Das Quartett für den unwandelbaren Frieden 

Olivier Messiaens „Quatuor pour la fin du temps“ 

Wie ein Mahnmahl erinnert Olivier Messiaens „Quatuor pour la fin du temps“ an die dunkelste Zeit im Europa des 20. Jahrhunderts. Achtzig Jahre nach seiner Entstehung mitten im Krieg erklingt das friedvolle Werk auch wieder im Musikverein.

Soldat Messiaen Olivier, 620e R.I.Pioniers, 2e Bataillon, 5e Compagnie – secteur postale 42 schreibt im November 1939 aus dem Feld in der Nähe Verduns an seinen Organistenkollegen in Paris, Jean Langlais: „Meine abgeschürften und vom Ruß geschwärzten Hände, die die Spitzhacke schwingen, die Fliegen, die unvorstellbar schweren Lasten (von Baumstümpfen bis hin zu Lithographiesteinen) – all das verhindert, dass ich mich richtig mit Musik beschäftigen kann.“ Seit Kriegsbeginn zwei Monate zuvor leistet der 31-jährige Komponist und Organist seinen „Militärdienst“ bei den Pionieren in einer Zitadelle in Vauban. Die Überlebensstrategie des hungernden und frierenden Soldaten ist eine Handvoll Taschenpartituren, die er in einem Seesack in einer Tasche verwahrt: Bachs „Brandenburgische Konzerte“, Beethoven-Symphonien, Debussys „Prélude à l’après-midi d’un faune“, Ravels „Ma Mère l’Oye“, Strawinskys „Petruschka“ und „Les Noces“ oder auch Alban Bergs „Lyrische Suite“. Jeden Tag nützt er die wenige freie Zeit zum Studium der Partituren. Ein Hauptmann bei den Pionieren ist der Dirigent und Komponist Maurice Jaubert, mit dem er über Musik reden kann, wenn der Granatenlärm aussetzt und nicht gerade exerziert wird. An Sonntagen spielt Messiaen auf Kirchenorgeln in umliegenden Ortschaften. Er stärkt sich und vielleicht auch den einen oder anderen zuhörenden Soldaten mit Bachs Toccata und Fuge d-Moll oder Charles-Marie Widors Toccata aus der Fünften Orgelsymphonie. Dann aber wieder die ganze Woche beschwerliche Einsätze im Feld, die nichts für Organistenhände sind.

Gefangen unter freiem Himmel

An Freunde in Paris schreibt Messiaen, sie mögen sich um musikalische Arbeit für ihn bei Rundfunk¬sendern in Paris bemühen, für den im Feld völlig nutzlosen Musiker, der doch viel mehr als Organist, Chorleiter, Pianist leisten könnte. Umsonst. Dann der Einmarsch der deutschen Wehrmacht im Mai 1940. Im Juni fällt Verdun. Das überlegene deutsche Heer übernimmt als Besatzungsmacht die Herrschaft in Frankreich. Am 20. Juni gerät die Wachmannschaft, in der Messiaen als Soldat dient, in Kriegsgefangenschaft. Die Soldaten marschieren unter deutscher Bewachung nach Nancy, wo sie in einem Übergangslager auf einem Feld in Toul unter freiem Himmel gefangen gehalten werden. Messiaen lernt zwei Musiker unter den Soldaten kennen: den Klarinettisten Henri Akoka und den Cellisten Étienne Pasquier. Sie lösen bei dem Komponisten musikalische Ideen aus. Auf notdürftigem Papier zeichnet Messiaen ein Solo für Klarinette auf.  

Sehnsucht nach dem Licht

Es ist das erste Stück für ein kammermusikalisches Werk, das Messiaen wenige Monate später nach der Verlegung in ein sogenanntes Stammlager (Stalag) am Rand der Stadt Görlitz vollenden wird: das „Quatuor pour la fin du temps“, „Quartett für das Ende der Zeit“. In das Quartett integriert Messiaen das Klarinettensolo als dritten Satz mit dem Titel „Abgrund der Vögel“: „Der Abgrund, das ist die Zeit mit ihren Kümmernissen und ihrer Mattigkeit. Die Vögel sind das Gegenteil der Zeit; sie stellen unsere Sehnsucht nach dem Licht dar, nach den Sternen, nach Regenbögen und nach fröhlichen Vokalisen.“ Messiaen fügt allen Sätzen Texte bei und überschreibt das gesamte Werk mit Worten aus dem zehnten Kapitel der Offenbarung des Johannes:

