Natürlichkeit mit Kunstverstand

Zubin und Bejun Mehta

Mehta plus Mehta: Nach vielen Jahren und einem krankheitsbedingt gescheiterten Projekt 2018 in Berlin musizieren Zubin, der Dirigent, und Bejun, der Countertenor, endlich wieder einmal zusammen. Im Musikverein treffen sie sich für Mozart mit den Wiener Philharmonikern.  

Eigentlich wollte ich ganz woandershin gehen. Ich gestehe es offen: ich wollte Karajans ‚Carmen‘ sehen (und hören). Nachträglich bin ich froh, daß ich keine Karten mehr bekam. Denn wenige Schritte von der Oper weg, im Musikvereinssaal, begann eine halbe Stunde später ein Konzert, das mich so sehr faszinierte, daß ich mich genötigt sehe, etwas darüber zu schreiben. Fünf vollkommen unbekannte Dirigenten – Absolventen der Dirigentenklasse Hans Swarowsky – stellten sich zum ersten Male der Öffentlichkeit vor. Oder besser gesagt, sie wollten es tun, denn die Öffentlichkeit ist leider nur sehr spärlich erschienen. Und das ist schade, denn sie hat etwas versäumt, die Öffentlichkeit. Sie hat ein Konzert versäumt, welches nicht nur aus ‚trottelsicheren‘ Repertoirepiecen bestand. Sie hat ein Programm versäumt, in dem Publikumswirksamkeit und musikalischer Gehalt sich die Waage hielten.“

Ein Halbstarker aus Mailand

… Wien, am 24. Juni 1957. An der Staatsoper gibt man „Carmen“ in Starbesetzung mit Jean Madeira, Giuseppe di Stefano, George London und Hilde Güden – allerdings nicht unter Herbert von Karajan, der schließlich nur eine einzelne Vorstellung fünf Tage zuvor dirigieren sollte, sondern unter Heinrich Hollreiser. Aber da war unser Chronist schon gefesselt von dem, was im Musikverein vor sich ging – denn, so berichtet er, von der Frisur eines der Jungmaestri sichtlich beeindruckt: „Dann betrat ein ,‚Halbstarker‘ aus Mailand namens Claudio Abbado das Podium. Er sah so aus, als ob er eine ‚Rock-’n’- Roll‘-Einlage bringen wollte. Statt dessen brachte er aber einen Honegger, und zwar das reizende Concertino pour Piano … Solist war ein Jürgen von Oppen. Er beging als einziger die Stilwidrigkeit, in einem Frack zu erscheinen. In diesen Frack muss er noch hineinwachsen. Aber der Dirigent hat nicht mehr allzu viel zu lernen. Nur verbeugen kann er sich noch nicht richtig. Das lernt er auch noch.“ – Rührend, wenn man sich erinnert, dass das Entgegennehmen von Ovationen für den scheuen, bescheidenen Abbado nie wirklich zu seinen Lieblingsbeschäftigungen geworden ist. 

… und ein waschechter Inder 

Aber nun zum Finale des Abends – und gleichzeitig zum Grund für dieses Blättern im Archiv. Denn: „Zuletzt kam ein waschechter Inder namens Zubin Mehta. Er hat das Zeug, ein richtiger Publikumsliebling zu werden. Daß er Tschaikowskys ‚Romeo und Julia‘ dirigierte, fiel einem erst in zweiter Linie auf (obwohl er es sehr gut machte) – viel auffälliger war seine wirklich faszinierende Persönlichkeit. Wo immer er sich häuslich niederlassen wird, werden die konzertbesuchenden Backfische einen neuen Schwarm haben. Mein Bericht wäre nicht vollständig, wenn ich nicht erwähnte, dass das Tonkünstlerorchester wirklich hinreißend musizierte. Vielleicht machte es den Herren Musikern Spaß, zu beweisen, dass sie keinen Star am Dirigentenpult brauchen, um gute Musik zu machen. Was immer aber der Grund gewesen sein mag – Hut ab! Am Schluß des Konzerts verbeugten sich die fünf Herren noch ein- mal gemeinsam und brachten ihren Spiritus rector Hans Swarowsky mit. Und das mit Recht. Wenn Sie ein alter Konzertbesucher sind, und an diesem Abend nicht ‚dabei‘ waren, kann es Ihnen leid tun. Und Sie waren sicher nicht dabei, denn ich habe fast nur junge Leute gesehen. Und leider sehr viele leere Sitze. Schade.“

