Feuerwerk an zwei Klavieren

Katia und Marielle Labèque

Die Energie, die ihrem gemeinsamen Klavierspiel zu eigen ist, bezeichnen Katia und Marielle Labèque selbst als „ein Geschenk Gottes“. Ende März gastieren die französischen Schwestern mit Max Bruchs Konzert für zwei Klaviere und Orchester wieder im Musikverein. Alain Altinoglu dirigiert das Orchestre National de France.

Wenn sie die Bühne betreten, wird’s magisch. Die beiden Pianistinnen wirken zierlich in ihren schwarzen knielangen Designerröcken und den Stiefeletten mit hohen Absätzen. Dann setzen sich die Schwestern Katia und Marielle Labèque einander gegenüber, zwischen ihnen die zwei großen Steinway-Konzertflügel. Gebannt schauen sie einander an und legen los. Es entfaltet sich eine perkussive, rhythmisch sehr präzise Wucht, der Klang ist dennoch transparent, die Struktur sehr klar, und der Sog ihres virtuosen Miteinanders reißt einen unweigerlich vom Stuhl. Ihre energiegeladenen Ausbrüche und ihr hoch präzises Zusammenspiel sind in ihrer bereits mehr als 45 Jahre währenden Karriere sprichwörtlich geworden. Wie schaffen sie das? „Wir können es uns selber nicht erklären“, meint Katia Labèque im Gespräch, „diese Energie ist ein Geschenk Gottes.“

Gesprengte Grenzen

Was mit den beiden Flügeln während des Konzerts passiert, sprengt so manche Grenze. In den Programmen der Labèque-Schwestern findet man Maurice Ravel und Phil Glass, Scott Joplin und Johannes Brahms friedlich vereinigt – dabei trennen diese stilistisch Welten. Nicht so für die Labèques, die mit einer unbändigen Lust und Freude „Unmögliches“ verbinden und im Austausch mit experimentierfreudigen Künstlern zu neuen Ufern aufbrechen. Klassik, zeitgenössische Musik, Jazz und Rock, Video und Tanz – am liebsten gemischt in einem Programm. Unvergesslich ist ihr Auftritt im Wiener Sommernachtskonzert 2016 im Schlosspark Schönbrunn. Mehr als 100.000 Menschen erlebten mit, wie Katia und Marielle Labèque mit den Wiener Philharmonikern unter Semyon Bychkov zwei beliebte Klassiker für Klavierduo präsentierten: Francis Poulencs Konzert für zwei Klaviere und den „Karneval der Tiere“ von Camille Saint-Saëns. Mehr als 1,5 Millionen Zuschauer verfolgten weltweit die Übertragung im Fernsehen, in der Folge wurde das Konzert auf CD und DVD veröffentlicht.

Frischer Wind

Zwei Flügel haben aber auch in kleineren Räumen Platz, etwa in der eher intimen Alten Kirche des Künstlerhauses Boswil, einem profilierten Schweizer Konzertveranstalter. Hier begegnen wir einander Ende Oktober 2018 beim Piano4 Festival. „Natürlich passen wir unsere Programme den Raumverhältnissen an“, so Katia Labèque, „aber es spielt für uns keine Rolle, ob wir vor viel oder weniger Publikum auftreten.“ Was für das Duo jedoch immer zentral ist, sind die beiden Flügel. In Boswil musste der Veranstalter, der über zwei gute, aber unterschiedlich alte Steinway-Konzertflügel verfügt, eigens für die Labèques zwei neuere, in ihrer Brillanz übereinstimmende Steinways anmieten.Man kann die Labèque-Schwestern aber auch an sehr exotischen Auftrittsorten antreffen. Vergangenen Sommer eröffneten sie das Andermatt Swiss Alps Classics, zu dem sie dessen Künstlerischer Leiter Clemens Hellsberg, bis 2016 Primgeiger und langjähriger Vorstand der Wiener Philharmoniker, eingeladen hatte. Dafür wurden eigens zwei Flügel in die Mittelstation der neuen Nätschen-Gondelbahn transportiert – ein Klavierspektakel mitten in der imposanten Berglandschaft. Diesen frischen Wind haben Katia und Marielle Labèque auch in die großen klassischen Konzertsäle gebracht. 

Vorzüge der Unterschiedlichkeit

Erzogen worden sind die beiden Schwestern ganz klassisch. Ihre Mutter, die Pianistin Ada Cecchi, war gebürtige Italienerin und Schülerin der großen Marguerite Long. Die Schwestern Labèque haben sie sehr verehrt: „Von unserer Mutter haben wir die strenge Arbeits- und Übedisziplin mitbekommen.“ 1950 und 1952 in Bayonne an der baskischen Küste Frankreichs geboren, mussten die Labèque-Mädchen für ihr Klavierstudium nach Paris gehen, sie waren erst dreizehn und elf Jahre alt. „Das hat uns eng miteinander verbunden, Katia war als Ältere wie eine Mutter für mich“, erzählt Marielle Labèque dazu. „Aber es war sehr hart für uns wegzugehen von der baskischen Küste“, ergänzt Katia Labèque. „Wir liebten die Strände und das Meer. Paris war nicht unsere Stadt.“ Dennoch: Das Conservatoire in Paris, das beide als Solistinnen abgeschlossen haben, brachte die entscheidende Wende hin zum Klavierduo. Olivier Messaien hatte dort die Schwestern Labèque kennengelernt und auserkoren, seine „Visions de l’Amen“ für zwei Klaviere einzuspielen – ein schwieriges und visionäres Stück. „Dank dieser Aufnahme wurden wir quasi über Nacht in einschlägigen Kreisen bekannt“, erinnert sich Katia Labèque. „Ich glaube nicht, dass wir sonst auf die Idee eines Klavierduos gekommen wären.“ Von Beginn weg sei jedoch klar gewesen, wer von ihnen bei vierhändigen Stücken den Bass spielt. „Wir sind zwei unterschiedliche Typen. Marielle ist auch physisch kraftvoll am Klavier, sie ist viel stabiler als ich, liefert die Gründe und spielt die Bassstimme. Ich schwirre herum.“ 

