Ganz bei sich selbst 

Elisabeth Leonskaja 

Mit einem Soloabend und in einem Kammermusikprogramm ist Elisabeth Leonskaja im Oktober wieder im Musikverein zu Gast. Den „Musikfreunden“ erzählt sie von lebenswichtigen Momenten, weshalb sie Wien als Wohnsitz wählte und warum in der Musik das Alter keine Rolle spielt.

Elisabeth Leonskaja wurde in einer russischen Familie in Tiflis geboren. Bereits mit elf Jahren gab sie ihre ersten Konzerte. Sie war Studentin von Jacob Milstein am Moskauer Konservatorium und gewann Preise bei wichtigen Klavierwettbewerben in Bukarest, Paris und Brüssel. Für ihre musikalische Entwicklung besonders prägend wurde die Begegnung mit Swjatoslaw Richter. 1979, im Jahr nach ihrer Emigration nach Wien, legte Leonskaja mit einem Auftritt bei den Salzburger Festspielen den Grundstein für ihre Karriere in der westlichen Welt. Seither gastiert die international geschätzte, verehrte und mit zahlreichen Preisen gewürdigte Pianistin mit bedeutenden künstlerischen Partnern in den Musikzentren weltweit. Ihre Auftritte im Oktober sind die Konzerte Nummer hundertneun und hundertzehn im Musikverein.   

Wenn Sie Anfang Oktober wieder im Musikverein gastieren, bringen Sie zwei jüngere Kammermusikpartner mit: die Geigerin Liza Ferschtman und den Cellisten István Várdai. Über die Jahre hinweg haben Sie immer wieder mit jungen Kollegen musiziert. Welche Gedanken stecken dahinter?
Ich erinnere mich noch sehr gut an die Zeit, als ich Studentin war. Eines Tages kam ich einer Einladung folgend ins Haus von Swjatoslaw Richter, der damals viel Kammermusik mit jungen Musikern machte, zum Beispiel mit einem Bläserensemble vom Moskauer Konservatorium das Kammerkonzert von Alban Berg. Mit einzelnen Musikern spielte er auch Duos oder Trios. Ich – Glückspilz! – war eingeladen, ein paar Stücke für zwei Klaviere mit ihm zu spielen. Unvergessliche, lebenswichtige Momente ... So geht es mir heute auch. Ich empfinde keinen Altersunterschied, es existiert für mich keine altersbedingte Autorität. Es gilt nur: mehr Erfahrung, weniger Erfahrung. Ich kann von den jungen nicht weniger entflammt und beeinflusst sein als von den großen und älteren Künstlern. Ich bin hell begeistert von István Várdai, von dem die Wiener noch viel Schönes erleben werden, und der strebenden, sehr ernsten Liza Ferschtman. Wenn wir gemeinsam arbeiten, dann geht es um die Musik, und das Alter spielt keine Rolle. 

Swjatoslaw Richter wurde für Sie nach dieser geschilderten ersten Begegnung ein wichtiger Mentor, mit dem Sie in der Folge auch viele Duokonzerte gespielt haben. Wie würden Sie diese Zusammenarbeit beschreiben?
Es war weit mehr als eine Zusammenarbeit. Es war eine jahrelange große Freundschaft – menschlich und musikalisch. Ich weiß nicht, wie mein Leben verlaufen wäre und wo ich heute als Künstlerin stehen würde, wenn ich ihm nicht begegnet wäre. Er hat mich in jeder Hinsicht geprägt: bei jedem Wort, bei jeder Note, bei jeder Bewegung. Das waren keine Unterrichtsstunden, nie. Auch als wir gemeinsam Duos gespielt haben. Aber es waren große Lehrstunden, Lebenslehrstunden für mich. 

Ihr Programm mit Liza Ferschtman und István Várdai sind die beiden Schubert-Klaviertrios – zwei Werke, die Sie mit besonderer Vorliebe spielen?
Trio spiele ich an sich nicht so gern. Aber diese beiden Klaviertrios sind für mich die schönste Kammermusik, die je geschrieben worden ist. Diese zwei Stücke sind ein absolutes Muss für mein Leben.  Ende Oktober geben Sie dann einen Soloabend mit Werken von Chopin, Schumann und Widmann. Was verbindet diese Komponisten, diese Stücke? Mit einem Wort: Kontraste. Auch das ist möglich – dass es sich verbindet, weil es sich eben nicht verbindet. Jörg Widmann schwärmt für Schumann! Auch in den „Elf Humoresken“ – übrigens hat auch Schumann Humoresken komponiert. Bei Widmann gibt es einige Zitate und Andeutungen. Er ist in seiner tiefen und reinen Seele ein Romantiker, ein Träumer. Seine Schreibweise ist sehr streng polyphonisch, extrem schwer rhythmisch, kontrastvoll und einfallsreich. Es gibt keine Note zu viel. Und Chopin korrespondiert in gewisser Weise mit der fis-Moll-Sonate von Schumann, in deren Scherzo der Mittelteil eine Polonaise ist. 