„Der schönste Mann der Welt“

Der Berichterstatter, der damals im „Neuen Kurier“ diese köstlichen Zeilen veröffentlicht hat, mag zwar Musikkritiker nur im Nebenerwerb gewesen sein, aber er hatte eine prophetische Gabe: Es war der vielseitige Kabarettist Gerhard Bronner. Das „Zeug zum Publikumsliebling“, die „faszinierende Persönlichkeit“, alle Prognosen Bronners haben sich an Zubin Mehta in den mehr als sechs Jahrzehnten seither bewahrheitet – und, nebenbei bemerkt, auch der augenzwinkernde Hinweis auf die schwärmenden „Backfische“: Die große Mezzosopranistin Marjana Lipovšek berichtete einmal in einem Interview von ihrer ersten Begegnung mit dem zehn Jahre älteren Mehta in ihrem Elternhaus in Ljubljana, ihr Vater war der Komponist Marijan Lipovšek. Für das junge Mädchen war der Dirigent damals schlicht „der schönste Mann der Welt“ …

Mehrere Mehtas in Wien

Der „waschechte Inder“ war freilich von frühester Jugend an mit dem Zusammenwirken, der Durchdringung oder auch den Separationsbestrebungen verschiedener Kulturen vertraut: Als er 1936 in Bombay (heute Mumbai) zur Welt kam, stand Indien noch unter britischer Kolonialherrschaft, und seine Familie entstammte der ethnisch-religiösen Minderheit der Parsen, den Anhängern des Zoroastrismus, deren Vorfahren der Überlieferung nach im 8. Jahrhundert vor der Islamisierung Persiens nach Indien geflohen waren. Das hinderte Zubins Vater Mehli Mehta freilich nicht, ganz in der europäischen Musik aufzugehen – als Gründer und Leiter des Bombay Symphony Orchestra und des Bombay String Quartet, als Lehrer und auch als solistischer Geiger in Europa. In den Annalen des Musikvereins findet sich zumindest ein Auftritt von Vater Mehta: 1955 gab er mit dem Pianisten Otto Schulhof einen Duoabend im Brahms-Saal. Damals studierte Zubin bereits an der Musikakademie Klavier, Kontrabass, Komposition – und Dirigieren. Neben dem regulären Unterricht beim legendären Hans Swarowsky hat freilich auch eine große Rolle gespielt, dass Mehta, zusammen mit seinem Freund und Kollegen Claudio Abbado und wie viele andere angehende Maestri, im Wiener Singverein gesungen hat und somit die großen Dirigenten seiner Zeit in Proben und Aufführungen aus der Perspektive des Musikers studieren konnte. The rest is history.

Frühe Reife

Wer freilich denkt, der Gesang sei das einzige direkte musikalische Bindeglied zwischen Zubin und Bejun Mehta, der irrt – denn der in aller Welt gefeierte Countertenor hat längst auch schon dirigiert. Doch der Reihe nach: Bejun, geboren 1968 in North Caroli- na in den USA, ist der Sohn von Zubins Cousin Dady Mehta, einem Pianisten, der seinerseits mehrfach im Brahms-Saal zu hören war, und seiner Frau Martha, einer amerikanischen Sopranistin. Der Weg zur Musik schien somit vorgezeichnet, der enorme frühe Erfolg war dennoch außergewöhnlich. Bereits als Knabensopran war Bejun auf Konzertreisen und im Plattenstudio eine Sensation – und kein Geringerer als Leonard Bernstein pries seine Begabung mit den vielzitierten Worten, bei diesem jungen Buben sei die Fülle und Reife des musikalischen Verständnisses kaum zu glauben. Das schützte den 13-Jährigen allerdings nicht vor einem verstörenden Erlebnis wie jenem, als nach einem Konzert ein Mann in seine Garderobe kam und ihm in überschäumender Begeisterung nahelegte, sich schleunigst kastrieren zu lassen: Eine solche begnadete Sopranstimme müsse man doch erhalten …

"Er hat das Zeug, ein richtiger Publikumsliebling zu werden."

