Einsamer Wolf vom Kaukasus

Gija Katscheli

Er ist international vernetzt, von Komponistenkollegen und namhaften Solisten geachtet und geliebt: Gerade deshalb, weil Gija Kantscheli auf seine Art ein Solitär ist. In seinem 1999 komponierten Mysterium „Styx“, das nun erstmals im Musikverein erklingt, offenbart sich diese Musikerpersönlichkeit auf besonders faszinierende Weise.

„Ich habe mir nie zum Ziel gesetzt, irgendeiner der existierenden Stilrichtungen zu folgen oder sie abzulehnen. Gewiss, jeder, der anfängt, Musik zu schreiben, sieht sich einem Komplex von Traditionen gegenüber – jahrhundertealten wie zeitgenössischen. Mir steht die Musik der Zeit vor Bach genauso nahe wie die des 20. Jahrhunderts. Obwohl ich mit Begeisterung alle heutigen Entwicklungen beobachte, fühle ich mich in Gedanken wie in der Epoche der Pferdekutschen und der ersten Automobile lebend. Die Nostalgie für all das, was vor hundert Jahren war, lebt in meiner Seele häufig auf.“ 

So alt wie die Welt

Diese Gedanken, die einem im Jahr 2000 am Salzburger Mozarteum gehaltenen Vortrag Gija Kantschelis entnommen sind, erlauben einen intimen Blick auf die Persönlichkeit dieses georgischen Meisters. Originalität zu besitzen ist ihm nicht so wichtig. „Ich strebe nicht danach. Ganz im Gegenteil wiederhole ich immer wieder, dass eines meiner größten Probleme beim Schaffensprozess so alt wie die Welt ist: Von der Subdominante zur Dominante und danach so zur Tonika weiterzugehen, dass es nicht langweilig wird, am allerwenigsten für mich selbst.“ Etliche Kommentatoren bezeichnen Gija Kantscheli als einsamen Wolf, was sich allerdings nur auf seinen musikalischen Weg beziehen kann. Denn er gehört zu den meistgefragten zeitgenössischen Komponisten. Aufträge von bedeutenden Orchestern, Solisten und musikalischen Institutionen rieseln nur so auf ihn herab. Vielleicht wirkt das Image des Einsamen, der als Privatperson allerdings keineswegs allein, sondern Patriarch einer Großfamilie ist, so attraktiv. Denn die Art, wie er seine musikalischen Gedanken in konkrete Töne und sprechende Stille verpackt, ist einmalig. Sie lässt sich nicht einordnen – außer vielleicht (und nur ansatzweise) damit, dass er zu einer sehr eigenwilligen Tonalität gefunden hat und Schönheit und Harmonie als sein Ziel nennt. 

Eine sitzende Lebensform

Wenn Kantscheli von seiner Kindheit und Jugend erzählt, wird klar, wie sehr diese Einflüsse seine Fantasie und seine Musik geprägt haben. In der georgischen Hauptstadt Tbilisi (Tiflis) wuchs er, Jahrgang 1935, unter scharf konturierten historischen Gegebenheiten auf: stalinistische Epoche, Weltkrieg, Abgeschnitten¬heit von der Außenwelt wie auch von den sowjetischen politischen und kulturellen Zentren der Macht – Moskau und Leningrad. Im Radio konnte man zwar klassische Musik von Bach bis Beethoven hören, doch den Knaben interessierte damals ganz etwas anderes: Fußball, Jazz und Glenn Millers Bigband, nach Kriegsende durch importierte Hollywood-Filme populär geworden. Als Kantscheli an die Universität zum Geologiestudium geschickt wurde, nachdem er für die Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule zu wenig Klavier geübt hatte und durchgefallen war, inskribierte er sich dennoch gleichzeitig am Konservatorium für das Fach Komposition, aus Liebe zu Glenn Miller und zum Jazz. So wäre es auch bis auf Weiteres geblieben, „wenn nicht diese beschwerlichen langen Fußmärsche mit Rucksack gewesen wären, die mit meinem ersten Geologiepraktikum verbunden waren, was mich bewog, eine sitzende Lebensform zu bevorzugen und mich ernsthaft und für immer der Musik zu widmen“. 

