Pünktlich auf die Sekunde  

Jules Verne und der Takt der Zeit 

„In 80 Tagen um die Welt“: Der Romantitel verknüpft die elementaren Koordinaten der menschlichen Existenz – Zeit und Raum. Wenn Cornelius Obonya und ein Salonorchester den berühmten Roman von Jules Verne in einer musikalischen Fassung auf die Bühne des Gläsernen Saals bringen, wandelt sich die Maßeinheit folgerichtig vom Tag in den Takt: In 80 Takten um die Welt.  

Was ist die Zeit? Eine Frage, so alt wie die Menschheit. Schon Augustinus musste in seinen „Confessiones“ vor 1.600 Jahren bekennen: „Wenn niemand mich danach fragt, weiß ich’s, will ich’s aber einem Fragenden erklären, weiß ich’s nicht.“ Noch berühmter – vor allem unter Musikfreunden – ist die Antwort, die Hugo von Hofmannsthal der Marschallin in den Mund legt: „Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding. Wenn man so hinlebt, ist sie rein gar nichts.“ Die Zeit ist also nicht zu fassen – aber zu messen: in Jahren, Monaten, Wochen, Tagen, Stunden, Minuten, Sekunden.   

Despoten in der Westentasche

Vor genau hundert Jahren veröffentlichte Joseph Roth einen Essay unter dem Titel „Die Tyrannei der Stunde“, in dem er klagte: „Wir dachten, die Zeit durch die Uhr besiegt zu haben, nun unterjocht uns die Stunde. Wir können ihr nicht entrinnen. Das von uns selbst errichtete Götzenbild fordert uns selbst zum Opfer.“ Als „Despoten in der Westentasche“ bezeichnete er 1919 die Taschenuhr (heute nimmt das Mobiltelefon diese Stelle ein). Damals hatte sich in der westlichen Welt das mechanistische Diktat der Zeit durchgesetzt. An den Anfang dieses unumkehrbaren Prozesses führt uns Jules Vernes berühmtester Roman, „Le Tour du monde en quatre-vingts jours“, entstanden knapp 50 Jahre vor Roths Feuilleton. Während die meisten seiner populären erzählerischen Werke zur utopischen Literatur zählen („Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“, „Von der Erde zum Mond“, „Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer“) spielen Vernes „80 Tage“ in seiner Gegenwart, in den frühen siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Vordergründig ist es ein Abenteuerroman, dahinter aber steht als großes Thema das Phänomen der Zeit und ihrer Messung. 

Das neue Orakel

Als „modernes Epos der Pünktlichkeit“ hat man das Buch bezeichnet. Auf die Sekunde im wörtlichen Sinne kommt es beim Happyend an, damit die 80-Tage-Frist für die Weltreise nicht überschritten wird: „In der siebenundfünfzigsten Sekunde öffneten sich die Salontüren und der Schwengel hatte noch nicht die sechzigste Sekunde hören lassen, als Phileas Fogg erschien, gefolgt von der wahnsinnigen Menge, welche den Eingang im Club gestürmt hatte, und mit seiner gelassenen Stimme sprach: ‚Hier bin ich, meine Herren!‘“ Schon in der ersten Begegnung mit seinem neuen Diener und Reisebegleiter Passepartout verlangt Fogg einen Uhrenvergleich. Viele Beispiele für exzessiven Pünktlichkeitswahn folgen. Der Romanautor findet ausreichend Gelegenheit, den Spleen der Engländer vorzuführen. Tatsächlich waren die Briten im Gebrauch der Taschenuhren führend. Literarisch gibt es dafür ein schönes Bild in Swifts Roman „Gullivers Reisen“ (1726): Als die Liliputaner die Rocktaschen des gefangenen Gulliver durchsuchen, finden sie „eine seltsame Maschine an einer silbernen Kette mit sonderbaren Zeichen. Sie machte Geräusche, ähnlich einer Wassermühle“. Man fragt sich, ob es ein unbekanntes Tier oder ein Gott sei, entscheidet sich dann aber für Letzteres, weil Gulliver erklärt, nichts zu unternehmen, ohne dieses Orakel zu befragen. Als Jules Verne seinen Roman schrieb, wurde die verlässliche Zeitmessung in der Öffentlichkeit immer wichtiger – sie sollte nicht mehr allein den Kirchturmuhren überlassen bleiben. In Wien etwa wurde 1865 die erste Ständeruhr in der noblen Praterstraße vor dem Carltheater errichtet. „Bis spät in die Nacht wurde die Uhr von vielen Neugierigen angestaunt“, berichtete die „Neue Freue Presse“. Die Anleitung zur Pünktlichkeit stand den Passanten damit sichtbar vor Augen. 