„Und ich sah einen andern starken Engel vom Himmel herabkommen, mit einer Wolke bekleidet, und der Regenbogen auf seinem Haupt und sein Antlitz wie die Sonne und seine Füße wie Feuersäulen. [...] Und er setzte seinen rechten Fuß auf das Meer und den linken auf die Erde [...] Und der Engel, den ich stehen sah auf dem Meer und auf der Erde, hob seine rechte Hand auf zum Himmel und schwor bei dem, der da lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit [...]: Es soll hinfort keine Zeit mehr sein, sondern in den Tagen, wenn der siebente Engel seine Stimme erheben und seine Posaune blasen wird, dann ist vollendet das Geheimnis Gottes ...“ Im Stalag VIIIa im Stadtteil Moys der heute zwischen Deutschland und Polen aufgeteilten Stadt Görlitz/Zgorzelec sind zwischen 1939 und 1945 circa 120.000 Gefangene untergebracht, zehn Prozent von ihnen überleben die Gefangenschaft nicht. Messiaen bekommt die Kriegsgefangenennummer 35333 zugewiesen. Jeder Tag läuft nach demselben Plan ab: 6 Uhr früh Verteilung der Essensration. 8 bis 12 Uhr Arbeit im Lager. Mittags Suppe. Nachmittags wieder Arbeit. Um 17 Uhr eine weitere kleine Essensration, meist Brot und ein Stück Käse.

Am Rande irdischer Existenz

Der Klarinettist Akoka und der Cellist Pasquier sind mit Messiaen in das Lager transportiert worden. Unter den französischen Gefangenen ist ein weiterer Musiker, der Geiger Jean Le Boulaire. In Messiaen entstehen Klänge, Farben, Melodien, Akkorde. Die deutschen Behörden erteilen die Genehmigung, ein Klavier für den französischen Musiker in das Lager zu schaffen. Unter den deutschen Wachmännern befindet sich der Hauptmann Karl-Erich Brüll, ein Jurist mit großer Leidenschaft für die Musik. Er beschafft Messiaen Notenpapier, auf das der Komponist die Musik aus seinem Geist überträgt. Nach dem Klarinettensolo, das Messiaen noch vor der Überstellung nach Görlitz komponiert hat, entsteht zunächst ein „Zwischenspiel“ für Violine, Violoncello, Klarinette und Klavier, in dem Messiaen die thematischen Keime für die gesamte Komposition bündelt. Die im Lager anwesenden Musiker geben die Quartettbesetzung vor. Für das „Loblied auf die Ewigkeit Jesu“, eine lange Melodie für das Violoncello, kommt Messiaen eine Phrase aus seiner Komposition „Fête des belles eaux“ in den Sinn, die er wenige Jahre zuvor für ein Sextett mit dem neuerfundenen Instrument Ondes Martenot in Paris geschrieben hat und die er nun am Rande irdischer Existenz zu einem unendlichen Himmelsgesang ausweitet. Im Stalag VIIIa füllen schließlich VIII Sätze das Notenpapier. Messiaens Erklärung: „Sieben ist die voll¬kommene Zahl, die siebentägige Schöpfung wird vom göttlichen Sabbat geheiligt; die Sieben dieser Ruhe verlängert sich in Ewigkeit und wird die Acht des unvergänglichen Lichts, des unwandelbaren Friedens.“ 

