Profil eines Schwierigen

Hans Pfitzner

Ein namhafter Tonsetzer in München, treu- deutsch und bitterböse“. Das Wort von Thomas Mann hängt ihm noch an, dem vor 150 Jahren geborenen Komponisten Hans Pfitzner. Und das zu Recht. Bei aller Kritik aber – vergessen sollte man ihn nicht, da- für war Hans Pfitzner schlicht zu bedeutend.  Thomas Leibnitz skizziert den Komponisten und polemischen Ästhetiker.  

Ästhetisches im Schatten der Politik Prompt meldet sich einer der (allerdings nicht namentlich) Angegriffenen zu Wort: Alban Berg. Mit richtiger Intuition merkt er, dass es Pfitzner nicht bloß um das Buch Paul Bekkers geht, sondern um sehr grundsätzliche Fragen, die auch ihn selbst betreffen. So gibt er seiner polemischen Gegenschrift (1920 in den „Musikblättern des Anbruch“) einen süffisant-provokanten Titel: „Die musikalische Impotenz der neuen Ästhetik Hans Pfitzners“. Mit einer minuziösen Analyse der „Träumerei“ versucht er, den Nachweis zu erbringen, dass Pfitzner falsch liege; sehr wohl könne man an belegbaren Details beweisen, dass Schumann auch in dieser Klavierminiatur planvoll und rational vorgegangen sei. Diese „Berg-Pfitzner-Kontroverse“ hat sich dem kollektiven Gedächtnis erstaunlich gut eingeprägt und taucht bis heute gelegentlich in Feuilletons auf. Immerhin geht es hier um eine bedeutungsvolle Frage, die im Musikleben der Gegenwart wenig gestellt wird – vielleicht zu wenig. Freilich macht es Pfitzner denjenigen, die seiner Position durchaus Gewicht zumessen wollen, nicht eben leicht, denn er verbindet seine ästhetischen Ansichten mit einer politischen Haltung, die mit dem Terminus „rechts- konservativ“ eher milde umschrieben ist. All dies hat mit der Prägung durch ein Zeitalter und mit persönlichen Erfahrungen zu tun.

Ein Weg aus der Wagner-Nachfolge

Hans Pfitzner wird am 5. Mai 1869 in Moskau als Sohn des Musikers Robert Pfitzner geboren. Die ungewöhnliche Geburtsstadt wird ihn nicht nach- haltig prägen; bereits 1872 übersiedelt die Familie nach Frankfurt am Main, wo er seine Schulbildung erhält und – das musikalische Talent wird bald offenkundig – am Hoch’schen Konservatorium Komposition studiert. Bereits 1895 steht er in Mainz am Dirigentenpult und leitet seine erste Oper: „Der arme Heinrich“. Es ist ein ambitioniertes Werk der Wagner-Nachfolge, erfüllt von Schmerz, Opfergesinnung und Erlösungssehnsucht. James Grun, der Textdichter dieser Oper, schreibt für ihn auch den Text des nächsten Bühnenwerkes: „Die Rose vom Liebesgarten“. Pfitzners Musik erreicht hier beachtliche Dimensionen der Expression; auch Gustav Mahler vermag sich für dieses Werk zu interessieren, das von der zeitgenössischen Presse allerdings wegen des sehr inkonsistenten Textes – man könnte von einer Frühform der „Fantasy“ sprechen– mehrheitlich abgelehnt wird. Erst sein 1917 in München uraufgeführter „Palestrina“ (hier stammt der Text vom Komponisten) kann sich breite Zustimmung sichern – es ist das Werk, mit dem Pfitzner auch im Musikleben der Gegenwart präsent bleibt, ebenso wie mit gelegentlichen Aufführungen seiner Lieder, Orchesterlieder oder einiger Kammermusikwerke. 

