Unter Freunden

Elena Bashkirova und das Jerusalem Chamber Music Festival Ensemble

Seit zwei Jahrzehnten treffen beim Jerusalem Chamber Music Festival auf Einladung der Pianistin Elena Bashkirova als Festivalleiterin jeden September einige der bedeutendsten Musikschaffenden aufeinander. Mitte März gastiert das festivaleigene Ensemble im Brahms-Saal. 

In diesen ockerfarbenen weichen Sofas werden sie wohl gelegentlich spätabends sitzen, die vielen wirklich großen Musikerinnen und Musiker, die Elena Bashkirova seit Jahrzehnten ihre Freunde nennt und die alle irgendwann einmal in Berlin vorbeikommen. Ob es Bekannte sind, die ihr Ehemann Daniel Barenboim kennengelernt hat oder die Pianistin selbst, ist vermutlich nicht mehr zu trennen. Knarzendes altes Fischgrätparkett, orientalische Teppiche, im Hintergrund eine Bücherwand, deren Bretter sich unter der Last ihrer bildungsbürgerlichen Inhalte biegen: Es ist das Wohnzimmer einer geräumigen grauen Villa, die im Südwesten Berlins wie selbstverständlich versteckt hinter hohen Hecken und einer alten Mauer liegt.  Bashkirova hat das ernste und unprätentiöse Haus von 1929 einst für die Familie ausgesucht, als sie mit Barenboim 1992 zu seinem Antritt als Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden nach Berlin zog. In den Kissen hängt der Duft von Barenboims Havannas, an der Wand eine antike Landkarte von Palästina, Stadtansichten von Jerusalem in Form von historischen Stichen, Bilder des alten Israel. 

Inmitten der Spannungen

Das Heimatland von Elena Bashkirova ist Russland, dort studierte sie als Schülerin des Meisterpianisten Dmitri Bashkirov, er ist ihr Vater. Israel kannte sie ursprünglich nur durch Barenboim und dessen dortige Verwandte. Der einst als Wunderkind Gehandelte hatte in den frühen Fünfzigern prägende Jahre seiner Kindheit in Tel Aviv verbracht. Später waren Bashkirova und Barenboim gemeinsam, nunmehr längst in Berlin beheimatet, als Gäste in Israel: Im Jahr 1996 beging dort das Israel Philharmonic Orchestra unter Zubin Mehta – übrigens auch so ein alter Freund der Familie – das Fünfzig-Jahre-Jubiläum des Orchesters. Mit einem Mal stand damals Elena Bashkirova im Mittelpunkt. Mehrere Bewohner Jerusalems, Musiker und Musikwissenschaftler, bestürmten sie in der Pause: Ob sie nicht ein Kammermusikfestival in Jerusalem gründen wolle? Es stand schon damals nicht gut um die ewige Stadt. „Jerusalem hatte immer diese unglaublichen Spannungen. Damals war es schlimm, und es ist bis heute immer schlimmer geworden“, sagt Bashkirova. Es war einige Jahre vor Beginn der zweiten Intifada. Ein befreundeter Flötist aus der Stadt habe ihr von der Angst erzählt, die unter den Bewohnern umging: dass jeder Bus, hinter welchem man mit dem Auto herfahre, jederzeit in die Luft gehen könne. Das war neu, selbst für diese Region. „Immer mehr Leute verließen die Stadt, auch die Kulturinstitutionen blieben teilweise nicht erhalten.“ Außer Museen und Denkmälern. „Alles, was tot ist, ist gut aufgehoben. Nur die lebendige Kultur wird immer mehr reduziert. Und dann haben einige in dieser Konzertpause gesagt: Warum machst du hier nicht ein Kammermusikfest?“ 