Die Marke KML

Über Messiaen lernten die Labèques Luciano Berio kennen, mit dem sie zusammenarbeiteten, dann Pierre Boulez und über diesen György Ligeti – alles illustre Meister der Moderne. Zu einem wichtigen Meilenstein wurde die Begegnung mit Philip Glass, Jahrgang 1937, dem Altmeister der Minimal Music. Er hat einige Stücke für die Schwestern komponiert, darunter auch ein Konzert für zwei Klaviere und Orchester. Katia und Marielle Labèque haben sich intensiv mit der Entwicklung der Minimal Music beschäftigt. Weshalb gerade mit diesem Stil? „Der Minimalismus ist möglicherweise die größte Revolution in der Musik des 20. Jahrhunderts“, erklärt Katia Labèque, „weil er das Tor zu Rock, Pop und zu verschiedenen Arten der Filmproduktion aufstieß.“ Mit ihrer Doppel-CD „Minimalist Dream House“ hat das Labèque-Duo der Minimal Music in ihrer ganzen Bandbreite seine Referenz erwiesen. Überhaupt ist das „Zusammenarbeiten“ ein wichtiges Merkmal für die Inspiration und den Erfolg des Duos, wie Katia Labèque ausführt: „Wir sind es gewohnt, nicht nur zusammen, sondern auch mit anderen Musikern aufzutreten.“ Ein Geheimnis ihrer ungebrochenen Vitalität und Experimentierfreude ist sicher die 2005 gegründete KML-Stiftung. KML ist das Markenzeichen der Schwestern Katia und Marielle Labèque, die unter diesem Kürzel auch ein eigenes CD-Label lanciert haben. Ihre Begründung dafür ist interessant: „Zurzeit herrscht zu viel Individualismus in der Gesellschaft. Unsere Stiftung hat kein Geld, wir haben auch keine Sponsoren. Wir bringen Leute und Künstler aus unterschiedlichsten Sparten zusammen, damit sie voneinander lernen und zusammen experimentieren.“

In der Ewigen Stadt

Kommt dazu, dass die Schwestern Labèque nicht nur zusammen spielen, sie leben auch gemeinsam in einem großzügigen, von Stardesigner Axel Vervoordt eingerichteten alten Palazzo mitten in Rom. Mittlerweile haben sie in der Ewigen Stadt ein eigenes Atelier gebaut, in dem auch andere Künstler wohnen und arbeiten können. Musiker von Format sind auch die Partner der beiden. Marielle ist verheiratet mit dem Dirigenten Semyon Bychkov, der öfter Orchesterkonzerte mit dem Labèque-Duo dirigiert, Katias Partner ist der amerikanische E-Gitarrist und Komponist Davis Chalmin. Dessen eigens für das Duo Labèque entstandenes Tanzstück „Star-Cross’d Lovers“, komponiert nach Shakespeares „Romeo und Julia“ im Minimal-Stil, schlug ein wie eine Bombe! Es tanzten sieben Break-Dancer mit. Und die „ganz normale“ Klassik? Natürlich spielen die Schwestern Labèque regelmäßig die wenigen Highlights der klassischen Literatur für zwei Klaviere: Mendelssohns E-Dur- und Mozarts Es-Dur-Konzert KV 365 – das wohl populärste Konzert für zwei Klaviere und Orchester. Dazu kommt das originelle Konzert in d-Moll von Francis Poulenc, der „Karneval der Tiere“ von Camille Saint-Säens und Sergej Prokofiews „Peter und der Wolf“. 

 „Wir sind zwei unterschiedliche Typen. Marielle ist auch physisch kraftvoll am Klavier, sie ist viel stabiler als ich, liefert die Gründe und spielt die Bassstimme. Ich schwirre herum.“ Katia Labèque

Mitreißendes Ereignis

Neues haben sie aber auch im Klassischen entdeckt: etwa das Konzert für zwei Klaviere von Max Bruch in der seltenen Tonart as-Moll, welches sie bereits 1993 eingespielt haben. Nun präsentieren sie es am 27. März im Großen Musikvereinssaal mit dem Orchestre National de France unter Alain Altinoglu. Bruchs Konzert für zwei Klaviere bringt weiche Orchesterfarben und Bläserkantilenen im Stile von Brahms zum Blühen, dazu das kecke, vor allem im Schlusssatz hoch virtuose pianistische Feuerwerk aus zwei Klavieren.Auch wenn die dramaturgische Qualität dieses Stücks nicht an Bruchs populäres Violinkonzert heranreichen mag, die Labèque-Schwestern machen es zum energiegeladenen, mitreißenden Ereignis. Im vergangenen September spielten sie es mit den Berliner Philharmonikern unter Semyon Bychkov, worüber Albrecht Selge in seinem Kritiker-Blog schreibt: „Die Labèques injizieren der Sache jede Menge Leben ... Am schönsten tönt bald zu Beginn das bach’sch angehauchte, gedämpfte Doppelsolo. Die Labèques spielen klar, anmutig, in blindem Verständnis.“ Typisch Schwestern Labèque!

Sibylle Ehrismann
Sibylle Ehrismann ist Musikpublizistin und Ausstellungskuratorin in der Schweiz.