Ein Ozean von Musik

Was sich damals in der Musik des 20. Jahrhunderts tat, bekam er am Konservatorium wenig mit. Er erfuhr nur vom Hörensagen, dass da so manches an ihm vorbeiging. Erst Reisen nach Moskau, wo damals schon westliche Orchester auftraten, oder Gastspiele namhafter russischer Solisten in Tbilisi eröffneten ihm neue Horizonte, auch viel neue Musik. Er kam drauf, dass Béla Bartók ein Mann und keine Frau war, wie er wegen des Vornamens dachte. (Bela ist ein durch die russische Literatur berühmt gewordener kaukasischer Mädchenname.) Für den jungen angehenden Komponisten Gija Kantscheli öffneten sich während des Chruschtschow’schen „Tauwetters“ buchstäblich alle Schleusen. Die gesamte europäische Musikkultur von Renaissance und Barock bis Schönberg und Strawinsky überflutete ihn mit geballter Wucht, ließ ihm keine Möglichkeit, dies auf normalem akademischem Weg zu verarbeiten. „In diesem Ozean von mir unbekannter Musik habe ich lange und mühevoll gebraucht, um ans Ufer zu kommen. Ich musste versuchen, mir neue Prioritäten zu setzen.“

Farbige Stille

Kantscheli ist ein Meister im Orchestersatz, fantasievoll, immer ungewöhnlich, voll dramatischer Kontraste, aber auch zart schwebend bis zur Unlösbarkeit – die „farbige“ Stille ist dabei ein wichtiges formatives Element. Auch die Musik seiner georgischen Heimat geistert durch sein Œuvre, für den gewöhnlichen Hörer allerdings nicht leicht erkennbar, weil Kantscheli keine direkten Zitate verwendet. „Bei jeder neuen Komposition strebe ich stets danach, die von mir selbst aufgebauten Barrieren zu überwinden, um für eine Weile Erleichterung zu finden. Dieser Prozess ist für mich äußerst mühevoll, denn die Illusion, die Schwierigkeiten überwunden zu haben, garantiert keineswegs Gefühle des Wohlbefindens. Das wichtigste Kriterium für die Einschätzung meiner eigenen Musik ist jedoch die Stille in einem vollbesetzten Saal.“ Kantschelis reiches Schaffen umfasst sieben Symphonien und andere Werke für großes Orchester, die Oper „Musik für die Lebenden“, unzählige Kompositionen für kleinere Ensembles, für Instrumental- und Vokalsolisten und Chöre, aber auch Theater- und Filmmusiken, die ihn vor allem in jungen Jahren in seiner georgischen Heimat bekannt gemacht und zu seinem Lebensunterhalt beigetragen haben, bevor er 1991 in den Westen emigrierte. Wesentlich war für ihn seine langjährige Zusammenarbeit mit dem georgischen Regisseur Robert Sturua. 

Bratschenklang und Silbenflut

In den 2005 in Moskau erschienenen 23 Dialogen mit der russischen Musikwissenschaftlerin Natalja Zejfas offenbart sich der ganze Kosmos von Gija Kantschelis Format als Musiker und Mensch. Der zwanzigste dieser Dialoge ist der Komposition „Styx“ gewidmet. Der Auftrag zu diesem Werk kam vom nieder¬län¬di¬schen Fonds Eduard van Beinum. Man bat Kantscheli um ein Werk für Chor und Orchester. Der Komponist bestand aber darauf, dass der Bratschist Yuri Bashmet darin eine zentrale Rolle spielen müsse. Mit den Auftraggebern, die – dem Thema des Festivals entsprechend – an eine Requiem-Vertonung gedacht hatten, einigte er sich schließlich auf eine requiemartige Musik mit Chor ohne den kanonischen Text. Recht ungewöhnlich begann daher die Arbeit an diesem Auftrag. Mit Robert Sturuas Gattin Dudana, einer studierten Philologin, setzte man sich zusammen, um gut klingende, leicht singbare georgische Wörter zusammenzuschreiben. Dem fügte Kantscheli schon während des Komponierens Namen von wichtigen Klöstern seiner Heimat hinzu, gefolgt von Namen historischer Orte, von Volksliedern und Hymnen, von Namen verstorbener Freunde, von der umgebenden Natur, dem Namen Alfred Schnittke als Einzelepisode, sogar einzelnen Buchstaben und mehr. So entstanden semantische Blöcke, die graduell erweitert wurden. Nur ganz am Schluss werden einige zusammenhängende Verse aus Shakespeares „Wintermärchen“ zitiert. „Es ist für mich schwierig zu sagen, was diese sich selber formierende textliche Dramaturgie diktierte: unausgesprochene Gedanken und Gefühle, oder entwickelte sie sich unbewusst.“