Für alle offen

Das alles ist nun 22 Jahre her, das Festival feierte im vergangenen September sein zwanzigjähriges Bestehen. „Wir haben es kurz im Programmheft erwähnt. Eine große Gala hätte nicht gepasst“, sagt Elena Bashkirova und lacht. Für sie ist das Jerusalemer Festival wie eine erweiterte Familie, etwas Intimes, wiewohl es für alle offen ist und auch nicht teuer. Die große, repräsentative, auch einmal politische Geste lag ihr nie so sehr wie ihrem Mann. In unauffälliger Hauskleidung und doch nicht ohne Alltagseleganz sitzt Bashkirova in den Tiefen ihres ockerfarbenen Sofas – ein knalloranges Tigerkissen scheint das Enkelkind hineingeschmuggelt zu haben – und erinnert sich.  Vom zweiten Teil des Israel-Philharmonic-Festkonzerts bekam sie damals, 1996, nicht mehr viel mit. In ihrem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Ein wenig Erfahrung mit dem Programmieren von Musik¬festen besaß sie, hatte sie doch einst an der Konzertdramaturgie des berühmten Kammermusikfestes Lockenhaus um ihren damaligen Ehemann Gidon Kremer mitgewirkt. Der Einwand, dass sie doch in der Stadt fremd sei, hatte für die Jerusalemer Freunde nicht gezählt. Sie sagten: Umso besser. 

Ausschließlich Zusagen

„Sie meinten sogar, es sei wichtig, dass jemand von außerhalb so etwas machen würde. Heute weiß ich, dass sie recht hatten. Die Idee war, frisches Blut in die Kulturszene der Stadt zu bringen. Das habe ich verstanden. Ich saß weiter in diesem Konzert und habe angefangen zu denken: Was wäre, wenn? Nach dem Konzert bin ich hinter die Bühne gegangen und habe dort Mischa Maisky, Yefim Bronfman und Itzhak Perlman getroffen. Ich habe sie gefragt: Wenn hier so etwas zustande käme, würdet ihr kommen? Materiell und in Bezug auf eure Karriere kann es für euch nicht interessant sein. Ich könnte euch nichts zahlen. Es wäre nur, um den Menschen hier in Jerusalem etwas zu bieten.“ Die drei, jeder Einzelne von ihnen damals schon beziehungsweise noch ein international gefragter Ausnahmesolist, waren sofort interessiert. Ebenso die Solisten großer Orchester, die Bashkirova in der Folge anrief und ebenfalls anregte, am neuen Jerusalem Chamber Music Festival mitzuwirken. Es gab ausschließlich Zusagen, einen starken Willen, wieder Kultur nach Jerusalem zu bringen – in eine Stadt, die drohte, zwischen religiösem Fanatismus, Militäraktionen und politischer Symbolhaftigkeit erstickt zu werden. Auch die französischen Spitzenmusiker Pascal Moraguès und Gérard Caussé, die mit Elena Bashkirova und ihrem Sohn Michael Barenboim im Wiener Musikverein als „Jerusalem Chamber Music Festival Ensemble“ auftreten werden, sind seit der ersten Stunde in Jerusalem dabei und regelmäßig wiedergekehrt. 

Familienbande

Mittlerweile hat sich die Zusammenarbeit solcher altgedienter Musiker wie Caussé und Pascal Moraguès, die Bashkirova noch aus ihrer Pariser Zeit kennt, mit sehr jungen Interpreten beim Jerusalem Chamber Music Festival etabliert. Die heute weltweit gefeierten Streicherbrüder Renaud und Gautier Capuçon seien ebenso als sehr junge Männer erstmals nach Jerusalem gekommen wie der Geiger Nikolaj Szeps-Znaider. Dass solche sehr jungen Musiker auf das Festival aufmerksam werden und Bashkirova auf die Musiker, liegt wieder einmal, wenn nicht an den reichen Kontakten zu Barenboims Berliner Staatskapelle, an Bashkirovas Familienbanden – vor allem im Fall der Pianisten. Weiterhin gibt ihr mittlerweile 88-jähriger Vater Dmitri Bashkirov seine Meisterkurse, zum Beispiel in Deutschland. Er hat ein ums andere Mal einen heißen Pianistentipp für seine Tochter, die Festivalleiterin, die mittlerweile alljährlich auch „Intonations“ im Lichthof des Jüdischen Museums Berlin veranstaltet – die deutsche Ausgabe des Jerusalemer Kammermusik-Originals.   

