Mit Musik durchs Leben

Die Herbstausstellung des Archivs - 22.10. bis 23.12.2019

So, wie heute Musik allerorten aus der Konserve strömt, begleitete in früheren Zeiten Livemusik alle Lebensbereiche. Die Herbstausstellung des Archivs erinnert daran.

Heutzutage geht man im wahrsten Sinn des Wortes – Knopf im Ohr – mit Musik durchs Leben. Diese persönliche Musikberieselung führt sogar so weit, dass vor den Sicherheitsdurchsagen im Flugzeug ausdrücklich darum gebeten wird, die Kopfhörer abzunehmen. Ob wirklich alle derart Musikberieselten diese Durchsagen hören? 
Wie auch immer – um diese digitale Art der Musikversorgung geht es in der Herbstausstellung 2019 nicht. Sie zeigt ein anderes Mit-Musik-durchs-Leben auf, möchte allerdings ganz bewusst zum Vergleichen und Nachdenken anregen. Denn dieses andere Mit-Musik-durchs-Leben ist ein historisches, heute obsolet gewordenes. Wenn nun daran erinnert wird, so ist dies kein nostalgisches Verklären einer „guten“ alten Musik-Zeit. Es ist vielmehr ein Aufzeigen von Entwicklungen: Was einmal war, muss nicht bleiben, doch man sollte wissen, dass es einmal war. 

Musik für den besonderen Anlass

Wie hat Musik durch das Leben begleitet, als es noch keine technische Reproduzierbarkeit von Musik gab? Anno dazumal kannte man anlassbezogene Musik, deren Realisierung man selbst besorgte oder durch andere besorgen ließ und ohne die solche Anlässe undenkbar waren: Geburten, Taufen und Hochzeiten, Namens- und Geburtstagsfeiern, Familienfeste und Todesfälle. 
Es ist schier unüberschaubar, wie viel Musik für solche Gelegenheiten komponiert wurde, in der Renaissance für Regenten und Adelige, später auch für das Bürgertum und schließlich nur mehr für dieses. Diese Musik – von Opern bis Divertimenti, von kleinen Kantaten und Chören bis Klaviersonaten – kennt man gemeinhin nicht, und wenn man sie kennt, so weiß man nichts über die ursprünglichen Zusammenhänge. 

Musikalische Überraschungen

Ein Besuch der Ausstellung „Mit Musik durchs Leben“ soll dies ändern. Hier können die aufwendigen Titelblätter von solchen Musiken für Feiern im Familienkreis bewundert (und gelesen!) werden, etwa jene aus der Familie des Gründervaters der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, Joseph Sonnleitner. Die Klavier- oder sonstigen Instrumentalmusiklehrer der Kinder studierten mit ihnen musikalische Kleinigkeiten ein, die zu Geburts- oder Namenstagen der Eltern als Überraschung vorgetragen wurden. Die sogenannten „Geburtstags-Sonaten“ im leichten Stil wurden zu einer eigenen musikalischen Gattung – Johann Baptist Vanhal, der in der Domgasse gegenüber von Mozart wohnte, mit ihm Streichquartett spielte und damals eine musikalische Berühmtheit war, hat diese Spezies der Geburtstagssonaten erfunden. Musik als Voraussetzung zum Feiern, Musik, die eine Feier erst zu einer solchen macht. 

Beethovens „Geburtstagsmenuett“

Darüber hinaus gab es auch Musik unterm Fenster – nicht der Angebeteten, sondern des zu Feiernden. Solche Serenaden, deretwegen schon einmal der Verkehr umgeleitet wurde, gehörten zum spätabendlichen Bild oder besser Klang einer Stadt. Auch Unbeteiligte blieben stehen und genossen ein kleines Freiluftkonzert: Beethovens „Geburtstagsmenuett“ für den Direktor des Theaters in der Josefstadt, zu dessen Überraschung vor dem „Bühnentürl“ in der Piaristengasse gegeben, ist beispielsweise in der Ausstellung zu sehen. Nicht zu vergessen: Derartige Serenaden waren öffentlich zugängliche Musik¬produktionen. Deshalb und nicht zuletzt wegen der guten Bezahlung, die dafür lukriert werden konnte, waren solche Aufträge wichtig für Komponisten wie auch für ausführende Musiker. 

Wohin das Ohr reicht

Das Musizieren zur eigenen Freude, im Familien- oder Freundeskreis war auch ein Fixpunkt im Alltagsleben. Durch aktives Musizieren berieselte man sich gewissermaßen selbst mit Musik. Offene Fenster, kleine Wohnungen, dünne Mauern: Auch wenn man für sich selbst musizierte, nahmen oft andere teil – oder konnten teilnehmen. Das erinnert daran, dass Musik immer auch eine soziale Funktion hatte: Musik bringt Leute zusammen – zum gemeinsamen Musizieren, zum Zuhören beim privaten oder öffentlichen Musizieren. Oder einfach deshalb, weil ein geselliges Beisammensein ohne gemeinsames Singen oder ohne Musikdarbietung – zum aufmerksamen Lauschen oder als additive Musik – undenkbar war. Das führt freilich zur nächsten Beobachtung, nämlich dass Musik ein gesellschaftliches Ereignis sein konnte und sein kann oder dass Musik ein Ereignis erst zu einem solchen macht, wie etwa bei Ballveranstaltungen. 

