Die Transparenz des Interpreten

Philippe Herreweghe 

Johann Sebastian Bach ist für Philippe Herreweghe zweifellos das A und O der Musik – gerade auch deshalb, weil der Horizont des Alte-Musik-Pioniers in mehrere Richtungen über ihn hinausreicht. Ein kleines Porträt des großen Dirigenten anlässlich einer Aufführung von Bachs h-Moll-Messe im Goldenen Saal.

Er war ungefähr zehn Jahre alt, als er Bachs h-Moll-Messe entdeckte: in seiner Heimatstadt Gent mit ihrer lebendigen Chorkultur, die größtenteils von sehr umtriebigen Laien getragen wurde. Für den 1947 geborenen Sohn eines Arztes war es wohl eine ganz selbstverständliche Perspektive, selbst einen bürgerlichen Beruf zu ergreifen und sich nebenbei der Kunst zu widmen. Durch die Mutter kam allerdings immer schon Musik ins Spiel, wie es in guten bürgerlichen Häusern üblich war. Die Töchter betätigten sich alle auf dem Klavier, und zwar auf recht hohem Niveau, Philippes Mutter besaß einen Pleyel-Flügel, unter dem der Bub im Alter von zwei oder drei Jahren schlief. Anlässlich seines 70. Geburtstags erinnerte sich Herreweghe daran, er habe „buchstäblich vor dem Klavier seine Wohnstatt aufgeschlagen“. 

Der Goldene Schnitt 

Dies und viel mehr ist in jener Publikation zu erfahren, die 2017 im Label „phi“ erschien, jener Plattenmarke, die der Dirigent sieben Jahre zuvor ins Leben gerufen hatte, um seine Aufnahmen unabhängig weiterführen zu können. Viel Symbolik liegt darin:  „phi“ ist nicht nur eine Abkürzung seines Vornamens, sondern auch der griechische Buchstabe, mit dem der Goldene Schnitt bezeichnet wird – für den Musikdenker ein Zeichen dafür, wie wichtig ihm in jedem Werk der architektonische Bau ist. Er- öffnet wurde die Reihe mit Mahlers Vierter Symphonie, und für jene, die vor allem Alte Musik erwarten, hält der Katalog noch die eine oder andere weitere Überraschung bereit. In der erwähnten Jubliläumsedition finden sich neben Mahler außerdem Werke von Igor Strawinsky, Antonín Dvorˇák und Hector Berlioz sowie von Ludwig van Beethoven, Carlo Gesualdo und Bach.  Die bemerkenswerte Edition beinhaltet auch ein bemerkenswertes Gespräch – Sukkus aus zehn Stunden Unterhaltung – mit dem belgischen Radio- Journalisten Camille De Rijck, der von einem „eindrucksvollen Monolog“, von „unkontrolliert her- vorquellenden Gedankenströmen“ berichtet, die in nuce das gesamte Universum des Philippe Herreweghe durchschreiten. Als die vorliegende Nummer der „Musikfreunde“ vorbereitet wurde, befand sich der Musiker zwischen wie immer eng beieinander- liegenden Konzertauftritten gerade bei einer intensiven Meisterklasse in London und entschuldigte sich sehr freundlich, einfach keine Zeit für die Beantwortung von Fragen aufbringen zu können. Volle Terminkalender mindestens drei Jahre im Voraus und dichte Tagespläne von früh bis spät gehören zu seinem Alltag.     

Prägende Zeit 

Ob er sich das als Bub und junger Mann jemals so vorgestellt hätte? Mit acht war er schon von Bruckner und anderem symphonischem Repertoire fasziniert gewesen und dirigierte dann zu Hause mit dem Bleistift zum Radio, mit zwölf kam er in die Klavierklasse am Konservatorium seiner Heimatstadt und studierte vor allem das große romantische Repertoire. Dennoch blieb er noch jahrelang auf dem vorgezeichneten Weg. Er erlebte eine prägende Zeit an einer Jesuitenschule mit einem professionell geleiteten Chor, der täglich probte, und alljährlichen Theateraufführungen, studierte jedoch neben Klavier (sowie Cembalo und Orgel) Medizin und Psychiatrie. Heute erwähnt er gerne, dass das Dirigieren der einzige Beruf sei, den er nicht studiert habe. Auf seine medizinischen Erfahrungen angesprochen, sagte er einmal gegenüber Florian Schär: „Psychiatrie ist der Umgang mit kranken Leuten, Dirigieren ist der Umgang mit komplizierten Leuten!“ 

