Der sehr Freundliche

Yo-Yo Ma

Legendäre Fernsehauftritte, UN-Friedensbotschafter und 18-facher Grammy-Gewinner: Was gibt es über Yo-Yo Ma, weit über das Violoncello hinaus, nicht alles zu erzählen! Wer ihn als Musiker erleben mag: Am 28. Mai spielt er die sechs Solosuiten von Johann Sebastian Bach im Großen Musikvereinssaal. Ein Konzert, das auch eine universale Botschaft vermittelt. 

Als er vor den Präsidenten Dwight D. Eisenhower und John F. Kennedy auftritt, ist er sieben. Bei seinem Debüt in der New Yorker Carnegie Hall ist er acht. Der Cellist Yo-Yo Ma war eines dieser faszinierenden Wunderkinder. Noch dazu eines, das über exzellente Verbindungen verfügte: „Isaac Stern, mit dem ich später oft auftrat und der ein guter Freund werden sollte, war damals Präsident der Carnegie Hall“, erzählt der 63-Jährige. „Seine Kinder, meine Schwester und ich besuchten dieselbe Schule. Mein Vater gab Isaacs Kindern Violinunterricht. Es war ein Schulkonzert geplant, und man kam überein, dass man doch einfach die Carnegie Hall dafür nutzen könnte.“ Denn auch Wunderkindern schadet es nicht, wenn die Eltern vom Fach sind. Yo-Yo Mas Vater war Geiger, Dirigent und Musikprofessor, die Mutter ausgebildete Sängerin. Beide lebten seit den dreißiger Jahren als chinesische Emigranten in Paris, wo 1955 auch der Sohn geboren wird. Sieben Jahre später zieht die Familie in den Big Apple. Kleine Musikgenies werden in den 1960ern noch vergöttert, nicht hinterfragt. Yehudi Menuhin, Leon Fleisher, Yefim Bronfman – der Klassikbetrieb nimmt den höchstbegabten Nachwuchs freudig in die Arme. Und reicht ihn beflissen durch die Medien. Yo-Yo Ma etwa hat dann mit neun auch einen Auftritt in der berühmten „Tonight Show“. 

Das allergrößte Wunder

Kein Schriftsteller hat übrigens die sanfte Erbarmungslosigkeit des Sich-Aneignens eines solchen Kindes durch Erwachsene so hintersinnig formuliert wie Thomas Mann in seiner Erzählung „Das Wunderkind“: „Er sieht aus, als sei er neun Jahre alt, zählt aber erst acht und wird für siebenjährig ausgegeben.“ Die Pubertät ist dann bei allen Mini-Genies die Sollbruchstelle. Franz Liszt hatte mit 17 einen Nerven¬zusammen¬bruch, gefolgt von einer mehrjährigen Depression. Die Geigerin Midori war als junge Frau ebenfalls depressiv, Magersucht und Tablettenabhängigkeit kamen noch hinzu. Die Reihe solcher Beispiele ließe sich beliebig fortsetzen.  Yo-Yo Ma jedoch hat es geschafft. Und das ist womöglich das allergrößte Wunder. Denn auf der Schwelle zum Erwachsensein passiert bei ihm: nichts. Sein Leben läuft einfach unaufgeregt weiter. Seinen Studienabschluss macht er zwar schon mit 15, mit 19 geht er aber doch noch einmal an die weltberühmte Juilliard School – wo er Emanuel Ax begegnet und ihre lebenslange Freundschaft beginnt – und nach Harvard. Dort absolviert er eine Art Studium generale, hört Vorlesungen in Anthropologie, besucht Seminare in Germanistik und erwirbt einen B.A. in Kunstgeschichte. 21 ist er da. Im Anschluss daran beginnt er sein Künstlerleben als Solist, das ihn innerhalb von ein paar Jahren in den musikalischen Olymp führen wird. 

Irisierend wie intensiv

Kritiker rühmen sein Spiel seitdem unablässig als elegant, sinnlich und formvollendet, als ebenso irisierend wie intensiv. Sie bewundern seine einzigartige Bogenführung und die enorme Fingerfertigkeit seiner linken Hand. Wie er aus einem Vibrato mühelos einen Triller erzeugen kann! Wie er einen Ton erst schweben, dann schwingen lässt! Wie er durch präzise Körperbewegungen klangliche Akzente setzt! Für nicht wenige Experten ist Yo-Yo Ma der beste Cellist der Welt. Doch technische Perfektion ist das eine – Seele das andere. Entscheidend sei, was zwischen den Noten steht, sagt er immer wieder. Ein Ringen um Wahrheit statt um Schönheit – vielleicht ist es das, was sein Spiel so berührend macht? Sein Instrument dafür ist seit Ende der 1980er Jahre das Davidov-Stradivarius-Cello von 1712. Es hat zuvor Jacqueline du Pré gehört und befindet sich heute im Besitz des Luxuskonzerns Moët Hennessy Louis Vuitton (LVMH). Wie er es spielt? Sanft. „Je mehr man es attackiert, desto weniger gibt es dir zurück“, hat er früher einmal gesagt. 