Kultur und Neugierde

„Ob wir in Berlin überhaupt ein Publikum finden – da hatte ich meine Zweifel. Die Leute hier haben doch eigentlich gar keine Zeit, überall hinzugehen. Ich selbst weiß oft gar nicht, was kulturell alles passiert. Sie sind ... ich sage nicht verwöhnter, aber sie haben mehr Möglichkeiten.“ Für die Besucher in Jerusalem dagegen sei Bashkirovas Kammermusikfestival existenziell – das spürt sie, und es befeuert sie, immer weiterzumachen, auch in politisch immer unsicheren Zeiten. „In den ersten Jahren gab es noch eine Generation von Besuchern, die heute nicht mehr da ist – Europäer, die während des Krieges oder kurz danach eingewandert sind, viele davon Überlebende des Holocaust.“ Bashkirova und ihre Gefährten fragten sich zu Beginn oft: Wie neuartig, wie experimentell kann man vor diesem Auditorium in der altmodischen YMCA-Halle in Jerusalem werden? Wie weit kann man bei diesen alten Menschen gehen? Doch diese Menschen kannten die europäische Musikkultur – auch ihren Anspruch, die Musiksprache stetig zu verändern, voranzugehen. „Es waren Menschen mit großer Kultur und Neugierde“, erinnert sich Elena Bashkirova. „Ab 2003 haben wir auch ,Ausgrabungen‘ und Uraufführungen gespielt. Es waren teilweise für das Publikum unglaublich schwierige Programme – etwa als Pierre Boulez 2005 seinen achtzigsten Geburtstag feierte, haben wir Werke von ihm aufgeführt. Daneben Elliott Carter, aber auch Stücke von ganz jungen Komponisten. Nach den Konzerten, in denen wir teilweise auch Stücke wiederholt und erläutert haben, kamen sie zu uns. Sie sagten, sie würden das alles unbedingt verstehen wollen, es sei aber so neu für sie. Und wir sollten unbedingt damit weitermachen. Es war rührend. Viele von ihnen sind nun nicht mehr da.“   

„Alles, was tot ist, ist gut aufgehoben. Nur die lebendige Kultur wird immer mehr reduziert." Elena Bashkirova 

Der Blick der Fremden

Die „neuen Alten“, wie Elena Bashkirova sie nennt, seien da nicht mehr ganz so aufgeschlossen – doch das Team hat kaum etwas verändert: Repertoirestücke in verschiedenen Besetzungen, dann Neues und Unbekanntes und dann wieder nur teilweise Bekanntes. Ein „Clubsandwich-Programm“. Bashkirova grinst. Ihren Ehemann sieht man in Jerusalem nicht zum Festival. „Es ist sein Land, es sind seine Landsleute. Und gerade deshalb tut es ihm so weh, wie sich dieser Staat seit seiner Kindheit verändert hat.“ Man erinnert sich: In der Knesset wurde schon diskutiert, Barenboim aufgrund seiner Kritik an der israelischen Besatzungspolitik zur Persona non grata zu erklären. „Aus seiner Sicht ist es richtig, nicht mehr dorthin zu fahren. Aber ich kann das anders sehen. Ich bin dort eine Fremde.“ Eine Fremde mit vielen musikalischen Freunden.  Für diesen Herbst macht Elena Bashkirova gerade ihre Listen fertig. Kolja Blacher, András Schiff. Vielleicht kommt sogar Martha Argerich wieder einmal nach Israel. Der Duft der großen weiten Musikwelt. Elena Bashkirova hat Jerusalem kulturell durchlüftet.

Matthias Nöther
Dr. Matthias Nöther ist Kulturjournalist in Berlin.