Lachen und Weinen mit jeglicher Nuance 

Ein Liedprogramm mit Patricia Petibon 

Seit dem Jahr 1997 ist sie bereits an die zwanzig Mal im Musikverein aufgetreten. Am 13. Februar kehrt Patricia Petibon mit der Pianistin Susan Manoff für einen Liederabend rund um die Themen „L’amour, la mort, la mer“ in den Brahms-Saal zurück.

Es waren überwältigende Opernmomente, als sie bei den Wiener Festwochen 2005 unter der Leitung von Nikolaus Harnoncourt im Theater an der Wien in Mozarts Jugendwerk „Lucio Silla“ die weibliche Hauptrolle, die Giunia, verkörperte: Unerhört ausdrucksstark im Gesang und im Spiel, wurde Patricia Petibon heftig gefeiert und war von da an ein Liebling des Wiener Publikums und der Presse. Da hieß es unter anderem, sie singe „auf die ihr ganz eigene Art, souverän, gießt ihre aberwitzigen Koloraturen in dramatischen Furor und bringt so Verzierung und Affekt in atemberaubende Deckung.“ Und so wurde sie buchstäblich über Nacht in Wien weltberühmt. Ihr Erfolg sollte sich weltweit fortsetzen, von Amsterdam, Barcelona, Berlin, Bilbao, Dortmund, Genf, Granada, Hamburg, Kopenhagen, London, Luxemburg und Lyon bis Madrid, Montpellier, Toulouse, Straßburg und Zürich. 

Frühes Debüt

Aus dem Nichts kam die 1970 geborene Sopranistin freilich nicht. Am Theater an der Wien war sie damals bereits mehrfach aufgetreten, fünf Jahre zuvor hatte sie sich schon an der Wiener Staatsoper als Olympia in Jacques Offenbachs „Les Contes d’Hoffmann“ vorgestellt. An ihr Wien-Debüt bei der Gesellschaft der Musikfreunde konnten sich jedoch nur eingefleischte Alte-Musik-Kenner erinnern: Das war nämlich sage und schreibe 1997 – ein Jahr nachdem sie mit demselben Stück an der Opéra de Paris ihre allererste Partie gesungen hatte – mit Jean Philippe Rameaus Tragédie lyrique „Hippolyte et Aricie“ unter der Leitung von William Christie. Der legendäre Gründer und Leiter des Ensembles Les Arts Florissants war es, der die Sängerin 1995 unmittelbar nach ihrem Studienabschluss am Conservatoire National Supérieur de Musique entdeckte. Studiert hatte sie bei Rachel Yakar, der gefeierten Sängerin in Düsseldorf, München und Bayreuth, die mit Gustav Leonhardt, Nikolaus Harnoncourt, Pierre Boulez, Daniel Barenboim, James Levine und Sir Charles Mackerras aufgetreten war. Patricia Petibon selbst fand in Christie ihren ersten wichtigen Förderer. Der zweite, Harnoncourt, kam auf sie zu, nachdem seine Gattin sie zufällig im Fernsehen gesehen und ihren Mann auf die Ausnahmesängerin aufmerksam gemacht hatte. Auch mit ihm folgte eine enge und intensive Zusammenarbeit. 

Gefährliche Musik

Womöglich war das Verständnis mit Harnoncourt auch deswegen so tief, weil Petibon ihre künstlerischen Fähigkeiten mit einer tiefen Sachkenntnis verbindet – ebenso wie die Überzeugung, dass Musik nicht einfach zur Behübschung des Lebens da ist. „Kunst“, sagte die Sopranistin einmal in einem Interview, „ist irgendwie auch gefährlich, weil sie zum Nachdenken zwingt. Sie fordert uns dazu heraus, uns Dinge zu überlegen und zu reflektieren. Man hat heute manchmal den Eindruck, dass die Gesellschaft gerade das weitgehend vermeiden will.“ Ihr Drang, „Musik mit den Händen zu machen“, brachte sie zum Klavierspiel, ihr Wissensdurst motivierte sie, auch Musikwissenschaft zu studieren. Allerdings wusste sie von vornherein, dass sie ihr Wissen auch in die Praxis umsetzen wollte – und zwar nach eigenem Bekunden bereits im Alter von vier Jahren. Ihre Familie hatte es zwar finanziell nicht leicht: Zwei Kriege, sagt die Sängerin, hatten ihre Spuren hinterlassen. Dennoch fühlte sie sich stets unterstützt – und war auch künstlerisch vorbelastet. Ihr Mutter sang („Sie hat eine wunderbare Stimme“). Von Seiten ihrer Urgroßmutter kam noch eine andere Kunst ins Spiel, hatte doch deren Bruder gemeinsam mit Marc Chagall das berühmte Deckengemälde in der Pariser Opéra Garnier gemalt. Auch Petibon selbst hat sich lange Zeit der Malerei gewidmet – und sieht synästhetisch Musik eng mit Bildern verbunden. 

