Les Etoiles 

Sunnyi Melles und Sarah Bernhardt

Bühne auf der Bühne, Schauspieler spielen Schauspieler, Star verkörpert Star – der Reiz liegt in der Spiegelung. Eine solch aparte Spiegelung bietet am 4. Oktober der Gläserne Saal, wenn Sunnyi Melles aus den Memoiren der Sarah Bernhardt liest.

Das französische Publikum bezeichnete die Bühnenlieblinge, die am Theaterhimmel strahlten, als „Les Etoiles“. In ihrer englischen Form ist die Bezeichnung global geworden. Die Hochblüte der Theaterstars fällt in die Zeit um die vorletzte Jahrhundertwende. Stefan Zweig diagnostizierte in seinen Erinnerungen „Die Welt von gestern“ bei den Wienern eine akute Theatromanie: „Dieser fast religiöse Personenkult ging so weit, dass er sich sogar auf seine Umwelt übertrug: der Friseur Sonnenthals, der Fiaker von Josef Kainz waren Respektpersonen, die man heimlich beneidete.“

Die Diva

L’Etoile par excellence in Paris war während der Jahrzehnte vom späten 19. zum frühen 20. Jahrhundert die französische Tragödin Sarah Bernhardt. „Sie war mehr als eine Kaiserin“, hieß es über sie, „sie war fast eine Göttin.“ Eine Diva. Bevor sie im Jänner 1891 zu ihrer größten Tournee aufbrach, besuchte sie ein Journalist in ihrem Studio, um der ergriffenen Leserschaft von einer überwältigenden Selbstinszenierung zu berichten: „Die gedämpften Schritte auf dem dicken Teppich, das kaum hörbare Zwitschern exotischer Vögel, die in dem Blattwerk seltenster und kostbarster Pflanzen verborgen sind, das atemberaubende Farbenspiel in üppiger Fülle verwendeter Samt- und Seidenstoffe, die schweigende Begrüßung durch vertraute Tiere und vor allem die Stimme und die Gegenwart der Hausherrin, wenn sie den Raum betritt.“ Nicht minder bombastisch waren die Reisepläne für die zwei Jahre dauernde Tournee: von Le Havre per Schiff nach New York, die Ostküste entlang, nach Kanada, dann San Francisco, von dort nach Australien, anschließend nach Tahiti und über New York wieder nach Europa. Mit etwa 80 Koffern reiste sie ab, davon 40 Koffer mit Bühnenkostümen, einer mit rund 250 Schuhpaaren.

Der Star

Sunnyi Melles ist keine Diva. Zum Gespräch in der Kantine der Bayerischen Staatsoper erscheint sie sportlich-flott gekleidet, unprätentiös und aufgeräumt. Aber auch wenn sie spontan und offen spricht, umgibt sie doch die Aura des Stars. Im Theaterlexikon von Bernd Sucher ist ihr Eintrag exakt so lang wie jener von Sarah Bernhardt, aber Sunnyi Melles als Cressida prangt auf dem Titelbild. Über ihre spektakuläre Rollengestaltung heißt es in dem Buch „Shakespeare und das deutsche Theater im 20. Jahrhundert“ (auch hier ist sie auf dem Einband zu sehen – gemeinsam mit Tobias Moretti als Troilus): „Die Darstellung der Cressida war eine Gratwanderung. Sunnyi Melles gelang eine wirkungsvoll abgestufte Ambivalenz. Ihr Gesicht war das Inbild keuscher Unschuld, aber aus jeder Geste sprach die Sehnsucht eines Körpers lüstern nach physischer Berührung. Die Münchner Cressida war ein Wunder an Motivationsfülle und Komplexität.“ Sie spielte im legendären Münchner Ensemble Dieter Dorns, zunächst an den Kammerspielen, dann im Residenztheater. Klassisches und Modernes: Shakespeare, Lessing, Goethe, Schiller, Büchner, bis zu Botho Strauß. „Meine Lieblingsrolle war das Gretchen mit Helmut Griem und Romuald Pekny.“ Aber sie tanzte auch die Gräfin Capulet in Prokofjews Ballett „Romeo und Julia“. „Und zwar genau in diesem Haus, in dem wir jetzt sind. Es gibt im Internet eine Aufzeichnung davon. Auf meiner Website finden Sie alle Tanzszenen.“ Das Handy ist ständiger Begleiter im Gespräch – Speicher für die vergängliche Kunst der Darstellung. 