Eine versöhnliche Vision

Die Musiker proben in der kargen Freizeit in den Waschräumen des Lagers. Im ersten Satz „Kristallene Liturgie“ erklingen zu einem vom Klavier begleiteten Klarinettensolo Streichinstrumente wie aus ferner Höhe (des Himmels). Die „Vokalise für den Engel, der das Ende der Zeit verkündet“ im zweiten Satz vereint in den Eckteilen alle Instrumente zur Musik der Offenbarung, während im Mittelteil Streicher und Klavier eine entrückte Meditation spielen. Dem Klarinettensolo als drittem Satz, dem „Zwischenspiel“ an vierter Stelle und dem Cello-„Loblied“ im fünften Satz folgt als sechster Satz der „Tanz des Zorns, für die sieben Posaunen“. Alle Instrumente verbinden sich zu einer, so Messiaen, „steinernen Musik“ – sie ist „ein gewaltiger granitener Klang; eine unwiderstehliche Bewegung von Stahl, von massiven Blöcken purpurner Wut und frostiger Trunkenheit.“ Im siebten Satz entwickeln alle vier Instrumente zwischen weitgeschwungenen Kantilenen und ekstatisch kreisenden Akkordfolgen und Klanggestalten den „Wirbel der Regenbögen für den Engel, der das Ende der Zeit verkündet“. Der Engel erscheint Messiaen im Gefangenenlager „in aller Stärke“. Im achten Satz singt die Violine, begleitet von Akkorden des Klaviers, einen „Lobpreis der Unsterblichkeit Jesu“. Die musikalische Spur des Komponisten ist „der langsame Aufstieg in höchste Lagen“. Sie versinnbildlicht inmitten des irdischen Krieges Messiaens Vision vom „Aufstieg des Menschen zu seinem Gott, des Gottessohns zu seinem Vater, der geheiligten Geschöpfe ins Paradies“. 

Die Tonsprache des Friedens

1940/41 ist ein besonders kalter Winter in Europa. Am Himmel über Görlitz entstehen Nordlichter. In einer zu einem Theatersaal umgebauten Baracke fühlen sich Hunderte frierende Menschen am Abend des 15. Jänner 1941 von der Musik der Zeit enthoben und ins paradiesische Licht versetzt. Dick vermummt in eine alte Uniform, mit Holzschuhen an den Füßen, die vor der Kälte schützen sollen, sitzt Messiaen am Klavier, rund um ihn seine Mitmusiker an der Klarinette, an der Violine und am Violoncello. Auch die deutsche Lagerleitung ist zum Konzert gekommen, Wachhabende und Gefangene sind vor dem Angesicht der musikalischen Klänge alle gleich. „Landarbeiter, Hilfsarbeiter, Intellektuelle, Berufssoldaten, Ärzte und Geistliche“, erinnert sich Messiaen Jahre später in einem Gespräch mit dem in Wien unter dem Namen Siegfried Goldman geborenen, rumänisch-französischen Musikwissenschaftler Antoine Goléa: „Niemals sonst hat man mir mit solcher Aufmerksamkeit und solchem Verständnis zugehört wie damals.“ Die Tonsprache des Friedens ist keine Illusion, sondern in diesen Momenten der Uraufführung des Quartettes wunderbare Wirklichkeit. 

Musikalisches Mahnmahl

Seit dem Jahr 2008 wird das Quartett jedes Jahr am 15. Jänner im „Meeting Point Music Messiaen“, einer an der Stelle des ehemaligen Stalag VIIIa errichteten Gedenkstätte, in Erinnerung an alle, die im Lager Leid, Furcht und Hoffnung durchlebten, aufgeführt. Im Winter dieses Jahres erklingt Messiaens Werk auch wieder im Musikverein Wien: am 28. Jänner mit Studierenden der MUK im Magna Auditorium und am 18. Februar mit dem Altenberg Trio und dem Klarinettisten Matthias Schorn im Brahms-Saal. Messiaen kommt im Februar 1941 dank einer für Sanitäter und Musiker geltenden Regelung aus dem Gefangenenlager frei. Am 24. Juni findet die Pariser Erstaufführung des Quartettes mit dem Komponisten am Klavier, dem Cellisten der Lager-Uraufführung, Étienne Pasquier, dessen Bruder Jean Pasquier an der Geige und dem Klarinettisten André Vacellier statt und wird von einem Musikkritiker als das bemerkens¬werteste kammermusikalische Werk seit der Aufführung des letzten Schönberg-Streichquartetts Jahrzehnte zuvor in Paris bezeichnet. Messiaen verbringt die weitere Kriegszeit im besetzten Paris lehrend am Conservatoire, komponierend und Orgel spielend. 

Rainer Lepuschitz
Rainer Lepuschitz ist Musikdramaturg und schreibt für Musikveranstalter u. a. in Innsbruck, Salzburg, Wien, Grafenegg und Krems.