Auf den Kopf gestellt

Diese enge Verbindung ist bei all ihrem Tun zu spüren – gerade auch bei ihren Liederabenden, die das Wiener Publikum seit dem Jahr 2007 regelmäßig erleben darf. Nach den ersten Terminen war das Publikum begeistert und das Feuilleton erstaunt: Man müsse alles vergessen, was man von diesem Konzertformat sonst erwarte, war da etwa zu lesen. Und in der Tat stellt Petibon bei diesen Abenden, die sie mit ihrer Partnerin am Klavier, Susan Manoff, bestreitet, die beschauliche Welt des klassischen Konzerts auf den Kopf. Da kann buchstäblich alles passieren, fliegen Dinge ins Publikum, kommen Äpfel, Telefonhörer, Gummihühner oder Gartenzwerge zum Einsatz. Aktionistisch entrollte sie auch schon einmal Riesenporträts von Harnoncourt oder Tenor Michael Schade. Dieser Aktionismus mag vielleicht manchmal etwas slapstickartig wirken, doch alles ist aus den gesungenen Liedern abgeleitet. Und rasant wechselt die Sängerin zwischen Clownerien und bitterem Ernst, sowohl stimmlich wie auch darstellerisch, zwischen keckem, leichtem Tonfall und geballter Dramatik und Melancholie. 

Präsenz auf allen Ebenen

Diese Wandlungsfähigkeit hat sie sich über viele Jahre auf der Bühne erarbeitet – mit einem ungemein breiten Repertoire vom Barock bis zur zeitgenössischen Musik, von Gluck, Haydn und den großen Mozart-Partien über Donizetti, Massenet und Verdi (Gilda in „Rigoletto“ und Violetta in „La traviata“) bis hin zu Offenbach, Debussy (Mélisande in „Pelléas et Mélisande“, Poulenc (Blanche in „Dialogues des Carmélites“) und Alban Berg. Die Hauptpartie in dessen „Lulu“ wurde 2010 geradezu zu einer Paraderolle der Sopranistin, die sie innerhalb weniger Monate sowohl in Genf als auch bei den Salzburger Festspielen sang. Dabei legt sie Wert darauf, gleichzeitig und mit derselben Präsenz Sängerin und Schauspielerin zu sein – doch wer sie auch nur einmal erlebt hat, für den versteht sich dies ohnehin von selbst. 

Bunt und beeindruckend

Petibons Diskographie ist mit mehr als 35 Einträgen beeindruckend lang und gleichzeitig handverlesen, reicht von Opernaufnahmen bis hin zu sehr persönlichen Alben, etwa „Les Fantaisies De Patricia Petibon“, „French Touch“ mit französischen Barockarien, „Melancolia“ mit spanischen Liedern und Arien, „La Belle Excentrique“ mit Mélodies françaises. Das jüngste Album mit dem Titel „L’amour, la mort, la mer“ erscheint offiziell am Valentinstag, dem 14. Februar 2020. Bei ihrem Rezital im Brahms-Saal am Tag davor, das weitgehend die Inhalte der Aufnahme umfasst, soll es die CD jedoch schon geben. Das Publikum darf sich auf ein Petibon-typisches, sehr buntes Programm mit Musik von etwa fünfzehn verschiedenen Komponisten freuen, darunter Samuel Barber, Gabriel Fauré, John Lennon, Francis Poulenc, Enrique Granados und Erik Satie. 

Daniel Ender
Der Musikwissenschaftler und -journalist Dr. Daniel Ender verfasste Monographien über Richard Strauss und Beat Furrer sowie zahlreiche Aufsätze. Er lehrte an verschiedenen Universitäten, schreibt regelmäßig für den „Standard“ sowie die „Neue Zürcher Zeitung“ und ist Generalsekretär der Alban Berg Stiftung.