Wohin die Reise geht

Flora Marlene Geißelbrecht

Flora Marlene Geißelbrecht lebt ihre musikalische Kreativität auf vielen Ebenen und bereits seit Kindertagen als Komponistin. Peter Keuschnig setzt mit seinem Ensemble Kontrapunkte das neueste Werk der jungen Oberösterreicherin aufs Programm.

Wie viele Stunden hat der Tag? Wenn die Kreativität Raum greift, die Ideen sprudeln, die Experimentierfreude groß ist und größer wird, können 24 Stunden kurz werden. Flora Marlene Geißelbrecht kann ein Lied davon singen – oder auch spielen, schreiben, improvisieren. Sie ist Komponistin und Bratschistin, sie eignet sich aus Faszination für Klänge weitere Instrumente an, und sie singt. Sie ist klassisch ausgebildet und eine exzellente Improvisatorin, sie hat als Interpretin im zeitgenössischen Bereich bestens Fuß gefasst, und sie unternimmt mit ihrer eigenen Singer-Songwriter-Folk-Formation Tourneen in alle Welt ...
Flora Marlene Geißelbrecht ist 25 Jahre jung. Sie kennt nichts anderes, als viel und noch viel mehr in den Tag zu packen. „Da muss man halt lernen, damit umzugehen“, sagt sie schlicht.

Ein Präsent zum Vatertag

Ihre erste dokumentierte Komposition ist ein Stück zum Vatertag, zu Papier gebracht im Alter von fünf Jahren. „Ich scheine Noten gesehen und gedacht zu haben: So etwas Ähnliches kann ich auch. Da hab ich irgendwelche Noten hingekritzelt, und ich wusste anscheinend, wie es klingt“, sagt sie erklärend, ohne eine aktive Erinnerung zu haben. Die Mutter klebte dieses Vatertagspräsent in eines jener Hefte, in denen sie aufbewahrte, was Flora Marlene Geißelbrecht in ihrer Kindheit und Jugend „fabrizierte“. Zum 18. Geburtstag machte sie ihrer Tochter diese Hefte dann zum Geschenk. 
Noten waren greifbar im Hause Geißelbrecht. Die Mutter ist Organistin, der Vater, im Brotberuf Professor für Mathematik und Physik an einem privaten katholischen Gymnasium, studierte außerdem Blockflöte, ist in Formationen unterschiedlicher Genres tätig und schreibt Musicals. Und ihr Onkel Rudolf Jungwirth ist Komponist, was sie allerdings erst „gecheckt“ habe, als sie selbst schon längst komponierte. „Das heißt da war viel Unterstützung da von Anfang an: mit dem Notenaufschreiben und dabei, dass man überhaupt etwas aufschreibt.“

Gern und wirklich gut

Ihre musikalische Ausbildung begann Flora Marlene Geißelbrecht („wie fast jedes Kind in Österreich“) mit der Blockflöte. Als sie sieben war, erhielt sie ihren ersten Geigenunterricht, später kam Klavier hinzu. Zur Bratsche, mit der sie sich fortan deutlich wohler fühlte als mit der Geige, wechselte sie, um im Oberösterreichischen Landesjugendorchester spielen zu können, in dem damals gerade keine Geiger, dafür aber Bratschisten gebraucht wurden. Umsichtige Lehrer wussten ihr großes Talent zum Schöpferischen zu fördern. Die Geigenlehrerin ließ sie im Kinderorchester an ausgewählten Stellen improvisieren, bei der Klavierlehrerin durfte sie im Unterricht auch eigene Stücke spielen. Die ersten „richtigen“ Stücke, erinnert sie sich, schrieb sie mit zehn Jahren.
Fünf Jahre darauf begann sie dann mit dem Kompositionsunterricht bei Helmut Schmidinger. Unter seiner Begleitung entstand als erstes Werk der Klaviertrio-Zyklus „Arthropoda“, der verschiedene Insekten behandelt, komponiert für ihr gemeinsames Trio mit Schwester und Cousin. „Das älteste Stück, das ich immer noch sehr gut finde“, sagt sie selbstkritisch, „ist das Streichquartett, das ich 2010 für ,Jugend komponiert‘ geschrieben habe.“ Schmidinger verstand es, seine begabte Schülerin zur Teilnahme an Wettbewerben zu motivieren. Erfolge stellten sich ein. „Das hat dann den Ausschlag gegeben, dass ich mir gesagt habe: Anscheinend mache ich das nicht nur gerne, sondern kann das wirklich gut. Dann könnte ich das doch eigentlich studieren.“
Dies tat sie nach der Matura bei Gerd Kühr in Graz. Anschließend wechselte sie nach Wien, wo sie aktuell im Begriff ist, ihr Bratsche-Konzertfachstudium an der Musik und Kunst Privatuniversität bei Julia Purgina abzuschließen. – Eine ideale Lehrerwahl, ist Purgina selbst doch auch Bratschistin und Komponistin.