 „Bei jeder neuen Komposition strebe ich stets danach, die von mir selbst aufgebauten Barrieren zu überwinden, um für eine Weile Erleichterung zu finden." Gija Katscheli

Das Trennende und das Verbindende

Von entscheidender Bedeutung war für den Komponisten die Inspiration, die er durch Bashmets Teil¬nahme an diesem Abenteuer empfing. Es waren vorweg der unverwechselbare Klang und die Intonation, die der Bratschist seinem Instrument entlockt. Mit ebendieser besonderen Klangqualität im Ohr, auf die er bereits 1990 seine „Liturgija“ komponiert hatte, schuf Kantscheli den musikalischen Leitfaden für sein neues Opus. Die Kantilene der Bratsche repräsentiert den Styx, jenen Fluss aus der griechischen Mythologie, der die Welt der Lebenden vom Totenreich trennt. Er ist einerseits Demarkationslinie, andererseits Bindeglied zwischen den beiden Ufern. Musikalisch hat Kantscheli dies so umgesetzt, dass die Bratschenstimme als Mediator zwischen den beiden „Ufern“, Chor und Orchester, agiert. Sie ist ständig prominent herauszuhören, ob lauter oder leiser, und tritt gleichzeitig in Auseinandersetzungen mit den beiden Klangkörpern. Sie trennt und verbindet – so wie der Styx eine Zone des Übergangs ist. Der Bratsche kommt, wie Bashmet sagt, „eine machtvolle Rolle von Shakespeare’scher Dramatik zu“.

Wunderbar georgisch

Vor Beginn des Komponierens fragte Kantscheli den Bratschisten, ob er irgendwelche besonderen Wünsche habe. Dieser nannte sogleich zwei: erstens, dass es lange melodische Linien geben solle, um der Fantasie des Zuhörers freien Lauf zu lassen, und zweitens solle das Stück nicht pianissimo, sondern sehr kraftvoll enden. Dazu Bashmet: „Kantscheli hat meine Bitte in wunderbar georgischer Manier erfüllt: Das Ende ist zunächst nicht nur leise, für einige Sekunden hört man überhaupt nichts, außer dem ‚Atmen‘ der Bratsche durch den über den Korpus des Instruments streichenden Bogen. Und dann der Schlussakkord, der allerlauteste! Und welches Wort singt dazu der Chor? Joy – Freude!“ Die Uraufführung von „Styx“ fand am 7. November 1999 in Amsterdam statt, mit Bashmet, dem Groot Omroep Koor und dem Philharmonischen Orchester von Radio Hilversum unter dem Dirigenten Tynu Kaljuste. Das Werk hat über die Jahre große Beliebtheit erlangt und zählt zu den meistgespielten Stücken des Komponisten. Für Ausführende stellt es stets eine enorme Herausforderung dar. Im Musikverein steht mit Andrey Boreyko ein Kantschelierprobter Dirigent am Pult des ORF RSO Wien, der Bratschist Nils Mönkemeyer wird mit seiner Stimme seinen eigenen Weg finden müssen, und für den Singverein gibt es eine neue Möglichkeit zu brillieren.

Edith Jachimowicz
Dr. Edith Jachimowicz lebt als Musikpublizistin und -dramaturgin in Wien und Salzburg.