Wege und Umwege

Die Natur war gottlob dagegen – auch wenn der Stimmbruch schwierige Jahre einleitete, in denen Bejun das Gefühl hatte, die Natur wende sich in diesem Punkt gegen ihn. Der Verlust seiner Sopranstimme und damit der Verlust des unmittelbaren musikalischen Ausdrucks machte dem Heranwachsenden zu schaffen, so sehr, dass auch ein Cellostudium und, nach sieben Jahren ohne Gesang, die Ausbildung seiner Baritonstimme nicht darüber hinweghelfen konnten. Er spürte, dass er in diesem Fach nur mittelmäßig war und litt darunter, dass das nicht für ein weiteres musikalisches Leben reichen würde, so wie er sich das vorstellte Ersatz hätte sich freilich angeboten: Als Cellist hat er das ganze romantische Repertoire gespielt, nicht zuletzt eine Saison lang im San Francisco Symphony Orchestra; außerdem gründete und dirigierte Bejun damals ein eigenes kleines Orchester – so wie seinerzeit Zubin, der damit übrigens 1956 nach dem gescheiterten Ungarnaufstand für jene Flüchtlinge musiziert hat, die es über die Grenze nach Österreich geschafft hatten. Außerdem konnte sich Bejun als freier Aufnahmeleiter etablieren: Am Grammy für Janos Starkers letzte Studioproduktion von Bachs Cellosuiten 1997 hatte somit auch er seinen Anteil.

Eine Quint tiefer

Doch erst die Entdeckung seines Countertenors – Bejun hat es einmal ein richtiggehendes „Coming out“ genannt – brachte den entscheidenden Schritt zurück zum Gesang. Und auch zurück zu jenem ungemein tragfähigen Sopran von einst, der gleichsam im Stimmbruch nur eine Quint tiefer gerutscht war. „Eine Sopranistin singt im Wesentlichen mit der Kopfstimme, also nicht im selben Register, in dem sie spricht“, erläuterte Bejun den Sachverhalt unlängst in der Zeitschrift „Opernwelt“. „Exakt dasselbe machen ich und viele andere Countertenöre auch. Aber nicht alle. Ich kann überhaupt nicht als Bariton singen, meine Stimme trägt in diesem Bereich nicht und ermüdet sofort. Es gibt aber umgekehrt Falsettisten, die eigentlich Baritone oder Tenöre sind. Sie verstärken einfach ein wenig das Falsett. Diese Stimmen sind kleiner, farbarmer und halten nicht so lange. Viele Hörer können das aber nicht unterscheiden, nicht einmal in der Branche. So entsteht dann das Vorurteil, dass Counterstimmen generell zerbrechlicher sind oder nicht so lange halten wie andere Stimmen.“

Mehta plus Mehta gleich Mozart

Dass er anders, nämlich seiner Stimme entsprechend gesund singt, beweist Mehta nun schon seit Jahren als Mitglied jener kleinen Gruppe an der Weltspitze seines Fachs – und keineswegs nur im „Barockghetto“, wie er es selbst einmal genannt hat: George Benjamin oder Toshio Hosokawa haben für ihn komponiert, in Wien war er zuletzt im Theater an der Wien als ungemein berührender Oberon in Benjamin Brittens „Midsummer Night’s Dream“ zu erleben. Künstlerinnen wie Arleen Augér und Christa Ludwig sind seine sängerischen Vorbilder, an denen er die Verbindung von ehrlicher Reife und großer Erfahrung schätzt. Und dass er seit einiger Zeit auch – wieder – dirigiert, im Konzertsaal ebenso wie im Plattenstudio, ist nicht als fließender Übergang in eine Karrierephase nach dem Gesang gedacht, sondern nur eine natürliche Facette im Interpretieren von Musik. Dass nach langer Zeit und einem krankheitshalber ausgefallenen Projekt im Vorjahr jetzt Mehta und Mehta wieder gemeinsam auf der Bühne stehen können, der singende Bejun und der dirigierende Zubin, noch dazu mit Musik von Mozart und den Wiener Philharmonikern im Musikverein, verspricht Besonderes. Sehr viele leere Sitze wird es da wohl nicht geben.

Walter Weidringer

Mag. Walter Weidringer lebt als Musikwissenschaftler, freier Musikpublizist und Kritiker (Die Presse) in Wien.