Nicht für die Schublade

In ihren Kompositionen blieb Flora Marlene Geißelbrecht, so sagt sie selbst, bislang „noch gern in der Kammermusik“. Zum einen, weil sie „nicht für die Schublade“ schreibt, und zum anderen, weil sie als Bratschistin besonders gern für Streicher komponiert. Größer besetzt – für Streichorchester, zwei Oboen, zwei Hörner und Bariton – ist etwa jenes Werk, das sie im Gedenkjahr 2014 auf Texte von Bertha von Suttner komponierte und mit dem sie den Kompositionspreis von Allegro Vivo, INÖK und Land Niederösterreich gewann.
Freilich nicht für die Schublade ist auch jenes größere Werk, das aktuell für das Ensemble Kontrapunkte entsteht. „Das ist für Streicher, Bläser, Schlagwerk, Klavier – bis auf Harfe ist so ziemlich alles dabei.“ Am 16. Dezember werden ihre „Aphorismen“ im Musikverein uraufgeführt.
Grundlage für die Komposition sind Texte, die Flora Marlene Geißelbrecht allerdings nicht vorhat preiszugeben. „Das war nur für mich eine Hilfe“, sagt sie. „Ich habe im Februar beim Impuls Festival in Graz im Rahmen der Impuls-Akademie mit dem Klangforum Wien die ,Aphorisms on Milosz‘ von Agata Zubel gespielt. Dieses Stück hat mich so fasziniert, dass mir die Idee kam, mein Werk in diese Folge zu stellen. Man wird wahrscheinlich keinen Zusammenhang erkennen – ich wollte einfach mehrere kurze Stücke schreiben, die an einem Gedanken festhalten.“ Doch das Werk habe sie „schon wieder woanders hingeführt“, fügt sie hinzu. Deshalb bleibt zum Zeitpunkt des Gesprächs noch offen, ob es beim Titel „Aphorismen“ bleiben wird.

Innere Kraft

Wie bei den „Aphorismen“ wirken in jüngerer Zeit Texte besonders inspirierend auf Flora Marlene Geißelbrecht. Texte und die Gefühle, die daraus entspringen. In der Kammermusik kann es auch schlicht die Besetzung sein: Da schöpfe sie das musikalische Material aus den möglichen Klangverbindungen, die ihr vorschweben. Doch wenn sie bei größeren Besetzungen alle Möglichkeiten habe, dann brauche es eine andere Inspirationsquelle.
Ihre Kompositionen sind „eher in den feinen Klängen zu Hause – fein auch in den Klangfarben; überhaupt weniger in der äußeren als in der inneren Kraft. In meiner Musik ist immer alles im Fluss, sie hat wenig scharfe Kanten, dadurch dass alles aus der Bratsche kommt.“ Flora komponiert an der Bratsche, nicht am Klavier. „Natürlich abstrahiert im Kopf, aber es kommt trotzdem alles von der Bratsche“, präzisiert sie. Sie nimmt eine Stimme mit der Bratsche auf, spielt eine zweite dazu, eine dritte singt sie. „Mein Kompositionsprozess ist recht improvisatorisch und experimentell; schauen: Was klingt für mich gut?“