Von der Leidenschaft gepackt 

De Rijck erzählte er, dass er seinen Vater während Urlauben in dessen Praxis vertreten und dabei in drei Wochen so viel verdient habe, dass er als Musiker unter bescheidenen Verhältnissen ein ganzes Jahr das Auslangen finden konnte. Denn da hatte ihn die Leidenschaft bereits gepackt: Während seines Studiums am Konservatorium Lüttich lebte er bei der Familie des Komponisten Henri Pousseur, begegnete unter anderem Pierre Boulez und veranstaltete Konzerte, die die Parallelen zwischen Alter und Neuer Musik aufzeigen sollten.  Im Umfeld der 1968er-Revolution rief er zur „Ausradierung der bürgerlichen Musik“ auf (und ist heute noch der Meinung, dass „Kunst in all ihren Formen zwangsläufig Protest ist“). Zugleich schätzte und engagierte er die etablierten Meister der Aufführungspraxis sehr, etwa Gustav Leonhart (dessen Meinung, nach Mozart gäbe es keine gute Musik mehr, er gern durch den Kakao zieht). 

Nach allen Seiten offen 

1970 gründete er das bis heute hochaktive Collegium Vocale Gent und wurde bald für die legendäre Gesamtaufnahme von Bachs Kantatenwerk von Gustav Leonhart und Nikolaus Harnoncourt engagiert. Doch wollte er einer Schubladisierung immer schon entgehen: „Diese Scheuklappen haben mich immer betrübt – das Leben ist doch so vielfältig. Selbst Bach, dessen Musik so reich, so großartig und genial ist, kann meiner Meinung nach einem Künstler nicht ein ganzes Leben lang als ausschließliche musikalische Nahrung dienen.“ Die Überzeugung, man müsse nach allen Seiten offen sein, lebte Herreweghe stets: sei es die Beschäftigung mit der Wiener Schule oder anderen Komponisten der Moderne, sei es seine Liebe zur Literatur, auch zur zeitgenössischen. Diese Öffnung war auch von einem konsequenten künstlerischen Weg begleitet, der den bekennenden gläubigen Skeptiker Schritt für Schritt zu mehreren Orchestergründungen führte und dann auch zur Leitung zahlreicher weiterer Klangkörper – mit der steten Tendenz, das Repertoire auszuweiten, das um 1580 beginnt und bis weit in die Moderne reicht. 

Das Ideal 

Genaues Studium der Quellen ist selbstverständlich, obwohl Herreweghe bescheiden anmerkt, die wahren Pioniere seien für ihn oft in der Musikwissenschaft zu finden gewesen, er selbst hätte „nur“ deren Erkenntnisse für sich ausgewertet. Seine Vorliebe für Originalinstrumente könnte man als fundamental, aber nicht fundamentalistisch bezeichnen.  „Wie es gewesen ist, wird man nie genau wissen“, sagte er einmal zu Tobias Pfleger.  Dementsprechend undogmatisch kann er bei aller grundsätzlichen Genauigkeit verfahren und etwa einmal die These, Bachs Werk und also auch die h-Moll-Messe würde man am besten mit einem solistisch besetzten Chor aufführen, im selben Zusammenhang ganz salopp als „Quatsch“ bezeichnen. Bei aller genauen Kenntnis Alter Musik ist bei seinen Aufführungen stets zu erleben, dass sich Herreweghes Welt weder in ihr erschöpft noch einzig um sie kreist.  Und etwas Weiteres kann man ebenso erleben, wenn man einer seiner Aufführungen beiwohnt: dass es das Ziel des Dirigenten ist, sich selbst zurückzuhalten und sich möglichst gar nicht wahrnehmbar zu machen: „Mein Ideal ist die Transparenz des Interpreten.“ 

Daniel Ender 

Der Musikwissenschaftler und -journalist Dr. Daniel Ender verfasste Monographien über Richard Strauss und Beat Furrer sowie zahlreiche Aufsätze, lehrte an verschiedenen Universitäten und schreibt regelmäßig für den „Standard“ sowie die „Neue Zürcher Zeitung“. Seit 2015 arbeitet er für die Alban Berg Stiftung, seit Oktober 2018 als Generalsekretär.