Musik ist nie ein Endprodukt

Yefim Bronfman

Für die laufende Saison 2019/20 haben die Wiener Symphoniker den Pianisten Yefim Bronfman als ihren Artist in Residence auserwählt. Im Februar konzertiert er mit ihnen im Musikverein. Edith Jachimowicz traf den Künstler in Wien zum Gespräch. 

Yefim Naumowitsch Bronfman, israelischer und amerikanischer Staatsbürger mit Wohnsitzen in beiden Ländern, gehört zu den Giganten seines Metiers. Ständig ist er rund um den Globus unterwegs, als Partner praktisch aller berühmten Orchester. Deshalb schätzt er Residenzen wie die jetzige in Wien. „Mit einem Orchester eine Zeitlang intensiv zusammenzuarbeiten hat Vorteile“, sagt der Pianist, „man lernt dessen Stil kennen, den Dirigenten. Während dieser Zeit lernt man die Spieler kennen, ihre Art des Musizierens. Man wählt gemeinsam das Repertoire. Und man ist länger als sonst in einer Stadt – wie angenehm!“ 

Geben und nehmen 

Im November 2019 war Bronfman mit den Wiener Philharmonikern auf Japan-Tournee. Wie würde er die beiden Wiener Spitzenorchester charakterisieren? „Das ist für mich schwer zu sagen. Die Philharmoniker kenne ich viel besser, ich bin mit ihnen schon 47-mal aufgetreten. Wenn man ein Orchester lange kennt, hat man Freunde dort, mehr Erfahrung beim gemeinsamen Musizieren. Die Symphoniker sind für mich ziemlich neu. Es ist dies jetzt erst meine zweite Zusammenarbeit mit ihnen. Ich lerne sie jetzt erst so richtig kennen, und ich hoffe, dass wir uns künftig noch intensiver kennenlernen.“ Solch ein Prozess, sagt Bronfman, müsse immer auf Gegenseitigkeit beruhen. „Man kann in die Mentalität von Orchestern nicht eindringen. Natürlich bemühe ich mich, von meiner Seite beizutragen. Gewöhnlich spiele ich da mit Dirigenten, die ich kenne und von denen ich weiß, wie sie Musik machen. Bei für mich neuen Dirigenten wie jetzt in Wien Lahav Shani finde ich es aber spannend. Man lernt Neues über die Musik. Ich lerne auch von Orchestern, die für mich neu sind. Jedes Orchester hat eine eigene Art, Klang zu produzieren, jedes Orchester hat eine unterschiedliche Art, wie die Dinge funktionieren. Darauf müssen wir reagieren.“ 

Ein Junge aus Taschkent 

Unter den vielen Orchestern, mit denen Bronfman musiziert, nimmt das Israel Philharmonic Orchestra für ihn eine besondere Stellung ein. Es war das Orchester, mit dem der blutjunge Emigrant aus der Sowjetunion seinen ersten professionellen Auftritt hatte. „Ich habe eine lange Geschichte mit diesem Orchester, meine Familie spielte in ihm, meine Schwester, eine Geigerin, ist erst seit kurzem im Ruhestand. Das Orchester ist wie ein Teil meiner Familie. Ich spielte auch im letzten Konzert von Zubin Mehta als Musikdirektor. Jetzt ist er Conductor emeritus des Israel Philharmonic, und wir freuen uns schon auf seinen nächsten Auftritt.“ Als Bronfman 15-jährig mit seiner Familie nach Israel kam, spielte er bei einer Audition Zubin Mehta vor. Der engagierte ihn sogleich. Aus jener Zeit gibt es einen Videoclip von dem 16-Jährigen. Nach Bronfmans Debüt in Israel nahm Mehta ihn mit auf Tournee in die USA. Dies war der internationale Durchbruch des Jungen aus Taschkent. Denn in der Hauptstadt der damaligen usbekischen Sowjetrepublik kam Bronfman 1958 zur Welt. Der Vater war Geiger im Opernorchester und Professor am Konservatorium, die Mutter, eine Polin, Pianistin. „Ich hatte eine sehr glückliche Kindheit in Taschkent, gute Schulen, nette Lehrer, Freunde. Taschkent war eine sehr schöne, farbenfrohe Stadt. Zu den Freunden meines Vaters gehörte auch der Pianist Emil Gilels.“

Sinn und Singen 

Als Kind verbrachte Fima, wie er unter Freunden gerufen wird, viel Zeit im Opernhaus und konnte bald die meisten Melodien nachsingen. „Ich saß in der Oper, weil wir keinen Babysitter hatten. Mein Vater spielte im Orchester, meine Mutter unterrichtete und studierte. Jemand musste aber auf mich aufpassen, also nahm mich mein Vater mit. Er setzte mich auf einen Kontrabasssessel, um mich im Auge zu behalten. Aber natürlich inspiriert die menschliche Stimme grundsätzlich. Das, was dir in den Sinn kommt, ist Singen. Ob du Beethoven oder Chopin spielst, es ist immer eine menschliche Stimme, die wir hörbar zu machen versuchen.“ Was seinen Zugang zum Repertoire angeht, bekennt er ganz grundsätzlich: „Egal, wie viel unterschiedliche Musik ich spiele, ich kehre stets zu Beethoven und Schubert zurück. Aber unser Leben geht weiter, daher interessiert mich auch neue Musik.“ Zeitgenössisches hat Bronfman gespielt und auch aufgenommen, wie ein ihm gewidmetes Klavierkonzert von Esa-Pekka Salonen. Und für 2022 freut er sich auf ein neues Auftragswerk von der russischen Komponistin Elena Firsova, deren Musik er sehr schätzt. Grundsätzlich, sagt er, sei es heute sehr schwierig, von einem Komponisten ein Stück für Klavier zu bekommen, erzählt er. „Viele, mit denen ich sprach, sagen, dass es so viel großartige Musik für Klavier gibt, daher wollen sie das umgehen. Die schreiben lieber für Posaune als für Klavier. Denn Klavier hat so eine riesige Vergangenheit.“ 

