Mit Feuereifer 

Der Dirigent Jonathan Nott 

Beim traditionsreichen Orchestre de la Suisse Romande hat unter seiner Leitung soeben eine vielversprechende Ära begonnen. Und auch sonst ist Jonathan Nott als Dirigent der etablierten Orchester weltweit gefragt. Eine große Leidenschaft des Briten aber gehört der Arbeit mit den Jungen. Im März gastiert er mit dem Gustav Mahler Jugendorchester im Musikverein. 

Noch in der Generalprobe wird an Details gefeilt. Ein letztes Mal justiert der Dirigent die klangliche Balance, da und dort bittet er um Schärfungen im Rhythmischen. Vielsprachig wendet er sich an seine Umgebung: auf Französisch, auf Englisch, auf Deutsch. Und in kollegial verbindlichem Ton tut er es, obwohl die Zeit knapp ist; kurz und präzis sind die Sätze, wenn auch nicht ohne eine Prise Humor. Die Musikerinnen und Musiker haben sich trotz früher Stunde in Frack und Robe gestürzt, denn die Probe wird vom Fernsehen aufgezeichnet. Wir sind in jener Festwoche, mit der das Orchestre de la Suisse Romande das Jubiläum seines hundertjährigen Bestehens feiert. Fünf Konzerte mit drei Programmen sind innerhalb von fünf Tagen angesagt – da sind alle Kräfte gefordert, gerade die von Jonathan Nott. Als Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des Genfer Orchesters seit Anfang 2017 lässt der 57-jährige Brite spüren, wie er unter Strom steht. 

Hellwach in die Zukunft

Mit dem Amtsantritt von Jonathan Nott ist ein neuer Geist beim Orchestre de la Suisse Romande eingezogen. Hellwach wirkt das Orchester, das fast fünfzig Jahre lang von seinem Gründer Ernest Ansermet geleitet wurde und danach lauter wenig glückliche Zwischenspiele am Chefpult erlebte – mit Ausnahme jenes guten Jahrzehnts, das die Genfer mit Armin Jordan verbrachten, dem Vater des künftigen Musikdirektors an der Wiener Staatsoper. Man ersehnt eine neue Ära und legt sich dafür ins Zeug. Die Chancen, dass sie anbricht, stehen nicht schlecht. Nott weiß genau, was er will, überdies hat er sich auch schon sehr in der Tradition des Orchesters eingelebt. Eines genuin französischen Orchesters, dessen hellen Klang und dessen Erfahrung im Bereich des Impressionismus er sorgfältig pflegen will. Zugleich aber will er den Gesichtskreis Schritt für Schritt erweitern, will er der Musik der Gegenwart mehr Aufmerksamkeit schenken und das klassisch-romantische Repertoire deutsch-österreichischer Herkunft neu erschließen – nicht zuletzt durch einen Klang, in dem sich das Romanische und das Nördliche in einer spezifischen Weise verbinden. Ganz unbekannt ist der Ansatz in Genf zwar nicht; mit Jonathan Nott könnte er jedoch Wirklichkeit werden. 

Transparenz und Sinnlichkeit

Denn das ist es genau, was Nott vermag. Auch aus den Bamberger Symphonikern, denen er zwischen 2000 und 2016 als Chefdirigent verbunden war, hat er ein anderes Orchester gemacht. Er konsolidierte den deutschen, in der Tiefe verwurzelten Klang, den große Vorgänger wie Joseph Keilberth und Horst Stein ausgebildet haben. Und er verstärkte die Hinwendung der Bamberger zur Neuen Musik. Uraufführungen von Auftragskompositionen waren keine Seltenheit, im Zeitgenössischen wurde aber auch das Repertoire gepflegt. Davon zeugt das Projekt der Gesamtaufführung (und Gesamtaufnahme) der Symphonien Franz Schuberts, zu denen unter dem Titel „Schubert-Epilog“ Weiterführungen von Klängen Schuberts in Werke aus unseren Tagen traten. Einen besonderen Akzent setzte in den eineinhalb Jahrzehnten, die Nott an der Spitze der Bamberger Symphoniker verbrachte, die Pflege der Musik Gustav Mahlers; sie führte zu einer vielbeachteten Einspielung der Symphonien. Zu hören ist dort, wie sehr sich Nott die klangliche Transparenz, die Pierre Boulez oder Michael Gielen in ihren Mahler-Interpretationen so eindrücklich entwickelt hatten, zu eigen gemacht hat, wie er zugleich aber eine klangliche Sinnlichkeit, ja eine Körperlichkeit walten lassen kann, die sich zu einem eigentlichen der Markenzeichen des Dirigenten entwickelt hat. Besonders eindringlich kam das zum Ausdruck, als Nott mit den Bambergern und einem erlesenen Vokalensemble beim Lucerne Festival des Sommers 2013 den „Ring des Nibelungen“ Richard Wagners zu einer stark akklamierten Aufführung brachte. 