Sommer in Salzburg

In Österreich spielte sie ab 1990 bei den Salzburger Festspielen die Buhlschaft mit dem Jedermann Helmuth Lohner. In der „Süddeutschen Zeitung“ hieß es damals: „Ich erinnere mich nicht, je eine so heißblütige Buhlschaft vor dem Salzburger Dom gesehen zu haben und keine, die so offen Männer anmachte und mit ihnen spielte.“ Sunnyi Melles denkt gerne an diese Salzburger Festspielsommer zurück: „Bei der Premierenfeier haben Helmuth Lohner und ich das Duett Papageno/Papagena gesungen. Und dort habe ich dann meinen Mann kennengelernt. Plácido Domingo war mein Postillon d’amour.“ Seitdem heißt sie Prinzessin zu Sayn-Wittgenstein-Sayn. „Der Vorname Sunnyi ist ein ungarischer Kosename von meiner Mutter, und er ist mir geblieben.“ Übersetzt bedeutet er so viel wie „Schlummerchen“.

Ein richtiges Bühnenkind

„Meine Mutter studierte an der Akademie in Budapest Schauspiel. Meine Großmutter Loth Ila war einer der ersten ungarischen Stummfilmstars. Mit meiner Tochter Leonille Wittgenstein haben wir daher in unserer Familie bereits in vierter Generation eine Schauspielerin. Das erfüllt mich mit Stolz! Als Kind habe ich viel Zeit damit verbracht, meiner Mutter bei den Theaterproben in Basel zuzusehen. Ich war ein richtiges Bühnenkind.“ Die Eltern, der Dirigent Carl Melles und die Schauspielerin Judith Ronczy, waren 1956 aus Ungarn geflüchtet. Sunnyi wurde in Luxemburg geboren und hat die Schweizer Staatsbürgerschaft. Da sich die Eltern bald trennten, ist sie bei der Mutter aufgewachsen und ihrem Berufsvorbild gefolgt. Schon mit zehn Jahren stand sie erstmals mit der Mama auf der Bühne, ehe sie die Ausbildung an der renommierten Falckenberg-Schule in München absolvierte. Blutjung gelang ihr der Sprung ins Ensemble der Münchner Kammerspiele. Mit Anfang zwanzig debütierte sie als Desdemona am Burgtheater. Es folgten viele große, meist klassische Frauenrollen.

Der Hang zur Musik

In den letzten Jahren hat sie ein neues Kapitel aufgeschlagen, indem sie vermehrt auf das väterliche Erbteil zurückgreift und sich heute ihre eigenen musikalischen Projekte schneidert. „Mich interessiert die Verbindung von Sprech- und Singstimme, zusammen mit dem Orchesterklang.“ Und das in den unter¬schiedlichsten Konstellationen – ob sie nun in Schönbrunn zusammen mit Yuri Revich den „Karneval der Tiere“ aufführt, in einem halbszenischen Liederabend mit Michael Schade im Wiener Konzerthaus die Clara Schumann verkörpert, in Leonard Bernsteins „Kaddish“ zum 125. Geburtstag Joseph Roths im Sommer 2019 vor der Synagoge in Brody spricht oder an der Grazer Oper im Frühjahr 2020 das Projekt „Friede auf Erden“ mit Musik von Schönberg und Strawinsky konzipiert und als Sprecherin in „Oedipus Rex“ auftritt.