Die Erde ist geschrumpft

„Zum Raum wird hier die Zeit“, dichtete seinerzeit Richard Wagner im „Parsifal“. Die philosophische Bemerkung bestätigte sich auf ihre Weise beim Blick auf ein neues Zeit- und Raumgefühl. Die Beschleunigung der Verkehrsmittel verkürzte die Zeit- und damit scheinbar auch die Wegspannen. Großbauprojekte rund um die Erde veränderten den globalen Verkehr und ermöglichten erst die tollkühne Wette des Phileas Fogg: 1869 wurde der Suezkanal eingeweiht, 1870 stellte man die Great Indian Peninsular Railway quer durch Indien und die transkontinentale Eisenbahn Pacific Railroad in den USA fertig, 1871 wurde der Eisenbahntunnel Mont-Cenis durch die Alpen eröffnet. 1872 brachte Verne „Le Tour du monde en quatre-vingts jours“ in der Zeitung „Le Temps“ heraus und ließ seinen Helden all diese neuesten Verkehrsverbindungen nützen. Die Conclusio formuliert er im Roman: „Die Erde ist geschrumpft, denn man durchläuft sie jetzt zehnmal schneller als vor 100 Jahren.“ 

Die Welt wird synchronisiert

Die Verkehrsmittel eroberten damals den Raum und wirkten sich zugleich auf die Zeit und deren Messung aus. Die Eisenbahn konnte nur effizient funktionieren, wenn sie zuverlässig und auf die Minute pünktlich war. Während in der vorindustriellen Zeit die Minutengenauigkeit noch bedeutungslos war, brach sie nun mit den präzise festgelegten und nicht mehr disponiblen Bahnabfahrtszeiten in das alltägliche Leben herein.  Zugleich erzwang die Bahn eine Homogenisierung der Uhrzeit, die sich bisher am lokalen Sonnenstand orientierte. Allein in Deutschland differierten die Uhrzeiten zwischen Ost und West – von Königsberg bis Aachen – um eine Stunde, dazwischen existierte eine Unzahl von Lokalzeiten. Bei Überquerung dieser Zeitzonen musste der Bahnreisende jedes Mal seine Uhr neu stellen. 1884 fand eine internationale Konferenz zur globalen Abstimmung der Zeitmessung in Washington statt, bei der die Erde in 24 Zeitzonen aufgeteilt und der Meridian von Greenwich als Nullmeridian festgelegt wurde – als Zeitachse, von der man die jeweilige Ortszeit bestimmen konnte. Verne sprach dieses Problem bereits in seinem Roman an: Genau diese Zeitverschiebung und die Überschreitung der Datumsgrenze sind verantwortlich für die Schlusspointe in den „80 Tagen“. Als Phileas Fogg scheinbar erst nach 80 Tagen und wenigen Minuten nach London zurückkehrt und daher seine Wette verloren glaubt, erlöst ihn auf der Suche nach der verlorenen Zeit eine wesentliche Erkenntnis: Er war immer nach Osten gereist, also gegen den Lauf der Sonne und damit gegen den Lauf der Zeitverschiebung, sodass er am Schluss einen Tag gewonnen und damit seine Zeitvorgabe unterschritten hatte.   

80 Tage, 80 Takte

Der spannungsgeladene Aufbau mit dem verblüffenden Showdown machte das Buch zu einem Sensationserfolg. Den nutzte der geschäftstüchtige Autor, indem er parallel zur Romanversion eine Bühnenfassung erstellte, die 1874 in Paris uraufgeführt wurde, mit Investitionen von einer halben Million Francs, einer Aufführungsdauer von vier Stunden und einem lebenden Elefanten aus dem Londoner Zoo. Im Gläsernen Saal kommt das Werk nun auch auf die Bühne, allerdings werden die 80 Tage in nur 80 Minuten und mit deutlich weniger Bühnentechnik bewältigt werden: Das internationale Projekt „In 80 Takten um die Welt“, das mit Tourneen die Reiseroute des Romans bis spätestens 2022 nachvollziehen will, gastiert am 18. und 19. Jänner mit Cornelius Obonya als Erzähler und dem Classic Consort Wien als Salonorchester im Musikverein. Mit Musik aus den bereisten Ländern werden Zeit, Raum und Takt in perfekte Balance gebracht.

Alexander Marinovic
Dr. Alexander Marinovic, Jurist und Abteilungsleiter im Wissenschaftsministerium, publiziert regelmäßig Beiträge über Kunst und Kultur.