Landpartie mit Salieri

Heute berieselt uns in Restaurants Musik aus Lautsprechern, früher war hier Livemusik zu hören. In Lokalen und Gastgärten spielten zum Beispiel einzelne Harfenisten auf oder Formationen vom kleinen Ensemble bis hin zum hauseigenen „Restaurant-Orchester“. In Parks und in Erholungsgebieten produzierten sich Musiker, auf Landpartien, also Ausflügen, wurde ebenfalls Musik gemacht. Man trug Musikinstrumente bei sich, teils übliche und teils besonders für diesen Zweck geeignete wie Spazierstockflöten oder Spazierstockgeigen. Oder es wurde gesungen – das wohl häufigste musikalische Vergnügen auf Landpartien. 
Im Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien ist ein Teilnachlass Antonio Salieris überliefert. Darin finden sich zahlreiche, mehr oder weniger kleine Kompositionen, die Salieri auf Ausflügen mit Freunden in Wiens Umgebung komponiert und gleich gesungen hat: Kanons oder kurze mehrstimmige Gesänge, notiert auf einzelne Notenblätter und immer mit dem Vermerk, wo und wann Salieri das Stück niedergeschrieben und man es gleich gesungen habe. 

Spielend das Gemeinsame üben. Die Ausstellung "Mit Musik durchs Leben" zeigt die sozialen Funktionen des Musizierens.

Musikalische Reminiszenzen

Zum Themengebiet „Mit Musik durchs Leben“ gehört freilich auch die Volksmusik, die um ihrer selbst willen gesungen oder musiziert wurde, die Tanz- und Unterhaltungsmusik sein konnte, die bei der Arbeit gesungen wurde und in der auch stets das Passende für gegebene Anlässe zu finden war. Vor zweihundert Jahren führte die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien eine große, in dieser Form einmalig gebliebene Volksmusiksammlung durch: Was damals ins Archiv kam, ist bis heute exemplarisch für die vielfältigen Möglichkeiten und Funktionen der Musik im Alltag wie im gesellschaftlichen Leben des Menschen. 
Auch die Straßen waren Orte des Musizierens, auch hier wurde mit Musik gelebt, auch hier wurde mit Musik berieselt. Straßen- und Bettelmusikanten musizierten auf Plätzen und Straßen oder zogen von einem Haus-Innenhof zum nächsten. Vazierende Sänger waren omnipräsent, auf der Straße, wo sich Zuhörer um sie scharten, oder in Gaststätten, wo sie zu den Zuhörern kamen. Oder die Militärmusik, die von den Kasernen zur Hofburg, zu den Exerzierplätzen oder zu Repräsentationsveranstaltungen marschierte – und wieder zurück. Oder Leichenzüge auf dem Weg zu den Friedhöfen, natürlich mit Musik. Wenn Reminiszenzen an Militär- und Trauermusik in Gustav Mahlers Symphonien oft eng nebeneinander liegen, so ist zu überlegen, ob dies für ihn nicht wichtige Musikeindrücke des Alltags waren. 

Musik zur Sonntagspflicht

Mit Musik durchs Leben, das heißt, man konnte auch mit Musik konfrontiert werden, ob man es nun wollte oder nicht. Ein treffliches Beispiel dafür ist die Kirchenmusik. Die Erfüllung der Sonntagspflicht, wie es hieß, war für Katholiken eine Selbstverständlichkeit. Besuchte man einen feierlichen Gottesdienst, so war dieser ohne Musik undenkbar. In der Kirche hörten auch diejenigen komponierte sogenannte Kunstmusik auf hohem Niveau, die Konzerte und Opern nicht besuchten, nicht selbst Musik betrieben und vielleicht sogar Serenaden auswichen. Deshalb waren kirchenmusikalische Funktionen bzw. Kompositionen für Musiker und Komponisten höchst anziehend; nirgendwo hatten sie mehr Zuhörer als in der Kirche. 
Die Ausstellung „Mit Musik durchs Leben“ will Phänomene aufzeigen und damit – nochmals sei es gesagt – zum Nachdenken anregen: darüber, was Musik alles sein kann, was sie vermag und wofür sie notwendig sein kann.

Otto Biba
Prof. Dr. Dr. h. c. Otto Biba ist Direktor von Archiv · Bibliothek · Sammlungen der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.