"Sarah Bernhardt war vielfältig begabt, war auch als Malerin und Bildhauerin anerkannt. Und eine gute Geschäftsfrau war sie sowieso.“ Sunnyi Melles

Faszination Sarah

Und nun Sarah Bernhardt, die Lesung aus den 1907 veröffentlichten Memoiren der Künstlerin. Was fasziniert eine moderne Schauspielerin an der Diva einer längst verflossenen Theaterepoche? „Racines Phädra war eine zentrale Rolle von ihr, die auch ich bei den Salzburger Festspielen und am Burgtheater verkörpern durfte. Außerdem sehe ich viel Vorbildliches und Inspirierendes in ihrer Biographie: Sarah war eine moderne und emanzipierte Frau und musste immer um ihre Unabhängigkeit kämpfen.“ Sarah Bernhardt, 1844 als uneheliche Tochter einer damals sechzehnjährigen Jüdin aus Haarlem und eines französischen Lebemanns geboren, hatte es nicht leicht, bevor sie sich zu einer der berühmtesten Frauen ihrer Zeit emporkämpfte. „Sie war vielfältig begabt, war auch als Malerin und Bildhauerin anerkannt. Und eine gute Geschäftsfrau war sie sowieso.“

Spekulative Sensationslust?

Tatsächlich schöpfte sie ihr Talent auch kommerziell bis zum Äußersten aus. Das zog natürlich auch Kritik auf sich. „Sie hat sich ein Repertoire an sensationsheischenden, von Blut triefenden und von leidenschaftlichen Aufwallungen charakterisierten Partien erarbeitet und sie achtmal in der Woche gespielt“, heißt es in einem zeitgenössischen Text über die damals 50-jährige Schauspielerin. „Das Gold ihrer so überaus großen Begabung hat sich durch die Einwirkungen einer bösartigen Alchemie in Gusseisen verwandelt.“ Ihre bevorzugten zeitgenössischen Autoren waren Alexandre Dumas, Eugène Scribe, Edmond Rostand und Victorien Sardou. Besonders Sardou ist verantwortlich dafür, dass ihren Theaterproduktionen spekulative Sensationslust vorgeworfen wurde: Seine Heldinnen morden im zweiten Akt (mit Haarnadeln, Messer und Beil), um final effektvoll Selbstmord zu begehen, ob sie sich nun vergiften oder von der Engelsburg springen. Es ist bezeichnend, dass die von Sarah Bernhardt verkörperten Protagonistinnen heute ihr Bühnenleben in der Oper verbringen und beenden, in „Fedora“, „Tosca“ – beide nach Sardou – oder auch in „La traviata“ und „Adriana Lecouvreur“. Globale Stars sind heute nicht mehr im Sprechtheater anzutreffen, sondern auf der Opernbühne.

Wunder der menschlichen Stimme

„Der Klang ihrer Stimme bezaubert mich – es gibt Tonaufzeichnungen.“ Wieder kommt das Handy zum Einsatz. „Ich habe Sarah genau studiert.“ Sunnyi Melles legt die Lesung wie ein Dokudrama an und erzählt amüsiert, dass einmal nach einer Vorstellung Besorgnis über ihren Gesundheitszustand wegen ihres Humpelns geäußert wurde. „Dabei habe ich nur Sarahs Gang imitiert, die in den letzten Lebensjahren eine Beinprothese tragen musste.“ 1905 war sie in Rio de Janeiro als Tosca beim Sprung in die Tiefe nicht auf den aufgelegten Matratzen, sondern auf dem Boden gelandet. Die schwere Knieverletzung machte einige Jahre später eine Amputation notwendig. Aber auch danach, in ihrem letzten Lebensjahrzehnt, trat sie im Ersten Weltkrieg vor Soldaten an der Front auf und ging noch auf Tournee – trotz ihrer Behinderung. „Dieser unglaublich tapferen Frau widme ich den Abend.“ Ein Star sorgt dafür, dass „L’Etoile“ wieder glänzt – fast hundert Jahre nach seinem Verlöschen.

Alexander Marinovic
Dr. Alexander Marinovic, Jurist und Abteilungsleiter im Wissenschaftsministerium, publiziert regelmäßig Beiträge über Kunst und Kultur.