Ein Agitator am Krankenbett

Inzwischen ist Pfitzner in der musikalischen Hierarchie aufgestiegen: Ab 1910 leitet er in Straßburg nicht nur das Konservatorium und die Symphoniekonzerte, sondern auch das Opernhaus. Umso härter trifft ihn das Kriegsende, das die Rückgabe Elsass-Lothringens und damit auch Straßburgs an Frankreich zur Folge hat. Pfitzner, groß geworden im Überschwang wilhelminischer Reichsbegeisterung, muss nicht nur den Zusammenbruch seiner politischen Welt verkraften, sondern auch die Stätte seines Wirkens verlassen und nach Bayern übersiedeln. Das Intermezzo der bayrischen Räterepublik unter Kurt Eisner wirkt traumatisch auf ihn, und bald setzt er – wie viele andere – seine Hoffnungen auf militärische, „vaterlandstreue“ Kräfte. 1923 besucht ihn am Krankenbett ein bayrischer Agitator, der bereits von sich reden macht: Adolf Hitler. Es wird die einzige persönliche Begegnung bleiben, denn Hitler kann sich für Pfitzners Musik nicht er- wärmen. 

Pfitzners eigener Ton

Was sind die Grundzüge dieser Musik, die zwar keine Massenbegeisterung erregt, aber eine Gemeinde überzeugter Anhänger um sich schart? „Verinnerlichung“ wird ihr nachgerühmt, weniger Wohlmeinende sprechen von Sprödigkeit. Pfitzner bleibt auf dem Fundament der Tonalität, schöpft sie aber bis an die Grenzen aus und entwickelt durch lineare Stimmführung einen sehr eigenen „Ton“. Leicht macht er es sich nicht, und ziemlich reserviert steht er seinem großen und erfolgreichen Rivalen Ri- chard Strauss gegenüber, der mit scheinbarer Mühelosigkeit Werk um Werk zu Papier bringt. Ein kolportierter Wortwechsel der beiden führenden Musiker macht die Differenz deutlich; Pfitzner bekennt Strauss gegenüber, dass ihn der „Palestrina“ ein Maximum an geistiger Kraft gekostet habe –  die Antwort Strauss’ lässt an  Trockenheit  nichts zu wünschen übrig: „Was komponieren Sie denn, wenn’s Ihnen so schwer fällt?“

Das süße Traumgewirk

Unbeschadet dieser eleganten Pointe sind viele Zeit- genossen der Meinung, im „Palestrina“ tatsächlich ein Werk von epochaler Bedeutung zu erleben – unter ihnen Bruno Walter, der 1917 die Uraufführung leitet und Pfitzners Wesen später als die „seltsamste Mischung von wahrer Größe und Intoleranz“ bezeichnet. Tatsächlich ist die Opernfigur Palestrina in mancher Hinsicht ein Alter Ego des Komponisten: Auch Palestrina sagt von sich, er sei „ein alter, todes- müder Mann am Ende einer großen Zeit“. Und auch ihn quält das Pfitzner’sche Grundproblem, der Zwiespalt von Inspiration und Rationalität im Schaffensprozess. Er soll für das Tridentinische Konzil, das drauf und dran ist, die gesamte polyphone Kirchenmusik zu verbieten, ein Werk schaffen, das die Kirchenversammlung überzeugt und von ihrem Vorhaben abbringt; aber den Geistern der verstorbenen Komponisten, die ihm erscheinen und ihn auffordern, sein „Erdenpensum“ zu schaffen, hält er entgegen:

„Ihr lebtet stark in einer starken Zeit … Doch des Bewusstseins Licht, das tödlich grelle, das störend auf- steigt wie der freche Tag, ist feind dem süßen Traumgewirk, dem Künsteschaffen.“ Engel erscheinen ihm und diktieren ihm die Messe, die er zwischen Traum und Wachen niederschreibt. Und als der Sieg seines Werkes bekannt wird und der Papst ihm sein Lob er- teilt, setzt er sich versonnen an die Orgel und lässt den Jubel der Außenwelt nicht an sich herankommen. Grundsatzfrage So zeichnet Pfitzner Palestrina als sein sehr persönliches Ideal – und er lässt die Züge weg, die der reale Pfitzner unleugbar besitzt: Engstirnigkeit, Dünkel, Unbelehrbarkeit. Kann eine Bühnenfigur ihren Autor „übersteigen“, kann sie klüger sein als er? Man möchte meinen, im „Palestrina“ sei es so.

Thomas Leibnitz

Dr. Thomas Leibnitz ist Direktor der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien