Wir haben keine Substituten, auch nicht bei den Tenören, wir müssen niemanden zukaufen. Das ist aus gruppendynamischen Gründen wichtig, sonst entsteht eine ‚Klassengesellschaft‘, und das ist Gift für die Atmosphäre.“ 

Tüftelei und Leidenschaft

Neue Mitglieder werden ohne große Formalitäten aufgenommen: „Die müssen natürlich auf unserem Niveau mithalten können. Ich lasse sie etwa eine Viertelstunde vorsingen, klopfe die Stimme ab, lasse sie ein bisschen vom Blatt singen ... das war’s dann schon.“ Derzeit sind es rund 240 Sängerinnen und Sänger, die bis zu zwanzig Tage im Monat im Einsatz sind. Weil sie einen so hohen Anteil ihres Privatlebens zur Verfügung stellen, will Prinz ihnen größtmögliche „Planungssicherheit“ geben: Schon Monate im Voraus können sie sich für die Projekte ihrer Wahl anmelden und erhalten präzise ausgearbeitete Probenpläne. „Ich bin ein Tüftler“, lächelt Johannes Prinz; „man muss auch mit der eigenen Persönlichkeit fertig werden. Manchmal frage ich mich schon, warum ich so viel Zeit am Computer verbringe. Aber die Probe am Abend ist dann das Honiglecken; da komme ich meist frischer heraus, als ich hineingegangen bin. Und es wird nie Routine!“   

Musensöhne, Musenkinder

Johannes Prinz wuchs als mittleres von insgesamt fünf Kindern, umgeben von zwei Brüdern und zwei Schwestern, in Wolfsberg auf. Die Eltern waren Musikpädagogen, Vater Gerhard ist auch heute noch, mit 94, als Komponist und Organist aktiv. „Kreativität und künstlerisches Tun waren ein zentrales Anliegen unserer Erziehung. Dafür bin ich sehr dankbar.“ In der protestantischen Kirchengemeinde gab es hierfür jede Menge Betätigungsfelder, und zu Hause herrschte reger Wettbewerb beim Musizieren. „Mein ältester Bruder Meinhard war der Star am Klavier.“  Er selbst kam als Neunjähriger nach Wien, ins Internat der Wiener Sängerknaben. „Anfangs hatte ich schon viel Heimweh, aber nach vier Jahren, mit der Mutation, musste ich wieder aussteigen. Da bin ich auch schwer wieder weggegangen; es war knapp vor einer Südamerika-Tournee!“ Aus heutiger Sicht habe sich die Erfahrung auf jeden Fall gelohnt. Immerhin hat er noch den legendären Ferdinand Grossmann und dessen Nachfolger Hans Gillesberger erlebt. „Die beiden haben die großen solistischen Auftritte betreut. Von Grossmann bekam man immer einen halben Riegel ‚Merci‘-Schokolade, wenn man seine Sache gut gemacht hatte. Hauptsolist war Josef Luftensteiner, und ich war die oberste Stimme: leise und vom Text her unverständlich, aber hoch und sauber. Ich hab immer die Mädchenrollen bekommen, die Mitzi in den ‚Geschichten aus dem Wiener Wald‘ und die Sofia in ‚Signor Bruschino‘“, erinnert er sich. 

Wiener Klangkultur und schwedische Schule

Als er nach Wolfsberg zurückkehrte, empfand er das dennoch nicht als Bruch. Er hatte das Glück, am musisch-pädagogischen Gymnasium auf einen Musiklehrer zu treffen, der seine Begabung erkannte und nach Kräften förderte. „Da bin ich gut davongekommen. Sängerknabe zu sein war für mich außerdem kein Status. Das war einfach vorbei.“ Horst Knauder ließ ihn im Schulchor selbständig mit Stimmen proben, gab ihm gratis Unterricht, etwa im Lesen alter Schlüssel, und schickte ihn auf Kurse. „Der zweite war schon mit Erwin Ortner“, erinnert sich Prinz. Zehn Jahre hat er im Arnold Schoenberg Chor gesungen. „Das hat mein Klangbewusstsein verändert. Das Klangbild war geprägt von der ‚schwedischen Schule‘, wie sie Eric Ericson vertreten hat: ein kompakter, nicht vibrierender, klar durchhörbarer Klang, der heute allgemein verbindlich ist.“  Ortner nahm ihn unter seine Fittiche, übertrug ihm früh schon schwierige Aufgaben, machte ihn zu seinem Assistenten. 1982 gründete Johannes Prinz, der mittlerweile sämtliche Studien zügig und mit Auszeichnung absolviert hatte, sein eigenes Ensemble, den Chor der Wiener Wirtschaftsuniversität, mit dem er bei zahlreichen Wettbewerben „abräumte“. Das blieb nicht unbemerkt: 1991 wurde er als Nachfolger von Helmuth Froschauer an die Spitze des Singvereins berufen; von 1995 bis 2007 war er überdies als Leiter des Wiener Kammerchors erfolgreich. Seit 2000 hat er einen Lehrstuhl für Chorleitung an der Kunstuniversität Graz. „Das ist“, sagt er, „ein echter Doppelberuf.“ 