Die Präsenz der Seelen 

„Um ein Stück interpretatorisch reifen zu lassen“, so Bronfman weiter, speziell im Blick auf Neue Musik, „braucht es mindestens ein Jahr, wie guter Wein. Bei einem neuen Stück kann man die Noten relativ rasch lernen, aber es zu verstehen braucht man mindestens ein Jahr. Das ist aber erst der Beginn! Dann spielst du es, sammelst Erfahrungen, änderst deinen Ansatz über manche Dinge. Du lebst mit dem Stück, du lebst mit dieser Musik. Daher dauert dies ein Leben lang. Musik ist immer ‚in progress‘, ist nie ein Endprodukt. Ich reagiere auch auf befreundete Musiker, höre, was sie zu sagen haben.

Ich möchte auch deren Meinungen über Musik, über ihre Spielweise kennenlernen. Ich bin immer neugierig, etwas Neues zu lernen.“ Und das Publikum? „Natürlich reagiere ich darauf“, bestätigt Bronfman. „Wenn ich ganz allein in einem Raum spiele und irgendjemand hereinkommt, wird sich mein Spiel verändern, weil ich die Präsenz einer Seele spüre. Und wenn das viele Seelen sind, reagiert man natürlich umso mehr.“

Körper und Geist 

Für Bronfman ist das 19. Jahrhundert das großartigste Zeitalter für das Klavier, wenn auch im 20. Jahrhundert Bedeutendes für dieses Instrument geschaffen wurde. Denn es besteht ja eine Kontinuität, aus Altem geht Neues hervor. Der absolute Gigant: Beethoven. Auch Brahms steht Bronfman sehr nahe. „Er ist sehr anspruchsvoll, sehr schwierig. Der emotionale Aspekt dieser Musik ist sehr komplex. Auch das physische Verhältnis zum Instrument ist bei ihm sehr unterschiedlich zu allen anderen. Es steht so zwischen Klassik und Romantik. Ich finde das sehr unbequem für die Hände, eine wirkliche Herausforderung, damit es funktioniert.“ In Summe ist Bronfmans Repertoire gewaltig. Und sein Spiel unglaublich nuancen- und farbenreich, die dynamische Bandbreite schier unermesslich – Merkmale der russischen Pianistenschule. Ebenso umfangreich sind seine Aufnahmen auf Tonträger, und so begehrt, dass vor Jahren einige seiner Studioaufnahmen in Amerika gestohlen und unter dem Namen einer unbedeutenden Pianistin veröffentlicht wurden, ein riesiger Skandal. Bronfman gibt übrigens zu, den Vinyl-Sound zu vermissen. „Ich weiß zwar nicht genug über die Unterschiede zur CD, aber ich vermisse die Wärme und bin glücklich, dass Vinyl jetzt zurückkommt.“ Sieht man Yefim Bronfman bei seinem Spiel zu, einem Spiel ohne pianistische Attitüden, ohne Klaviertiger-Manier, so erinnert dies an einen von ihm früher geprägten Ausspruch: Die körperliche Intensität wird vom musikalischen Denken geleitet. So gelingt es ihm, Bilder und Emotionen aus einer Partitur herauszuholen, die dabei freiwerdenden Kräfte weniger sichtbar als spürbar werden zu lassen. 

Russische Kombinationen 

Nach dem Ende der Sowjetunion kehrte Bronfman 1991 erstmals nach Russland zurück, mit Duo-Rezitalen an der Seite seines Mentors Isaac Stern. Seither kommt er fast jedes Jahr in die beiden Hauptstädte, Moskau und St. Petersburg, oder auch in die Provinz. 2008 wurde ihm in Moskau der renommierte Schostakowitsch-Preis der Yuri-Bashmet-Stiftung verliehen – ein Zeichen besonderer Wertschätzung, wie Bronfman dankbar feststellt. Bei seinem nächsten Wiener Auftritt im Februar im Musikverein spielt Yefim Bronfman mit den Wiener Symphonikern unter Lahav Shani das Dritte Klavierkonzert von Sergej Rachmaninow, an das sich Schostakowitschs Neunte Symphonie anschließt. Eine gute Kombination, findet der Pianist. Rachmaninow war von Anfang seiner Karriere ein Fixpunkt in Bronfmans Repertoire. „Rachmaninow lässt sich stets gut mit anderer russischer Musik kombinieren, außer mit Tschaikowskij. Das funktioniert nicht so richtig.“ Ein Urteil, das Rachmaninow selbst, einen großen Verehrer Tschaikowskijs, weniger gefreut hätte ... 

Edith Jachimowicz 
Dr. Edith Jachimowicz, die jahrelang auch in Moskau tätig war, lebt als Musikpublizistin und -dramaturgin in Wien und Salzburg.