Licht und Erkenntnis

Einer der wenigen Weltstars der Klassik ist er heute. 18 Grammys stehen mittlerweile daheim in Cambridge, Massachusetts, im Regal. Selbst Menschen, die sich nicht für Bach, Brahms und Co interessieren, kennen seinen Namen. Vielleicht auch, weil er vom „People“-Magazin einmal zum „Sexiest Musician Alive“ gekürt wurde. Was für den Vater zweier erwachsener Kinder – Tochter Emily ist Juristin, Sohn Nicholas Filmproduzent – zwar überaus unwichtig ist, ihn aber trotzdem freut. Lustvoll überschreitet er immer wieder alle Grenzen. Er war sich nicht zu schade, mehrfach neben Bibo in der „Sesamstraße“ aufzutreten. Oder in einer Weihnachtsepisode der US-Erfolgsserie „The West Wing“ zu erscheinen. Oder die Filmmusik zu Ang Lees „Crouching Tiger, Hidden Dragon“ einzuspielen. Sich amerikanischer Folk Music – genauer gesagt: der Bluegrass Music – zu widmen, Samba und Piazzolla-Tangos aufzunehmen und mit Bobby McFerrin zu jazzen. Warum er all dem Zeit und Raum gegeben hat? Schlichte Antwort: Weil er es mag. Weil er die Vielfalt schätzt. Und immer weiter lernen will, neue Erfahrungen machen möchte. Sein Credo: „Wir alle sind Kinder der Aufklärung und sollten so viel Licht und Erkenntnis in uns hineinlassen wie möglich.“ 

Interkultureller Einsatz

Keine Überraschung deshalb auch, dass er vor nunmehr 20 Jahren auf eine sehr besondere Idee kam: ein interkulturelles Projekt ins Leben zu rufen, das – ähnlich wie einst die historische Seidenstraße – China mit dem Westen verbinden sollte. „Silk Road Ensemble“ nannte er es; bis heute haben, in wechselnder Besetzung, rund 60 Solisten aus mehr als 20 Nationen mitgewirkt und in 34 Ländern gastiert. Längst ist aus der Liebhaberformation eine professionell arbeitende Non-Profit-Organisation geworden, die nicht nur jede Form von Weltmusik in die Schulen – und zentralasiatische Opern in die US-Konzertsäle – bringt, sondern auch Kompositionen in Auftrag gibt und interkulturelle künstlerische Zusammenarbeit finanziell fördert. Sein intensives persönliches Engagement dafür ist übrigens einer der Gründe, warum der 63-Jährige in Europa seit einiger Zeit etwas weniger zu hören ist. Ein weiterer: Sein Einsatz als UN-Friedensbotschafter. Unermüdlich spricht Yo-Yo Ma – dessen Vorname übersetzt „der sehr Freundliche“ heißt – in Interviews stets nach kurzer Zeit die großen Themen der Gegenwart an: Flucht, Vertreibung, Migration, Fremdenhass. Und erzählt dabei auch von sich, dem Emigrantenkind. Denn was ihn schon als Schüler verwirrt hat, als er selber zwischen der chinesischen, europäischen und amerikanischen Lebensart pendelte: „Jeder behauptete, seine Kultur sei die beste – so ein blöder, unsinniger Streit! Ich war sensibel genug, schnell zu erkennen, wie widersprüchlich die Behauptung war, die ultimative Wahrheit zu kennen. Leider denken die Menschen immer noch so, dass eine Kultur besser sei als die andere.“ Hanebüchener Unsinn. Und genau deshalb wird er mit all seiner Energie weiterhin dagegen sprechen. Und: spielen. 

Eine Reise mit Bach

Wenn Yo-Yo Ma sich nun den sechs Solosuiten von Johann Sebastian Bach widmet, dann ist auch das mehr als ein reines Konzertprojekt. Nach sechs Jahrzehnten inniger Beschäftigung mit Bachs Musik reist Yo-Yo Ma mit den sechs Suiten in 6 x 6 Städte rund um den Globus. Dabei möchte er auch spürbar machen, wie sehr Bachs Musik gesellschaftliche Beziehungen stiften kann. „In einer Zeit, in der soziale Kommunikation so oft auf Trennung hinausläuft“, meint Yo-Yo Ma, könne „Bachs Fähigkeit, zur menschlichen Gemeinschaft zu sprechen“ gerade jetzt ihr Potenzial entfalten. „My hope is that together we can use Bach’s music to start a bigger conversation about the culture of us.“ Der Satz lässt im englischen Original offen, was sich im Deutschen allzu leicht einengt. „The culture of us“ ist mehr als „unsere Kultur“ – eine Verbindung von Identität und Aufgeschlossenheit, für die Yo-Yo Ma als Künstler und Humanist der ideale Botschafter ist.

Margot Weber
Margot Weber lebt als Journalistin in München

„Jeder behauptete, seine Kultur sei die beste – so ein blöder, unsinniger Streit! Ich war sensibel genug, schnell zu erkennen, wie widersprüchlich die Behauptung war, die ultimative Wahrheit zu kennen. Leider denken die Menschen immer noch so, dass eine Kultur besser sei als die andere.“ - Yo-Yo Ma