Nouvelles aventures

In Luzern, da befand sich Jonathan Nott sozusagen auf heimischem Boden. In Solihull, in der Nähe von Birmingham aufgewachsen, in Cambridge, Manchester und London zum Sänger, Flötisten und Dirigenten ausgebildet, kam Nott nach Lehrjahren in Frankfurt am Main und Wiesbaden 1997 als Musikdirektor ans Stadttheater Luzern und als Chefdirigent zum Luzerner Sinfonieorchester. Das klingt vielleicht nach einem Schritt in die Provinz, war in Wirklichkeit aber ein bedeutsamer Moment. Im Sommer 1998 wurde nämlich das Kultur- und Kongresszentrum Luzern eröffnet, ein spektakulärer Neubau des französischen Architekten Jean Nouvel. Sein Herzstück bildet der steil in die Höhe gezogene Konzertsaal mit seinen gut 1800 Plätzen, für den Russell Johnson eine neuartige, weil im Nachhall variable Akustik entworfen hat. In diese „Salle blanche“ mit ihren zum Teil beweglichen Wänden zog nicht nur das Lucerne Festival ein, sondern auch das Luzerner Sinfonieorchester, das zum Residenzorchester des neuen Hauses wurde. Auf einen Schlag sah sich das kleine, in den Jahren darauf jedoch erheblich vergrößerte Orchester mit ganz anderen Möglichkeiten, aber auch ganz anderen Anforderungen konfrontiert. Jonathan Nott packte den Stier mutig bei den Hörnern und führte das Orchester durch eine Strategie des Vorwärtsdenkens geradewegs in eine andere Liga. Nicht zuletzt half ihm dabei die Begabung, mit den Menschen um ihn herum, gerade auch mit seinem Publikum, ins Gespräch zu kommen. Als er 2002 weiterzog, wollte man ihn nicht gehen lassen. 

Boulez im Glück

Luzern, Bamberg, Genf, diese Wirkungsstätten benennen drei Schwerpunkte in Jonathan Notts bisheriger Laufbahn als Dirigent. Aber natürlich gab es auch eine ganze Reihe bedeutender Neben¬schauplätze – bedeutend darum, weil sich dort das Handwerk und die Ästhetik des Dirigenten weiter¬entwickelten. Mit Luzern und seinem Festival eng verbunden war seit der Jahrtausendwende das Ensemble Intercontemporain, dem Jonathan Nott von 2000 an als Chefdirigent verbunden war. Pierre Boulez, der diese wichtige Formation aus dem Bereich der Neuen Musik 1976 gegründet hatte, war ausgesprochen glücklich über Notts Arbeit mit dem Ensemble; demonstrativ schloss er den Dirigenten in die Arme, nachdem Nott im Luzerner Sommer 2002 mit dem Ensemble Boulez’ hochkomplexes Stück „Répons“ aufgeführt hatte. Weniger erbaut war Boulez über die Entscheidung Notts, 2003 vom Ensemble Intercontemporain Abschied zu nehmen und sich auf die Arbeit in Bamberg zu konzentrieren. 

Alte Musik und junger Geist

In gleicher Intensität wie mit der Neuen Musik beschäftigt sich Jonathan Nott mit der historisch informierten Aufführungspraxis. Dabei geht es ihm weniger um die sogenannten Originalinstrumente als um den Versuch, die Erkenntnisse der historischen Praxis in die eigene Arbeit zu übernehmen. Zum Beispiel bei Joseph Haydn. Als er Ende 2009 mit dem Tonhalle-Orchester Zürich Haydns „Trauersymphonie“ (e-Moll, Hob. I:44) aufführte, kam Nott zu einem von vielen Seiten als sensationell empfundenen Ergebnis. Das Zürcher Orchester wollte ihn dann aber gerade nicht als Chefdirigenten; seine insistente Arbeit stieß bei den Musikern auf mehr Ablehnung als Gegenliebe. Umso mehr lieben ihn die Jungen. Zum Beispiel das Gustav Mahler Jugend¬orchester, mit dem er für einen Auftritt im Wiener Goldenen Saal Mahlers Dritte erarbeitet, oder die Junge Deutsche Philharmonie, der er seit 2014 als Erster Dirigent und Künstlerischer Berater zur Verfügung steht. Gewiss, die Lebens¬erfahrung sei bei so jungen Musikern noch nicht da, sagt Nott; darum sei es nicht ganz einfach, zu Musik vorzustoßen, bei der es um letzte Dinge wie Liebe und Tod gehe – da müsse er, was ja eigentlich gerade nicht gehe, mit Worten nachhelfen. Als enorm belebend empfindet er dagegen den Feuereifer, mit dem sich die jungen Musikerinnen und Musiker der Sache hingeben. Wenn ein Energiebündel wie Jonathan Nott so spricht, will es etwas heißen.

Peter Hagmann
Der Organist und Musikologe Dr. Peter Hagmann wirkt seit 1972 als Musikkritiker. 1986 bis 2015 war er als solcher in der Feuilleton-Redaktion der „Neuen Zürcher Zeitung“ tätig. Unter dem Titel „Mittwochs um zwölf“ betreibt er heute auf www.peterhagmann.com einen Blog für Musikkritik.