Körper, Geist und Seele

Was ist nun aber das „Betriebsgeheimnis“ seiner Proben, von deren erfrischender Wirkung ja nicht nur er selbst profitieren soll, sondern mehr noch die Chormitglieder? Johannes Prinz macht kein Geheimnis daraus, wie er seine Ideen von „Entertainment“ hier anwendet: „Ich lege größten Wert aufs Einsingen, auch wenn das viele nicht so lustig finden. Vor Konzerten sind es 15 bis 20 Minuten. Aber das sind keine mechanischen Übungen, sondern es geht wieder um Körper, Geist und Seele, die man ‚aufwärmen‘ und gemeinsam in Bewegung bringen muss. Und ich unterlege die Übungen mit kleinen Texten, wie etwa ‚Hab Mut!‘ oder ‚Sing zart!‘. Auf diese Weise kann ich Klangvorstellungen einbringen.“  Seine Sensibilität bei der Gestaltung einer gedeihlichen Atmosphäre zeigt sich auch an einem Detail, das dem Publikum wahrscheinlich am wenigsten bewusst ist: bei der Aufstellung des Chors auf dem Podium beziehungsweise dem Umgruppieren einzelner Sängerinnen und Sänger während der Proben. „Umtopfen“ hat Nikolaus Harnoncourt das in typischer Diktion genannt. Im kollegialen Wettstreit mit Erwin Ortner, der auf diesem Gebiet Weltmeister sein dürfte, vertritt Johannes Prinz hier eine andere Philosophie. „Ich disponiere im Vorhinein, und ich mische mich so wenig wie möglich ein. Neuralgische Stellen muss ich natürlich besetzen, aber ansonsten lasse ich die Leute ihre Nachbarn auch selbst aussuchen. Die meisten haben ihre Lieblings-Singpartner. Man will sich ja mit jemandem ‚zusammenpegeln‘, mit dem man sich gut versteht.“   

„Ich lege größten Wert aufs Einsingen, auch wenn das viele nicht so lustig finden. Aber das sind keine mechanischen Übungen, sondern es geht wieder um Körper, Geist und Seele, die man ‚aufwärmen‘ und gemeinsam in Bewegung bringen muss.“ Johannes Prinz

Zwei Dirigenten, zweierlei Dirigieren?

Nikolaus Harnoncourt, der mit dem Singverein zwei Meilensteine des Repertoires erarbeitet und aufgenommen hat – Franz Schmidts „Das Buch mit sieben Siegeln“ und Händels „Timotheus“ – ist für Johannes Prinz einer der beiden Dirigenten, die sein „Berufsethos“ geprägt haben. Der andere ist Mariss Jansons, mit dem er einen regen Austausch auch jenseits konkreter Projekte pflegt.  Es fällt auf, dass Orchesterdirigent und Chordirigent offenbar zwei getrennte Berufsfelder sind, die sich nur selten überschneiden. Und wenn Musiker wie etwa Philippe Herreweghe beide Positionen bekleiden, dann kommen sie in der Regel ursprünglich vom Chor. Im Prinzip sei da kein großer Unterschied, sagt Johannes Prinz, dankbar für die solide Schlagtechnik, die er bei Karl Österreicher gelernt hat. „In der Zusammenschau mit der Ausbildung bei Erwin Ortner ist das für mich die ideale Basis.“ In einem Punkt aber ist die Arbeit mit einem Chor doch wesentlich anders: „Hier hat das Dirigat mehr direkten Einfluss auf die Tongebung, während beim Orchester immer das Instrument dazwischen ist. Dem Posaunisten kann ich vom Pult aus in der Tongebung nur wenig helfen, aber ich kann sehr wohl die Qualität des Singens beeinflussen.“ 

Die große Chor-Familie

In seiner Klasse in Graz unterrichtet Prinz im ersten Jahrgang Chor- und Orchesterdirigenten gemeinsam. Und er ist stolz auf seine erfolgreiche Absolventin Mirga Gražinytė-Tyla, Chefdirigentin des City of Birmingham Symphony Orchestra, die bei ihm zuerst den Chor-Bachelor gemacht hat, ehe sie sich auf die Orchesterleitung verlegte. Im März wird er mit ihr gemeinsam das Brahms-Requiem erarbeiten. Er strahlt. „Es ist immer ein Highlight für mich, wenn ich in einer solchen Konstellation Diener sein darf.“ Das gilt gleichermaßen für die beiden gefeierten Newcomer Andrés Orozco-Estrada und Lorenzo Viotti, die in ihrer Studienzeit bei ihm mitgesungen haben. Dass angehende Kapellmeister als Studenten im Chor schnuppern, „um die Perspektive kennen zu lernen“, ist Tradition seit den Zeiten von Zubin Mehta und Claudio Abbado.  Ebenfalls Tradition ist es, dass sich Chormitglieder auch auf privater Ebene finden. „Die Heiratsbörse funktioniert immer noch“, bestätigt Prinz zufrieden. „Das ist doch naheliegend, wenn man so viel Freizeit miteinander verbringt.“ Die Vorteile fürs Familienleben kann er aus Erfahrung bestätigen: Auch seine Frau und seine Tochter sind im Singverein aktiv.   

Monika Mertl   
Prof. Monika Mertl, Kulturpublizistin in Wien, ist Autorin der Biographien von Nikolaus Harnoncourt (Vom Denken des Herzens) und Michael Heltau (Auf Stichwort).