In der internationalen Fachpresse werden Sie respektvoll und bewundernd oft als „die letzte Grande Dame der sowjetischen Klavierschule“ bezeichnet. Sie leben nun seit vier Jahrzehnten im Westen. Welche Relevanz messen Sie der russischen Schule in Ihrem heutigen Künstlerin-Sein bei?
Das ist meine Grundlage. So, wie man als kleines Kind gehen lernt oder wie man jemandem beibringt, wie man essen soll, Körperhaltung oder so. Das behalten die Menschen dann ein ganzes Leben lang. Die russische Schule ist mein Fundament. Das andere ist das, was ich aufgebaut habe.  Hat sich oder inwieweit hat sich das Gefühl fürs Repertoire geändert, als Sie nach Österreich gekommen sind? Selbstverständlich, besonders natürlich im deutschen Repertoire. Wien ist ja Traditionsstadt. Und ich muss sagen, dass mich diese Tradition eine Zeitlang unterdrückt hat, weil es eine andere Kultur ist.   

Wie haben Sie diese Unterdrückung bewältigt? 
Das war in jedem Fall eine bereichernde, unentbehrliche Erfahrung. Man ist beeindruckt vom Notentext, man ringt um diese Musik. Ich habe daran gearbeitet, Schritt für Schritt. Wenn man nicht der Routine unterworfen wird und wirklich arbeitet, dann kommt man weiter in die Tiefe. Und die Tiefe ergibt dann das Licht und die Höhe. 

Erkennen Sie selbst Schwerpunkte in Ihrem Repertoire? Oder anders gefragt: Welchen Komponisten fühlen Sie sich selbst besonders nah und warum?
Nein, das kann ich nicht sagen. Im 19. Jahrhundert wurde, so nehmen wir es heute zumindest wahr, die meiste Musik für Klavier geschrieben. Selbstverständlich greifen die Pianisten da zu. Im Moment beschäftige ich mich zum Beispiel mit den Mozart-Sonaten, aber allein deswegen ist das noch kein Schwerpunkt. In einer bestimmten Zeit vielleicht, aber nicht generell. Ich kann nicht erklären, warum einige Komponisten zeitweise weniger oder mehr in meinem Repertoire vertreten sind. Das ist vergleichbar mit Wellen, mit Ebbe und Flut.  

Über Ihre Emigration nach Österreich ist in Ihrer Programmheftbiographie zu lesen: „1978 verließ Elisabeth Leonskaja die Sowjetunion und nahm ihren Wohnsitz in Wien.“ Was zu einem Schritt wie der Emigration führt, bleibt unter sachlicher Faktenschilderung verborgen. Was gab damals den Ausschlag wegzugehen?
Der Eiserne Vorhang ließ in den 1970er Jahren keine Hoffnung auf eine kreative Zukunft zu. Als Pianistin war ich darauf angewiesen, Konzerte zu spielen. Das heißt, wenn ich reisen wollte, brauchte ich Reisefreiheit. Ich hatte keinen ausländischen Pass, ich war vollkommen abhängig vom Kultusministerium, das mir diese Freiheit nicht gewährte. Und wenn ich nach dem Grund fragte, hieß es: So ist es besser für Sie. Da ist man machtlos, man fühlt sich wie in einem Boot auf dem Ozean ohne Wind. Meine Eltern waren gestorben, die Scheidung hatte ich hinter mir. So habe ich das Land verlassen. Es war eine schwierige, aber richtige Entscheidung, in die freie Welt zu kommen. 

Weshalb ist Ihre Wahl auf Wien gefallen?
Ich habe Wien ja gekannt! Ich war einige Male davor hier aufgetreten und völlig geblendet von dieser Stadt, von dieser musikalischen Atmosphäre, die hier noch heute herrscht. Ich wusste schon, wohin es mich zieht. 

Wie haben Sie hier musikalisch Fuß gefasst? Gab es prägende Begegnungen?
In der Kammermusik habe ich in Wien gleich mit dem Alban Berg Quartett Schuberts  „Forellenquintett“ gespielt, sozusagen aus erster Hand. Der allererste österreichische Musiker, dem ich begegnet bin, war Heinrich Schiff – eine wunderbare, eigensinnige Persönlichkeit, ein großer Musiker. Mit ihm hat mich eine langjährige musikalische Freundschaft verbunden. Umso schmerzlicher war der Abschied vor zwei Jahren.  

Hatten Sie jemals den Gedanken, dass es von Wien aus noch woandershin gehen könnte?
Eigentlich nicht.  Wenn Sie an Ihre Kindheit zurückdenken: Welche Erinnerungen sind besonders stark? Die Erinnerungen an die Kindheit sind in rosa Farbe. Geborgenheit, die uferlose Zeit des Lebens vor mir, das Leben im einmalig schönen Georgien, gütige Menschen um mich.   Was bedeutet für Sie heute Heimat?  Ich reise so wahnsinnig viel, und man verliert sich manchmal bei der Geschwindigkeit der Bewegung. Bei mir selbst zu sein, Musik zu machen, das ist für mich heute Heimat. Und meine Muttersprache.

Die Fragen stellte Ulrike Lampert. 
Mag. Ulrike Lampert ist Redakteurin der Zeitschrift „Musikfreunde“ und der Programmhefte der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.