Alles ist erlaubt

Das Improvisatorische und Experimentelle – es spielt trotz aller klassischen Studien und Betätigungen eine besondere Rolle in ihrem umfassenden Musikerinsein. In ihrem Singer-Songwriter-Folk-Trio „Alpine Dweller“ findet es besonders starken Ausdruck: Die erste musikalische Begegnung vor etwa fünf Jahren fand auf der Bühne statt. Flora Marlene Geißelbrecht hatte die Bratsche dabei, als sie während ihrer Grazer Studienzeit zu einem Konzert ging, das eine befreundete Cellistin aus der Jugendorchester-Zeit in Oberösterreich mit ihrer Band gab. „Sie haben gesagt: Spiel doch mit! Also hab ich mitgespielt. Und dadurch, dass die vierte dann später ausgestiegen ist, ist es bei uns dreien geblieben.“
Von Anfang an, so empfand es Flora Marlene Geißelbrecht, war Alpine Dweller ein optimaler Ausgleich zur klassischen Tätigkeit. „Hier kann ich komplett frei meiner Fiedlerei nachgehen und mich auch mit meiner keltischen Harfe einbringen, die ich mir autodidaktisch angeeignet habe. Und ich singe. Das sind Dinge, die ich mich auf klassisch-professioneller Ebene nicht oder noch nicht trauen würde, aber die mich in diesem ,Alles geht und alles ist erlaubt‘-Kontext sehr viel weitergebracht haben.“
Alpine Dweller hat sich so organisch entwickelt, dass es ihre Tätigkeit als Bratschistin im zeitgenössischen Bereich bereits überflügelt hat. „Bei Alpine Dweller“, stellt Flora Marlene Geißelbrecht klar, „kommt alles absolut aus der Improvisation heraus. Es gibt keine Noten.“ Das beeindruckende Debütalbum „Among Others“ kam soeben auf den Markt. Erst in der Studioarbeit habe sich die Musik zum Teil verfestigt, doch die Freiheit für Änderungen, fürs Experimentelle bleibt.

"Wenn ich viel Geld hätte würde ich mir eine ganze Menge Instrumente in ein kleines Häuschen stellen." Flora Marlene Geißelbrecht

Ein Häuschen voller Instrumente

„Wenn ich sehr viel Geld hätte“, gesteht die vielseitige Musikerin, „würde ich mir eine ganze Menge Instrumente in ein kleines Häuschen stellen. Und was mir an Instrumenten in die Finger kommt, möchte ich spielen können – weil mich die verschiedenen Klangfarben der Instrumente faszinieren.“ Ihre Liebe zur Harfe etwa entflammte, als eine Freundin ihr Instrument bei Flora Marlene Geißelbrecht zwischenlagerte. Mit dem Kompositionspreis von 2014 gönnte sie sich dann ihre eigene keltische Harfe. Für ein gemeinsames Projekt mit ihrer Schwester, einer Gambistin, stand ihr für einige Zeit eine Viola d’Amore zur Verfügung, mit der sie sich eingehend beschäftigte. Und erst vor kurzem brachte sie von einer Tournee mit Alpine Dweller eine Sarangi aus Nepal mit nach Hause ...
Ihr Bild vom kleinen Häuschen mit den vielen Instrumenten – es ist so schön wie stimmig. Sie selbst pflegt musikalische Vielfalt, und musikalische Vielfalt gab es stets auch in ihrer Familie. Dass die Eltern Musiker, aber keine Berufsmusiker sind, empfindet Flora Marlene Geißelbrecht als „ziemlich guten Nährboden. Da gibt es keinen Druck, dass man unbedingt Musiker werden muss, aber jede Art der Förderung.“ Alle vier Geschwister machen Musik: Die genannte Schwester hat sich mit Gambe der Barockmusik verschrieben, die andere steht in Musicals auf der Bühne, und der kleine Bruder spielt Jazz-Kontrabass.
Mit ihrer eigenen musikalischen Vielfalt ist Flora Marlene Geißelbrecht derzeit sehr zufrieden. Sie ist jung genug, die Dinge ihren Lauf nehmen zu lassen und zu sehen, wohin die Reise geht. Am 16. Dezember führt sie in den Musikverein.

Ulrike Lampert
Mag. Ulrike Lampert ist Redakteurin der Zeitschrift „Musikfreunde“ und der Programmhefte der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.